Es wird: Der Frühling zieht langsam, ganz langsam auch in Montreal ein. Noch ziert sich der Fluss vor unserem Gebäude noch ein wenig, sein eisiges Kleid abzulegen. Aber mit jedem Tag, jedem Sonnenstrahl wird die Schicht dünner.
Der erste längere Spaziergang des Jahres ging – wohin sonst? – an den Alten Hafen. Noch warten keine fetten Kähne aufs Auslaufen, dafür werden ein paar Passagierschiffe reisefertig gemacht. Die Planken werden gewienert, die Rostflecken mit Farbe übertüncht.
Auch an den Kaimauern wurde gearbeitet. Um Platz für die Arbeiter zu schaffen, mussten vorher riesige Eisplatten entfernt werden. Bis die allerdings weggetaut sind, wird es noch eine Zeitlang dauern.
Und plötzlich stand irgendwann diese Woche Matt vor mir. Einfach so. Matt Holubowski, Cassians Jugendfreund und inzwischen bekannter Singer/Songwriter. Mit einem Stapel Bücher unterm Arm sind wir uns in meinem Stammcafé Indigo begegnet und verplauderten einen halben Nachmittag – so lange, bis wir beide der Meinung waren: Wir haben’s geschafft! Die Welt ist gerettet. Oder doch nicht?
Wenn schon nicht die Welt mit sich im Reinen ist, dann vielleicht das Weltall? Der Mond sogar? Artemis II – die bemannte Mission, die wieder Menschen auf einen Flug um den Mond bringt – ist am 1. April erfolgreich gestartet – sogar mit einem Kanadier an Bord. Poppy durfte bei diesem historischen Ereignis nicht fehlen. Sie war begeistert.
Oder, wie man im Englischen sagt: She was over the moon!
Rechtzeitig vor Beginn der Frankfurter Buchmesse, bei der ich selbstverständlich auch in diesem Jahr wieder aus meinen diversen, weltweit vergriffenen Bestsellern lesen werde, ist es mir ein Bedürfnis, meiner hochgeschätzten Blog-Gemeinde heute ein Werk von geradezu epochaler Bedeutung ans Herz zu legen: „Der Große Luca“
Dieses „geniale Zauberbuch für Kinder und neugierige Erwachsene stellt alles in den Schatten, was bislang unter Literatur firmierte“ (New Yorker Bote). Nachdem die Lit.Cologne bei meiner Lesung wegen Überfüllung schließen musste, hat sich die höchst bietende Frankfurter Buchmesse bereiterklärt, einen erneuten Anlauf zu unternehmen, um dem zu erwartenden Ansturm gerecht zu werden. Eine Sonderschicht von Sicherheitskräften soll die prognostizierten Menschenmassen in geordnete Bahnen lenken.
Leserinnen und Leser in aller Welt berichten, dass sie sich der Magie dieses Werkes nicht entziehen konnten. „Der Unterhaltungswert Ihres Buches lässt Harry Potter wie einen Groschenroman aussehen“, schreibt ein Leser aus Timbuktu. Eine Dame aus Transsilvanien: „Ein Leben ohne dieses Buch ist zwar möglich – aber ist es wirklich lebenswert?“
Aus Hindonesien erreichte mich per Flaschenpost die Nachricht des dortigen Kultusministers: „Wir planen, die Bibliotheken des Landes wegen des zu erwartenden Ansturms zeitnah aus WHO-Mitteln zu erweitern.“ Dem Schreiben lag eine Bestellung der hindonesischen Regierung über weitere 99.999 Exemplare bei.
Langjährige Blog-Leserinnen und -Leser kennen mich seit vielen Jahren als verlässlichen Ratgeber in literarischen und sonstigen Fragen. Der heutige Hinweis könnte ihr Leben nachhaltig verändern: Greifen Sie zu, solange der virtuelle Vorrat reicht! Schon bald wird das Buch nur noch als Raubkopie oder in musealen Vitrinen zu finden sein.
Leider ist „Der große Luca“ nur noch als PDF erhältlich. Dafür wurde der Preis aus circensischem Anlass von 40,99 Euro auf 00.00 Euro reduziert. Sie haben richtig gelesen: Das pulitzerpreisverdächtige Werk gibt es ab sofort zum Nulltarif. Verlagstext: „Günstiger war es noch nie, sich auf so magische Weise verführen zu lassen.“
Leserinnen und Leser weltweit können >>HIER<< versuchen, „DER GROSSE LUCA“ als PDF herunterzuladen. Bitte haben Sie etwas Geduld. Der Server könnte unter der geballten Leselast zusammengebrochen sein.
Der nette Opa: So sieht ChatGPT mich als Hundertjährigen.
Jetzt ist auch noch der letzte gute Freund in den Ruhestand gegangen. Stephan und ich kennen uns zwar erst seit 25 Jahren – gefühlt wie ein langer Urlaub im Vergleich zu einigen anderen Freundschaften, die ich pflege –, aber 25 Jahre sind ein Vierteljahrhundert. Und das ist viel.
In diesem Blogpost soll es nicht um Stephan gehen und auch nicht um Peter, Christa, Frank, Michael, Chris, Uli, Marc, Doug, Josef und Jörg, die inzwischen alle ihre Rente beziehen. Es geht auch nicht um Freundinnen und Freunde aus der Verwandtschaft wie Margret oder Ralf. Auch nicht um Philipp, der noch gut im Saft steht, aber irgendwann auch in Pension gehen wird.
Es geht um den Umgang mit dem Alter. Und damit um uns alle.
Wann ist man eigentlich alt? Bewusst konfrontiert worden bin ich mit dieser Frage zum ersten Mal, als ich mit unserem damals noch kleinen Sohn in die Klinik musste und die Kinderärztin mit Jeans und Sneakers, Kaugummi kauend, auf dem Fenstersims sitzend ihre Diagnose gab.
„Aha“, sagte Lore hinterher, „jetzt sind wir alt“. Damals waren wir Anfang 40.
Bis dahin waren Ärzte für mich weise, ältere Menschen im weißen Kittel, deren Autorität ich mit der von Astronauten oder Bundeskanzlern gleichsetzte. Naja, nicht mit jedem Bundeskanzler. Aber mit jedem Astronauten.
In meinem Stammcafé setzte sich neulich eine, wie ich dachte, nicht mehr ganz junge Frau neben mich und sagte: „You look like my grandpa“. Sie muss meinen konsternierten Blick gesehen haben, als sie blitzschnell nachschob: ihr Opa sei aber total nett. Nachdem sich die Schockstarre langsam löste, wagte ich, nach ihrem Alter zu fragen: 25 sei sie. Ich rechnete nach: Könnte hinhauen mit dem netten Opa.
Hilfe, ich bin alt.
Im „Stern“ lese ich eben folgende Tipps, richtig mit dem Alter umzugehen: „Liebe und Intimität. Familie und Freunde. Dankbarkeit. Zufriedenheit. Vertrauen. Ein bisschen Demut. Wenig Schmerzen. Humor. Ein Hobby. Genug Geld, um zurechtzukommen. Ein sicherer Ort. Glaube und Spiritualität. Musik. Mitunter auch Frikadellen und ein kaltes Bier am Abend.“
Das mit dem kalten Bier, der Demut, den Schmerzen und dem Glauben lasse ich jetzt mal so stehen. Der Rest? Da ist was dran.
Mit dem Alter kommt der Gedanke an die Vergänglichkeit. Mein Freund Jörg, der noch bis vor ein paar Jahren als Langstrecken-Kapitän richtig große Brummer durch die Luft schipperte, wurde am Wochenende aus der Uniklinik entlassen. Er litt an einer lebensbedrohlichen kurzzeitigen Super-Infektion und ist dankbar, dass er „dem da oben“ noch einmal von der Schippe gesprungen ist.
Jörg und krank? Das passte bisher so wenig in meinen Kopf wie Kriegstreiber und Friedensnobelpreis. Aber beides ist inzwischen denkbar.
Warum kommen in den Medien eigentlich nie alte Leute zu Wort, wenn es um das Alter geht? Menschen, die sagen, wie es ist: Morgens tun die Knochen weh, mittags brauchst du ein Nickerchen, abends hast du Probleme beim Einschlafen. Hast du’s dann endlich geschafft, meldet sich auch schon die Pinkelblase.
Der Kollege vom „Stern“ erwähnt in seiner Kolumne sein Pillenkästchen, in dem sich zwei Tabletten für jeden Tag finden: Cholesterinsenker und Vitamin D. Jetzt fühle er sich alt, schreibt er. Er ist 52. Seine 18jährige Tochter tröstet ihn: Er sei nicht alt, nur morsch.
In meinem Pillenkasten stapeln sich 21 Tabletten. Ich bin 77. Und morsch. Und alt. Aber sonst ganz nett.
Am 19. März ist Vaters Todestag (1914–1994). Zeit, ein wenig im Familienarchiv zu stöbern. Wobei: Gestöbert habe nicht ich, sondern mein Kumpel Johannes Lutz. In Ummendorf gilt er – zusammen mit meinem ehemaligen Nachbarn Josef Angele – als so etwas wie das historische Gewissen meiner Heimatgemeinde.
Ob Lebende, Verstorbene oder solche, die demnächst das Licht der Welt erblicken werden – Johannes und Josef wissen Bescheid. Und natürlich kennen sie auch meine Familiengeschichte. Josef, weil er wie ich in der Saarstraße groß geworden ist. Johannes, weil er als geschichtsbeflissener Ummendorfer die Hand am Puls des Lebens (und Sterbens) meines Geburtsortes hat.
Vor ein paar Tagen landete Johannes einen kleinen Coup. Für die meisten Menschen nichts Weltbewegendes, für mich aber war sein Fund Gold wert: eine Rechnung aus dem Jahr 1957, die mein Vater als Malermeister geschrieben hatte. Sie ging an die Gemeindeverwaltung Ummendorf. Der Betrag: 2,60 DM für ein Kilo weiße Lackfarbe.
Bemerkenswert an dieser Rechnung ist nicht nur das Jahr, in dem sie geschrieben wurde – ich war damals gerade acht Jahre alt –, sondern auch die Anzahl der Stempel und Unterschriften, die für einen nach heutigen Maßstäben lächerlichen Betrag nötig waren. Für 2,60 DM, so flüstert mir das Internet, bekam man 1957 sechs Liter Milch, 17 Eier oder fünf Kilo Kartoffeln. Oder eben ein Kilo weiße Farbe beim Maler Bopp.
Unser Sohn Cassian, der gerade mal sieben war, als sein Großvater starb, stellte beim Anblick der Rechnungen zwei Fragen: „Hatte mein Opa sein eigenes Logo?“ Und: „Was ist ein moderner Schildermaler?“
Nein, der Malerbetrieb Bopp hatte kein eigenes Logo. Das Zeichen auf dem Briefkopf ist wohl das der Malerinnung innerhalb der Handwerkskammer. Nicht jeder durfte diese Insignien führen. Offenbar hatte sich mein Vater in der Innung verdient gemacht.
Und der „moderne Schildmaler“? Das war jemand, der Schilder für Kaufläden, Gaststätten und andere Betriebe entwarf und sie mit Hand malte. Ob modern oder nicht – wer will das heute noch beurteilen? Ich erinnere mich, dass ich unser eigenes Firmenschild, das vor dem kleinen Betrieb in der Saarstraße prangte, immer ziemlich cool fand.
Mal Maler, mal Gentleman: Anton Bopp
Ob es das tatsächlich war, wüsste vielleicht mein Bruder Eberhard. Als Vater in Rente ging, übernahm er den elterlichen Betrieb. Leider kann ich Eberhard nicht mehr fragen. Er ist im April vergangenen Jahres gestorben.
Wenn Vater Schriften malte, wollte er nicht gestört werden. Dann stand er nach vorne gebeugt über dem Schild, mit einem dünnen Holzstab in der einen und dem Pinsel in der anderen Hand. Das Ende des Malstocks bildete ein Stoffballen, der dazu diente, die Hand auf dem Stab abzustützen und präzise Linien zu ziehen. Ich hätte ihm stundenlang zuschauen können, dem „modernen Schildmaler“ von der Saarstraße.
Ob die Schilder, die er malte, modern, altmodisch, cool oder gar kultig waren – das spielt heute keine Rolle mehr. Wichtig ist, dass Vater auch 32 Jahre nach seinem Tod nicht vergessen ist.
Und dass es Menschen wie Johannes und Josef gibt, die dafür sorgen, dass „der Malermeister Bopp“ seinen Platz in den Geschichtsbüchern von Ummendorf gefunden hat.
Geschichte und Geschichten aus Ummendorf: Josef Angele (links) und Johannes Lutz
Weil so viele von euch danach gefragt haben: Wir sind noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen. Draußen stürmt es noch immer, und die Temperaturen bewegen sich um den Gefrierpunkt, aber es hat aufgehört zu regnen.
Eine der wichtigen Brücken über den Sankt-Lorenz-Strom – die Pont Jacques-Cartier – war während der Rushhour zeitweise gesperrt. Eisbrocken hatten sich aus der Metallkonstruktion gelöst und waren auf fahrende Autos gestürzt. Auf der zweiten großen Brücke kam es zu kleineren Unfällen, sodass sich der Verkehr bis zu einem Kilometer zurückstaute. (Kommentar eines befreundeten Blog-Lesers: „1 KM Stau nennen wir in Köln „fließenden Verkehr“.)
Etwa 200.000 Haushalte sind noch immer ohne Strom. Elektroleitungen, die hier vielerorts noch oberirdisch verlaufen, sind unter der Last der Eisschicht gerissen. 200.000 hört sich viel an, aber im Vergleich zu den vier Millionen Haushalten, die 1998 ohne Elektrizität waren, ist das eine verschwindend kleine Zahl. Wir selbst hatten – bis auf ein kurzes Flackern – immer Strom.
Ein Mann um die 80 ist in einem Stadtteil am Südufer des Sankt-Lorenz-Stroms ums Leben gekommen. Vermutlich hat er einen Stromschlag erlitten. Einzelheiten müssen noch geklärt werden.
Die Autobahnen rund um Montreal sind weitgehend eisfrei. Auf einzelnen Streckenabschnitten kommt es allerdings zu Blitzeis. Die Sicherheitsbehörden appellieren an die Autofahrer, sich nur dann hinters Steuer zu setzen, wenn es unbedingt nötig ist.
Hier in der Innenstadt von Montreal sind die Hauptstraßen geräumt und eisfrei. Auf den Gehwegen gibt es allerdings noch vereiste Stellen. Auch hier wird gewarnt: Vor allem Ältere und Gehbehinderte sollten nach Möglichkeit zu Hause bleiben.