Abschied von einer großen Liebe

E-Biken in Montreal: Hier auf der Jacques-Cartier-Brücke

Fahrradfahren: Ein Leben lang war es für mich Lust und Leidenschaft. Ach was: Es war Liebe. Jetzt ist Schluss damit. Die Kraft lässt nach, schlimmer noch: Das Gleichgewicht ist mir abhandengekommen. Und wenn ich vom Rad steige, spüre ich den Boden unter den Füßen nicht mehr. Es wird Zeit für mich zu gehen. Nur: Mit dem Gehen ist das bei mir und meiner fiesen Krankheit auch so eine Sache. Was also?

Das mit der Liebe fing schon früh an. Als Zwölfjähriger musste mich mein Vater einmal in einer Wirtschaft im 80 Kilometer entfernten bayerischen Dorf Buchloe abholen. Mir waren auf der Jungfernfahrt mit meinem nagelneuen, pechschwarzen Radl mit Dreigangschaltung die Kräfte ausgegangen. Ein Gastwirt erbarmte sich meiner – mit einem Ferngespräch zu meinen Eltern und einer Bluna.

Jahrelang radelte ich bei Wind und Wetter von Ummendorf nach Biberach ins Gymnasium. Als Teenager fuhr ich im Schlepptau eines älteren Nachbarsjungen zu den Königsschlössern. Ich hatte meine Gitarre auf den Gepäckträger geschnallt, er sein Saxophon. Abends vor dem Zelt spielten wir „Junge, komm bald wieder“ und „La Paloma“. Uncooles Zeug eben.

Als wir einmal vom tagelangen Radeln durchs Voralpenland so erschöpft waren, dass wir uns mit einer Luftmatratze einfach ins Gras legten, rüttelte uns im Morgengrauen ein Mann mit Lodenjanker und Gamsfederhut wach. Wir hatten uns ausgerechnet einen Schlosspark als Nachtlager ausgesucht. Streng verboten im königlichen Bayern.

Einen Jungen aus der Parallelklasse hatte ich so lange genervt, bis er mir sein 24-gängiges, blütenweißes Rennrad auslieh. Wenigstens für ein Wochenende durfte ich mich fühlen wie King of the Road.

Sagte ich schon, dass ich Fahrräder liebte?

Auch als ich längst motorisiert durch die Gegend fuhr, hörte meine Leidenschaft fürs Radeln nie auf. In Montreal gibt es wenige Ecken, die ich nicht mit dem eBike angeradelt habe, kaum eine Brücke, die ich nicht auf zwei Rädern überquert hätte.

Als ich längst schon auf den Rollator angewiesen war, bin ich dreimal von Cassians Farm aus nach Montreal geradelt. Hin und zurück, jedes Mal 65 Kilometer.

Und jetzt soll mit all dem Schluss sein?

Das eBike wartet auf einen Käufer. Kostenlos dazu gibt es ein großes Stück Freiheit, das mir künftig fehlen wird.

Was nun? „Kauf‘ dir ein Elektro-Dreirad“, rät der Freund mit den immer guten Ideen. Gerne. Aber es ist breit, schwer und sperrig. Außerdem soll es kippanfällig sein. Auch Stellplätze sind in unserer Wohnanlage knapp.

Vor allem aber: Es ist eben kein Fahrrad.

Auf dem Sankt-Lorenz-Strom: Erst Fähre, dann Fahrrad.

Fußball: Jetzt ganz cool bleiben

Von Poppy lernen: Immer schön cool bleiben.

Ist ein Weiterleben nach dem deutschen Aus bei der Fußball-WM überhaupt möglich? Ja, ist es. Aber es wird nicht leicht. Als Fußballfan hätte ich mir natürlich ein Weiterkommen der deutschen Nationalmannschaft gewünscht. Aber es ist, wie es ist. Deutschland hat gegen Paraguay im Elfmeterschießen verloren.

Niemand ist gestorben, keiner hat deswegen Krebs bekommen und vermutlich geht auch heute Abend die Sonne wieder unter und morgen früh geht sie wieder auf. Zeit für ein paar Zitate, die ich zum Thema Gelassenheit im Netz gefunden habe:

“Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.” (Reinhold Niebuhr)

“Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern die Meinungen über die Dinge.” (Epiktet)

“Wer mit sich selbst in Frieden lebt, kommt mit der ganzen Welt zurecht.” (Johann Wolfgang von Goethe)

“Das Glück deines Lebens hängt von der Beschaffenheit deiner Gedanken ab.” – (Marcus Aurelius)

“Nichts verleiht mehr Überlegenheit, als ruhig und gelassen zu bleiben.” – (Thomas Jefferson)

“Die größte Offenbarung ist die Stille.” – (Laozi)

“Geduld ist die Begleiterin der Weisheit.” – (Augustinus)

“In der Ruhe liegt die Kraft.” (Deutsches Sprichwort)

Mein kluger Freund Dr. Marc schickt mir eben diesen Text zum Thema Gelassenheit:

Boris Becker verlor als zweifacher Wimbledon-Sieger 1987 überraschend gegen den Australier Peter Doohan. Nach der Niederlage fragte ihn ein Journalist: “Boris, was ist passiert?” Becker war damals 19 Jahre alt. Er schaute den Reporter an und sagte ganz ruhig: “Nun, im Grunde habe ich ein Tennisspiel verloren.”

Gelassenheit beginnt dort, wo wir die Dinge wieder in ihre richtigen Proportionen setzen. Also, cool bleiben. Im Grunde haben wir nur ein Fußballlspiel verloren.

Naja, ein Turnier. Okay, wir haben die Fußball-Weltmeisterschaft verloren!

Verdammt!

Sommerfreuden mit „Snowbirds“

Stadt und Land. Poppy und Pool. Blumen und Regenbogen. Dazu persischer „Love Cake“ in einem neuen Café, das bei uns um die Ecke eröffnet hat. Auf der Farm gab es ein Fest mit Fisch und Freunden. Zwei Rikscha-Fahrer begegnen sich auf der Avenue du Mont-Royal. Der Sommer ist nun endlich auch in Québec eingezogen. Daran können selbst die coolen „Snowbirds“ nichts ändern. Die Kunstflugstaffel der Canadian Air Force stattete dem Himmel über Montreal neulich einen Kurzbesuch ab.

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Québec: Es bleibt kompliziert

Québec, Kanada, die Welt: Gräben aufreißen, wo Zusammenhalt gefragt ist. Foto: Bopp

Gestern war der Québecer Nationalfeiertag. Grund genug, einmal auf die Lage von La nation québécoise zu schauen. Einer der Hauptgründe, warum ich mich vor über 40 Jahren für Montreal entschieden habe, war der französische Charakter dieser Stadt. Ich komme aus dem Südwesten Deutschlands, wo Frankreich, Österreich und die Schweiz gleich um die Ecke liegen. Die Vorstellung, in einer Provinz zu leben, in der Französisch den Ton angibt, hatte was.

Mit den Jahren habe ich allerdings gelernt, dass Sprache in Québec weit mehr ist als ein Mittel zur Verständigung. Sie ist politisch derart aufgeladen, dass mir die Freude am Französischsprechen manchmal regelrecht verleidet wird.

Natürlich stehe ich voll und ganz hinter dem Gedanken, dass Französisch in Québec gesprochen, gepflegt und gefördert werden muss. Das schreibt schon die Geschichte dieser „Belle Province“ vor. Was ich bis heute nicht verstehe, ist, warum die Stärkung des Französischen so oft auf Kosten des Englischen geht.

Ich lebe gerne in Québec und liebe vieles hier: seine Sprache, seine Kultur, seine Menschen, sein joie de vivre und – selbstverständlich – seine Küche. Was ich nicht mag, ist der Versuch, Sprache als politisches Werkzeug einzusetzen und damit den fast 1,5 Millionen englischsprachigen Québecern das Gefühl zu geben, weniger dazuzugehören.

Meine Muttersprache ist Deutsch. Ich spreche fließend Englisch und kann mich problemlos auf Französisch unterhalten. Gerade weil ich weder anglophon noch frankophon aufgewachsen bin, glaube ich, dieses Thema mit einer gewissen Distanz betrachten zu können.

Und aus dieser Perspektive läuft hier definitiv etwas schief.

In meinen Augen sollte die Regierung die Menschen dafür gewinnen, Französisch zu sprechen – nicht sie dafür bestrafen oder ausgrenzen, dass sie Englisch sprechen. Sprachinspektoren loszuschicken, die nachmessen, ob die französische Beschriftung eines Ladens groß genug ist, oder Restaurantbesitzer zu zwingen, ihren Namen zu ändern, weil er angeblich „zu englisch“ klingt, halte ich für den falschen Weg.

Ein aktuelles Beispiel, dass hier etwas verkehrt läuft, ist die Entscheidung, während des laufenden Québecer Wahlkampfs keine englischsprachige TV-Debatte der Parteichefs zu veranstalten. Es sendet das falsche Signal und vertieft den Graben zwischen den beiden Sprachgemeinschaften, anstatt Brücken zu bauen.

Und neue Gräben braucht in Zeiten wie diesen niemand.

Happy Birthday, lieber Bernie!

Wenn zwei der besten Freunde, die ich je hatte, Bernd hießen, dann ist das vielleicht Zufall. Wenn sie aber beide so früh sterben mussten, dann ist das einfach gemein. Bernd Dassel, „dein gewaltiger Kumpel aus dem Allgäu“, wie er sich am Telefon gerne meldete, starb mit 70. Bernd Laengin, der mich 1973 nach Winnipeg geholt hatte, musste schon mit 67 gehen. Heute wäre Bernd Laengin 85 geworden. Aus gegebenem Anlass hier noch einmal ein Blogpost, den ich „Bernie“ zu seinem 80. Geburtstag gewidmet hatte.

Dass ich diesen Blogpost irgendwo in Kanada schreibe und nicht in Ummendorf, Waiblingen oder Ulm, habe ich vor allem einem Menschen zu verdanken: Bernd Laengin. Er, damals noch Chefredakteur der größten deutschsprachigen Auslandszeitung in Winnipeg/Manitoba, war der Mann, der mich als Reporter nach Kanada geholt hatte. Heute wäre er 80 geworden.

Wie viele der Besten, musste auch er viel zu früh gehen. Bernd war gerade mal 67, als der Krebs ihn hinraffte.

Bernd war anders als alle anderen Journalisten, die ich bis dato kannte. Frei im Kopf, ein Weltmann nicht vom Auftreten her sondern, weil er halt so war, wie er war. Ein Karlsruher Bub’ den es schon früh in die Welt hinauszog.

Er lebte in Afrika und recherchierte in Asien. War Dutzendfach in Südamerika und Australien. Er kannte die Welt und interessierte sich vor allem für die Menschen, die sie bewohnen.

Ich kenne Keinen, außer vielleicht meinen Piloten-Freund Jörg, der so viel in der Welt herumgekommen ist wie Bernd. Auch einen Großteil meines Storytelling habe ich meinem Freund Bernie zu verdanken. Er konnte Geschichten erzählen wie kein anderer.

Und ich kenne niemanden, der so bodenständig geblieben ist. Und keinen, der so viele Bücher geschrieben hat wie er.

Ohne jemals Bestsellerautor zu werden, ließ er es sich nicht nehmen, Dutzende von ihnen herauszubringen. Viele seiner Sachbücher über ethnische und religiöse Minderheiten.gehören heute zu den Standardwerken von Universitäts-Bibliotheken in aller Welt.

Was Bernd jedoch mehr als alles andere auszeichnete, war seine grenzenlose Loyalität. Unsere Diskussionen, mögen auch noch so die Fetzen geflogen sein, hatten für ihn nie Spreng-Potenzial. Unsere Streitgespräche spielten sich auf einer Meta-Ebene ab, die unsere Freundschaft nie in Gefahr brachte.

Trotz seiner Sprachgewalt war Bernd nie ein Gefürchteter. Aber er war furchtlos im Wortsinne. Und er war geduldig, wenn es darauf ankam.

Ich erinnere mich an eine gemeinsame Wanderung in Manitoba. Irgendwo im Busch stand links eine ausgewachsene Bärenmutter. Auf der rechten Seite, in einer Lichtung, verharrte ein Bärenbaby. Sich als Mensch zwischen eine Bärenfamlie zu begeben, kann tödlich sein.

Also warteten wir. Und warteten. Und warteten …

Als bereits Schwärme von Moskitos unsere Leiber zum Fressen gern hatten, bequemte sich die Bärenmutter endlich, ihr Kleines abzuholen und unter ihre Fittiche zu nehmen.

Bernd und ich atmeten auf. Verschwitzt und gepflastert mit Mückenstichen setzten wir unsere Wanderung fort.

Es gäbe Dutzende von Geschichten dieser Art zu erzählen. Doch heute gilt der Blogpost nicht dem Storyteller, sondern dem, der ihm zu diesen Geschichten verholfen hat.

Was für ein Glück, dass die Beziehung zu Bernds Familie auch nach seinem Tod weiterleben konnte, wenngleich in anderer Besetzung. Mit seiner Witwe Christa und der Familie der gemeinsamen Tochter Marion in Vancouver verbindet uns noch heute eine tiefe Freundschaft.

Happy Birthday, Bernie!