Kanada zeigt dem Bully die Stirn

Kanadier zu sein, fühlt sich gerade ziemlich gut an. Wenn Premierminister Mark Carney innerhalb einer Woche gleich zweimal von den Titelblättern bedeutender Magazine lächelt, muss er einiges richtig gemacht haben.

Seit der Nachbar im Süden einen Streit vom Zaun gebrochen hat, den kaum jemand versteht, ist die Welt in meinem sonst so beschaulichen Kanada aus den Fugen geraten. Wenn es nach Trump geht, sind alle Kanadier gemeingefährliche Abzocker, die den Amis schon immer auf der Tasche liegen.

„A terrible country“, sagt ausgerechnet der Mann, der auf dem besten Weg ist, sein eigenes Land in Grund und Boden zu wirtschaften.

Kanada ein „schreckliches Land“? Schwachsinn. Wir sind der beste Nachbar, den man sich vorstellen kann: aufrichtig, anständig, fair, empathisch, friedfertig. Und stolz. Hier tragen die Menschen das Ahornblatt im Herzen, als sei das Leben ein einziger Stanley-Cup-Sieg.

Kanada zu regieren, war bisher nicht sonderlich schwer. Sieht man einmal von den separatistischen Bestrebungen in Québec und neuerdings auch in Alberta ab, galt Kanada jahrzehntelang als ein weitgehend homogenes Staatswesen, das nicht besonders pflegeintensiv war.

Mit den Wirtschafts- und Verteidigungspartnern verhandelte man schnell und schmerzfrei. Selbst Vertreter der indigenen Völker, die es hier wirklich nicht immer leicht hatten, loben die versöhnliche Politik aus Ottawa.

Doch als man sich im Norden gerade mal wieder genüsslich die Friedenspfeife angezündet hatte, prasselte plötzlich lautes Trommelfeuer aus dem Süden durch die kalte Nacht. Ein Trampel mit MAGA-Mütze glaubte, die Harmonie beim Nachbarn stören zu müssen.

Auch wenn T. noch nie im kühlen Kanada zu sehen war, muss er sich plötzlich warm anziehen. Premierminister Mark Carney zeigt dem Bully in Washington immer häufiger die Stirn – und das tut gut.

Kanadier bleiben ihrem Nachbarland im Süden in Scharen fern, meiden amerikanische Produkte im Supermarkt und kündigen massenweise Abos bei Streaming- und Verkaufsportalen, die in den USA betrieben werden.

Das ist lobenswert, aber auch schade. Die bitteren Gefühle, die mich beim Gedanken an T. beschleichen, gelten nicht den Menschen in den USA.

Auf meinen Dutzenden Reisen in die Vereinigten Staaten hatte ich fast ausschließlich wunderbare Begegnungen mit Amerikanern. Ihre Denkweise mag mir als europäischer Kanadier oft fremd geblieben sein, doch ihre unbekümmerte Freundlichkeit, ihre erfrischende Offenheit, ihre Hilfsbereitschaft haben mir auf meinern Amerikareisen viele Glücksgefühle beschert.

Doch mit T. hat sich ein düsterer Schleier über ein Land gelegt, das Besseres verdient hat. Aber noch ist nicht alles verloren. Die Zwischenwahlen stehen vor der Tür.

Leonard Cohen fällt mir ein: „There is a crack in everything. That’s how the light gets in.“

Es werde Licht!

Besuch bei einer Rock-Legende

Für alle, die Freddie Mercury noch immer nachtrauern und die Musik von „Queen“ lieben: In seinem Podcast „SWF3 – Das Phänomen“ entlockt Gregor Gloeckner dem „Queen“-Produzenten und Mercury-Freund Reinhold Mack Details, die sonst garantiert bisher nirgendwo zu lesen oder zu hören waren.

Dass Freddie Mercury, der Leadsänger der legendären Band „Queen“, auch der Patenonkel von Reinhold Macks Sohn ist, kommt in dem eineinhalbstündigen Talk genauso zur Sprache wie das kontrollierte Chaos, als das Bayerische Symphonieorchester zu Studioaufnahmen ins Kellergeschoss eines Münchner Hochhauses umziehen musste.

Der „SWF3“-Podcast ist in Deutschland längst Kult. Gregor Gloeckner, langjähriger Redakteur und Moderator des gleichnamigen Radiosenders, der Mitte der 70er-Jahre von Peter Stockinger gegründet wurde, schafft es auch in dieser Folge wieder, etwas zu tun, was nur gute Interviewer können: sich selbst zurückzunehmen, damit andere glänzen können.

Und glänzen darf der inzwischen 80-jährige Reinhold Mack, der auf den „Queen“-Plattencovern nur „Mack“ genannt wird. Fast kokettierend uneitel erzählt er, wie es im Maschinenraum der größten Bands der Welt zugegangen ist.

Vom „Electric Light Orchestra“ ist viel die Rede, von seiner Arbeit mit den „Rolling Stones“ und „Led Zeppelin“ ein bisschen weniger, dafür mehr von den Sessions mit BAP. Alles in allem ein Tribut an die großen Zeiten des Rock ’n’ Roll.

Zu hören sind die „Mack“-Episode und alle anderen Interviews >> HIER <<

>> Gerd Mägerle in der „Schwäbischen Zeitung“ über den SWF3-Podcast <<

„Fernweh für Klugscheißer“

WO BIN ICH? Mit GeoGuessr spielend um die Welt.

Spiele im Internet waren nie mein Ding. Unnützer Zeitvertreib für Einsame, dachte ich. Bis mir mein Kumpel Jörg neulich GeoGuessr empfahl. Das Spiel basiert auf Google Street View: Du landest irgendwo auf der Welt und musst anhand von Schildern, Landschaften und Straßen erraten, wo du bist. Je präziser dein Tipp, desto mehr Punkte.

Dass ich für ein Spiel im Netz jemals auch nur einen Cent ausgeben würde, hätte ich mir bis vor Kurzem nicht träumen lassen. Jetzt habe ich mir die Bezahlversion von GeoGuessr besorgt – inklusive Suchtpotenzial.

Eine kostenlose Version gibt es auch. Die bietet täglich eine Runde mit fünf Zielorten. Mit der Bezahlversion kannst du so lange weiterraten, bis dir die Welt ausgeht – oder die Zeit.

Jörg hat gute Karten. Als Berufspilot ist er sein Leben lang um die Welt geflogen und kennt sich im Atlas aus. Das hilft ihm allerdings nur bedingt. Landet er mit einem Zufallsbild auf irgendeiner afrikanischen Wüstenstraße, muss auch er passen.

Wie du das Rätsel angehst, liegt ganz bei dir. Die einzige Spielregel lautet: Du hast drei Minuten Zeit, sonst gibt’s keine Punkte. Bis dahin darfst du raten: Straßenschilder, Ortsnamen, Schriftzeichen und Hausnummern.

Linksverkehr? Ummendorf können wir schon mal ausschließen. Südafrika vielleicht. Japan. Australien?

Landschaften, Pflanzen, Berge und Klima bringen dich der richtigen Stelle näher. Sibirien hat keine Palmen, und in Sierra Leone liegt bestimmt kein toter Elch auf der Straße. Genau das ist mir neulich nämlich in Finnland passiert. Google Street View kennt keine Gnade.

Meist helfen diverse Hinweise weiter. Manchmal setzt auch der große Frust ein und du mogelst ein bisschen: Ein Verkehrsschild bei ChatGPT hochladen oder einen kryptischen Schriftzug googeln? Muss ja keiner wissen. Nur schnell muss es gehen. Nach drei Minuten bist du raus.

Für mich ist GeoGuessr mehr als ein Zeitvertreib. Man klickt sich durch die Welt und lernt was dabei. Inzwischen kann ich anhand von Straßenschildern und Werbetafeln immerhin Kyrillisch von Arabisch und Thailändisch von Chinesisch unterscheiden. Und weiss, dass es auch im sonst so aufgeräumten Tokio Ecken gibt, wo’s aussieht wie bei Hempels unterm Sofa.

Mein Freund Stephan kennt Geo-Guessr schon lange. Zurzeit legt er allerdings eine Pause ein. Der Zeitdruck stresse ihn zu sehr.

Sinn und Zweck des Spiels? Stephan bringt es mal wieder auf den Punkt: „Eine schöne Mischung aus Fernweh und Klugscheißen.“

Schiffe und ein bisschen Schnee

Frisch ist es geworden in Montreal und drum herum. Cassian funkt vom Blockhaus am Lac Dufresne ein Foto der ersten Schneeflocken.

Poppy hat für solche Horrornachrichten nur Verachtung übrig und zeigt uns die Zunge – wenn sie nicht gerade im Regenmantel unterwegs ist.

Unterm stahlblauen Himmel sonnen sich die Schiffe im Hafen, während auf der Farm der Herbst mit frisch gepflückten Äpfeln und einem leckeren Kuchen eingeläutet wird.

Ein kleiner Stadtspaziergang führt über die Place Ville Marie, wo sich eines der höchsten Gebäude Montreals erhebt.

Der Blick durch „The Ring“, der mit seinen 30 Metern Durchmesser zu einem der Wahrzeichen der Stadt gehört, fällt auf den Campus der McGill University mit dem ehemaligen Royal Victoria Hospital.

Der Hausberg Mont Royal bietet die perfekte Kulisse für einen Traumtag wie diesen.

Und sonst so? Der Flügel im Café Indigo, wo sonst jeder, der möchte, seine Klavierkünste zeigt, dämmerte bei meinem letzten Besuch ausnahmsweise mal vor sich hin.

Die Autos meines Herzens

Die Ente (circa 1972)
Der Smart (circa 2012)

Eben lese ich: Bald gibt es einen neuen Smart. Und eine neue Ente. Beide elektrisch. Beide Kult. Da wird mir ganz warm ums Herz.

Dabei haben Autos in meinem Leben nie eine große Rolle gespielt. Von A nach B, wenn’s geht auch noch sicher den Berg hoch und runter – viel mehr musste so ein fahrbarer Untersatz für mich nie leisten. Von den vielen Autos, die ich besessen habe, werden mir zwei für immer in besonders guter Erinnerung bleiben. Wobei ich vom einen gleich drei hintereinander hatte.

  • Citroën 2 CV: Der erste hellblau, der zweite lindgrün, der dritte weiß mit Vorhängen und innen Tapetenmuster.
  • Smart Cabrio: Diesel, Automatik. Zweisitzer. Schwarz-weiß, sonst nichts.

Die anderen Autos meines Lebens? Da war alles dabei:

  • Volvo-Kombi (praktisch, aber bockig)
  • VW-Käfer (sparsam, aber spießig)
  • Jeep Renegade (hart, aber cool)
  • VW-Kübelwagen (unnütz, aber selten)
  • Fiat 500 (Fix It Again, Tony – noch Fragen?)
  • Pontiac Minivan (langweilig, aber familienfreundlich)
  • Saturn VUE (Allwheeler für Stadt und Land)
  • Mercedes (klein, aber fein)
  • Dazwischen noch ein VW-Campingbus (romantisch), ein Pontiac-Straßenkreuzer (kalt, weil ohne Heizung) und bestimmt noch der eine oder andere Wagen, der sich in fast 60 Jahren mit Führerschein angesammelt hat. Und ja, auch diverse Mortorräder und Mopeds waren dabei.
Hippie mit VW Bulli (circa 1974)

Aber bei keinem Auto war der Spaßfaktor höher als beim Smart und bei der Ente.

Mit dem Smart durch Manhattan, Lore am Steuer. Damals noch neugierige Blicke, denn selbst in New York City war der Kleine noch ein Novum.

Ein Dialog durchs offene Fenster an einer New Yorker Verkehrsampel:
Fahrer: „Wo kommt das Auto her?“
Ich: „Deutschland.“
Er: „You drove all the way from Germany with it?“
Klaro. Guter Witz.

Der Smart war, als er auch in Montreal noch eher Seltenheitswert hatte, stets ein Gute-Laune-Auto. Man musste beim Anblick dieser Zwetschge auf Rädern einfach ein Lächeln im Gesicht haben.

Der Döschwo, die Ente, der Citroën 2 CV – die Kultkiste aus den 70er-Jahren hatte viele Namen. Und jeder kannte alle von ihnen. Die verstellbaren Froschaugen machten zwar Laune, aber leider immer zu wenig Licht.

Der 2CV mit Peter Maffay als Beifahrer. Nach zu wenig Schlaf und zu vielen Bieren mit Kumpels von der Waiblinger Disco „Heustadel“ die Weinberge des Remstals rauf und runter. Mit der ersten Freundin an die Côte d’Azur. Morgens vom Campingplatz zum Bäcker, um Baguette zu holen. Joe Dassin und Georges Moustaki im Radio. C’est la vie, mon ami!

Das und noch viel mehr ging mir durch den Kopf, als ich jetzt fast zeitgleich von den beiden geplanten Neuauflagen der Ente und des Smart las.

Vielleicht bin ich dabei, wenn es Smart und Ente irgendwann auch wieder in Kanada zu kaufen gibt. Nur: Für welchen entscheide ich mich? Die Wahl darf nicht zur Qual werden. Das haben sie nicht verdient, die beiden Autos meines Herzens.

VW Bus (circa 1975) in den kanadischen Rocky Mountains

Und dann war da noch dieser Straßenkreuzer, mein erstes Auto in Kanada.