9/11: Jedes Jahr Gänsehaut

Die SCHWÄBISCHE ZEITUNG erinnert an den „Ummendorfer, der aus New York berichtete“.

Gänsehaut. Jedes Mal am 11. September bekomme ich Gänsehaut. Das geht jetzt schon seit 25 Jahren so. Ich erinnere mich dann daran, wie ich fast zwei Wochen lang für den WDR aus New York über die Folgen der Terroranschläge berichtete.

Der Chef der WDR-Internetredaktion, Stephan Moll, hatte mich damals nach New York beordert. Es war ein Reportereinsatz wie kein anderer. Der Luftraum über Nordamerika war geschlossen. Ich fuhr mit der Bahn von Montreal nach New York City. Erst nach und nach konnten Korrespondenten aus aller Welt zum Ort des Geschehens reisen.

Hier ist die erste von vielen Reportagen, die ich nach den Terroranschlägen aus New-York schrieb:

Du kommst nach New York und du denkst, du hast schon alles gesehen: die Trümmer, das Elend, den Schmerz. Du glaubst, du kennst sie vom Fernsehen: die verzerrten Gesichter der Verletzten, die verdreckten Leiber der Geretteten, den schluchzenden Polizisten und auch die alte Frau, die schlicht den Verstand verloren hat, als sie durchs Küchenfenster einen Feuerball sah, dort, wo doch eigentlich die Sonne hingehörte.

Du denkst, die Fernsehbilder, die deine sonst so heile Welt jetzt schon seit Tagen durch den Fleischwolf drehen, hätten dich gewappnet für den Besuch in der Hölle. Du irrst. Jetzt stehst du plötzlich mitten in Manhattan und du weißt: Es gibt immer noch Steigerungsmöglichkeiten. Vor allem nach unten.

Willkommen in New York! Was dich empfängt, ist die geköpfte Skyline einer verwundeten Stadt. Das Begrüßungskomitee hat ausgedient. Die Zwillinge, drunten am Battery Park, werden dir nie wieder den Mittellfinger zeigen können. Fanatische Henker haben die beiden Türme aus der Luft gefällt. Seither ist Manhattan ärmer.

Du schluckst. Du versuchst, dich an deinen letzten Besuch im Big Apple zu erinnern. Auch damals war die Welt nicht in Ordnung in New York. Das soziale Tohuwabohu dieses Molochs passte noch nie zum American Way of Life. Aber New York ist eben New York. Dazu gehört das programmierte Chaos wie die Würstchenverkäufer, die an jeder Ecke Frankfurter verkaufen, die auf gut Deutsch doch Hotdogs heißen.

Am liebsten hättest du damals unter der Brooklyn Bridge Quartier bezogen, um nur noch Sonnenuntergängen nachzusehen. Nirgendwo in New York sieht man die Sonne schöner untergehen als hinter diesem Wunderwerk aus rostigem Stahl und fleckigem Beton. Heute ist der Himmel hinter der Brücke wolkenverhangen. Rauchwolkenverhangen. Selbst das haben die Mörder von Manhattan geschafft.

Die beißende Luft, die bissigen Polizisten – selbst die Prostituierten am Times Square binden sich Masken um Mund und Nase. Sein wahres Gesicht trägt New York in diesen Horrortagen hinter verrotzten Mullbinden. Auch das ein Werk der Monsterkiller von Manhattan.

Zehn Stunden bist du mit dem Zug aus Kanada kommend unterwegs gewesen, weil sie dir kein Flugticket verkaufen, das nach Amerika führt. Dann steigst du an Penn Station aus, im Bauch des Madison Square Garden, und verspürst so etwas wie Demut, dass du hier bist. Fast hättest du gelacht, als dir ein Penner für zwei Dollar die Stars and Stripes auf Halbmast verkaufen will. Fast. Und weil es zum Lachen nicht reicht und du in New York bist, bekommst du feuchte Augen. Diesmal nicht vom Trümmerstaub.

Das „New Yorker Tagebuch“ wurde später in Berlin mit dem „New Media Award“ ausgezeichnet. Hier gibt’s die Reportagen in gebündelter Form.

Mein Freund, der die Arktis liebte

Mit 72 Jahren gestorben: Mein Freund und Kollege Gerd Braune.

Wenn Kollegen in den Ruhestand gehen, freue ich mich mit ihnen. Sie haben es verdient, gefeiert zu werden. Ein Leben als Journalist ist nicht immer so glamourös, wie es sich anhört. Wenn Kollegen aber in den Ruhestand gehen und kurz danach sterben, ist das einfach nur furchtbar. Genau das ist jetzt mit meinem Freund Gerd Braune passiert.

Er war, wie jedes Jahr, mit seiner Frau Ute und ein paar kanadischen Freunden zu einer Radtour von Ottawa nach Deutschland geflogen. In Rothenburg ob der Tauber ging es los. Doch schon kurz nach dem Start kam es zur Katastrophe. In einem Waldstück außerhalb von Rothenburg fiel Gerd vom Rad. Einfach so. Seine Freunde, die ihn auf der Radtour begleiteten, konnten nur noch seinen Tod feststellen. Vermutlich war es ein Herzinfarkt. Gerd Braune wurde gerade mal 72 Jahre alt. Wir kannten uns seit 29 Jahren.

„Gerd und Ute kommen.“ Was war das immer für eine Freude, wenn sich die beiden aus Ottawa bei uns angekündigt haben! Wir wussten: Das wird ein Fest. Man tafelte und trank, man redete, hörte zu und redete weiter. Über den Job, die Familie oder einfach nur über das Leben eines Korrespondenten in Kanada.

Oft endete so eine Konversation mit einem schallenden Gelächter. Gerd lachte gerne. Sein Humor war meiner. Jetzt ist Gerd tot und wir können es immer noch nicht fassen.

Gerd als „befreundeten Kollegen“ zu bezeichnen, wird unserer Beziehung nicht gerecht. Gerd war ein Freund, der zufällig auch ein Kollege war. Er deckte das Kanada-Geschehen für zahlreiche Printmedien ab, während ich Hörfunk und manchmal auch Fernsehen bediente.

Sein Herz schlug für die indigenen Völker dieses Landes – und für die Arktis. Immer wieder die Arktis. Wie oft er in den höchsten Norden des amerikanischen Kontinents gereist ist, weiß ich nicht. Aber ich weiß, wie seine Augen strahlten, wenn er wieder von einer dieser Reisen zurückkam und darüber schrieb – nicht nur für Zeitungen, sondern auch für einen Verlag.

Ich glaube, was Gerd und mich mehr als alles andere verband, war eine Art stille Bewunderung füreinander. Ich bewunderte die Akribie, mit der er seine Texte recherchierte und schrieb. Bei mir war es vielleicht die Leichtigkeit des Schreibens, die er mochte.

Wir waren Kollegen, ja, genau genommen sogar Konkurrenten. Wir beide lebten davon, Kanada-Themen an deutsche Medien zu verkaufen. Aber wir kamen uns nie in die Haare. Nicht ein einziges Mal. Im Gegenteil. Manchmal schoben wir uns Themen zu, die dem anderen besser lagen.

Wirtschaftsthemen waren nie mein Ding. Gerd beherrschte sie aus dem Effeff. Umgekehrt gingen mir bunte Geschichten leichter von der Hand als Gerd. Also bedienten wir uns gegenseitig unserer Vorlieben. Ach, wenn das ganze Berufsleben nur so leicht gewesen wäre wie der Umgang mit Gerd. Es war ein Fest, ihn als Kollegen im selben Land zu wissen. Kanada war unsere gemeinsame Leidenschaft.

In einem Punkt waren wir allerdings nie einer Meinung. Gerd liebte Blutwurst. Mir kann sie gestohlen bleiben. Wir wohnen neben der Markthalle. Dort deckte er sich stets mit boudin noir ein, wenn er uns in Montreal besuchte.

Auch an der deutschen Metzgerei Frick in Lacolle führte fast nie ein Weg vorbei, wenn Gerd und Ute uns auf der Farm einen Besuch abstatteten. Dort hat es mein Freund Gerd sogar zu einer kleinen Berühmtheit gebracht. Gleich am Eingang rechts hängt ein gerahmter Zeitungsartikel, den er vor Jahren einmal über die „Charcuterie Frick“ geschrieben hatte. Dort ist man noch heute stolz auf den Besuch des Reporters aus Ottawa.

Gerd liebte das Leben. Und er liebte seine Familie. Ute, seine Frau. Und Johannes, seinen Sohn, der seine neue Stelle als Berufsdiplomat an der Deutschen Botschaft in Bogotá erst vor wenigen Wochen angetreten hatte. Er, seine Frau Christine und ihre beiden Kinder hatten sich auf den ersten Besuch in Kolumbien gefreut. Und natürlich galt Gerds Liebe auch Melanie, seiner Tochter, die in Berlin lebt und so oft wie möglich nach Ottawa kam, um ihre Eltern zu besuchen.

Man sagt das so leicht: Gerd wird in unseren Herzen weiterleben. Aber ich weiß, dass es so sein wird. Wie könnte man einen wie ihn vergessen? Er war der Ruhepol, wenn es im Korrespondenten-Tohuwabohu mal wieder allzu verrückt zuging. Er war der Kollege, der den Überblick bewahrte, der stets faire Konkurrent. Er war der Genießer, wenn das Essen auf den Tisch kam. Der Zauberer der Worte, wenn es um Kanada ging.

Vor allem aber war Gerd unser Freund.

Seine Leidenschaft galt Kanada: Gerd Braune in der Arktis. (Fotos: privat)

Von den zahlreichen Nachrufen, die über Gerd Braune erschienen sind, möchte ich Ihnen diesen besonders ans Herz legen. Er ist im TAGESSPIEGEL erschienen.

Ein Cowboy in der Großstadt

Diesmal hört die Woche am Montag auf: Ein Spätsommertag mit Bungee-Landung im Alten Hafen. Ein Spaziergang über den Straßenmarkt auf dem Boulevard St. Laurent und weiter auf der Avenue Mont-Royal – ganz hinten der Olympiaturm.

Blumen und Weintrauben, Stadt und Land. Und irgendwo im Großstadtdschungel sogar eine Begegnung mit einem richtigen Cowboy vom Dorf. Ein zaghafter Versuch, doch wieder aufs Rad zu steigen – nur ein bisschen, ganz vorsichtig und gar nicht weit. Bisher ist alles gut gegangen.

Und Poppy, die Arme? Sie musste operiert werden, damit es nicht noch mehr süße Poppys gibt. Jetzt schläft sie für zwei Wochen mit Halskrause.

Wo bleibt mein „Wordle“-Partner?

Von Wordle haben Sie bestimmt schon gehört. Es ist eines der beliebtesten Rätsel der Welt. Allein die Wordle-Version der New York Times wird täglich von 11,5 Millionen Menschen gespielt. Ich bin einer davon.

In den letzten 1235 Tagen habe ich Wordle nur dreimal verpasst. Das war vor zwei Jahren, als ich nach einer ziemlich heftigen Operation im Krankenhaus lag.

Seither spiele ich Wordle wieder jeden Morgen gleich nach dem Aufwachen, noch vor der Zeitungslektüre. Mein Ergebnis teile ich Tag für Tag mit meinem Freund Doug. Wir haben im Laufe der Zeit ein kleines Ritual daraus gemacht, das keiner von uns missen möchte.

Aber seit elf Tagen fehlt mir mein Wordle-Partner. Zurzeit liegt Doug im Krankenhaus, und ich vermisse ihn sehr. Nicht nur wegen Wordle. Morgens, wenn ich mich über mein Ergebnis freue – oder auch ärgere -, fehlt mir mein virtueller Mitspieler ganz besonders.

Wo ist Doug, wenn ich ihn am meisten brauche?

Ich spiele Wordle täglich in fünf Versionen: New York Times, SPIEGEL, Süddeutsche Zeitung, Wördle Deutschland und WordleFR, das ist die französische Version.

Am heftigsten finde ich die SZ-Variante. Da tauchen manchmal Wörter auf, die ich noch nie gehört habe. Oft haben sie einen bayerischen Zungenschlag. Das finde ich fies. Ich bin zwar an der bayerischen Grenze aufgewachsen, aber in der englischen Sprache kenne ich mich besser aus als im Wiesn-Wördle.

Die Spielregeln von Wordle sind in jeder Version gleich und denkbar einfach: Du musst ein Wort mit fünf Buchstaben in maximal sechs Versuchen erraten. Nach jedem Versuch zeigen Farben, welche Buchstaben richtig sind und ob sie auch an der richtigen Stelle stehen.

Wordle mag Statistiken. Deshalb weiß ich auch, dass ich in den letzten drei Jahren und 140 Tagen in genau 86 Prozent aller Fälle das Lösungswort gefunden habe.

Zurzeit hänge ich allerdings ziemlich in den Seilen. Meine „Streaks“, also die Zahl der Spiele, die ich hintereinander gelöst habe, sehen ziemlich mau aus. Vielleicht liegt es daran, dass mir eine ernsthafte Konkurrenz fehlt.

Doug ist ein verbissener Konkurrent. Einmal hat er es geschafft, ungaubliche 167 Spiele hintereinander zu lösen. Von solchen Zahlen träumt unsereins nur. Meine bisher beste Serie hört bei 68 auf. Zurzeit liege ich bei sieben. Wish me luck!

Anfang der Woche habe ich neuen Aufwind bekommen. Das Lösungswort lautete „GLÜCK“, und ich habe es bei der Süddeutschen schon im zweiten Versuch geschafft.

So ein Glückserlebnis spornt an. Vielleicht beflügelt es ja auch meinen Kumpel Doug ein wenig bei seiner Genesung. Wir alle würden es ihm von Herzen wünschen.

Good Luck, Doug! Wordle is waiting for you. And so are we. 🍀

Das Geheimnis des Mopedfahrers

Es gibt da diese Geschichte, die ich gerne loswerden möchte. Aber ich weiß noch gar nicht genau, wie ich sie erzählen soll. Vielleicht fange ich einfach so an: Seit einiger Zeit gibt mir ein Mopedfahrer Rätsel auf. Und das ist gut so.

Ist es überhaupt ein Moped? Oder doch ein Motorroller? Vielleicht ein Gokart? Jedenfalls begleitet uns jeden Tag irgendetwas im 50- bis 125-Kubikzentimeter-Bereich in den Morgen. Wir sehen den Fahrer nie. Wir hören ihn nur. Jeden Morgen. Fünfmal in der Woche. Seit gut einem Jahr. Um 7:50 Uhr. Manchmal schon um 7:48 Uhr. Niemals um 7:55 Uhr. Der Mann – oder ist es eine Frau? – ist püntklich.

Wo fährt ein Mensch jeden Morgen um zehn vor acht mit einem Moped hin? Wir reden hier nicht von der Großstadt, sondern von einer Farmgegend. Die Landstraße ist wenig befahren.

Eine Zeit lang war ich überzeugt: Es ist ein Schüler. Die Schule im nächsten Dorf ist ziemlich genau zehn Mopedminuten entfernt. Passt also. Um 7:50 Uhr losfahren, zehn Minuten später auf dem Schulhof sein – gerade rechtzeitig zum Beginn des Unterrichts.

Leider haut meine Theorie nicht hin: Der Mopedfahrer fährt auch während der Schulferien.

Vielleicht arbeitet er an der amerikanischen Grenze? Auch die liegt von uns ziemlich genau zehn Moped-Minuten entfernt. New York. Vermont. Ein Mopedfahrer als Grenzbeamter? Hmm … aber warum eigentlich nicht?

Dann vielleicht ein Erntehelfer. Oder eine Erntehelferin. In unserer Gegend gibt es schließlich jede Menge Getreidefarmen. Ein Moped würde Sinn machen. Nur: Wer auf einem Feld arbeitet, muss nicht unbedingt jeden Morgen auf die Minute genau um 8 Uhr dort sein. Oder doch?

Vielleicht arbeitet unser Mopedfahrer beim Holzhändler am Ende der Landstraße. Oder in der Autolackiererei. Oder im Truckstop, wo es rund um die Uhr Kaffee, Burger und Frühstück gibt. Alles zehn Minuten von hier entfernt.

Eben, während ich diese Geschichte schreibe, fällt mir eine Möglichkeit ein, die ich bisher überhaupt nicht berücksichtigt hatte: Vielleicht fährt er gar nicht zur Arbeit. Vielleicht kommt er von dort.

Vielleicht hat er gerade eine Nachtschicht hinter sich und befindet sich um 7:50 Uhr auf dem Heimweg. Todmüde und froh, sich bald schlafen legen zu können. Grenze und Truckstop würden plötzlich wieder Sinn machen. Genial!

„Warum“, werden Sie sich jetzt vermutlich fragen, „gehst du nicht einfach Morgen früh um 7:50 Uhr an die Straße, stoppst ihn und hälst ein Schwätzchen mit deinem Mopedfahrer?“ Die Menschen hier reden gerne. Dann wäre das Rätsel gelöst.

Nur: Ich möchte es gar nicht lösen. Ich möchte mir den Schüler vorstellen, der verschlafen zur Schule knattert, die Grenzbeamtin, die pünktlich ihren Dienst antritt, den Erntehelfer, der schon auf dem Feld erwartet wird, den Holzhändler, den Autolackierer oder den Mann vom Truckstop, der nach seiner Nachtschicht endlich nach Hause darf.

Meinetwegen darf es auch ein Geheimagent sein, der jeden Morgen kurz nach 7:50 Uhr im Trenchcoat zu einem Treffen irgendwo hinter der Grenze unterwegs ist. Top Secret. Das Moped? Reine Tarnung.

Das Geheimnis der schönsten Geheimnisse liegt im Geheimnis selbst. Ich will es nicht lösen. Ich möchte nur, dass der Mopedfahrer morgen wieder an unserem Schlafzimmerfenster vorbeiknattert. Und übermorgen auch. Und nächste Woche auch und nächsten Monat wieder.

Nicht auszudenken, wenn der Mystery Man irgendwann nicht mehr kommen sollte, ohne Tschüss zu sagen. Ich würde mir große Sorgen um ihn machen. Ob ich das Geheimnis doch noch lösen sollte, solange es lösbar ist?

So sehen Rentner-Sorgen aus.