Tanzend ins Radler-Café

Gute Laune zum Kaffee: Stephanie Thompson, Besitzerin des Café Ma Bicyclette

Das „Café Ma Bicyclette“ liegt heute im Regen. Da wird eine dampfend heiße Kürbissuppe serviert, dort wartet ein Mandel-Croissant auf dem Tresen. Vielleicht ein Gläschen Wein dazu oder ein Latte macchiato – alles da. Der Fahrradreifen braucht Luft? Kein Problem: Die Pumpe steht gleich neben der Tür. Das Burrito-Frühstück gibt’s den ganzen Tag, die gute Laune der Baristas gibt’s gratis dazu.

Ein Café für Radler, von einer Rad-Enthusiastin betrieben – das ist das „Café Ma Bicyclette“. Dass es unmittelbar am Lachine-Kanal liegt und damit direkt an einem der längsten durchgehenden Radwege in Montréal, ist kein Zufall. Das Café versteht sich als Treffpunkt für Menschen, die das Fahrrad nicht nur als Fortbewegungsmittel betrachten, sondern als Lebensgefühl.

Die Frau, die dieses Lebensgefühl versprüht, heißt Stephanie Thompson, Anfang 50, seit 2018 Besitzerin des Radler-Cafés. Mit ihrem freundlichen Wesen, den blauen Augen und den braunen Haaren sieht sie aus wie „Heidi“ in der Erwachsenenversion des gleichnamigen Kinderbuchs.

Doch wie die Romanfigur ist auch das Café im Montréaler Stadtteil Pointe-Saint-Charles im Laufe der Jahre erwachsen geworden. Im Sommer, wenn Tausende den Radweg jeden Tag frequentieren, brummt der Laden.

Sowohl drinnen als auch auf der luftigen Sonnenterrasse tauscht man seine Fahrrad-Expertise aus, redet über Zweiräder, als handle es sich um hochgetunte Formel-Eins-Boliden, oder trifft sich ganz einfach zum Mutter-und-Kind-Talk mit Gleichgesinnten. Auch wenn das Interieur fast monothematisch auf Fahrräder ausgerichtet ist, fühlen sich hier nicht nur Zweirad-Enthusiasten wohl.

Dabei ist es nicht etwa so, als hätte Stephanie Thompson schon als Kind davon geträumt, Fahrräder zum Geschäftsmodell zu machen. Ganz sicher nicht. Aufgewachsen ist sie in Sudbury im Norden der Provinz Ontario, einer Bergbaustadt mit einem der größten Kupfer- und Nickelvorkommen der Welt.

Dass ausgerechnet dort, wo im Viertelstundentakt Minenexplosionen die Erde erschüttern, ein Kind die Liebe zum Tanz entdeckt, gehört zu den Ungereimtheiten des Lebens. Stephanie Thompson schloss sich schon in jungen Jahren einer berühmten kanadischen Tanztruppe an und bereiste als Profi-Performerin den Kontinent.

Auch dass sie irgendwann in Wuppertal der Tanzschule der legendären Pina Bausch einen Besuch abstatten sollte, gehört in die „Wundertüte Leben“ von Stephanie Thompson.

Aber das Leben ist kein Tanzballett und hielt noch andere Überraschungen für die junge Frau aus dem Norden bereit. Das Radfahren zum Beispiel.

Die Leidenschaft fürs Fahrradfahren wurde schon bald zum Beruf. Jahrelang organisierte und leitete sie für ein kanadisches Unternehmen Fahrradtouren in aller Welt: Japan, Chile, Argentinien, Uruguay, Marokko, Südafrika, Neuseeland, Australien, Italien, Frankreich, Kalifornien. Und ja, auch Mallorca, die Insel meines Herzens, stand im Angebot.

Der Vater ihrer zwei Söhne hatte das Geschäftsmodell Fahrrad schon zehn Jahre vor der Eröffnung des Cafés für sich entdeckt. In unmittelbarer Nähe betreibt er eine Reparaturwerkstatt mit Radverleih. Praktisch, wenn man Kette und Kaffee miteinander verbinden kann.

Die Tage werden kürzer, die Radler auf den Pisten Montreals weniger. Im Café ist die Hektik des Sommers einem gemütlichen Plausch bei Kaffee und Kuchen gewichen.

„My happy place“, sagt Stephanie und lässt ihren Blick voller Stolz in die Runde gleiten. Statt während des langen kanadischen Winters Trübsal zu blasen, geht sie auf Reisen – dorthin, wo immer die Sonne scheint.

Doch auch während Stephanie wieder einmal organisierte Radtouren durch Südafrika und Kalifornien führt, bleibt ihr Lieblingsplatz am Lachine-Kanal geöffnet. Schließlich gibt es in Montréal genügend Hartgesottene, die sich auch noch bei minus 25 Grad aufs Rad schwingen.

Und sich hinterher bei einem heßen Cider im „Cafe Ma Bicyclette“ aufwärmen.

Das Halloween meiner Kindheit

Als in Ummendorf vermutlich noch keiner wusste, wie man Halloween buchstabiert, jagten wir Kinder uns gegenseitig mit Rübengeistern Angst und Schrecken ein.

Statt Kürbisse, wie heute üblich, wurden damals Futterrüben, meist Zuckerrüben, ausgehöhlt und mit gruseligen Gesichtern versehen: Augen, Nasen und weit aufgerissene Münder mit schiefen Zähnen.

War das bizarre Kunstwerk endlich fertig, wurde eine Kerze hineingesteckt, die die geschnitzte Fratze von innen beleuchtete. Weil Kerzen im Wind schon mal ausgingen, kamen manche Buben im Dorf auf die Idee, eine Taschenlampe als Lichtquelle zu benutzen. Das galt zwar als ziemlich effizient, aber eher uncool.

Je schrecklicher die Visage, desto besser. In Ummendorf kannte ich ein halbes Dutzend dunkler Ecken, hinter denen man sich verstecken und vorbeilaufende Kinder erschrecken konnte. Eine davon in der alten Schmiede, auf dem Weg zum Kreuzberg. Die fand ich immer besonders gruselig.

Ein paar Rüpel im Dorf machten sich einen besonderen Spaß daraus, sich zu verkleiden und mit knallenden Peitschen in der Hand für Angst und Schrecken zu sorgen. Da fiel manchem von uns der mit viel Liebe geschnitzte Rübengeist vor Schreck aus der Hand und zerplatzte in tausend Stücke.

Die Rüben zu besorgen, war nie ein Problem. Gerade im Herbst lagen sie haufenweise vor jedem Bauernhof. Dass sich jeder daran bedienen konnte, setzten wir einfach voraus.

Ob das den oft nicht gerade vermögenden Bauern so recht war, interessierte uns damals wenig. Heute fände ich es ziemlich übergriffig, einfach Rüben mitzunehmen, die der Bauer für die Fütterung seiner Tiere über den Winter geerntet hatte.

Woher der Brauch ursprünglich stammt, lässt sich nicht mehr so genau sagen. Rübenlichter gab es jedenfalls schon lange in verschiedenen europäischen Herbst- und Erntetraditionen. Wenn die Tage kürzer und die Nächte kälter wurden, sollten die Lichter Schutz bieten und böse Geister fernhalten.

Uns Kindern war das ehrlich gesagt ziemlich egal. „Riabagoischtr“, wie die leuchtenden Fratzen bei uns hießen, gehörten einfach zum Herbst wie die brennenden Kartoffelfelder und das Eintreiben der Kühe, die den ganzen Sommer über auf den Futterwiesen verbracht hatten.

Wenn der Sommer Gelb sieht

Wenn der Sommer sich einfach nicht von seinem Grün trennen mag, aber die Blätter aus lauter Ungeduld schon gelb und rot werden, dann ist Herbst in Kanada. Der Blick in den Fahrrad-Rückspiegel sagt alles: Die Zeichen der Zeit sind nicht mehr zu übersehen. Da helfen auch die vielen Umleitungsschilder nicht. Die Fahrt geht in Richtung Winter.

Helm ab vor dem „Café Bicyclette“, das dem müden Radler auch in diesem Sommer wieder so manche Einkehr ermöglicht hat.

Dass es überhaupt wieder ein paar kleine Touren gab, liegt auch an dem neuen Lenker. Der sorgt für mehr Stabilität beim Fahrer. Manchmal sind es die kleinen Dinge, die das Leben leichter machen – und sicherer.

Ein Blick auf den Sankt-Lorenz-Strom, ein Spaziergang über die Rue St. Denis, wo eine weinselige Häuserwand zum Insta-Spot wird – garantiert ohne Filter. Nicht ganz so hübsch, dafür hart im Nehmen: Unkraut verdirbt nicht.

Und natürlich gehört Brasilien den Brasilianern, daran lässt der Wandmaler an der Wellington Street im Stadtteil Verdun keinen Zweifel.

Und Poppy? Die fühlt sich wohl wie ein Fisch im Wasser, der versehentlich auf dem Teller gelandet ist.

Schönes Wochenende!

Kanada zeigt dem Bully die Stirn

Kanadier zu sein, fühlt sich gerade ziemlich gut an. Wenn Premierminister Mark Carney innerhalb einer Woche gleich zweimal von den Titelblättern bedeutender Magazine lächelt, muss er einiges richtig gemacht haben.

Seit der Nachbar im Süden einen Streit vom Zaun gebrochen hat, den kaum jemand versteht, ist die Welt in meinem sonst so beschaulichen Kanada aus den Fugen geraten. Wenn es nach Trump geht, sind alle Kanadier gemeingefährliche Abzocker, die den Amis schon immer auf der Tasche liegen.

„A terrible country“, sagt ausgerechnet der Mann, der auf dem besten Weg ist, sein eigenes Land in Grund und Boden zu wirtschaften.

Kanada ein „schreckliches Land“? Schwachsinn. Wir sind der beste Nachbar, den man sich vorstellen kann: aufrichtig, anständig, fair, empathisch, friedfertig. Und stolz. Hier tragen die Menschen das Ahornblatt im Herzen, als sei das Leben ein einziger Stanley-Cup-Sieg.

Kanada zu regieren, war bisher nicht sonderlich schwer. Sieht man einmal von den separatistischen Bestrebungen in Québec und neuerdings auch in Alberta ab, galt Kanada jahrzehntelang als ein weitgehend homogenes Staatswesen, das nicht besonders pflegeintensiv war.

Mit den Wirtschafts- und Verteidigungspartnern verhandelte man schnell und schmerzfrei. Selbst Vertreter der indigenen Völker, die es hier wirklich nicht immer leicht hatten, loben die versöhnliche Politik aus Ottawa.

Doch als man sich im Norden gerade mal wieder genüsslich die Friedenspfeife angezündet hatte, prasselte plötzlich lautes Trommelfeuer aus dem Süden durch die kalte Nacht. Ein Trampel mit MAGA-Mütze glaubte, die Harmonie beim Nachbarn stören zu müssen.

Auch wenn T. noch nie im kühlen Kanada zu sehen war, muss er sich plötzlich warm anziehen. Premierminister Mark Carney zeigt dem Bully in Washington immer häufiger die Stirn – und das tut gut.

Kanadier bleiben ihrem Nachbarland im Süden in Scharen fern, meiden amerikanische Produkte im Supermarkt und kündigen massenweise Abos bei Streaming- und Verkaufsportalen, die in den USA betrieben werden.

Das ist lobenswert, aber auch schade. Die bitteren Gefühle, die mich beim Gedanken an T. beschleichen, gelten nicht den Menschen in den USA.

Auf meinen Dutzenden Reisen in die Vereinigten Staaten hatte ich fast ausschließlich wunderbare Begegnungen mit Amerikanern. Ihre Denkweise mag mir als europäischer Kanadier oft fremd geblieben sein, doch ihre unbekümmerte Freundlichkeit, ihre erfrischende Offenheit, ihre Hilfsbereitschaft haben mir auf meinern Amerikareisen viele Glücksgefühle beschert.

Doch mit T. hat sich ein düsterer Schleier über ein Land gelegt, das Besseres verdient hat. Aber noch ist nicht alles verloren. Die Zwischenwahlen stehen vor der Tür.

Leonard Cohen fällt mir ein: „There is a crack in everything. That’s how the light gets in.“

Es werde Licht!

Besuch bei einer Rock-Legende

Für alle, die Freddie Mercury noch immer nachtrauern und die Musik von „Queen“ lieben: In seinem Podcast „SWF3 – Das Phänomen“ entlockt Gregor Gloeckner dem „Queen“-Produzenten und Mercury-Freund Reinhold Mack Details, die sonst garantiert bisher nirgendwo zu lesen oder zu hören waren.

Dass Freddie Mercury, der Leadsänger der legendären Band „Queen“, auch der Patenonkel von Reinhold Macks Sohn ist, kommt in dem eineinhalbstündigen Talk genauso zur Sprache wie das kontrollierte Chaos, als das Bayerische Symphonieorchester zu Studioaufnahmen ins Kellergeschoss eines Münchner Hochhauses umziehen musste.

Der „SWF3“-Podcast ist in Deutschland längst Kult. Gregor Gloeckner, langjähriger Redakteur und Moderator des gleichnamigen Radiosenders, der Mitte der 70er-Jahre von Peter Stockinger gegründet wurde, schafft es auch in dieser Folge wieder, etwas zu tun, was nur gute Interviewer können: sich selbst zurückzunehmen, damit andere glänzen können.

Und glänzen darf der inzwischen 80-jährige Reinhold Mack, der auf den „Queen“-Plattencovern nur „Mack“ genannt wird. Fast kokettierend uneitel erzählt er, wie es im Maschinenraum der größten Bands der Welt zugegangen ist.

Vom „Electric Light Orchestra“ ist viel die Rede, von seiner Arbeit mit den „Rolling Stones“ und „Led Zeppelin“ ein bisschen weniger, dafür mehr von den Sessions mit BAP. Alles in allem ein Tribut an die großen Zeiten des Rock ’n’ Roll.

Zu hören sind die „Mack“-Episode und alle anderen Interviews >> HIER <<

>> Gerd Mägerle in der „Schwäbischen Zeitung“ über den SWF3-Podcast <<