So macht man es allen recht(s)

Idee: H.B. – Umsetzung: ChatGPT

Ich habe das Glück, sowohl in Deutschland als auch in Kanada Freunde zu haben, die gerne über Politik reden. Interessant dabei ist, wie unterschiedlich die Themen sind, die wir dabei abdecken.

Während sich politische Diskussionen in Kanada meistens um T. drehen, allenfalls noch um den Separatismus in Québec, kommen einige meiner deutschen Freunde schon in Wallung, wenn sie das M-Wort nur hören.

Wir haben hier keinen Kanzler Merz und auch keine AfD. Unser Premierminister heißt Mark Carney und zeigt – egal ob in Davos, Washington oder jetzt wieder in Straßburg – wie man anständige Politik klug und mit Haltung macht.

Langsam komme ich in Erklärungsnot, wenn es darum geht, gegenüber meinen kanadischen Freunden deutsche Politik zu verteidigen. Hatte ich den Aufstieg der Rechten anfangs noch als Ausrutscher der Geschichte abgetan, wird es langsam eng.

Erst Sachsen-Anhalt und jetzt MeckPomm. Die AfD hat schon wieder ihre Pinocchio-Nase vorn. Man lügt sich grinsend an die Spitze – und nennt zugleich die etablierten Medien „Lügenpresse“, während man sich selbst die eigene Wirklichkeit zurechtbiegt.

Als fremdenfeindliche Lesbe in der Schweiz leben und rotzfrech Homosexuelle verurteilen? Why not! Das Volk jubelt trotzdem und macht sein Hakenkreuzchen immer öfter in die rechte Ecke. Dort, wo die Alternative für Dagebliebene wohnt.

„Didn’t they learn anything from the Weimar Republic?“, fragt ein kanadischer Kumpel. Offensichtlich nicht. Denn wie sonst könnten dumpfbackige Blaumänner einen Sieg nach dem anderen einfahren?

„Gibt es wieder Nazis in Deutschland?“, will ein anderer wissen. Ja, antworte ich kleinlaut. Und denke mir, dass die bessere Frage gewesen wäre: „Gibt es immer noch Nazis in Deutschland?“

Es wird mir zunehmend unangenehm, dieses rechte Schmierentheater im Gespräch mit kanadischen Freunden und Kollegen thematisieren zu müssen. Meine Freunde haben dafür Verständnis und reden immer öfter übers Wetter.

Und die Regierung in Berlin so? Sie will es allen recht machen. Und macht es in Wirklichkeit vielen rechts.

Flohmarkt, Küche und Poppylove

Die Woche ist schnell zusammengefasst: Ein bisschen Straßen-Flohmarkt in Hemmingford, marokkanische Köstlichkeiten auf dem Marché Jean-Talon und ein großer Topf Hausmannskost daheim. Dazu Spätsommeridylle in Montreal und auf der Farm. Und natürlich ganz viel Poppy-Liebe.

Mit Aussie-Power durch Kanada

Yves (links) aus Montreal und Riki aus Sydney: Fahrrad verrückt sind beide.

Wenn Riki aufs Rad steigt, dann wird’s ernst. Da kommen schon mal 5000 Kilometer zusammen – so wie jetzt auf der Strecke von Vancouver nach Montreal. Von Rikis Heimat Sydney nach Vancouver waren’s nochmal 12500 Kilometer. Aber die hat der 31jährige Australier im Flieger zurückgelegt.

Getroffen habe ich Riki heute in LaSalle – dort, wo die Surfer mit ihren Brettern durch die Wellen des St.-Lorenz-Stroms pflügen. Riki war nicht allein. Mit ihm war Yves, kaum weniger fahrradverrückt als Riki. Nur ist Yves 72 und legt nicht mal schnell 5000 Kilometer auf dem Sattel zurück.

Noch vor ein paar Jahren war das kein Problem für den gelernten Flugzeugmechaniker. Da ist er schon mal kurz von Montreal am Sankt-Lorenz entlang hoch bis zum Atlantik geradelt. Von Halifax ging’s dann wieder zurück nach Quebec. Macht zusammen mehr als 2500 Kilometer. Das entspricht ungefähr der Strecke von Ummendorf nach Marokko. Kanadische Entfernungen sind furchteinflößend.

Yves und Riki haben sich über die App „Warmshowers“ kennengelernt – eine Art Couchsurfing für Radfahrer. Gratis-Übernachtungsmöglichkeiten für Gleichgesinnte.

Riki, der Australier, kommt beim Erzählen aus dem Strahlen nicht mehr raus. Er liebt alles, was er bisher erlebt und gesehen hat. Die Kanadier? „Absolutely wonderful!“ Und Kanada: „Such a cool country!“ „Ein bisschen wie Australien ohne Palmen“, bringe ich den Ländervergleich auf den Punkt. Und natürlich lacht Riki auch diesmal wieder bis über beide Ohren.

Was er so mache, wenn er nicht gerade im Sattel sitzt, möchte ich von Riki wissen. „Mal dies, mal das“, sagt er. Er verbringe viel Zeit in Japan, wo seine Mutter geboren wurde. Dort arbeitet er als „Nature Guide“, als Wanderführer also – und was es halt sonst so zu tun gibt für einen Aussie-Abenteurer.

Gestartet ist Riki Anfang August in Whistler, nördlich von Vancouver. Dort kaufte er das Mountainbike mit ein bisschen Equipment dazu. Gaskocher, Schlafsack – was man halt so braucht für 5000 Kilometer auf dem Rad. Und weil die Berge gar so schön waren, hat er noch eine Klettertour gemacht, ehe es losging.

Die Rocky Mountains, also British Columbia und Alberta, seien schon heftig gewesen, sagt Riki. Da habe er öfter mal nach 100 Kilometer am Tag Schluss gemacht. Aber als es dann durch die kanadische Prärie ging, sei er für seine Steigungen entschädigt worden.

Saskatchewan und Manitoba sind flach wie ein Bügelbrett. Da sind 200 Kilometer fuer einen Fernstecken erprobten Radler wie Riki kein Problem.

In Ontario ging’s dann wieder rauf und runter. Aber dafür hat er jetzt ein paar Tage Zeit, um sich in Montreal zu erholen.

Am Wochenende geht’s schon wieder weiter. Zunächst mit dem Flieger nach Colorado – geradewegs in die Berge. Diesmal zum Mountainbiken.

Langstrecken-Radler Riki: Gepäck für 5000 Kilometer.

Yves T-Shirt sagt alles: „Manche Opas machen ein Nickerchen. Richtige Opas fahren Rad (und machen anschließend ein Nickerchen„)

Freiheit mit Schiffen und Spatzen

Montreal zeigt sich in diesen Tagen von seiner schönsten Seite: ein bisschen Sommer, ein bisschen Herbst, viel Wasser, viel Himmel – und überall kleine Augenblicke, die darauf warten, entdeckt und mit der Handykamera eingefangen zu werden.

Im Hafen herrscht reger Betrieb. Die großen Kreuzfahrtschiffe ziehen nach und nach den St. Lorenz hinauf und bringen Touristen aus aller Welt nach Montreal – auf der Suche nach bunten Blättern und klarer Herbstluft.

Und dann diese Surferin auf dem St. Lorenz. Unbeeindruckt von Strömung und Wellen gleitet sie dahin, als wäre es das Normalste der Welt.

Auch ich taste mich vorsichtig zurück an meine alte Liebe. Ein eBike steht wieder bereit – ein anderes, leichteres, geschmeidigeres und auch behindertenfreundlicheres. Wer hätte das gedacht! Ich mache meine ersten kleinen Ausflüge. Nicht mehr ganz so selbstverständlich wie früher, aber gerade deshalb mit einem besonderen Gefühl von Freiheit.

Auf dieses Gefühl – das Gefühl von Freiheit – wartet Poppy noch immer. Hin und wieder darf die Satellitenschüssel für ein paar Minuten vom Hals. Schon in wenigen Tagen ist hoffentlich auch ihre Operationswunde verheilt, und dann darf sie die Freiheit wieder in vollen Zügen genießen.

Und dann ist da noch dieser freche Spatz, der beim Frühstück vorbeischaut, als hätte er seinen Platz am Tisch längst reserviert.

9/11: Jedes Jahr Gänsehaut

Die SCHWÄBISCHE ZEITUNG erinnert an den „Ummendorfer, der aus New York berichtete“.

Gänsehaut. Jedes Mal am 11. September bekomme ich Gänsehaut. Das geht jetzt schon seit 25 Jahren so. Ich erinnere mich dann daran, wie ich fast zwei Wochen lang für den WDR aus New York über die Folgen der Terroranschläge berichtete.

Der Chef der WDR-Internetredaktion, Stephan Moll, hatte mich damals nach New York beordert. Es war ein Reportereinsatz wie kein anderer. Der Luftraum über Nordamerika war geschlossen. Ich fuhr mit der Bahn von Montreal nach New York City. Erst nach und nach konnten Korrespondenten aus aller Welt zum Ort des Geschehens reisen.

Hier ist die erste von vielen Reportagen, die ich nach den Terroranschlägen aus New-York schrieb:

Du kommst nach New York und du denkst, du hast schon alles gesehen: die Trümmer, das Elend, den Schmerz. Du glaubst, du kennst sie vom Fernsehen: die verzerrten Gesichter der Verletzten, die verdreckten Leiber der Geretteten, den schluchzenden Polizisten und auch die alte Frau, die schlicht den Verstand verloren hat, als sie durchs Küchenfenster einen Feuerball sah, dort, wo doch eigentlich die Sonne hingehörte.

Du denkst, die Fernsehbilder, die deine sonst so heile Welt jetzt schon seit Tagen durch den Fleischwolf drehen, hätten dich gewappnet für den Besuch in der Hölle. Du irrst. Jetzt stehst du plötzlich mitten in Manhattan und du weißt: Es gibt immer noch Steigerungsmöglichkeiten. Vor allem nach unten.

Willkommen in New York! Was dich empfängt, ist die geköpfte Skyline einer verwundeten Stadt. Das Begrüßungskomitee hat ausgedient. Die Zwillinge, drunten am Battery Park, werden dir nie wieder den Mittellfinger zeigen können. Fanatische Henker haben die beiden Türme aus der Luft gefällt. Seither ist Manhattan ärmer.

Du schluckst. Du versuchst, dich an deinen letzten Besuch im Big Apple zu erinnern. Auch damals war die Welt nicht in Ordnung in New York. Das soziale Tohuwabohu dieses Molochs passte noch nie zum American Way of Life. Aber New York ist eben New York. Dazu gehört das programmierte Chaos wie die Würstchenverkäufer, die an jeder Ecke Frankfurter verkaufen, die auf gut Deutsch doch Hotdogs heißen.

Am liebsten hättest du damals unter der Brooklyn Bridge Quartier bezogen, um nur noch Sonnenuntergängen nachzusehen. Nirgendwo in New York sieht man die Sonne schöner untergehen als hinter diesem Wunderwerk aus rostigem Stahl und fleckigem Beton. Heute ist der Himmel hinter der Brücke wolkenverhangen. Rauchwolkenverhangen. Selbst das haben die Mörder von Manhattan geschafft.

Die beißende Luft, die bissigen Polizisten – selbst die Prostituierten am Times Square binden sich Masken um Mund und Nase. Sein wahres Gesicht trägt New York in diesen Horrortagen hinter verrotzten Mullbinden. Auch das ein Werk der Monsterkiller von Manhattan.

Zehn Stunden bist du mit dem Zug aus Kanada kommend unterwegs gewesen, weil sie dir kein Flugticket verkaufen, das nach Amerika führt. Dann steigst du an Penn Station aus, im Bauch des Madison Square Garden, und verspürst so etwas wie Demut, dass du hier bist. Fast hättest du gelacht, als dir ein Penner für zwei Dollar die Stars and Stripes auf Halbmast verkaufen will. Fast. Und weil es zum Lachen nicht reicht und du in New York bist, bekommst du feuchte Augen. Diesmal nicht vom Trümmerstaub.

Das „New Yorker Tagebuch“ wurde später in Berlin mit dem „New Media Award“ ausgezeichnet. Hier gibt’s die Reportagen in gebündelter Form.