Auf den Spuren von Opa Gaibler

Opas Kirchenbänke in der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt.

So ein Blog hat es in sich. Meistens erfreut er Menschen, hin und wieder bringt er einige auf die Palme. Gelegentlich schmeicheln die Blogposts auch nur dem Ego des Autors. Jetzt aber haben die BLOGHAUSGESCHICHTEN etwas geschafft, wovon viele Politiker nur träumen können: Sie haben Menschen zusammengebracht, die sich teilweise schon lange nicht mehr gesehen haben.

Angefangen hatte alles im Juni mit einer E-Mail von einem Mann namens Stefan Redle. Herr Redle schreibt zurzeit an einer Kirchenchronik – und darin spielt auch mein Opa eine Rolle. Er hat nämlich beim Bau der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt in Dettingen an der Iller im Jahr 1912 das Kirchengestühl angefertigt.

Opa hieß Franz-Josef Gaibler und starb 1974 im Alter von 95 Jahren. In seiner Schreinerei in Dietenwengen, eineinhalb Hügel weit von Ummendorf entfernt, entstanden wunderbare Dinge: kunstvoll gedrechselte Stühle, gemütliche Eckbänke, edle Esstische, verwunschene Deckenzargen, Türen und Fenster.

Unser Opa: Franz-Josef Gaibler (1880 bis 1974)

Und eben auch Kirchenbänke, die später in der Kirche von Dettingen an der Iller landeten. Wie er diese Bänke von Dietenwengen ins 25 Kilometer entfernte Dettingen transportierte, bleibt das Geheimnis von Opa Gaibler. Einen Traktor hat er nicht besessen, ein Pferdefuhrwerk auch nicht. Insgesamt erstreckten sich die Schreinerarbeiten über eineinhalb Jahre. Gekostet haben sie 4000 Mark – nach heutiger Kaufkraft mehrere zehntausend Euro.

Auf diesen Bänken, so versichert der Kirchen-Chronist Stefan Redle, sitze man vortrefflich.

Meine Cousine Margret aus Bad Waldsee wollte es genau wissen. Aus dem jährlichen Geschwistertreffen wurde diesmal kurzerhand zusammen mit ihrer Schwester Liesbeth ein Kirchenbesuch in Dettingen an der Iller. Eingeladen waren auch andere Verwandte, darunter mein Bruder Wolfgang mit Gabi.

Im nahe gelegenen Berkheim wurde, wie es sich für eine schwäbische Ausflugs-Gesellschaft gehört, zunächst zünftig zu Mittag gegessen. Danach ging’s zur Kirche und anschließend zu Kaffee und Kuchen ins Café, um den Tag noch einmal Revue passieren zu lassen.

Margret ist die jüngste Tochter meiner Tante Anna, der Schwester meiner 1967 verstorbenen Mutter Maria. Meine Cousine hat es in ihrer umtriebigen Art geschafft, zusammen mit ihrer Schwester Liesbeth, eine Gruppe von Verwandten in der Größe einer Fußballmannschaft zusammenzutrommeln und mit ihnen gemeinsam zu Opas Kirchenbänken nach Dettingen zu fahren.

Eine zentrale Rolle bei diesem Treffen spielte natürlich der Kirchen-Chronist Stefan Redle. Er führte meine Verwandtschaft durch die Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt, wo Opas Kirchengestühl allseits bestaunt und bewundert wurde.

Schreinermeister Gaibler hätte sich, um im Bild zu bleiben, bestimmt einen Ast gefreut, wenn er diese Gruppenfahrt zu seinen Ehren noch miterlebt hätte. Gut möglich, dass er mit einem Auge über die Kirchen-Pilger wachte.

Dass der Ausflug nach Dettingen ausgerechnet am 30. Juli stattfand, kann kein Zufall sein. Es ist der Geburtstag meiner Mutter.

Und wer weiß? Vielleicht hatte Opa Gaibler ja auch bei der Terminplanung irgendwo seine geschickten Finger im Spiel.

Verwandten-Besuch in der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt.
Probesitzen mit Erinnerungswert: Auf Opa Gaiblers Spuren.
Fachkundige Erläuterungen gab’s von Stefan Redle und Mesner Josef Steinhauser.
Aus dem Geschwistertreffen wurde eine Gruppenreise. Meine Cousinen Margret und Liesbeth mit meinen Cousins Hans und Fred.

>> OPA GAIBLER: SCHREINER UND STORYTELLER <<

Rasender Reporter im VW-Bus

Was man beim Stöbern in der Bilderkiste nicht alles findet: Mein erster VW-Bus, irgendwo in den Rocky Mountains. Als ich 1973 zum ersten Mal nach Kanada kam – lange bevor ich mich schließlich in Montreal niederließ – arbeitete ich drei Jahre lang als Reporter in Winnipeg, Manitoba.

Von dort aus zog ich immer wieder durchs Land, stets auf der Jagd nach der nächsten Geschichte. Mein VW-Bus war Büro, Küche, Wohn- und Schlafzimmer in einem. Viele meiner Reportagen entstanden dort, auf dreieinhalb Quadratmetern.

Auf einer Reiseschreibmaschine, die ich für fünf Dollar in einem Pfandhaus gekauft hatte, tippte ich Artikel für den „Kanada Kurier“, eine deutschsprachige Wochenzeitung in Winnipeg, aber auch schon für Zeitungen und Magazine in Deutschland.

Geschichten aus Kanada waren damals gefragt. Reportagen über Trapper, Goldgräber, Grizzlybären, indigene Völker und die schillernde Premierministergattin Margaret Trudeau fanden ein interessiertes Publikum. Sie erzählten von Freiheit und Abenteuer und machten manchen Leser neugierig auf die Welt da draußen, jenseits des eigenen Horizonts.

Meine Liebe zu Kanada ist geblieben. Mein VW-Bus leider nicht. Nach einer langen Reise quer durch Amerika, von Manitoba bis Texas und zurück, gab der Motor nur 20 Kilometer vor meiner Haustür den Geist auf.

Ich kehrte ins beschauliche Oberschwaben zurück, um als Redakteur zu arbeiten. Doch Kanada ließ mich nicht mehr los und auf Dauer wurde mir die Welt im Süden Deutschlands doch zu klein. Also packte ich ein paar Jahre später erneut meine Koffer und kehrte nach Kanada zurück.

Diesmal, um zu bleiben.

Rasender Reporter: Winnipeg/Manitoba, ca. 1975

Flowerpower in Stadt und Land

Eine Woche wie ein bunter Strauß: frische Blumen vom Bauernhof. Ein herrlich duftender Gugelhupf aus Lores Backstube. Und auf der Avenue Mont-Royal jede Menge Flower Power, wo kräftige Jungs mit ihren akrobatischen Kunststücken – Salto mortale inklusive – die Passanten zum Staunen brachten.

Und auch die Traum-Maschine erfüllt wieder ihren Zweck: Jeden Sommer aufs Neue zieht sie Verliebte, Träumer und Neugierige an. Hand auflegen, kurz warten – und schon erzählt der Automat den ganz persönlichen Traum.

Vor einer hübschen Boutique auf dem Plateau Montréal ist das „Naif“-Foto entstanden.

Im Nachbardorf gab’s noch ein Eis.

Und Poppy? Die war selbstverständlich wieder überall dabei.

Schönes Wochenende!

Kurz mal nach Venedig rüber

Venise-en-Québec – zu Deutsch: Venedig in Québec – hat mit Venedig ungefähr so viel zu tun wie Ummendorf mit Barcelona. Von Gondolieri keine Spur und auch keine Lagunen weit und breit. Dafür Rentnerschaukeln und Harley-Davidsons, die es dort krachen lassen. In diesem pseudo-italienischen Sehnsuchtsort waren wir heute Nachmittag.

Wenn man viel Zeit auf einer Farm an der amerikanischen Grenze verbringt, die USA aus trumpistischen Gründen aber meidet wie der Teufel das Weihwasser, bleibt einem touristisch nicht allzu viel. Zugegeben: Der schönere Teil dieser Gegend liegt jenseits der Grenze, in Vermont oder im Bundesstaat New York. Aber genau dort wollen wir zurzeit nicht hin.

Also auf nach Venise-en-Québec, kaum eine halbe Stunde von Cassians Farm entfernt, wo auch wir viele Wochen im Jahr verbringen.

Der Weg führt von Saint-Bernard-de-Lacolle immer Richtung Osten durch landwirtschaftliches Gebiet. Sattgrüne Wiesen und Maisfelder. Aber keine Industrie, keine Schnellstraße und von McDonald’s keine Spur.

Das ist die gute Nachricht.

Die nicht so gute: In Venise-en-Québec, am Ostufer des Lac Champlain, muss irgendwann irgendjemand beschlossen haben: Charme-Offensiven jedweder Art sind hier strikt verboten!

Es ist nicht etwa so, dass dieser rund 2.000 Einwohner zählende Ort nicht das Potenzial zu einem schnuckeligen Dorf am Wasser hätte – durchaus. Aber die meist gesichtslosen Häuser entlang der Uferstraße signalisieren dem Besucher, der einen Hauch von Italien erwartet, vom ersten Moment an: Bitte fahren Sie weiter. Hier gibt es nichts zu sehen!

Wobei – so ganz ohne ist der Ort dann doch nicht. Immerhin gibt es eine kleine Strandpromenade. Ein Teil davon ist zur Zeit allerdings abgesperrt und wegen Baufälligkeit nicht passierbar.

Etwas verloren an der Hauptstraße von Venise-en-Québec steht sogar ein „Château Blanc“, ein weißes Castello aus dem Jahr 1933. Es heißt, dort habe vor Jahren die organisierte Kriminalität geblüht. Vor allem Bootlegging, also Alkoholschmuggel, soll an der kanadisch-amerikanischen Grenze zur Zeit der Prohibition weit verbreitet gewesen sein.

Auf einen Hauch von Venedig stößt man nach längerem Recherchieren dann doch noch. Im Archiv der Lokalzeitung ist der ehemalige Bürgermeister von Venise-en-Québec stehend in einer wunderschönen Gondel zu sehen.

Ob Monsieur die Kunst der barcarole veneziane beherrscht – jener venezianischen Volkslieder, deren Rhythmus die gleichmäßigen Ruderschläge und das sanfte Schaukeln der Gondel widerspiegelt -, ist nicht bekannt.

Hundeleben im Hochsommer

Stadt und Land. Poppy und Ravioli. Hochsommerliche Impressionen von der Farm und eine Sonne, die so bedrohlich durch den Montrealer Morgen brennt, dass die Waldbrände im Norden plötzlich sehr real werden. Das Feuerholz für den Winter erinnert uns daran: Der Sommer ist endlich. Farbfrische Straßenmarkierungen bringen die Hügel auf dem Land zum Tanzen. Fußball-WM auf dem Laptop – warum nicht? Wen kümmert’s schon, wenn bei dieser Bildschirmgröße manches Abseits ein Rätsel bleibt?