Papa, der moderne Schildermaler

Am 16. März ist Vaters Todestag (1914–1994). Zeit, ein wenig im Familienarchiv zu stöbern. Wobei: Gestöbert habe nicht ich, sondern mein Kumpel Johannes Lutz. In Ummendorf gilt er – zusammen mit meinem ehemaligen Nachbarn Josef Angele – als so etwas wie das historische Gewissen meiner Heimatgemeinde.

Ob Lebende, Verstorbene oder solche, die demnächst das Licht der Welt erblicken werden – Johannes und Josef wissen Bescheid. Und natürlich kennen sie auch meine Familiengeschichte. Josef, weil er wie ich in der Saarstraße groß geworden ist. Johannes, weil er als geschichtsbeflissener Ummendorfer die Hand am Puls des Lebens (und Sterbens) meines Geburtsortes hat.

Vor ein paar Tagen landete Johannes einen kleinen Coup. Für die meisten Menschen nichts Weltbewegendes, für mich aber war sein Fund Gold wert: eine Rechnung aus dem Jahr 1957, die mein Vater als Malermeister geschrieben hatte. Sie ging an die Gemeindeverwaltung Ummendorf. Der Betrag: 2,60 DM für ein Kilo weiße Lackfarbe.

Bemerkenswert an dieser Rechnung ist nicht nur das Jahr, in dem sie geschrieben wurde – ich war damals gerade acht Jahre alt –, sondern auch die Anzahl der Stempel und Unterschriften, die für einen nach heutigen Maßstäben lächerlichen Betrag nötig waren. Für 2,60 DM, so flüstert mir das Internet, bekam man 1957 sechs Liter Milch, 17 Eier oder fünf Kilo Kartoffeln. Oder eben ein Kilo weiße Farbe beim Maler Bopp.

Unser Sohn Cassian, der gerade mal sieben war, als sein Großvater starb, stellte beim Anblick der Rechnungen zwei Fragen: „Hatte mein Opa sein eigenes Logo?“ Und: „Was ist ein moderner Schildermaler?“

Nein, der Malerbetrieb Bopp hatte kein eigenes Logo. Das Zeichen auf dem Briefkopf ist wohl das der Malerinnung innerhalb der Handwerkskammer. Nicht jeder durfte diese Insignien führen. Offenbar hatte sich mein Vater in der Innung verdient gemacht.

Und der „moderne Schildmaler“? Das war jemand, der Schilder für Kaufläden, Gaststätten und andere Betriebe entwarf und sie mit Hand malte. Ob modern oder nicht – wer will das heute noch beurteilen? Ich erinnere mich, dass ich unser eigenes Firmenschild, das vor dem kleinen Betrieb in der Saarstraße prangte, immer ziemlich cool fand.

Mal Maler, mal Gentleman: Anton Bopp

Ob es das tatsächlich war, wüsste vielleicht mein Bruder Eberhard. Als Vater in Rente ging, übernahm er den elterlichen Betrieb. Leider kann ich Eberhard nicht mehr fragen. Er ist im April vergangenen Jahres gestorben.

Wenn Vater Schriften malte, wollte er nicht gestört werden. Dann stand er nach vorne gebeugt über dem Schild, mit einem dünnen Holzstab in der einen und dem Pinsel in der anderen Hand. Das Ende des Malstocks bildete ein Stoffballen, der dazu diente, die Hand auf dem Stab abzustützen und präzise Linien zu ziehen. Ich hätte ihm stundenlang zuschauen können, dem „modernen Schildmaler“ von der Saarstraße.

Ob die Schilder, die er malte, modern, altmodisch, cool oder gar kultig waren – das spielt heute keine Rolle mehr. Wichtig ist, dass Vater auch 32 Jahre nach seinem Tod nicht vergessen ist.

Und dass es Menschen wie Johannes und Josef gibt, die dafür sorgen, dass „der Malermeister Bopp“ seinen Platz in den Geschichtsbüchern von Ummendorf gefunden hat.

Josef Angele (links) und Johannes Lutz: Geschichte und Geschichten aus Ummendorf. Fotos: Privat

Das Neueste vom Eissturm

Weil so viele von euch danach gefragt haben: Wir sind noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen. Draußen stürmt es noch immer, und die Temperaturen bewegen sich um den Gefrierpunkt, aber es hat aufgehört zu regnen.

Eine der wichtigen Brücken über den Sankt-Lorenz-Strom – die Pont Jacques-Cartier – war während der Rushhour zeitweise gesperrt. Eisbrocken hatten sich aus der Metallkonstruktion gelöst und waren auf fahrende Autos gestürzt. Auf der zweiten großen Brücke kam es zu kleineren Unfällen, sodass sich der Verkehr bis zu einem Kilometer zurückstaute. (Kommentar eines befreundeten Blog-Lesers: „1 KM Stau nennen wir in Köln „fließenden Verkehr“.)

Etwa 200.000 Haushalte sind noch immer ohne Strom. Elektroleitungen, die hier vielerorts noch oberirdisch verlaufen, sind unter der Last der Eisschicht gerissen. 200.000 hört sich viel an, aber im Vergleich zu den vier Millionen Haushalten, die 1998 ohne Elektrizität waren, ist das eine verschwindend kleine Zahl. Wir selbst hatten – bis auf ein kurzes Flackern – immer Strom.

Ein Mann um die 80 ist in einem Stadtteil am Südufer des Sankt-Lorenz-Stroms ums Leben gekommen. Vermutlich hat er einen Stromschlag erlitten. Einzelheiten müssen noch geklärt werden.

Die Autobahnen rund um Montreal sind weitgehend eisfrei. Auf einzelnen Streckenabschnitten kommt es allerdings zu Blitzeis. Die Sicherheitsbehörden appellieren an die Autofahrer, sich nur dann hinters Steuer zu setzen, wenn es unbedingt nötig ist.

Hier in der Innenstadt von Montreal sind die Hauptstraßen geräumt und eisfrei. Auf den Gehwegen gibt es allerdings noch vereiste Stellen. Auch hier wird gewarnt: Vor allem Ältere und Gehbehinderte sollten nach Möglichkeit zu Hause bleiben.

Schöne Grüße in den Frühling!

PS: Für morgen wird Schnee erwartet.

Bitte nicht: Eissturm-Alarm!

Es gibt Tage, da wäre ich lieber in Jüchen, in Köln, in Ummendorf und auf Mallorca sowieso. Heute ist so ein Tag. Ein Eissturm ist angesagt – mit Folgen, die im Moment noch nicht abzusehen sind. Die meisten Schulen sind geschlossen, viele Ärzte haben Patiententermine abgesagt, der Busverkehr ist teilweise eingestellt und am Flughafen könnte bald Ende Gelände sein.

Eisstürme gibt es vor allem in Quebec und Ontario, weniger im Westen und im äußersten Osten Kanadas. Sie entstehen durch eine spezielle Schichtung der Luft, vor allem bei Temperaturen um den Gefrierpunkt.

Das Szenario: Bei 0 Grad Celsius fällt normaler Regen. Darunter liegt, wie um diese Jahreszeit üblich, noch eine sehr kalte Luftschicht am Boden. Die Regentropfen kühlen beim Fallen stark ab, bleiben aber flüssig. Sobald sie auf Straßen, Bäumen, Stromleitungen oder Autos treffen, gefrieren sie sofort zu Eis.

Wenn das, wie für heute und morgen vorhergesagt, stundenlang weitergeht, bildet sich eine bis zu 10 cm dicke Eisschicht. Wind verstärkt das Problem: Äste brechen, Stromleitungen reißen – der perfekte „Eissturm“.

In der Gegend um Montreal passiert dieses Wetterphänomen relativ häufig, weil dort oft warme Luft aus den USA über kalte arktische Luft gleitet. Der katastrophale Eissturm von 1998 sitzt vielen von uns noch in den Knochen.

Damals waren vier Millionen Menschen bis zu drei Wochen ohne Strom, Tausende Strommasten und Leitungen brachen unter der Eislast zusammen, Wälder, Häuser und Infrastruktur wurden schwer beschädigt, 38 Menschen kamen ums Leben, Tausende mussten ihre Häuser verlassen, das Militär rückte mit 16 000 Soldaten aus. Der Eissturm von 1998 ging als die schlimmste Naturkatastrophe in die Geschichte der Provinz Quebec ein.

Ob es heute wieder so schlimm wird, ist schwer zu sagen. Die Notrufzentren der Feuerwehr und anderer Hilfskräfte sind in Alarmbereitschaft, Hilfstrupps in den benachbarten Provinzen ebenso.

Laptop, Handy und andere Gadgets sind geladen. Kaffee ist für alle Fälle in der Thermoskanne. Neben dem WC stehen gefüllte Container, die notfalls als manuelle Wasserspülung eingesetzt werden können. Der Kerzenvorrat wurde aufgestockt. Es kann losgehen.

Der perfekte Tag, um endlich die Steuererklärung zu machen.

Perfekter Sturm, perfekter Tag für die Steuerklärung.
Schlechte Aussichten: Steht der Eissturm ’26 unmittelbar bevor?

Essen und Trinken in Montreal

Frank von „Schwartz’s Smoked Meat Delicatessen“ als Museums-Display

Wenn es um Restaurants geht, ist Montreal schwer zu toppen. Gut fünftausend von ihnen gibt es in der Stadt meines Herzens. Vom Diner an der Ecke bis zum Sterne-Lokal, vom Griechen-Grill bis zum französischen Gourmet-Tempel – rund 120 Nationen sind in den verschiedenen Stadtteilen vertreten.

Eine Ausstellung im McCord Stewart Museum zeigt die Geschichte der Restaurants in Montreal seit den 1960er-Jahren. Beim Besuch wird schnell klar: Essen und Restaurants haben Kultur und Identität der Stadt maßgeblich geprägt.

Wenn du neu bist in einer Millionenstadt und keine Menschenseele kennst, freust du dich über jede Bekanntschaft. Ein Typ namens Jean war die erste Person, die mich in die Montrealer Restaurant-Szene eingeführt hat. Irgendwann landeten wir morgens um halb zwei bei „Schwartz’s Delicatessen“, einem Smoked-Meat-Diner am Boulevard St. Laurent.

Was aus Jean geworden ist, weiß ich nicht. „Schwartz’s“ gibt es noch immer, in zwei Jahren feiert das Lokal sein 100-jähriges Jubiläum. Frank, der freundliche Kerl im Bannerfoto, geht demnächst in den Ruhestand. Wir kennen uns seit gut 40 Jahren. Bei meinem ersten Besuch war Frank noch „Meat Cutter“. Heute ist er der Boss.

Sonst hat sich seit meinem ersten Besuch nichts verändert. Noch immer warten zu fast jeder Tages- und Nachtzeit Menschenschlangen auf Einlass. Seitdem „Schwartz’s“ in jedem Reiseführer als „das Lokal, das Celine Dion gekauft hat“ steht, ist der Run auf den Diner noch größer geworden.

Essen und Trinken waren für die Millionen von Montrealern schon immer wichtig. Die Taverne an der Ecke, das Bistro in der Altstadt, die Pizzeria in Little Italy und das Steak-Restaurant in so gut wie jedem Stadtteil – sie alle gehörten zu Montreal wie der Sankt-Lorenz-Strom, der Sprachenstreit und die Leidenschaft für Eishockey.

Ein regelrechter Boom an Restaurants, Kneipen und Bars setzte mit „Expo 67“ ein. Die Weltausstellung brachte nicht nur Millionen Besucher in die Stadt, sondern auch viele neue Geschäftsideen. So eröffnete an der Ecke Boulevard René-Lévesque/Rue St. Denis ein Deutscher namens Georg Reiss eine Art Hofbräuhaus.

Schunkeln und Bier im „Alt München“

Es nannte sich zunächst „Alt München“. Später, als die frankokanadischen Separatisten das Sagen hatten, wurde „Le Vieux Munich“ daraus. Es bot Platz für 1200 Trink- und Schunkelfreudige. Serviert wurden Schweinshaxen, Knödelsuppe, Bier vom Fass und Bratwürste vom Grill. 1995 war ausgedirndelt.

Hatten sich die besten und teuersten Restaurants zunächst noch in den feinsten Hotels der Stadt niedergelassen, so zogen die Sterneköche nach und nach aus dem Zentrum in die Szenenviertel.

So gelten in unserem Stadtteil St. Henri gleich zwei Lokale um die Ecke zu den angesagtesten in Montreal: „Joe Beef“ gehört zur Topliga, wenn es um Steak & Seafood geht. Ins „Liverpool House“, unmittelbar daneben, lud Justin Trudeau einst Barack Obama zum Mittagessen ein.

Viele Jahre später machte der frühere kanadische Premierminister ein anderes Restaurant zum Szenen-Hotspot. Seitdem Justin an der Seite von Katy Perry im „Le Violon“ gesichtet wurde, kann sich der Besitzer vor Bestellungen nicht mehr retten. Wer sich für das Menü der beiden Turteltauben interessiert: Es gab Thunfisch, Beef Tatar, Hummer und Lamm. 

Überhaupt Promis: Einer der Nachtschwärmer, der regelmäßig in Montrealer Diners eher schlichten kulinarischen Genüssen nachging, war Leonard Cohen. Natürlich widmete das McCord Stewart Museum auch ihm eine Video-Sequenz.

Die Ausstellung im McCord Stewart Museum heißt „On the Menu – Montreal: A Restaurant Story“ und ist noch bis Oktober 2026 geöffnet.

Nachtschwärmer unter sich: Video-Sequenz mit Leonard Cohen
Restaurant-Ausstellung im McCord Stewart Museum: 5000 in einer Stadt. Alle Fotos: Bopp

Käpt’n Kujack: Fan im Cockpit

„Werder“-Liebe hoch über den Wolken: Käpt’n Kujack im Airbus.

Wenn der Flugkapitän wieder einmal im grün-weißen Spielerdress zwischen München, Tokio, New York oder Singapur unterwegs war, wusste der Rest der Crew: Heute spielt Werder Bremen. Dann saß mein Freund Jörg mit Werder-Jersey und aufgeklebten Schulterklappen im Cockpit.

Käpt’n Kujack, der inzwischen seinen Ruhestand in Baden-Baden genießt, ist der größte Fan, den der Klub je hatte.

Wie groß? So groß, dass er jetzt einen Schreibwettbewerb bei Werder Bremen gewonnen hat. Im Herbst hatte der Klub seine Fangemeinde aufgefordert: „Schildere uns die Entstehung Deiner Werder-Liebe“. Jeder konnte einen Text mit Fotos einreichen. Jörg war einer der Gewinner.

Zur Belohnung wurde er gestern nach Bremen eingeladen. Zum Spiel, zur Stadionführung, ins Museum und zu einem Essen mit alten Werder-Legenden.

Der Zeitpunkt für die Einladung hätte nicht besser sein können. Nach einem langen Negativlauf ohne Sieg hat Bremen gestern einen wichtigen 2:0-Erfolg gegen den 1. FC Heidenheim im Abstiegskampf eingefahren und sich dadurch in der Tabelle etwas Luft verschafft.

So wie mein Freund nicht irgendein Flugkapitän war, ist Werder Bremen nicht irgendein Fußballverein. Die Grün-Weißen gehörten 1963/64 zu den Gründungsmitgliedern und spielen seither mit nur zwei kurzen Intermezzi in der Bundesliga.

Hier ist der Text, der Jörg die Einladung nach Bremen brachte:

Es begann alles mit meinem Kinderzimmer. Wenn ich aus dem Fenster guckte, sah ich jeden Tag über dem Werdersee-Deich die vier Flutlichtmasten. Ich lernte, ein Spiel akustisch zu „lesen“. Bei Nordwestwind konnte ich absolut sicher sagen, wie viele Werder-Tore gefallen waren, bei den Gegentoren war es schon schwieriger.

Dass Werder 1965 Deutscher Meister wurde, hat dann sehr geholfen. Denn die Erlaubnis, allein ins Weserstadion zu dürfen, war danach nicht mehr aufzuhalten. Ich war damals acht. Erstes Spiel im Stadion: August 1965 gegen Nürnberg.

Mit meinem Kinderfahrrad und der Werder-Fahne von Habenhausen aus mit der Sielwallfähre über die Weser. So ging das jahrelang jeden zweiten Sonnabend.

Studium, Berufsausbildung, die ersten Jahre im Job, alles in Süddeutschland, weit weg von Werder, aber nicht völlig, es gab ja immerhin Radio und die Sportschau im Ersten. 1980 dann der Hammer, Lufthansa nimmt mich für die Pilotenausbildung. Das hieß: LH-Flugschule in Bremen. Werder war voll wieder da und ich im Stadion.

Bin dann als Kapitän etwas später vierzig Jahre durch die Welt geflogen, das Trikot immer im Koffer, zeitgleich zu den Spielen hab ich’s dann angezogen, als Glücksbringer. Weil das in Tokio mitunter etwas schwierig war, morgens um zwei oder drei, fing ich dann an, im Trikot zu schlafen.

Es hat mitunter viel Glück gebracht, manchmal im Stadion, oft unterwegs. Man denke nur an all die „Wunder von der Weser“. Ich war dabei. Als Otto dann zu Bayern ging, bin ich noch am gleichen Tag Werder-Mitglied geworden. Nach dem Motto: Jetzt erst recht!

Ab dem Double 2004 hab ich das Trikot dann auch im Cockpit getragen, ganz normal über dem Uniformhemd (siehe Foto). Nach Werder-Siegen schlafe ich nach wie vor darin, auch fünf Jahre nach der Pensionierung. Alles Aberglaube.

Meine Freundin fand es am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig, mittlerweile ist es quasi Alltag, also am Wochenende.

Was für ein Verein! Mal jubeln, mal zittern. Mal rauf, mal runter. Nie langweilig. Und die letzten zehn Minuten immer nah am Herzkasper.

So entsteht Liebe.

Dass Jörg den Schreibwettbewerb gewonnen hat, dürfte keinen wundern, der die Laufbahn meines Kumpels kennt. Vor seiner Karriere als Lufthansa-Kapitän war er Absolvent der Deutschen Journalistenschule in München. Danach „Stern“-Reporter und Moderator bei SWF3.

Und immer dabei: das grün-weiße Trikot von Werder Bremen.

Man nennt es Liebe.

Super-Fan Kujack gestern im Weserstadion.