Das Geheimnis des Mopedfahrers

Es gibt da diese Geschichte, die ich gerne loswerden möchte. Aber ich weiß noch gar nicht genau, wie ich sie erzählen soll. Vielleicht fange ich einfach so an: Seit einiger Zeit gibt mir ein Mopedfahrer Rätsel auf. Und das ist gut so.

Ist es überhaupt ein Moped? Oder doch ein Motorroller? Vielleicht ein Gokart? Jedenfalls begleitet uns jeden Tag irgendetwas im 50- bis 125-Kubikzentimeter-Bereich in den Morgen. Wir sehen den Fahrer nie. Wir hören ihn nur. Jeden Morgen. Fünfmal in der Woche. Seit gut einem Jahr. Um 7:50 Uhr. Manchmal schon um 7:48 Uhr. Niemals um 7:55 Uhr. Der Mann – oder ist es eine Frau? – ist püntklich.

Wo fährt ein Mensch jeden Morgen um zehn vor acht mit einem Moped hin? Wir reden hier nicht von der Großstadt, sondern von einer Farmgegend. Die Landstraße ist wenig befahren.

Eine Zeit lang war ich überzeugt: Es ist ein Schüler. Die Schule im nächsten Dorf ist ziemlich genau zehn Mopedminuten entfernt. Passt also. Um 7:50 Uhr losfahren, zehn Minuten später auf dem Schulhof sein – gerade rechtzeitig zum Beginn des Unterrichts.

Leider haut meine Theorie nicht hin: Der Mopedfahrer fährt auch während der Schulferien.

Vielleicht arbeitet er an der amerikanischen Grenze? Auch die liegt von uns ziemlich genau zehn Moped-Minuten entfernt. New York. Vermont. Ein Mopedfahrer als Grenzbeamter? Hmm … aber warum eigentlich nicht?

Dann vielleicht ein Erntehelfer. Oder eine Erntehelferin. In unserer Gegend gibt es schließlich jede Menge Getreidefarmen. Ein Moped würde Sinn machen. Nur: Wer auf einem Feld arbeitet, muss nicht unbedingt jeden Morgen auf die Minute genau um 8 Uhr dort sein. Oder doch?

Vielleicht arbeitet unser Mopedfahrer beim Holzhändler am Ende der Landstraße. Oder in der Autolackiererei. Oder im Truckstop, wo es rund um die Uhr Kaffee, Burger und Frühstück gibt. Alles zehn Minuten von hier entfernt.

Eben, während ich diese Geschichte schreibe, fällt mir eine Möglichkeit ein, die ich bisher überhaupt nicht berücksichtigt hatte: Vielleicht fährt er gar nicht zur Arbeit. Vielleicht kommt er von dort.

Vielleicht hat er gerade eine Nachtschicht hinter sich und befindet sich um 7:50 Uhr auf dem Heimweg. Todmüde und froh, sich bald schlafen legen zu können. Grenze und Truckstop würden plötzlich wieder Sinn machen. Genial!

„Warum“, werden Sie sich jetzt vermutlich fragen, „gehst du nicht einfach Morgen früh um 7:50 Uhr an die Straße, stoppst ihn und hälst ein Schwätzchen mit deinem Mopedfahrer?“ Die Menschen hier reden gerne. Dann wäre das Rätsel gelöst.

Nur: Ich möchte es gar nicht lösen. Ich möchte mir den Schüler vorstellen, der verschlafen zur Schule knattert, die Grenzbeamtin, die pünktlich ihren Dienst antritt, den Erntehelfer, der schon auf dem Feld erwartet wird, den Holzhändler, den Autolackierer oder den Mann vom Truckstop, der nach seiner Nachtschicht endlich nach Hause darf.

Meinetwegen darf es auch ein Geheimagent sein, der jeden Morgen kurz nach 7:50 Uhr im Trenchcoat zu einem Treffen irgendwo hinter der Grenze unterwegs ist. Top Secret. Das Moped? Reine Tarnung.

Das Geheimnis der schönsten Geheimnisse liegt im Geheimnis selbst. Ich will es nicht lösen. Ich möchte nur, dass der Mopedfahrer morgen wieder an unserem Schlafzimmerfenster vorbeiknattert. Und übermorgen auch. Und nächste Woche auch und nächsten Monat wieder.

Nicht auszudenken, wenn der Mystery Man irgendwann nicht mehr kommen sollte, ohne Tschüss zu sagen. Ich würde mir große Sorgen um ihn machen. Ob ich das Geheimnis doch noch lösen sollte, solange es lösbar ist?

So sehen Rentner-Sorgen aus.

„Mitleid ist ein scharfes Schwert“

Mitleid – und ein bisschen Humor: Kanadagänse heißen von jetzt an „Donald Ducks“

Sorry, ich muss noch einmal zum Thema T. ausholen. Es gab viele Kommentare zum gestrigen Blog. Die meisten AutorInnen wollen sich gar nicht oder nur anonymisiert veröffentlicht sehen. Einer der Kommentare ist mir wichtig genug, um ihn hier in voller Länge wiederzugeben. Er stammt von einem langjährigen Freund.

Dieser Freund spielt in meinem Leben eine ganz besondere Rolle. Für die BLOGHAUSGESCHICHTEN war er nicht nur eine Art Namensgeber, sondern leistete auch so etwas wie die Initialzündung. Als die meisten von uns Blog noch mit „ck“ schrieben, wusste er bereits um die Kraft dieses Tools.

Hier ist sein Kommentar:

Lieber Herbert,

ich habe den Eindruck, dass die kritischen und teils abfälligen Bemerkungen und Beschreibungen über den US-Präsidenten am Ende nur die Hilflosigkeit verdeutlichen, die man angesichts seiner Amtszeit empfindet. Ich stelle mir vor, wie das wäre, wenn ER deinen Blog lesen würde. Worüber würde er sich wirklich aufregen? Ich glaube nicht darüber, KissMyAss oder Wüterich genannt zu werden oder Präsidenten-Darsteller etc.

Ich glaube, was ihn wirklich kränken würde, wäre, wenn man die allerbilligsten Provokationen einfach nicht zur Kenntnis nimmt und auf alles andere mit Mitleid reagiert. Mitleid mit einem alten Mann, der mit ziemlicher Sicherheit nicht mehr so kann, wie er gern möchte, der genau weiß, dass in seinem Umfeld die Diadochenkämpfe laufen, der genau merkt, dass ihm das Leben allmählich weggelaufen ist. Mit Verständnis und Mitleid für einen überforderten Greis.

Wieder ein Monat ohne Spaß im Leben – da muss man halt etwas umbenennen, um emotional wieder klarzukommen. Meinetwegen kann er die Erde in „Planet America“ umbenennen – manch andere halten sie für eine Scheibe. Mich juckt das nicht. Ich glaube, Mitleid wäre die bitterste Medizin, die man dem potenziellen Blog-Leser im Oval Office einschenken kann.

Ich kann das natürlich aus einer etwas größeren Distanz heraus locker einwerfen. Aber es soll ja nur eine Anregung an meinen Lieblingsblogger sein. Mitleid ist ein scharfes Schwert gegen Narzissten und Wichtigtuer.

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Weil Freunde auch unterschiedlicher Meinung sein dürfen, bin ich selbstverständlich auf den Kommentar eingegangen. Und zwar so:

Lieber Freund,

ich weiß, dass du recht hast, und zwar mit jeder Zeile. Aber diese kritischen T-Blogs von mir kannst du ja mittlerweile an einer Hand abzählen. Wenn ich dann mal loslege, mache ich einen auf Stammtisch. Ich schreibe mir das von der Seele und glaube, dass die meisten Kanadier das genauso schreiben würden, wenn sie einen Blog als Tool zur Verfügung hätten.

Für mich ist das – und da hast du mit dem Begriff Hilflosigkeit recht – eine Art Selbsttherapie, der ich mich ab und zu unterziehen muss. Wir sitzen hier ein paar Kilometer von der Grenze entfernt und bekommen hautnah mit, wie dieses Thema alle Freunde, die wir kennen, beschäftigt, und zwar von morgens bis abends.

Noch mal: Recht hast du. Aber da ich mir keinen Therapeuten leisten möchte, verwende ich meinen Blog. Und ich muss sagen, es funktioniert gar nicht schlecht.

Was mich wundert, ist, dass ich an Tagen wie heute eine ungefähr zehnmal höhere Zahl an Klicks aus den USA habe. Das ginge ja noch, aber etwas beunruhigt sehe ich zu, wie ich an so einem Tag mehr als 100 Klicks allein aus China habe. Ich weiß nicht, ob das Bots oder echte Menschen sind. Aber auch das soll mich im Moment nicht davon abhalten, meine Meinung zu sagen.

Danke für deinen Input und liebe Grüße!

Herbert

„Dümmer als mein kleiner Zeh!“

Der Präsidenten-Darsteller im Weißen Haus lässt einfach nicht locker. Nachdem der kanadische Premierminister Marc Carney den USA bei den jüngsten Tarif-Gesprächen die kalte Schulter gezeigt hat, tobt der böse Mann in Washington wie ein Derwisch.

Sein bislang billigster Akt: Er ließ per Sofort-Dekret den Lake Ontario in Lake America umtaufen.

Die meisten Kanadier interessiert das weniger als die Schuhgröße von J.D. Vance. „Der Lake Ontario heißt heute so und morgen auch und wird nie anders heißen“, konterte der Ministerpräsident von Ontario, Doug Ford, und schob gleich einen Gruß an den Größenwahnsinnigen in Washington hinterher: „He can kiss my ass“. Im Übrigen, schloss Doug Ford seine Tirade ab, habe der „weniger Grips im Kopf als ich im kleinen Zeh“.

Dass der Typ im Oval Office daraufhin wie von der Tarantel gestochen reagieren würde, war abzusehen. Wen juckt’s, dass er sich jetzt die Öl-Reserven in Venezuela einverleibt hat, um die Unabhängigkeit seines Landes von kanadischen Öl-Vorräten zu demonstrieren.

Das also ist seine Lesart, wie man mit Freunden umgeht.

Als vor einigen Wochen im Westen Kanadas die Wälder brannten und ein paar Rauchwolken, wie das bei Waldbränden halt mal so ist, auch über die amerikanische Grenze geweht wurden, drohte T. dem Nachbarland Kanada – dümmer geht nimmer – zur Strafe mit neuen Zöllen.

Dass zur gleichen Zeit kanadische Feuerlöschtrupps in den Wäldern an der amerikanischen Westküste ihr Leben riskierten und ihren US-Kollegen bei der Bekämpfung der dortigen Brände halfen, interessierte den Wüterich im Weißen Haus wenig. Erst mal die langjährigen Verbündeten als „Loser“ bezeichnen – und dann wieder zurück in den Blattgold-Palast.

Der kanadische Premierminister Marc Carney ist ein Mann mit Stil und Haltung. Er lässt sich nicht auf das Kleinklein eines sogenannten Präsidenten ein und sucht stattdessen nach zuverlässigen Handelspartnern in anderen Teilen der Welt.

Und die Kanadier? Die stehen wie eine Eins hinter ihrer Regierung. Schließlich lernt man schon auf dem Schulhof, dass man Bullies nicht nachgeben darf.

Wo immer möglich, versuchen Kanadier, amerikanische Produkte zu ignorieren. Dabei scannen sie die Waren im Supermarkt mit eigens entwickelten Apps, um „Made in USA“ zu vermeiden.

Und wenn’s dann schon unbedingt Cola sein muss, dann eben „Made in Mexico“. Das Foto oben habe ich heute Nachmittag auf dem Boulevard St. Laurent aufgenommen.

„Ich glaube“, schreibt mir mein Freund vom Rhein eben, „noch mehr würde es wirken, stattdessen ein kanadisches oder europäisches Getränk zu trinken. Gibt es bei Euch zum Beispiel ‚Fritz-Kola‘?“

Noch nicht. Aber das könnte sich schon bald ändern. Ich sehe schon die Werbung:

„Fritz-Kola. Die koole Alternative aus Germany“.

EINGEKNICKT: Bei Google Maps USA wurde der Lake Ontario schon mal in Lake America umbenannt.

Trauben, Kaffee und Karotten

Während der böse Mensch in Washington uns auch diese Woche wieder geärgert hat, versuchen wir hier, so gut es geht, Haltung zu bewahren. Da Bilder bekanntlich mehr sagen als tausend Worte, verzichten wir auf allzu viel Geschwafel und führen uns einfach ein paar Fotos zu Gemüte, die sich in den vergangenen Tagen auf dem iPhone angesammelt haben.

Menschen, die am Stock gehen. Trauben, die an (Reb-)Stöcken hängen und später zusammen mit Joghurt im Teller landen. Kaffee und Karotten. Stadt und Land, Bahn und Schiff – an Abwechslung hat es diese Woche jedenfalls nicht gefehlt.

Der Ureinwohner wartete geduldig am Wurststand, entschied sich dann aber – vermutlich angesichts der neun Dollar für einen Hotdog – doch noch anders. Ein Blick in eine der zahlreichen „Back Alleys“, wie die oft wild bewachsenen und bepflanzten Hintergassen in Montreal heißen.

Pflanzen gab es heute umsonst auf der Avenue Mont-Royal. Jedes Jahr gegen Ende des Sommers werden Blumen, Kräuter und Gemüse aus den städtischen Beeten geräumt, die eigens für die Benutzer der Fußgängerzone angelegt wurden. Wer früh genug kommt, darf sich bedienen.

Den Bagel gab’s bei der kanadischsten aller Kaffeehausketten, Tim Hortons. Starbucks kann uns gestohlen bleiben, solange Trump und Co. ihre Sperenzchen treiben.

Beim Asiaten kehren wir dagegen immer wieder gerne ein. Vor allem, wenn an einem herrlichen Spätsommertag wie heute die Terrasse noch einmal zum Verweilen einlädt.

Und nein, die zuckersüße Poppy hatte es nicht auf die sauren Zitronen abgesehen. Das Motiv war einfach zu schön, um nicht auf den Auslöser zu drücken.

Schönes Wochenende!

Abschied von Cassians Farm – aber nur für ein paar Tage.

Himmelherrgott – schon Herbst?

Noch ist es nicht ganz so weit – aber ganz verschämt schaut er schon mal um die Ecke, der Herr Herbst. Erst tut er so, als hätte er sich nur verlaufen, dann lässt er hier und da auch schon ein gelbes Blatt fallen.

Schön ist er ja, der Herr Herbst. Das Licht wird weicher, die Farben werden intensiver und plötzlich wird ein hundsgewöhnlicher Spaziergang auf der Farm zu einem ziemlich gut gemachten Naturfilm.

Wenn da nur nicht dieser kleine Haken wäre: Hinter den schönsten Herbstfarben lauert der Winter. Ein langer, kalter kanadischer Winter.

Also schnell noch ein paar Fotos in die Galerie gestellt. Aber immer schön langsam, Herr Herbst. Wir haben es nicht eilig mit ihrem grimmigen Vater. Old Man Winter kann warten.