Ach, wär‘ ich nur ein Hockey-Fan!

In Montreal ist Eishockey nicht einfach ein Sport. Es ist eine Staatsreligion, die ihre eigenen Päpste hat. Sie heißen Nick Suzuki, Cole Caufield oder Juraj Slafkovský. Wenn der Puck fällt, tobt die Stadt. Dann gleicht das Bell Centre einem Hexenkessel. Wer keine Karte bekommen hat oder sich kein Ticket leisten kann, schreit, tanzt, jubelt, flucht auf den umliegenden Straßen, als gelte es, den Gegner – ach was: eine ganze Hockey-Zivilisation, wie Trump sagen würde – zu vernichten.

Zum ersten Mal seit Jahren sind die Montreal Canadiens wieder in den Playoffs. Der Gegner kommt ausgerechnet aus Tampa Bay/Florida und die Stadt meines Herzens ist schon jetzt völlig aus dem Häuschen. Dabei geht es zurzeit gerade mal um die erste Runde der Eastern Conference. Das ganz große Ding, der Stanley Cup, ist noch weit weg. Nicht auszudenken, was passiert, wenn die Habs tatsächlich den wichtigsten Pokal der NHL gewinnen.

Die meisten Kinder lernen hier früher Schlittschuhlaufen als Fahrradfahren, und Namen wie Edmonton Oilers oder Toronto Maple Leafs werden mit einer Ernsthaftigkeit diskutiert, die anderswo der Weltpolitik vorbehalten ist.

Dass ich mich bei all meinem Interesse für Kanada nie für Eishockey erwärmen konnte, tut mir heute leid. Ich glaube, man lernt als Gast in einem neuen Land die Seele seiner Bewohner erst richtig kennen, wenn man die Dinge fühlt, die auch sie fühlen.

Auch ich würde gerne mitfiebern, wenn die Habs gegen die Lightning aufs Eis gehen. Aber ich fühle nichts, gar nichts. Es ist mir einfach egal. Und außerdem: Was tut eine Mannschaft aus dem tropischen Florida überhauot auf dem Eis?

In meinem kanadischen Freundeskreis bin ich der einzige, der nicht auf Anhieb die Starspieler aller NHL-Teams im Schlaf aufzählen kann. Ich kenne nur einen – Nick Suzuki – und auch den nur, weil er zufällig im Haus gegenüber meines Freundes Chris wohnt und gerade Vater geworden ist und die Medien groß über das freudige Ereignis berichtet haben.

Berührungen der besonderen Art gab es vor vielen Jahren mit einem anderen Superstar. Der Jeep, den ich gerade gekauft hatte, sei auch von Mario Lemieux probegefahren worden, sagte der Verkäufer. Ich musste erst mal googeln nach einem Namen, den hier wohl jedes Kind kennt.

Kurz nach meiner Ankunft in Manitoba im Winter 1973/74 hat mich einer meiner ersten Bekannten gleich zu einem Hockeyspiel in die Winnipeg Arena mitgenommen. Der Mann meinte, ich müsse unbedingt von Anfang an den Nationalsport meines Gastlandes kennenlernen. Das hat nicht so richtig gut geklappt. Schon nach wenigen Minuten blickte ich von meinem geschenkten Arena-Sitz aus in ein Schlachtfeld: das Eis in Rot getränkt, die Gladiatoren schmissen die Helme in die Luft und die Handschuhe ins Publikum. Fäuste flogen, Blut spritzte, die Halle jubelte.

War ich versehentlich bei einem Box-Turnier gelandet und nicht in einem Eishockeystadion? Ich war ziemlich ratlos, bedankte mich höflich bei meinem neuen Bekannten für die Einladung und sehnte mich nach Bayern München. Wo waren Franz Beckenbauer, Gerd Müller und Sepp Maier, wenn ich sie brauchte?

Vorige Woche wagte ich einen neuen Versuch, mich für Eishockey zu erwärmen. Irgendwas muss es doch auf sich haben mit dieser Leidenschaft auf zwei Kufen. Es hat leider wieder nicht geklappt. Wieder flogen die Fäuste, und ich fragte mich – diesmal vor dem Bildschirm –, ob ich bei der Wahl meiner Freunde aufs falsche Pferd gesetzt habe. Wer konnte so einen blutrünstigen Sport schön finden?

Einer nach dem anderen entschuldigte sich – nein, nicht die Spieler, sondern die Freunde. „I hope you understand that the game was not typical in terms of all the fighting, which we find disgusting“, schrieb Doug nach dem Spiel. Und Marc, der größte aller großen Fans, schlug gleich die Werbetrommel fürs nächste Spiel: „We should have a good game tonight. Hopefully, the young coqs will have expanded their excess of testosterone on other activities during the last 2 days, so as to offer a more civilized spectacle tonight“.

Gut gebrüllt, ihr Löwen. Aber „klick“ hat es bei mir noch immer nicht gemacht.

Ich weiß jetzt auch, warum Fußball einen so schönen Namen hat. Man nennt es The Beautiful Game.

Der 0.001-prozentige Schluckauf

Generiert mit ChatGPT

Nein, die BLOGHAUSGESCHICHTEN werden nicht umbenannt, auch wenn der Titel „KRANKHEITSGESCHICHTEN“ so langsam durchaus treffend wäre. Ohne die Liste meiner kleinen und nicht so kleinen Zipperlein zum x-ten Mal aufzuführen, geht es heute um nicht mehr und nicht weniger als … um einen Schluckauf.

Das hört sich lustiger an, als es ist. Wer einmal Tag und Nacht alle 10 bis 20 Sekunden von einem rätselhaften Schluckauf heimgesucht wird, hat nichts zu lachen.

Jetzt, da sie vorbei ist, kann ich es ja erzählen: Es war eine Horrorwoche, diese hebdomada horribilis, wie ich sie noch aus den wenigen Lateinstunden meines Schülerlebens in Erinnerung habe.

Dabei hatte die Woche so vielversprechend angefangen. Nach einer zwar schmerzhaften, aber offensichtlich wirksamen Epidural-Injektion sah es  so aus, als hätten sich die gruseligen Rückenbeschwerden verabschiedet, an denen ich seit langer Zeit leide. Neben Cortison wird zusätzlich ein Betäubungsmittel in die Wirbelsäule gespritzt, um Schmerzen zu lindern.

Kaum von der Neurologischen Klinik wieder daheim, passierte etwas Sonderbares. Es meldete sich ein Schluckauf, wie ich ihn bisher nur nach Trinkgelagen oder zu üppigen Tafelrunden kannte.

„Wird schon wieder vergehen“, tröstete mich Lore – immer darauf bedacht, dem schwächelnden Gatten auch in dunklen Zeiten die bestmögliche Perspektive zu bieten.

Aber nichts verging. Nicht nach einer Stunde und auch nicht nach einem Tag. Der ständige „Hiccup“, wie dieses eigentlich harmlose Leiden im Englischen verniedlichend heißt, blieb – und trieb nicht nur mich bis in die tiefe Nacht fast in den Wahnsinn, sondern auch die Frau an meiner Seite.

Schließlich der Anruf im Krankenhaus: Ein heftiger Schluckauf könne in extrem seltenen Fällen als Nebenwirkung von Epidural-Behandlungen auftreten. Meistens löse sich das Problem von selbst.

Wie selten ist „extrem selten“? Etwa 0,01 Prozent, sagt das Internet. Macht, auf ganz Kanada verteilt etwa 400 Fälle p0ro Jahr. Sie ahnen es: Ich gehöre dazu. Gratulations-Bezeugungen nicht nötig.

Welche Horrorszenarien einen beschleichen, der an permanentem Schluckauf leidet, mag man sich nicht vorstellen. Nur so viel: Die Angst schluckt mit:

Werden sie mich in der U-Bahn für verrückt halten und mir im Café mit Rausschmiss drohen? Wie werden meine Mitbewohner reagieren, wenn ich sie im Aufzug schon am frühen Morgen mit Schluckauf begrüße – und wieder verabschiede?

Der Hickser ist weg, die Erinnerung bleibt. Ein Schluckauf der Geschichte.

Kurz mal zum Arzt? Geht nicht.

Keine Angst: Dies soll keine weitere Beschwerde über das kanadische Gesundheitssystem sein. Bei aller Kritik: Es hat mir vor eineinhalb Jahren das Leben gerettet. Aber vielleicht interessiert es den einen oder die andere, wie das hier abläuft, wenn man mal einen Arzt braucht.

Ich schleppe mich seit einer Woche mit grippeähnlichen Symptomen herum. Starke Kopfschmerzen, Schnupfen, trockener Husten. Normalerweise kein Ding. Ibuprofen aus der Apotheke und gut ist’s.

Bei mir liegt der Fall etwas anders. Nachdem vor eineinhalb Jahren 75 Prozent der Bauchspeicheldrüse und die komplette Milz entfernt werden mussten, fehlt mir das wichtigste Instrument zur Abwehr bestimmter bakterieller Infektionen. Die Milz beschleunigt bekanntlich den Heilungsprozess. Ohne sie kann es lange dauern, bis sich der Körper von einer Infektion erholt. Bei mehr als 38 Grad Fieber wird’s richtig gefährlich. Da hilft nur noch der Notarzt.

Zum Glück habe ich kein Fieber. Ich frage mich nur, warum die Symptome nach einer Woche noch immer nicht verschwunden sind. Eine Frage, die nur ein Arzt oder eine Ärztin beantworten können.

Einen Hausarzt haben hier nur die wenigsten Menschen. Viele warten schon seit Jahren auf einen. Ich könnte also zur Notaufnahme ins Krankenhaus. Dort beträgt die Wartezeit, speziell am Wochenende, gut und gerne neun Stunden, manchmal noch viel mehr. Das Risiko, mir unter all den Kranken eine richtige Infektion zu holen, ist hoch. Es gibt noch Plan B und C.

Plan B ist eine Internetseite, die sich gerade im Aufbaustadium befindet und häufig offline ist. Auch lässt sie inhaltlich sehr zu wünschen übrig. Also wähle ich Plan C.

Der heißt 811. Diese Nummer wählt man in Québec, um eine Krankenschwester an den Apparat zu bekommen. Eigentlich eine gute Idee. Die Stunde in der Warteschlange ist nicht schlimm. Meldet sich dann die freundliche „nurse“ – anfangs en français, später auf besondere Bitte auch auf Englisch – notiert sie sich Symptome und Vorgeschichte und vergibt einen Dringlichkeits-Code. Der ist bei mir blau. „Mittlere Priorität“ also. Ich muss innerhalb von 48 Stunden einen Arzt sehen.

Termin und Location für den Arztbesuch bekomme ich – Stichwort Warteschleife – in einem separaten Telefonat zugeteilt. Am morgigen Dienstag ist es soweit.

Ich erzähle das alles,, weil ich in letzter Zeit häufig Beschwerden über das Gesundheitssystem in Deutschland höre. Kann es sein, dass es dort doch etwas geschmeidiger zugeht als hier in Kanada – mit dem angeblich „besten Gesundheitssystem der Welt“? Jammern auf hohem Niveau?

In Québec haben – siehe oben – die allerwenigsten Menschen einen Hausarzt. Ich auch nicht. Dr. Su hat sich für zwei Jahre (!) in den Mutterschaftsurlaub verabschiedet. Einen Nachfolger gibt’s nicht. So wie alle anderen bin auch ich mit all meinen Vorerkrankungen darauf angewiesen, selbst bei geringen Beschwerden oder auch nur für ein Rezept in die Notaufnahme zu gehen – mit Wartezeiten und Risiken, die viele nicht eingehen wollen. Also wählen sie die „811“.

Nicht schlecht, aber es könnte besser sein. Viel besser! So gut wie in Deutschland? Davon träumen wir hier.

Gute Idee: „NEXT STEP, MARS!“

Jubel für drei Männer und eine Frau: Gerade haben sie eine Million Kilometer bis zur Rückseite des Mondes zurückgelegt. Im freien Fall wurden sie mit 40.000 Stundenkilometern durch ein 7000 Grad heisses Hitzeschild geschleudert. Zum Abschluss dann die bilderbuchreife Wasserung im Pazifik – ein Meilenstein in der Geschichte der Raumfahrt.

Fast zeitgleich lässt sich ein Präsidentendarsteller in Washington dafür beklatschen, dass wieder ein paar Schiffe durch die Strasse von Hormus fahren können – etwas, das noch bis vor sechs Wochen selbstverständlich war.

Der Wahnsinn im Nahen Osten geht auf das Konto der USA. Das Wunder im Weltall auch. Wie geht das?

Das geht, weil Amerika nicht gleich Amerika ist.

Da sind diese blitzgescheiten Astronauten mit einer Fitness im Kopf und im Körper, von denen mancher Egomane im schlecht sitzenden blauen Anzug nicht einmal träumen kann. Diese drei Männer und eine Frau wirken bei all ihrer Genialität auch dann noch geerdet, als sie unseren Planeten längst hinter sich gelassen haben.

Vieles von dem, was die Artemis-II-Mission verkörpert, dürfte den Wüterich im Weissen Haus noch vollends zur Weißglut bringen.

Eine Frau (!) im Astronautenanzug. Ein Afroamerikaner (!!) im NASA-Raumschiff. Und dann, schlimmer geht nimmer, schwebt da auch noch irgendwo ein Kanadier (!!!) durch die Kapsel – schwerelos und mit einer Eleganz, die Pepsi schlürfende Fastfood-Freaks in aller Welt vor Neid erblassen lässt.

Geradezu grotesk wirkt das News-Ticker-Laufband unter dem TV-Bild der Astronauten, wonach Trump dem Iran mit der „Auslöschung der Zivilisation“ droht, während sich 300.000 Kilometer von Washington entfernt vier Menschen schwerelos in die Arme fallen, weil sie nach getaner Arbeit in der Kapsel ein bisschen Spass haben wollten.

Und während die halbe Welt den Astronauten Reis Wiseman, Victor Glover, Jeremy Hansen und der Astronautin Christina Koch nach der geglückten Wasserung der Artemis-II im Pazifik kluge Glückwünsche hinterher schickt, nennt ein gescheiterter Immobilienmogul, der durch Trash-TV einen gewissen Bekanntheitsgrad erreichte, dieses geniale Quartett „eine talentierte Mannschaft“ – so, als hätten sie es gerade in die nächste Runde des Dschungelcamps geschafft. Und dann, natürlich in Großbuchstaben: „NEXT STEP, MARS!“

Endlich mal eine gute Idee. Wie wärs mit der Abschussrampe im Weissen Haus, gleich neben dem Ballasaal?

Zu diesem Thema möchte ich Ihnen heute den wunderbaren Essay „Splitscreen Amerika“ von Marc Pitzke empfehlen. Bei SPIEGEL Online leider nur hinter der Bezahlschranke zu lesen.

Osterhasen im Kerzenschein

Wenn das mit der Wiederauferstehung des gekreuzigten Herrn Jesus stimmt, dann hat er letzte Nacht eine richtige Show hingelegt. Stundenlang polterte und stürmte es auf der Farm, wie ich es noch nie erlebt hatte.

Ich mach’s kurz, ehe der Akku im Handy schlappmacht: Seit Mitternacht sind wir mal wieder ohne Strom. Mit etwas Glück soll er irgendwann im Laufe des Abends wieder zurückkommen. Oder auch nicht.

Wir machen es uns trotzdem gemütlich und achten darauf, dass die Schokohasen unter der Kerze nicht schmelzen. Freunde, die zum Brunch eingeladen waren, müssen sich gedulden. Unter diesen Umständen Schinken und andere Schweinereien aus dem Bratrohr zu servieren, wird schwierig. Nächstes Wochenende vielleicht?

Immerhin gab’s frisch gebrühten Kaffee vom Holzofen. Zu mehr reicht es an diesem Ostermorgen noch nicht.

Das Wasser auf der Farm kommt aus der hauseigenen Quelle. Die funktioniert allerdings nur, wenn Stoff für die Pumpe da ist. Kein Strom, keine Pumpe. Keine Pumpe, kein Wasser. Kein Wasser, Kein WC. So einfach ist das. Oder auch nicht.

Wozu hat der liebe Gott eigentlich den Generator erfunden? Vermutlich, damit man sich darüber ärgern kann, wenn man keinen hat.

Zum Glück gibt’s immer einen „Plan B“.

B wie Bauernweisheit: „Fehlt einmal der Strom im Haus, kommt die gute Laune raus.“ (© H.B.)

NOTEINSATZ AM OSTERMORGEN: Nach dem Sturm kommt der Stromausfall.
Viele Bäume und kein Strom: Sturm in der Nacht zu Ostersonntag. (Foto: Caitlin Wallace)