Wenn Fliegen zum Albtraum wird

IMG_9723„Nur fliegen ist schöner“, wollte uns die Werbung in den 60er-Jahren weismachen. Der Slogan war damals für den Opel-GT kreiert worden, ein Auto mit Schlafaugen und einer geschwungenen Silhouette, wie man es bis dahin nur aus Amerika kannte. Ein schönes Auto, zugegeben. Aber fliegen soll noch schöner sein? Ein Reklameversprechen, weiter nichts. Ich hasse fliegen.

Dabei war ich lange Zeit ein begeisterter Vielflieger. Damals, als nach dem Essen auch in der Holzklasse noch Cognac und manchmal auch Zigaretten gereicht wurden. Als fliegende Holländer noch lustige Lieder anstimmten, ohne besoffen gewesen zu sein. Einfach so, weil fliegen Spaß machte und sie, wie ich, von Amsterdam nach Toronto fliegen durften.

Toll war’s, als ein Billigflug von Deutschland über Kopenhagen nach Kanada für knapp 400 Dollar zu haben war und man dafür auch noch einen Zwischenstopp auf Island einlegen durfte. So ganz nebenbei konnte man sich vor dem Weiterflug in einer der Kneipen neben dem Flughafen von Reykjavík noch kurz einen Brennivin hinter die Binde kippen, ohne anschließend wieder in das lästige Wildgehege der Airport-Security gepfercht zu werden.

Ich kann mich erinnern, als Jungreporter Ende der 60er-Jahre in Stuttgart Echterdingen zum Interview mit Caterina Valente und Vico Torriani verabredet gewesen zu sein. Natürlich war ich aus Aufregung mal wieder zu früh zur Stelle. „Wartete Se oifach uff’m Rollfeld auf dia Boide“, bot mir der nette Flughafenbedienstete an. So spazierte ich seelenruhig über das Flughafengelände, um die beiden Schlagerstars an der Alitalia-Maschine abzuholen. Einfach so.

Ach, was konnte fliegen doch schön sein!

Lustige Szenen gab es auf meinen Flügen schon lange nicht mehr. Aber gegrölt wurde. Voriges Frühjahr zum Beispiel, auf dem Weg nach Palma. Aber es waren keine freundlichen Holländer, sondern Kölner Kotzbrocken, die da zu Saufliedern anhoben und die Boeing mit dem Ballermann verwechselten.

Ein Glück, dass es sich um einen Kurzflug handelte.

Am schlimmsten sind Überseeflüge. Die Sitze werden enger, die Passagiere breiter, das Essen schlechter. Über den Wolken soll die Freiheit grenzenlos sein? Dass ich nicht lache.

Wer einmal nach Australien geflogen ist, will nach dem 7. Frühstück, dem 5. Mittagessen und dem 13. Film nur noch an die frische Luft. Dabei ist es unerheblich, von wo aus man Australien anfliegt. Australien ist immer weit. Naja, fast immer.

Kann es sein, dass man im Flieger IMMER, aber auch wirklich IMMER derjenige ist, der hinter diesem Eumel sitzt, der seine LehneIMG_3845 bis zum Anschlag nach hinten versenkt? Oder hinter einem Oberlehrer, der glaubt, auch im Urlaub Nachhilfeunterreicht erteilen zu müssen? „Es heißt TOUCHSCREEN. nicht PUSHSCREEN“, maßregelte mich mein Vordermann neulich, als er sich von mir bei der haptischen Programmauswahl gestört fühlte.

Das schönste beim Fliegen ist für mich die Ankunft. Manchmal aber auch der Start. Wie vor ein paar Tagen in Montréal. Bei minus 27 Grad musste die Maschine enteist werden – ein überlebenswichtiges, wenn auch teures Spektakel. Eis auf den Tragflächen erhöht den aerodynamischen Widerstand und damit den Kraftstoffverbrauch. Deshalb ist die Enteisung nicht nur aus ökonomischen, sondern auch aus Sicherheitsgründen wichtig. Mensch, Maschine und Chemie bilden für 15 Minuten ein Team aus Dampf, athletischen Bewegungskünsten und ganz viel Druck. Und ich hatte einen Logenplatz (siehe Video am Ende dieses Beitrags).

Ich bewundere Leute wie meinen Kumpel Jörg. Der fliegt schon seit mehr als 30 Jahren um die Welt. Dafür wird er allerdings auch gut bezahlt. Der Mann ist Airbus-Kapitän bei der Lufthansa.

VIDEO: Enteisungs-Zeremonie kurz vor dem Abflug in Montréal

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Der Ozean vor meiner Tür

IMG_1555Meine Bucketlist? Ein Bagel-Frühstück mit Leonard Cohen. Gitarrenunterricht bei Eric Clapton. Und irgendwann mal am Meer wohnen. Für das Frühstück ist es jetzt ja leider zu spät. Clapton kann ich mir vermutlich auch abschminken. Bliebe noch das Meer.

Strandurlaub war häufig. Auf Kuba, in Australien, am Golf von Mexiko und auf Hawaii. Doch nach ein, zwei Wochen war immer Schluss mit Meeresrauschen und Salz auf den Lippen.

Seit gestern kann ich nun endlich Punkt drei meiner persönlichen Wunschliste abhaken: Ich lebe am Meer.

Sonnenuntergänge statt Schneeberge. Wellensingsang statt brüllende Räumfahrzeuge. Sandbänke statt Schlaglöcher. Auf meiner ganz privaten Fototapete sind neuerdings Windsurfer und Kitekids zu sehen, Komorane, Möven und Stehpaddler.

Nach neun Mallorca-Wintern in Palma wurde es Zeit für einen Wechsel. Traumhaft, die Jahre an der Plaza de la Reina. Herrlich, die Zeit am Prachtboulevard Borne. Nicht so berauschend waren  allerdings die letzten beiden Winter auf Mallorca.

Der Lärm der Innenstadt, die Krachmacher, die sich Straßenmusiker schimpfen, der Dreck und die Millionen von Urlaubern, die Palmas Altstadt genau so wunderschön finden wie wir. Nur: Sie gingen wieder, wir blieben. Und haben uns nach dem letzten Palma-Winter geschworen: Nie wieder Innenstadt.

Schon klar: Erste-Welt-Sorgen, die nicht nach Mitleid rufen.

Unser jetziges Domizil liegt weit genug von Palma entfernt, um der akustischen Dauerberieselung zu entgehen. Aber nahe genug, um spontan mal eine 15minütige Busfahrt in die geliebte „Bar Bosch“ im Zentrum dieser herrlichen Stadt zu unternehmen.

Ganz ohne Krach geht es natürlich auch am Meer nicht, denn der Ozean ist sein eigener Lautsprecher: Es bellt und zischt und blubbert und brodelt. Es wimmert und säuselt und brummt, knallt und flüstert. Und tatsächlich rauscht das Meer auch manchmal.

Das Meer ist auch seine eigene Duftkammer: Mal wabert es fischig und algig vor sich hin. Ein andermal dringt der Geruch von Tang zu uns herauf. Und natürlich riecht das Meer salzig, eigentlich fast immer.

Und dann die Farben des Meeres: Es ist grau und blau und braun und türkis. Wird das Wasser dann von einem Sturm durcheinander gerüttelt wie in der vergangenen Nacht, kokettieren die Krönchen der Wellen am nächsten Morgen in einem giftig-gelblichen Möchtegernweiss.

Das Meer ist seine eigene Wundertüte und immer gut für Überraschungen. Kommen Sie wieder, wenn Sie wissen möchten, was der Ozean vor meiner Tür während der kommenden Monate sonst noch so alles auf Lager hat.

Ich werde es ihnen flüstern.

David Letterman ist wieder da!

Viel zu feiern gibt es nicht, in diesen tristen Trump-Tagen in Amerika. Bis vor ein paar Stunden. Da zauberte mir ein Fernseh-Event ein Lächeln ins Gesicht. David Letterman ist wieder da! Der legendäre Talkmaster, der im Sommer 2015 nach mehr als 30 Jahren seine „Late Show“ geschmissen hatte, ist ins Fernsehen zurück gekehrt.

Auf NETFLIX konnte man ihn jetzt zum ersten mal wieder sehen. Der Titel seiner Show ist denn auch Programm: „My next Guest needs no Introduction“. Lettermans erster Gast war Barack Obama.

Ernster ist „Dave“ geworden, wie ihn seine Fans nennen, älter natürlich auch. Ein biblischer Bart verdeckt das Gesicht. Die lustige Zahnlücke, sein Markenzeichen, ist nur schwer hinter dem grauen Gestrüpp ausfindig zu machen ist. Eine Stunde reden der ehemalige Latenight-König und der Ex-Präsident über Ehefrauen, Urlaubsorte und Kinder. Aber auch ganz viel über Politik.

Auch wenn der Name des trotteligen Trump nicht ein einziges Mal fiel, war doch permanent von ihm die Rede. Von seiner Gemeinheit, seiner Dummheit und auch davon, wie es ein einziger Mensch schaffen kann, eine ehemals stolze Nation wie Amerika der Lächerlichkeit preiszugeben.

Für mich war die gestrige Sendung ein Wiedersehen mit einem Mann, der mir nach meiner Ankunft in Kanada zahllose Fernsehabende verschönt hatte.

Anders als der große Johnny Carson, der sich in seiner „Tonight Show“ gerne selbst zelebrierte, ging Letterman Dingen auf den Grund, die man einfach wissen musste, um mitreden zu können, wenn man in Nordamerika lebte.

So war nie zuvor einer auf die Idee gekommen, vor einem Millionenpublikum zu testen, ob ein Sixpack Cola-Light tatsächlich leichter sei als eine Sechserpackung Cola-Classic. Was lag da näher als zu später Stunde eine Kiste Coladosen vom Empire State Buildung auf die Strasse knallen zu lassen? Surprise, surprise: Die Light-Version brauchte auch nicht länger als die klassische.

Dann kam der 11. September 2001.

„Dave“ war der erste unter den amerikanischen Comedians, der sich nach den Teroranschlägen wieder ins Fernsehen wagte. „Warum nicht?“, sagte er sieben Tage nach 9/11. „Amerika hat das Lachen doch nicht etwa verlernt“?

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September 2001: Der Autor am Ed Sullivan Theatre zur ersten Letterman-Show nach 9/11

Von der ersten Reihe des Ed Sullivan Theatre aus, in dem viele Jahre zuvor der Grundstein für den Siegeszug der Beatles durch Amerika gelegt worden war, wurde ich am Abend des 18. Septembers 2001 Zeuge des vielleicht schwierigsten Auftritts David Lettermans.

„Tun Sie uns einen Gefallen“, hatte die Platzanweiserin vor der Show in die wartende Menge gerufen, „klatschen Sie heute besonders heftig. Dave braucht das zur Zeit.“

Faszinierend der erste Studiogast: ABC-Korrespondent John Miller. Er ist der letzte Journalist – und einer der ganz wenigen überhaupt – der Osama Bin Laden fürs Fernsehen interviewt hat. Auf dem Weg zu Bin Ladens verstecktem Camp sei ihm aufgefallen, in welch schlechtem Zustand die Zufahrt zum Haus des mutmaßlichen Drahtziehers der jüngsten Terroranschläge gewesen sei.

Umso erstaunlicher, als Bin Ladens Familie ihr Vermögen doch im Baugeschäft gemacht hat“. Letterman zu Miller: „Haben sie noch Kontakt mit dem Mann?“. Miller: „Nein“. Letterman: „Sie meinen, er hat Ihnen nicht seine Visitenkarte zugesteckt?“

Als NETFLIX gestern die Neuauflage der legendären Letterman-Show ins Fernsehen hievte, gab es keine Tränen. Da saßen zwei ältere Herren auf der Bühne, die irgendwann plötzlich keinen Job mehr hatten. Es wurde gefeixt und geplappert und munter drauf los erzählt. Und schon bald herrschte eine Fröhlichkeit im Studio, wie man sie schon lange nicht mehr erlebt hatte, in diesem politisch tristen Amerika.

Ein Ex-Präsident, der komplette Sätze reden konnte und mit einer rhetorischen Leichtigkeit für Tiefgang sorgte, wie man ihn aus Washington nicht mehr gewöhnt ist. Und ein Ex-Talkshow-Host, der trotz seiner 70 Jahre diese frische Brise durch den Bildschirm schickt, für die wir ihn alle so liebten.

Das Schönste: Weit und breit kein rassistischer Tölpel, der Amerikas guten Ruf auf dem Gewissen hat.