Schnapszahl ohne Schnaps

Wenn mitten im Winter plötzlich der Hibiskus aufwacht und sich auf dem Fenstersims mit drei Blüten meldet, muss der Tag ein besonderer sein. Und wenn das Thermometer nach Monaten im Minus zum ersten Mal wieder an den Plusgraden schnuppert, spürt man: Heute liegt etwas in der Luft.

Wenn dann auch noch die Inbox deines Mail-Accounts überquillt, das Handy glüht und all die anderen digitalen Kanäle mit Grußbotschaften überlaufen, weißt du: Es ist dein Geburtstag.

Nicht irgendein Geburtstag, sondern einer, der sich mit einer Schnapszahl schmücken darf. Es ist die 77 – und damit genau der siebte Geburtstag mit identischer Doppelziffer in deinem nicht mehr ganz jungen Leben: 11, 22, 33, 44, 55, 66, 77.

Wie viele kommen noch? Kommen überhaupt noch welche? Bis zur nächsten Schnapszahl wären es elf Jahre. Sind die zu schaffen? Und wenn ja: unter welchen Umständen?

Solche Gedanken gehen einem schon mal durch den Kopf, wenn man auf die 80 zusteuert.

Danke für eure guten Wünsche! Sie waren schmeichelhaft, aufbauend, nachdenklich, voller Optimismus, klug, originell, tiefgründig, witzig, anregend – und allesamt freundlich. In Zeiten wie diesen tun solche Grüße besonders gut.

Für mich war es der erste Schnapszahl-Geburtstag ohne Schnaps -sieht man mal von der 11 ab. Das geht tatsächlich – und zwar erstaunlich gut.

Tonic statt Prosecco, Leitungswasser statt Gin. Wenn dich der Chirurg deines Herzens nach einer lebensrettenden Operation eindringlich bittet, von jetzt an bis zum Ende deines Genusslebens die Finger vom Alkohol zu lassen, dann wirst du plötzlich klein mit Hut.

Auf Schnaps und andere promillehaltige Kaltgetränke verzichte ich seit nunmehr eineinhalb Jahren. Nicht, weil ich etwa ein elender Säufer gewesen wäre. Bei mir war es die Bauchspeicheldrüse, die nach Entlastung rief. Hat sie bekommen, bitteschön.

Ohne Promille zu leben, war für mich nie ein Problem. Das Prickeln unter der Hirnrinde fehlt mir nicht. Es ist eher die soziale Komponente, die ich vermisse, wenn Wasser statt Wein serviert wird. Ein Prosit auf die Gesundheit klingt nicht so charmant wie ein Prosit auf die Gemütlichkeit.

Erstaunlich, wie viele Menschen in meinem Umfeld auf Bier und Schnaps verzichten – nicht aus medizinischen Gründen und auch nicht wegen der Suchtgefahr. Einfach, weil sie feststellen, dass es ihnen guttut.

Dieser Geburtstag mit Schnapszahl war im Grunde wie jeder andere im „All Inclusive Hotel Bopp“: Ein fröhlich gedeckter Frühstückstisch, der Tag zur freien Verfügung. Außer der Reihe war lediglich das leckere Essen beim Inder um die Ecke. Nicht alles, was der talentierte Herr Gurmesh in seinem Restaurant in St. Henri so zusammenbrutzelt, ist für Diabetiker und Pankreas-Patienten geeignet. Aber die Speisekarte ist groß genug, um sich daraus ein kleines Menü zusammenzustellen.

Sozial verträglich und ganz ohne Schnaps.

 Kubas Kampf ums Überleben

OLDTIMER-PARADIES KUBA: Ob beten da noch hilft? Foto: Bopp

Kuba ist ein Land, das einen ganz besonderen Platz in unseren Herzen hat. Es war vor genau 40 Jahren, dass wir dem kanadischen Winter zum ersten Mal entfliehen und ein paar Wochen unter der karibischen Sonne verbringen durften.

Kanadier lieben die Insel. Fast jeder zweite Flug von und nach Havanna ist mit Kanadiern besetzt. Doch ausgerechnet jetzt wird Kuba für viele von ihnen zum Albtraum: Nach der Übernahme Venezuelas durch die Trump-Regierung geht Havanna buchstäblich der Sprit aus. Mehr als 600 Flüge werden mit sofortiger Wirkung storniert.

Keine der großen kanadischen Airlines will das Risiko eingehen, Passagiere auf dem Trockenen sitzen zu lassen. Deshalb fliegen von jetzt an leere Maschinen nach Kuba, um kanadische Touristen nach Hause zu bringen.

Manche Fluglinien aus anderen Ländern nehmen unterwegs Sprit auf, um ans Ziel und wieder zu ihren Heimat-Airports zu gelangen. Kanada will fürs Erste auf Nummer sicher gehen und keine Urlauber mehr nach Kuba transportieren.

Als wir 1986 zum ersten Mal in Kuba waren, hatten wir nur wenig Kontakt mit Einheimischen. Noch waren die Berührungsängste mit Ausländern groß. So durften wir den Hotel-Compound nur zu Gruppen-Ausflügen verlassen. Fidel Castro wollte es so.

Jahrzehnte später dann ein vollkommen anderes Bild. Als wir vor in paar Jahren zum letzten Mal in Varadero waren, trafen wir freundliche, offene und aufgeschlossene Menschen.

Am Strand von Varadero.

Die Versorgungslage auf der Insel war noch nie gut. Warteschlangen in sengender Hitze für einen Laib Brot haben wir oft genug gesehen. Inzwischen hat sich die Lage von schlecht zu desaströs verschlechtert. Es fehlt an allem: an Fleisch, Gemüse, selbst an Zucker und anderen Grundnahrungsmitteln. Und jetzt geht den Kubanern auch noch der Sprit aus.

Ohne Tourismus kann Kuba langfristig nicht überleben. Da Kanada einen Großteil der Touristen stellt, werden die Kubaner ohne ihre Devisen leben müssen. Das tut mir in der Seele leid für die Kubaner. Es tut mir aber auch leid für die vielen Kanadier, die Jahr für Jahr auf dieser herrlichen Insel Urlaub machen – oder besser: gemacht haben.

Wenn es nach den Hardlinern in Washington geht, wird Kuba regelrecht ausgehungert und trockengelegt. Und immer wieder gedemütigt. Das Licht am Ende eines langen Tunnels, das Barack Obama den Kubanern für eine kurze Zeit entzünden konnte, ist wieder erloschen.

Man muss nicht alles super finden, was auf Kuba abgeht. Aber ein Volk in die Knie zu zwingen, um eine politische Agenda durchzusetzen, ist ein Verbrechern an der Menschheit.

Der böse Mensch im Weißen Haus kennt einfach keine Gnade.

>> Gesammelte Blogposts über unsere Besuche in Kuba <<


„Männer am Strand“, nannte Lore dieses Aquarell. Sie malte es vor genau 40 Jahren am Strand von Varadero. Die Jungs bestanden darauf, das Bild eigenhändig zu signieren. © Lore Roth

Meine neuen Handball-Kumpels

„Sport ist Mord“, soll Winston Churchill gesagt haben. Ob das Zitat stimmt oder nicht, sei dahingestellt. Ich finde Sport jedenfalls mordsmäßig gut. Besonders dann, wenn er in sitzender Position genossen werden kann, also vor dem Fernseher, um ein abgewandeltes Zitat meines Freundes Stefan zu verwenden.

Zurzeit gibt’s jede Menge Sport auf die Augen: Tennis, Ski, Handball. Ob Australian Open, Riesenslalom in Kitzbühel oder Europameisterschaft der Handballer – ich bin dabei: sitzend vor dem Fernseher, der bei mir auch gerne ein Laptop sein darf. Kabel-TV haben wir seit Jahren nicht mehr. Bei uns wird gestreamt. Mit oder ohne VPN, je nachdem, welcher Sender welchen Sport aus welchem Land anbietet.

Nicht immer war ich so sportbegeistert wie heute. Aber man wächst im Alter an seinen Aufgaben. Eine davon heißt: Unterhaltung um jeden Preis. Irgendwie muss die arbeitsfreie Rentnerzeit ja gefüllt werden.

Am meisten fasziniert mich Handball. Vielleicht liegt es daran, dass dort ziemlich alles erlaubt ist, was in anderen Ballsportarten verboten ist. Der Ball darf geworfen, gefangen, geprellt werden. Dem Gegner darf man sich sogar mit dem Oberkörper entgegenstellen – Freiheit ganz nach meinem Geschmack. Nur Ziehen, Stoßen, Umklammern und Angriffe von hinten sind verboten.

Wenn am Sonntag Deutschland gegen Dänemark im Endspiel steht, werde ich mit Andi Wolff, Juri Knorr und Julian Köster fiebern, als wären sie meine besten Buddies. Sind ja auch irgendwie Leute wie du und ich. Nur flinker, geschickter und manche von ihnen sogar noch größer als ich. Allesamt Jungs, mit denen man gerne einen trinken gehen möchte und bei jedem Bier „Adler, flieg!“ ruft.

Beim Tennis haben sie keinen Schlachtruf. Da wird höchstens gestöhnt und geächzt und hinterher mit Millionen um sich geworfen. Als sich Djokovic nach dem Sieg gegen Jannik Sinner übers Stadion-Mikrofon beschwerte, dass er fürs Erreichen des Halbfinales nicht an den Ticketpreisen beteiligt wird, war mein erster Gedanke: Recht hat er, der Novak! Schließlich kriegen die Leute in den Rängen ja dank seines Talents auch richtig was geboten.

Als der Reporter in mir dann nach Preisgeldern recherchierte, war’s vorbei mit der Solidarität. 190 Millionen Dollar hat der Serbe bislang schon kassiert. Fürs Halbfinale gestern gab’s noch einmal 1,25 Millionen obendrauf.

Dann schon lieber Handball mit Andi, Juri und Julian. Die wohnen in Magdeburg und Mannheim und nicht in Monaco. Die spielen zwar auch nicht um Gottes Lohn. Aber dass sie sich über zu wenig Kohle beklagt hätten, wäre mir neu. Bei der Qualität der Pommes im Mannschafts-Hotel sei allerdings noch Luft nach oben, sagte einer der Jungs im Interview und zwinkerte dabei in die Kamera.

Gefällt mir. Adler, flieg!

WANTED: Ein Internet ohne USA

Irgendwann ist das Fass voll. Spätestens die jüngsten Hinrichtungen der Trump-Schergen in Minneapolis haben es zum Überlaufen gebracht. Ich will mein sauer verdientes Geld nicht länger amerikanischen Konzernen in den Rachen werfen, die als Steigbügelhalter für Trump und Konsorten fungieren.

Beim täglichen Einkauf klappt es schon ganz gut: Beeren aus Peru statt Kalifornien, Bananen aus Costa Rica, Zitronen und Orangen aus Marokko und Spanien. Eine App auf dem Handy scannt den Barcode und warnt mich vor „Made in USA“.

Schwierig wird es im digitalen Bereich. Am liebsten würde ich alles, was sich bei mir an Netz-Inhalten angesammelt hat, ohne amerikanische Beteiligung abwickeln – und das ist eine ganze Menge:

E-Mail-Adresse: Yahoo (USA). Blog: WordPress (USA). Homepage: Turbify (USA). Dazu kommen Chat-Programme wie Whatsapp und Signal, Social-Media-Kanäle wie Facebook und Instagram – alles gehostet in den Vereinigten Staaten. Es ist zum Mäuse melken.

Die Suche nach Alternativen ist frustrierend. Web.de statt Yahoo, Hotmail oder Outlook? Möglich, aber bei meinem Mail-Volumen schnell erschöpft. Amerikanische Anbieter bieten praktisch unbegrenzte Speicherplätze, oft kostenlos, während nicht-amerikanische Hoster schon bei wenigen Gigabytes kräftig zur Kasse bitten.

Abstinenz von US-Anbietern würde ich mir ja etwas kosten lassen – aber Hunderte von Dollar im Jahr nur für E-Mail? Eher nicht. Sollte ich etwas übersehen haben, bitte melden!

Auch kanadische Anbieter enttäuschen. Endlich habe ich einen gefunden, der Blog-Hosting plus E-Mail mit einem Terabyte Speicher zu einem erschwinglichen Preis anbietet. Der Haken: HostPapa hat zwar seinen Sitz in Kanada, Bezahlung erfolgt in kanadischen Dollars, Kundendienst über eine kanadische Nummer – aber gespeichert werden die Daten woanders: In einem Nirvana von Yahoo, Google, Apple, Microsoft oder Zuckerbergs Meta-Konzern.

WANTED: Digital-Anbieter ohne US-Bezug. Nicht vertrauliche Hinweise bitte an die BLOGHAUSGESCHICHTEN. Finderlohn: Das Gefühl, ein paar Taler weniger an die Schlägertrupps in Trumps Amerika abgeführt zu haben.

Bibbern auf der Sonneninsel

Wer glaubt, am Mittelmeer herrsche zwölf Monate im Jahr nur eitle Freude und Sonnenschein, sollte einmal einen Winter auf Mallorca verbringen. Oder zehn hintereinander, wie wir.

Schon die Schriftstellerin George Sand beschreibt in ihrem Buch „Ein Winter auf Mallorca“ den Winter 1838/39, den sie mit Frédéric Chopin im Kartäuserkloster von Valldemossa verbrachte. Sand schildert Kälte, Nässe, Krankheiten, schlechte Unterkünfte und eine ablehnende Haltung der Einheimischen. Das Buch entzaubert die mediterrane Idylle und zeigt, dass ein mallorquinischer Winter im 19. Jahrhundert hart und unerquicklich war.

Es ist zwar schon eine Weile her, dass wir auf dieser wunderschönen Insel waren, aber die Erinnerungen bleiben.

Das Mallorca Magazin bat mich wieder einmal um eine Gastkolumne. Hier ist sie. Einfach anklicken:

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