Käpt’n Kujack: Fan im Cockpit

„Werder“-Liebe hoch über den Wolken: Käpt’n Kujack im Airbus.

Wenn der Flugkapitän wieder einmal im grün-weißen Spielerdress zwischen München, Tokio, New York oder Singapur unterwegs war, wusste der Rest der Crew: Heute spielt Werder Bremen. Dann saß mein Freund Jörg mit Werder-Jersey und aufgeklebten Schulterklappen im Cockpit.

Käpt’n Kujack, der inzwischen seinen Ruhestand in Baden-Baden genießt, ist der größte Fan, den der Klub je hatte.

Wie groß? So groß, dass er jetzt einen Schreibwettbewerb bei Werder Bremen gewonnen hat. Im Herbst hatte der Klub seine Fangemeinde aufgefordert: „Schildere uns die Entstehung Deiner Werder-Liebe“. Jeder konnte einen Text mit Fotos einreichen. Jörg war einer der Gewinner.

Zur Belohnung wurde er gestern nach Bremen eingeladen. Zum Spiel, zur Stadionführung, ins Museum und zu einem Essen mit alten Werder-Legenden.

Der Zeitpunkt für die Einladung hätte nicht besser sein können. Nach einem langen Negativlauf ohne Sieg hat Bremen gestern einen wichtigen 2:0-Erfolg gegen den 1. FC Heidenheim im Abstiegskampf eingefahren und sich dadurch in der Tabelle etwas Luft verschafft.

So wie mein Freund nicht irgendein Flugkapitän war, ist Werder Bremen nicht irgendein Fußballverein. Die Grün-Weißen gehörten 1963/64 zu den Gründungsmitgliedern und spielen seither mit nur zwei kurzen Intermezzi in der Bundesliga.

Hier ist der Text, der Jörg die Einladung nach Bremen brachte:

Es begann alles mit meinem Kinderzimmer. Wenn ich aus dem Fenster guckte, sah ich jeden Tag über dem Werdersee-Deich die vier Flutlichtmasten. Ich lernte, ein Spiel akustisch zu „lesen“. Bei Nordwestwind konnte ich absolut sicher sagen, wie viele Werder-Tore gefallen waren, bei den Gegentoren war es schon schwieriger.

Dass Werder 1965 Deutscher Meister wurde, hat dann sehr geholfen. Denn die Erlaubnis, allein ins Weserstadion zu dürfen, war danach nicht mehr aufzuhalten. Ich war damals acht. Erstes Spiel im Stadion: August 1965 gegen Nürnberg.

Mit meinem Kinderfahrrad und der Werder-Fahne von Habenhausen aus mit der Sielwallfähre über die Weser. So ging das jahrelang jeden zweiten Sonnabend.

Studium, Berufsausbildung, die ersten Jahre im Job, alles in Süddeutschland, weit weg von Werder, aber nicht völlig, es gab ja immerhin Radio und die Sportschau im Ersten. 1980 dann der Hammer, Lufthansa nimmt mich für die Pilotenausbildung. Das hieß: LH-Flugschule in Bremen. Werder war voll wieder da und ich im Stadion.

Bin dann als Kapitän etwas später vierzig Jahre durch die Welt geflogen, das Trikot immer im Koffer, zeitgleich zu den Spielen hab ich’s dann angezogen, als Glücksbringer. Weil das in Tokio mitunter etwas schwierig war, morgens um zwei oder drei, fing ich dann an, im Trikot zu schlafen.

Es hat mitunter viel Glück gebracht, manchmal im Stadion, oft unterwegs. Man denke nur an all die „Wunder von der Weser“. Ich war dabei. Als Otto dann zu Bayern ging, bin ich noch am gleichen Tag Werder-Mitglied geworden. Nach dem Motto: Jetzt erst recht!

Ab dem Double 2004 hab ich das Trikot dann auch im Cockpit getragen, ganz normal über dem Uniformhemd (siehe Foto). Nach Werder-Siegen schlafe ich nach wie vor darin, auch fünf Jahre nach der Pensionierung. Alles Aberglaube.

Meine Freundin fand es am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig, mittlerweile ist es quasi Alltag, also am Wochenende.

Was für ein Verein! Mal jubeln, mal zittern. Mal rauf, mal runter. Nie langweilig. Und die letzten zehn Minuten immer nah am Herzkasper.

So entsteht Liebe.

Dass Jörg den Schreibwettbewerb gewonnen hat, dürfte keinen wundern, der die Laufbahn meines Kumpels kennt. Vor seiner Karriere als Lufthansa-Kapitän war er Absolvent der Deutschen Journalistenschule in München. Danach „Stern“-Reporter und Moderator bei SWF3.

Und immer dabei: das grün-weiße Trikot von Werder Bremen.

Man nennt es Liebe.

Super-Fan Kujack gestern im Weserstadion.

Eine saugeile Schweinerei

Reden wir über Olympia. Oder besser: über die TV-Übertragungen der Olympischen Winterspiele. Die sind eine Sportart für sich: Plappern ohne Ende. Und für mich, der ich seit 45 Jahren im Ausland lebe, auch ein Lehrstück dafür, was in Deutschland sprachlich heutzutage geht und was nicht.

Die kurze Antwort: Sprachlich geht eigentlich alles. Geht es allerdings ans Menschliche, Allzumenschliche, hört die Toleranz schnell auf.

So sieht sich ein ARD-Eiskunstlauf-Kommentator namens Daniel Weiss seit ein paar Tagen einem Shitstorm (auch so ein Wort) ausgesetzt, der durch einen einzigen Satz ausgelöst wurde. Herr Weiss, den ich für einen fachlich außerordentlich kompetenten Kommentator halte, verstieg sich beim Anblick einer georgischen Eiskunstläuferin zu einer – zugegeben: ziemlich chauvinistischen – Formulierung, die nicht nur Feministinnen auf die Barrikaden brachte.

„Meine Herren da draußen“, hob Daniel Weiss zu seinem Kommentar an, „es tut mir echt leid, sie ist leider schon vergeben.“

Hinterher entschuldigte sich Herr Weiss für den Kommentar und nannte ihn „absolut unpassend“. Aber der Schaden war angerichtet.

Welcher Schaden eigentlich? Schon klar: Beim Eiskunstlauf geht es in erster Linie um sportliche Leistungen. Aber sind wir als TV-Zuschauer (und natürlich -innen!) angesichts der oft übermenschlichen Leistungen der Athleten nicht alle hungrig auf Menschliches? Menschelt es dann aber zu sehr, wie das Beispiel von Daniel Weiss zeigt, ist die Kacke am Dampfen.

„Die Kacke am Dampfen.“ Diesen Satz hat ein anderer Kommentator wirklich so von sich gegeben. Auch das mit der „saugeilen Schweinerei“ wurde wörtlich so gesagt. Und natürlich immer wieder: „echt geil“, „super geil“, „scheiße“ oder „schweinisch gut“.

Manchen Kommentatoren mögen grenzwertige Formulierungen wie diese in der Hektik der Live-Übertragung herausgerutscht sein. Andere setzen bewusst auf eine Sprache, die das Fernsehpublikum zielgruppengerecht anspricht. Motto: Junge Sportarten verlangen eine ungefilterte Sprache. Big Air, Snowboard Cross und Freestyle Skiing – allesamt super-extra-cool.

Ich finde es gut, sozusagen saugeil, dass im Fernsehen nicht mehr so geredet wird, als handle es sich um eine Ansprache zur Eröffnung des Katasteramts. Die Gedanken sind frei, warum soll es die Sprech-Sprache nicht auch sein?

Bei einem meiner Seminare ging es um das Thema „Starke Headlines“. In dem fiktiven Übungstext, für den eine Überschrift gefunden werden sollte, wurde ein Doppelmord in einem Landhotel verübt.

Während bei den meisten Seminar-Teilnehmern im Titel das Blut nur so triefte und von Mord und Totschlag die Rede war, schaffte es eine junge Kollegin mit einer – ernst gemeinten – Headline, die Runde zum Schmunzeln zu bringen.

Ihr Überschriften-Vorschlag: „Merkwürdige Vorgänge im Gaststättengewerbe.“

Nicht geil. Einfach Scheiße. Oder, um das Jugendwort des Jahres 2025 zu verwenden: Das crazy!

Heute essen wir Opa

In der Süddeutschen Zeitung habe ich heute diesen nicht mehr ganz taufrischen Lehrsatz zur Kommasetzung gelesen: „Ein Komma kann manchmal Leben retten“, heißt es da. „Schließlich macht es einen Unterschied, ob man schreibt „Wir essen, Opa“ oder „Wir essen Opa“.

Wenn es um Rechtschreibung geht, kennt sich mein Freund Peter besser aus als die meisten Menschen, die ich kenne. Ob Deutsch, Französisch, Englisch oder Latein – er weiß, wann, wo und warum ein Komma gesetzt wird und wie man die „consecutio temporum“ im Imperfekt oder Plusquamperfekt verwendet.

Eine Zeit lang konnte ich mit meinem Akademiker-Kumpel mit den zwei Buchstaben vor dem Namen ganz gut mithalten. Heute fällt es mir immer schwerer, Punkt, Semikolon und Komma an der richtigen Stelle unterzubringen. Ein Glück, dass es Korrekturprogramme gibt. Und natürlich KI.

Besonders die Groß- und Kleinschreibung wirft mich schon mal aus der Bahn. Dabei ist es angeblich ganz einfach. Wenn es heißt: Der 32jährige Sohn meiner Freundin, werden Ziffer und „jährige“ in einem Wort geschrieben. Wenn ich aber nur von einem „32-Jährigen“ spreche, kommt ein Bindestrich dazwischen.

Es heißt, vor allem bei Kindern und Jugendlichen habe der Einfluss digitaler Kommunikation verheerende Auswirkungen auf die Rechtschreibung. WhatsApp, Facebook, Instagram oder TikTok mögen es gerne kurz und knapp. Irgendwann beim Überholen auf der Datenautobahn sind Chat- und Standardsprache miteinander kollidiert.

Bis vor einigen Jahren galten deutsche Leitmedien wie Spiegel, Stern und Die Zeit als das Maß aller Dinge, wenn es um Orthografie ging. Rechtschreibfehler waren so selten, dass darüber sogar sprachwissenschaftliche Arbeiten geschrieben wurden. Diese Zeiten sind vorbei. Inzwischen tobt sich der Schreibfehlerteufel auch auf höchstem Niveau aus.

Als in Deutschland Ende der 90er-Jahre die Rechtschreibreform beschlossen wurde, liefen große Zeitungen Sturm. So weigerte sich die Frankfurter Allgemeine Zeitung lange, „dass“ statt „daß“ zu schreiben. Zwar gilt die neue Rechtschreibung weiterhin als komplex und angreifbar, aber ein politisches Streitthema ist sie nicht mehr.

Mein sprachgewaltiger Freund Börnie aus dem Allgäu – der Große Regisseur hab ihn selig – konnte regelrechte Wutausbrüche bekommen, wenn er fehlerhafte Texte von Kollegen auf den Schreibtisch bekam. Aber er konnte auch darüber lachen.

Sein Markenspruch „Man gewöhnt sich an allem, nur nicht am Dativ“ gehört auch Jahre nach Börnies Tod noch zum geflügelten Wort unter seinen Freunden.

Zwei Herzen für die Underdogs

Zwei Herzen in einer Brust können ganz schön weh tun. Anatomisch betrachtet ist das leicht zu erklären. Schließlich ist der menschliche Brustkorb nur für eines dieser lebenswichtigen Organe vorgesehen. Aber was, wenn plötzlich zwei Herzen gleichzeitig schlagen?

Genau das passiert mir zur Zeit laufend. Als Deutschland heute im Eishockey gegen Kanada mit 1:5 verlor, tat mir das Team um Daria Gleißner leid. Gleichzeitig freute ich mich natürlich für Marie-Philip Poulin und ihre Ahorn-Truppe.

Zwei Pässe, eine Leidenschaft: Sport.

Im Sommer müsen meine beiden Herzen weniger leiden als im Winter. Fußball sorgt hier selten für so viel Herzklopfen wie in Deutschland, auch wenn ein gewisser Thomas Müller in Vancouver die Fangemeinde um die Whitecaps gehörig durcheinanderwirbelt. Umgekehrt sind die in Kanada populärsten Sportarten Baseball und Football in Deutschland jetzt nicht gerade der Brüller.

Brenzlig wird es im Winter. Da tun die beiden Herzen weh. Skispringen, Abfahrt, Slalom, Riesenslalom, Rodeln, Biathlon – überall mischen Kanada und Deutschland erfolgreich mit. Und natürlich Eishockey. Für wen also jubeln?

Aber es kommt noch schlimmer: Auch wenn ich nur zwei Staatsbürgerschaften habe, hege ich große Sympathien für weitere Länder. Polyamorie als olympische Disziplin.

Spanien: Immerhin haben wir dort zusammengerechnet gut drei Jahre gelebt. Die Schweiz als Nachbarn, damit bin ich groß geworden im Südwesten Deutschlands. Österreich, Frankreich, Dänemark … ich liebe sie alle. Und alle haben sie im Wintersport einiges zu melden. Der niederländische Olympiasieger Jens van ’t Wout heute über 1500 Meter Short-Track? Zum Verknuddeln.

Selektives Jubeln will gelernt sein. Aber weil ich es selbst nach geschätzten 40 Olympischen Spielen noch immer nicht beherrsche, feiere ich einfach diejenigen, die mein Herz am meisten berühren – egal, welches.

Meistens sind es die Underdogs. Als der 1500-Meter-Skater Roberts Krūzbergs heute völlig überraschend Bronze für Lettland holte, hätte ich vor Freude schreien können. Und vollends fertig war ich schließlich, als Lucas Pinheiro Braathen Gold im Riesenslalom gewann.

Ein Brasilianer siegt im Schnee? Mehr Olympia geht nicht.

Da gehen mir sämtliche Herzen auf.

Schnapszahl ohne Schnaps

Wenn mitten im Winter plötzlich der Hibiskus aufwacht und sich auf dem Fenstersims mit drei Blüten meldet, muss der Tag ein besonderer sein. Und wenn das Thermometer nach Monaten im Minus zum ersten Mal wieder an den Plusgraden schnuppert, spürt man: Heute liegt etwas in der Luft.

Wenn dann auch noch die Inbox deines Mail-Accounts überquillt, das Handy glüht und all die anderen digitalen Kanäle mit Grußbotschaften überlaufen, weißt du: Es ist dein Geburtstag.

Nicht irgendein Geburtstag, sondern einer, der sich mit einer Schnapszahl schmücken darf. Es ist die 77 – und damit genau der siebte Geburtstag mit identischer Doppelziffer in deinem nicht mehr ganz jungen Leben: 11, 22, 33, 44, 55, 66, 77.

Wie viele kommen noch? Kommen überhaupt noch welche? Bis zur nächsten Schnapszahl wären es elf Jahre. Sind die zu schaffen? Und wenn ja: unter welchen Umständen?

Solche Gedanken gehen einem schon mal durch den Kopf, wenn man auf die 80 zusteuert.

Danke für eure guten Wünsche! Sie waren schmeichelhaft, aufbauend, nachdenklich, voller Optimismus, klug, originell, tiefgründig, witzig, anregend – und allesamt freundlich. In Zeiten wie diesen tun solche Grüße besonders gut.

Für mich war es der erste Schnapszahl-Geburtstag ohne Schnaps -sieht man mal von der 11 ab. Das geht tatsächlich – und zwar erstaunlich gut.

Tonic statt Prosecco, Leitungswasser statt Gin. Wenn dich der Chirurg deines Herzens nach einer lebensrettenden Operation eindringlich bittet, von jetzt an bis zum Ende deines Genusslebens die Finger vom Alkohol zu lassen, dann wirst du plötzlich klein mit Hut.

Auf Schnaps und andere promillehaltige Kaltgetränke verzichte ich seit nunmehr eineinhalb Jahren. Nicht, weil ich etwa ein elender Säufer gewesen wäre. Bei mir war es die Bauchspeicheldrüse, die nach Entlastung rief. Hat sie bekommen, bitteschön.

Ohne Promille zu leben, war für mich nie ein Problem. Das Prickeln unter der Hirnrinde fehlt mir nicht. Es ist eher die soziale Komponente, die ich vermisse, wenn Wasser statt Wein serviert wird. Ein Prosit auf die Gesundheit klingt nicht so charmant wie ein Prosit auf die Gemütlichkeit.

Erstaunlich, wie viele Menschen in meinem Umfeld auf Bier und Schnaps verzichten – nicht aus medizinischen Gründen und auch nicht wegen der Suchtgefahr. Einfach, weil sie feststellen, dass es ihnen guttut.

Dieser Geburtstag mit Schnapszahl war im Grunde wie jeder andere im „All Inclusive Hotel Bopp“: Ein fröhlich gedeckter Frühstückstisch, der Tag zur freien Verfügung. Außer der Reihe war lediglich das leckere Essen beim Inder um die Ecke. Nicht alles, was der talentierte Herr Gurmesh in seinem Restaurant in St. Henri so zusammenbrutzelt, ist für Diabetiker und Pankreas-Patienten geeignet. Aber die Speisekarte ist groß genug, um sich daraus ein kleines Menü zusammenzustellen.

Sozial verträglich und ganz ohne Schnaps.