Happy Birthday, lieber Bernie!

Wenn zwei der besten Freunde, die ich je hatte, Bernd hießen, dann ist das vielleicht Zufall. Wenn sie aber beide so früh sterben mussten, dann ist das einfach gemein. Bernd Dassel, „dein gewaltiger Kumpel aus dem Allgäu“, wie er sich am Telefon gerne meldete, starb mit 70. Bernd Laengin, der mich 1973 nach Winnipeg geholt hatte, musste schon mit 67 gehen. Heute wäre Bernd Laengin 85 geworden. Aus gegebenem Anlass hier noch einmal ein Blogpost, den ich „Bernie“ zu seinem 80. Geburtstag gewidmet hatte.

Dass ich diesen Blogpost irgendwo in Kanada schreibe und nicht in Ummendorf, Waiblingen oder Ulm, habe ich vor allem einem Menschen zu verdanken: Bernd Laengin. Er, damals noch Chefredakteur der größten deutschsprachigen Auslandszeitung in Winnipeg/Manitoba, war der Mann, der mich als Reporter nach Kanada geholt hatte. Heute wäre er 80 geworden.

Wie viele der Besten, musste auch er viel zu früh gehen. Bernd war gerade mal 67, als der Krebs ihn hinraffte.

Bernd war anders als alle anderen Journalisten, die ich bis dato kannte. Frei im Kopf, ein Weltmann nicht vom Auftreten her sondern, weil er halt so war, wie er war. Ein Karlsruher Bub’ den es schon früh in die Welt hinauszog.

Er lebte in Afrika und recherchierte in Asien. War Dutzendfach in Südamerika und Australien. Er kannte die Welt und interessierte sich vor allem für die Menschen, die sie bewohnen.

Ich kenne Keinen, außer vielleicht meinen Piloten-Freund Jörg, der so viel in der Welt herumgekommen ist wie Bernd. Auch einen Großteil meines Storytelling habe ich meinem Freund Bernie zu verdanken. Er konnte Geschichten erzählen wie kein anderer.

Und ich kenne niemanden, der so bodenständig geblieben ist. Und keinen, der so viele Bücher geschrieben hat wie er.

Ohne jemals Bestsellerautor zu werden, ließ er es sich nicht nehmen, Dutzende von ihnen herauszubringen. Viele seiner Sachbücher über ethnische und religiöse Minderheiten.gehören heute zu den Standardwerken von Universitäts-Bibliotheken in aller Welt.

Was Bernd jedoch mehr als alles andere auszeichnete, war seine grenzenlose Loyalität. Unsere Diskussionen, mögen auch noch so die Fetzen geflogen sein, hatten für ihn nie Spreng-Potenzial. Unsere Streitgespräche spielten sich auf einer Meta-Ebene ab, die unsere Freundschaft nie in Gefahr brachte.

Trotz seiner Sprachgewalt war Bernd nie ein Gefürchteter. Aber er war furchtlos im Wortsinne. Und er war geduldig, wenn es darauf ankam.

Ich erinnere mich an eine gemeinsame Wanderung in Manitoba. Irgendwo im Busch stand links eine ausgewachsene Bärenmutter. Auf der rechten Seite, in einer Lichtung, verharrte ein Bärenbaby. Sich als Mensch zwischen eine Bärenfamlie zu begeben, kann tödlich sein.

Also warteten wir. Und warteten. Und warteten …

Als bereits Schwärme von Moskitos unsere Leiber zum Fressen gern hatten, bequemte sich die Bärenmutter endlich, ihr Kleines abzuholen und unter ihre Fittiche zu nehmen.

Bernd und ich atmeten auf. Verschwitzt und gepflastert mit Mückenstichen setzten wir unsere Wanderung fort.

Es gäbe Dutzende von Geschichten dieser Art zu erzählen. Doch heute gilt der Blogpost nicht dem Storyteller, sondern dem, der ihm zu diesen Geschichten verholfen hat.

Was für ein Glück, dass die Beziehung zu Bernds Familie auch nach seinem Tod weiterleben konnte, wenngleich in anderer Besetzung. Mit seiner Witwe Christa und der Familie der gemeinsamen Tochter Marion in Vancouver verbindet uns noch heute eine tiefe Freundschaft.

Happy Birthday, Bernie!

Ab heute nur noch Dr. Bopp

Gestatten: Bopp. Doktor. Bopp. Dr. Bernath (l) bei der Urkundenverleihung.

Es hat lange gedauert, aber seit heute bin ich Dr. Bopp. Verliehen wurde mir der lang ersehnte Titel von der Comica Academia Quebecensia (CAQ), im Freundeskreis auch schlicht als „Doktorenrunde“ bekannt.

Die Doktorenrunde setzt sich aus vier veritablen Dottores zusammen:

• Dr. Vicente Echavé Cabrera, Chirurg aus Havanna, heute Montreal
• Dr. Robert Branch, Hausarzt aus New Brunswick, heute Sherbrooke
• Dr. Marc Paquet, Kinderkardiologe aus Montreal, heute Ottawa
• Dr. Peter Bernath, Germanist, früher Berlin, heute Sherbrooke

Und jetzt eben neu in der Runde: Dr. Herbert Bopp, Blogger, früher Ummendorf, heute Montreal.

Assistiert wurde die Verleihungszeremonie von Cho Thanda, früher Myanmar, heute Montreal. (Ehrendoktor folgt bestimmt auch irgendwann).

Die Doktorenrunde ist ein bunt zusammengewürfelter Haufen aus drei Medizinern und einem Philologen. Gegründet wurde sie vor mehr als einem Jahrzehnt mit dem hehren Ziel, in der kanadischen Diaspora die deutsche Sprache zu pflegen.

Gepflegt wurde die Sprache allerdings hauptsächlich vom Gründer der Runde, meinem Freund Peter. Die anderen Dottores widmeten sich mit bemerkenswerter Ausdauer eher der Pflege von Freundschaften, Speisen und Getränken.

Weil in der Doktorenrunde hin und wieder auch von meinem Blog die Rede war, an dem man seine Deutschkenntnisse vortrefflich testen kann, hatte man vermutlich mit dem Blogger irgendwann Mitleid und lud ihn zur Doktorenrunde ein. Schließlich war er der Einzige, der bislang ohne zwei ehrfurchtgebietende Buchstaben vor dem Namen durchs Leben gehen musste. Damit ist seit heute Mittag Schluss.

Für die feierliche Zeremonie in der eleganten Residenz von Dr. Vicente Echavé Cabrera und Cho Thanda in der Montrealer Altstadt hatte Zeremonienmeister Dr. Bernath eigens die notwendigen Roben samt Doktorhüten beim Kostümverleih organisiert. Er ist auch der Verfasser der launigen Ernennungsurkunde, die vermutlich keiner akademischen Prüfungskommission standhalten würde.

Das mehrgängige chinesische Menü wurde liebevoll von Cho Thanda serviert. Mango gab es nicht etwa zur Nachspeise. So heißt der Hund des Hauses.

Die Welt ist inzwischen ein ziemlich ernster Ort geworden. Umso wichtiger ist es, dass der Spaßfaktor im Leben nicht ganz verloren geht. Wenn also eine Handvoll Rentner nichts Besseres zu tun hat, als erfundene Titel zu verleihen, freut man sich über eine solche Ehrung in Zeiten wie diesen umso mehr.

Noch einmal zum Mitschreiben: Die vier Doktoren sind echt. Mein Titel ist fake. Nicht, dass am Ende noch die Titelpolizei vor der Tür steht und die Urkunde beschlagnahmt.

Immerhin habe ich jetzt offiziell, wenn auch nur ehrenhalber, den akademischen Gipfel erreicht, ohne jemals eine Dissertation geschrieben zu haben.

Das muss man mit meiner Ummendorfer Halbbildung auch erst einmal schaffen.

Hier wimmelt es nur so von Titeln. Von links nach rechts: Dr. Peter Bernath, Dr. Herbert Bopp, Dr. Robert Branch, Dr. Echavé Cabrera und Dr. Marc Paquet.
Noch kein Doktortitel, dafür umso fleißiger: Die Gastgeberin Cho Thanda.
Wer’s nicht glaubt – hier ist die Urkunde. Man beachte die Namen der Unterzeichner

Kolibris: Akrobaten der Lüfte

Kleiner Kerl ganz groß: Dieses Video habe ich auf Cassians Farm südlich von Montreal aufgenommen. Die Aufnahme ist in Zeitlupe. Kaum größer als ein Daumen, schwebt dieser Kolibri scheinbar mühelos in der Luft..

Kolibris sind die kleinsten Vögel der Welt. Sie schlagen ihre Flügel bis zu 80-mal pro Sekunde und können dadurch auf der Stelle schweben, rückwärts fliegen und blitzschnell die Richtung wechseln. Trotz ihres geringen Gewichts legen manche Arten jedes Jahr Tausende von Kilometern zurück.

Live aus der Herrentoilette

Mural zu Ehren von Nelson Mandelas Besuch in Montreal: Panne beim Live-Report

Dass im Radio nicht immer alles glattgeht, weiß jeder, der schon einmal eine Live-Schalte miterlebt hat. Dabei kann vieles schiefgehen – Versprecher oder schlechte Tonqualität gehören noch zu den kleineren Übeln.

Richtig problematisch wird es allerdings, wenn der Korrespondent seine Live-Reportage ausgerechnet von der Toilette aus senden muss. Genau das passierte mir bei meiner Berichterstattung über den Besuch von Nelson Mandela in Montreal.

Als ich neulich an dem Mural vorbeiging, das Mandela vor der Union United Church im Stadtteil St. Henri zeigt, fiel mir die Geschichte wieder ein. In dieser Kirche trat Mandela im Anschluss an seine Rede im Montrealer Rathaus auf. Es war der 19. Juni 1990 – nur wenige Monate nach seiner Freilassung aus 27 Jahren Haft.

Das Medieninteresse in der City Hall war enorm, schließlich war es einer der ersten großen öffentlichen Auftritte Mandelas nach seiner Entlassung. Ich berichtete damals für deutsche Radiosender.

Eine halbe Stunde nach Mandelas Rede war eine Live-Schalte geplant – eigentlich genügend Zeit, um mich in meinem Mini-Studio im Auto in aller Ruhe auf den Anruf aus Deutschland vorzubereiten. Doch wegen der Zeitverschiebung war das Timing irgendwie durcheinandergeraten.

Als plötzlich mein nagelneues Motorola-Handy klingelte, befand ich mich noch auf der Herrentoilette eines Restaurants am Place Jacques-Cartier, unweit des Rathauses. Und schon kündigte mich der Moderator an: „Live vom Mandela-Besuch in Montreal: unser Korrespondent Herbert Bopp.“

Jetzt bloß keine Wasserspülung! Und bitte keine Kneipenunterhaltung von Restaurantgästen! Und wo waren überhaupt meine handschriftlichen Notizen? In der Hektik blieben sie unauffindbar. Was hatte Mandela genau gesagt? Die prägnantesten Sätze zitierte ich aus dem Gedächtnis, den Rest rettete der – im Gegensatz zu mir bestens vorbereitete – Moderator im Studio.

Die Wahrscheinlichkeit, dass auch nur ein einziger Zuhörer ahnte, dass dieser Beitrag nicht aus dem Ü-Wagen kam, sondern live aus einem Herrenklo in der Montrealer Altstadt gesendet wurde, dürfte bei null gelegen haben. Und wer weiß – vielleicht war genau diese ungewöhnliche „Sendekabine“ der Grund dafür, dass die Schalte besonders authentisch klang.

Jedenfalls ist, soweit ich weiß, mein Beitrag der einzige ARD-Livebericht, der jemals direkt aus einer Herrentoilette gesendet wurde.

Die Angst vor dem ersten Song

Der Blogger als „Busker“ in den 60er-Jahren: Der erste Song ist immer der schwerste.

Vor ein paar Tagen, mitten in Chinatown: Ein junger Mann um die 20 setzt sich neben mich auf eine Bank. Seinen Gitarrenkoffer stellt er vorsichtig auf den Boden, scannt die Menschenmenge in der Fußgängerzone unsicher ab und erhebt sich wortlos wieder zum Weitergehen. „Was ist mit der Gitarre?“, frage ich. Die bleibe im Koffer, sagt er. Er traue sich nicht, hier Straßenmusik zu machen.

Der Mann ist, wie sich herausstellt, Mexikaner. Kein Freund von Traurigkeit, das sieht man ihm an. Aber es fehlt ihm der Mut, den Koffer zu öffnen, seine Gitarre in die Hand zu nehmen und für Menschen zu spielen, die er nicht kennt. Dabei spielt er göttlich, das habe ich den paar Akkorden entnommen, die er mir vorgespielt hat. Nur zur Straßenmusik konnte er sich nicht aufraffen. Nicht an diesem Tag und auch nie zuvor. Vermutlich auch nie in seinem künftigen Leben.

Straßenmusik zu machen ist nicht jedermanns Sache. Mir ist es anfangs auch nicht leicht gefallen. Aber dann gehörte sie zu meinen Reisen wie das Trampen und der Schlafsack auf dem Rücken. Das Foto oben zeigt mich als Straßenmusiker, als „Busker“, wie wir uns damals nannten. Immer wieder zog ich als Anhalter durch Europa, mit einer Gitarre im Koffer und einem Hut auf dem Boden. Einige meiner schönsten Erinnerungen stammen aus dieser Zeit.

On the road als „Busker“ (ca. 1964)

Als Teenager stand ich einmal auf der Place Pigalle in Paris und spielte für eine Menge, die sich wenig für meine Musik interessierte: Bob Dylan, Donovan, Pete Seeger, Simon and Garfunkel.

Die meisten Menschen eilten an mir vorbei, ohne mich zu registrieren. Manche warfen mir missbilligende Blicke zu statt Münzen in den Hut. Irgendwann blieb einer stehen. Kurz darauf noch jemand. Und dann noch einer. Ehe ich mich versah, standen fünfzig, sechzig Menschen um mich herum und klatschten im Takt meiner Lieder.

Und dann: Ein hochgewachsener Afrikaner setzt sich neben mich auf den Gehweg und schlägt seine Holzsandalen im Rhythmus auf das Pflaster. Schon bald gesellt sich eine junge Frau mit einer wunderbaren Stimme zu uns – une vraie Parisienne, wie sich herausstellte. Und schon waren wir ein kleines Straßenorchester. Der Hut vor uns quoll an diesem Abend über vor Münzen und Geldscheinen. Den umwerfenden Erfolg unseres ersten und einzigen gemensamen Gigs feierten wir später mit viel zu viel Wein in einem Bistro.

In Rimini spielte ich am Strand, als ein Carabiniere drohte, mich wegen Ruhestörung aufs Revier mitzunehmen. Doch so weit kam es nicht. Die Einheimischen um mich herum diskutierten so lange mit dem Polizisten, bis er schließlich unverrichteter Dinge in seinem Dunebuggy davonfuhr.

Und dann war da noch Marseille. Ich spielte in einem Viertel namens Le Panier und wunderte mich, warum plötzlich so viele Frauen um mich herum auftauchten, lächelten, klatschten und meinen Liedern zuhörten. Mein Hut war an diesem Tag voller als je zuvor. Ich war im Rotlichtviertel gelandet, ohne es zu wissen. Die Damen der Nacht gehörten zu meinen sperndabelsten Zuhörerinnen.

Das Leben on the road ist nicht immer so romantisch, wie es sich anhört. Auf der Straße zu spielen bedeutet, sich jeden Tag dem Urteil fremder Menschen auszusetzen. Viele der Vorbeigehenden spielen besser Gitarre als du oder kennen bessere Songs. Damit muss man umgehen können.

Straßenmusiker sind nicht immer und überall willkommen. Vor unserer Ferienwohnung in Palma de Mallorca trieb mich vor ein paar Jahren ein Gitarrist mit seinem Minimal-Repertoire fast an den Rand des Wahnsinns. >> Mehr dazu hier <<

Schade, dass der Junge, der sich jetzt in Chinatown neben mich setzte, sich nicht traute, sein Instrument auszupacken. Ich bin sicher, er hätte vielen Menschen mit seiner Musik eine Freude gemacht. Sich selbst am meisten.