Als E-Biker in der Millionenstadt

MIT MEINEM MIT-REITER MARC auf der 170 Meter hohen „Pont Chaimplain“.

Fahrräder haben in meinem Leben schon immer eine große Rolle gespielt. An mein erstes eigenes Rad erinnere ich mich noch sehr genau. Es hatte eine Dreigang-Schaltung und ziemlich klobige Schutzbleche. Es war pechschwarz und die Klingel am Lenkrad klemmte immer dann, wenn ich sie gebraucht hätte.

Auch an meine allererste Radtour erinnere ich mich noch sehr gut. Ich war zehn, vielleicht elf, als ich genau diesen schwarzen “Göppel” aus der Werkstatt meines Vaters holte und mich in Richtung Bundesstraße aufmachte.

Mehrere Stunden später war ich vom baden-württembergischen Ummendorf im bayerischen Buchloe bei Memmingen gelandet – und ziemlich verloren. Nach fast 40 Kilometern war mir die Puste ausgegangen.

In Buchloe suchte ich eine Wirtschaft auf, um von dort aus meinen Vater anzurufen. Er solle mich doch bitte abholen. Der machte das – nicht ohne den Wirt zu bitten, mir bis zu seinem Eintreffen eine Bluna und ein paar Wiener zu servieren. „Der Bub ist doch bestimmt ganz ausgehungert“.

Später gab es dann kein Zurück mehr. Alfons, ein um Jahre älterer Bub aus dem Dorf, nahm mich als Teenager zu einer Radtour durchs bayerische Allgäu bis zum Ammersee mit – nur er und ich. Alfons hatte sein Saxophon auf den Gepäckträger geschnallt, ich meine Gitarre. Abends spielten wir vor dem Zelt ein paar Lieder, die wir für Jazz hielten, kochten uns eine Dosensuppe und das Leben war unser Freund.

An einen Morgen erinnere ich mich noch besonders gut. Es war spät geworden am Abend vorher und es herrschte dichter Nebel. Wir brauchten dringend ein Quartier für die Nacht. 

Wir entschlossen uns, wild auf einer Wiese zu campieren. Wie sich herausstellte, hatten wir in jener nebligen Nacht unser Zelt nicht auf irgendeiner Wiese aufgebaut, sondern in einem jener bayerischen Schlossgärten, die man als Tourist so aufsucht. 

Irgendwo in der Nähe von Neuschwanstein weckte uns ein Gutsverwalter – todsicher der Nachfahre irgendeines bayerischen Königs – und bat uns, doch bitte weiterzuziehen, denn die Touristen würden gleich kommen. Das hatten wir ohnehin vorgehabt, also konnten wir uns die Diskussion mit der königlichen Hoheit ersparen.

Auch in Kanada gehörte ein Fahrrad schon immer zu meiner Begleitung. Und jetzt, da mich meine Füße nicht mehr richtig tragen, habe ich das eBike für mich entdeckt. 

Der Spaß an meinem neuen Drahtesel ist riesig! Schon nach wenigen Tagen zeigt mein Tacho – digital, versteht sich – schon fast 200 Kilometer an. Montreal ist mit seinem fast 1000 Kilometer ausgebauten Netz an Radwegen eine perfekte Spielwiese.

In Nordamerika gilt Montreal als fahrradfreundlichste Stadt überhaupt. Jeder Tag ist wie eine Wundertüte für mich. Meine Touren führen mich in Ecken, die ich vom Auto aus kaum beachtet und von der Metro aus nie gesehen hatte. Ich lerne Menschen kennen, die Radfahren genau so lieben wie ich. Und Autofahrer, die uns am liebsten in die Wüste schicken würden. Das richtige Leben eben.

Absoluter Höhepunkt meiner noch kurzen eBike-Laufbahn war neulich die Überquerung der erst vor kurzem fertiggestellten, dreieinhalb Kilometer langen Champlain-Brücke. Neben diversen Fahrspuren für (die noch nicht ganz fertiggestellte) S-Bahn, Pkws, Busse, und vor allem Lkws, gibt es eine großzügige Doppelspur für Fahrräder, einschließlich Haltebuchten für Fotostopps. 

FOOD-STOP bei Alex vom Kultlokal „Sathay Brothers“ auf der Rue Notre-Dame im Stadtteil St. Henri.

Die Aussicht von der Brücke – dreimal so hoch wie der Ummendorfer Kirchturm – ist sensationell. Vor ein paar Tagen ist dort das Bannerfoto oben entstanden.

Meistens bin ich der Lonesome Rider, der mit seinem Drahtesel allein durch die Montrealer Prärie reitet.

Ein paarmal war ich mit meinem Freund Marc unterwegs, einem erfahrenen Radler, der sich trotz seines fortgeschrittenen Alters noch immer am liebsten auf seinem Rennrad fortbewegt. Die Kombi Rennrad/eBike funktioniert erstaunlich gut. Marc gibt ein bisschen mehr Gas als sonst. Hin und wieder bremse ich ab, um meinen Freund im Schlepptau nicht zu verlieren.

Schlapp gemacht habe ich bisher noch nicht. Der Weg zum Wirtshaus-Telefon wie damals in Buchloe blieb mir also erspart. Ehrlich gesagt wüsste ich auch gar nicht, wen ich anrufen sollte, um mich abzuholen. In unser Auto würde mein Rädle sicher nicht passen. 

Bliebe nur noch der Abschleppdienst. Ob der kanadische ADAC wohl sowas macht? Müsste man glatt mal ausprobieren.

Hello CAA?

BRÜCKEN-FAHRT: Jede Menge Platz für Radfahrer auf der „Pont Champlain“.
BLICK VON der Champlain-Brücke auf den St. Lawrence Seaway.
AUF DER JACQUES-CARTIER-BRÜCKE mit Blick über den St. Lorenz-Strom.
AUF DEM MONT ROYAL – und ganz weit hinten rechts das Olympiastadion.
TRINK-PAUSE im Alten Hafen (mit Kreuzfahrtschiff im Hintergrund).
FAHRRAD-CITY Montreal: 1000 Kilometer Radwege.
BIXI-LEIHRÄDER an jeder Ecke.
BIKE-PARKPLATZ vor einer Montrealer Uni.
BLICK VOM MONT ROYAL auf die Innenstadt. (Alle Fotos © Bopp)

Verliebt in 750 Watt auf Rädern

JUNGFERNFAHRT am Montrealer Hafen: Die Lust am E-Bike.

Wer sagt, dass man sich mit fast 74 Jahren nicht noch einmal Hals über Kopf verlieben kann? Zum Beispiel in ein flottes E-Bike mit einem ziemlich starken Körper und Köpfchen dazu. Zusammen sind wir ein tolles Team.

Wenn das Gehen nur noch mit zwei Stöcken funktioniert, der Bewegungsdrang aber ungebrochen ist, muss eben ein anderer Plan her. “Plan E” zum Beispiel. E wie E-Bike. Gestern habe ich meins abgeholt – und bin begeistert.

Ein E-Bike ist ein Fahrrad, das über einen Elektromotor verfügt, der sich bei Bedarf zuschaltet. Zum Beispiel dann, wenn es einen Berg zu überwinden gilt, der für einen in die Jahre gekommenen Schwabokanadier mit Fahrrad ohne Hilfsmotor nicht mehr zu stemmen ist.

Sehr gelegen kommt ein E-Bike auch bei Gegenwind. Oder unter Termindruck (Achtung, Rentner!). Oder bei Faulheit. Eigentlich gibt es keine Situation, in der ein E-Bike nicht hilfreich ist. 

Wer müht sich ohne Not schon gerne auf dem Radl ab, wenn dich ein fröhlich surrender Elektromotor wie mit Geisterhand sanft durchs Leben schiebt?

Anders als beim Moped oder auch beim Elektroroller verlässt sich das E-Bike immer auf die Mitarbeit des Fahrers. 

Bewegung tut gut, heißt es. Auch wenn mir bei diesem Satz immer der Spruch meines Freundes aus Jüchen einfällt. Der behauptet nämlich, die schönsten Dinge des Lebens müsse man in sitzender Position genießen können. Passt!

Mein E-Bike stammt aus der Fahrradschmiede eines Montrealer Startups. Zwei Brüder betreiben in einer Lagerhalle im Norden der Stadt die Firma “Fabulous E-Bikes”. Der eine, Lampro, übernimmt Design und Technik, Der andere, Jimmy, die Verwaltung, Marketing und Finanzen. Beides scheint zu funktionieren, denn der Laden läuft wie geschmiert.

Es hat lange gedauert, bis das perfekte Rad meinen Weg gekreuzt hat. Diesmal musste alles stimmen: 

>> Der Akku, dem nicht gleich die Puste ausgeht und der auch mal 100 Kilometer am Stück schafft.

>> Der Motor, der sich freut, auch bei gehörigen Steigungen behilflich sein zu dürfen.

>> Ein robuster Rahmen, der einen 182 cm großen Zwei-Zentner-Mann lässig durch Stadt, Wald und über Land trägt.

>> Und der Preis, der einen Rentner nicht in Altersarmut zurücklässt.

Hab’ ich was vergessen? Achja, der Coolness-Faktor. Wenn schon alt und gehbehindert, dann wenigstens stilvoll auf einem gestylten Alu-Bike vom Typ “Silver Bullet”.

Wer jahrzehntelang seinen Drahtesel satteln musste, um von A nach B zu kommen und jetzt plötzlich ein Fahrrad mit Elektromotor unterm gut gepolsterten Hintern hat, muss umdenken. So ein 750-Watt-Motor, der gut und gerne 35 Stundenkilometer auf den Tacho bringt, wird nicht nur gerne vom Fahrer unterschätzt, sondern auch von anderen Verkehrsteilnehmern. Viel Kraft und Tempo auf zwei Rädern, dazu ein ungestümer Mitsiebziger – eine gefährliche Kombi.

Schon die ersten beiden Tage waren eine Wonne. Direkt von der Auslieferungshalle in den chaotischen Stadtverkehr einer Vier-Millionen-Stadt hinein und dann in das etwas gemächlichere St. Henri im Südwesten – herrlich!

Heute waren die Stadtteile Lachine und Notre-Dame-de-Grâce an der Reihe. Wie hatte ich mich doch früher mit meinem Rädle abgemüht, wenn’s über den Boulevard Décarie den Berg hochgehen sollte. Heute? Schneidet mein “Fabulous Bike” wie ein Buttermesser durch Gegenwind und Höhenmeter. Fabelhaft!

Mal ehrlich: Traurig genug, wenn die Beine plötzlich nicht mehr wollen. Aber was für ein Segen, dass es heutzutage Hilfsmittel gibt, die mangelnde Mobilität anderweitig kompensieren.

Die Jungs von Fabulousebikes wissen, wie’s geht.

Wie „Ippi“ Dassel die Welt sieht

IM VW-BUS immer dem Jakobsweg entlang: Christian Dassel auf Tour (2019) Foto: WDR

Dass Radioleute Fernsehmenschen kennen, liegt in der Natur des Genres. Mit einigen von ihnen bin ich seit Jahrzehnten eng befreundet. Einer davon ist Christian Dassel, den seine Freunde “Ippi” nennen dürfen. Ippi und sein Team haben soeben eine neue Roadtrip-Serie durch Griechenland abgedreht, die im Deutschen Fernsehen als “Bustour” bekannt ist. Die Filme der “WDR-Bustour” sind inzwischen weit über NRW hinaus Kult.

Christian Dassel und ich kennen uns seit gut 45 Jahren. Damals war er noch ein Knirps aus dem Allgäu und ich der „gewaltige Onkel aus Kanada“, wie Ippis Papa Bernd mich nannte. „Börnie“ Dassel ist vor ein paar Jahren leider viel zu früh gestorben. Auch er war ein begnadeter Geschichten-Erzähler.

Aus dem “gewaltigen Onkel aus Kanada” ist ein nicht mehr ganz so gewaltiger Rentner in Montreal geworden. Und Ippi ist heute, zumindest in meinen Augen, auf seine Art ein TV-Star – einer, der es mit unvergleichlich klugen, unterhaltsamen und in ihrer Machart einmalig originellen Art zu einem hoch angesehenen Fernseh-Macher gebracht hat.

Einmal im Jahr gehen Christian und sein Team auf große Reise. Im VW-Bus, 50 Jahre alt und damit nur drei Jahre jünger als sein Fahrer, geht es dann durch den Balkan, nach Schottland, Italien, Frankreich, durch die Baltik-Staaten oder nach Spanien.

Die Tour durch Griechenland, einschließlich Insel-Hopping, war ein Jubiläum. Es war die 25. Bustour überhaupt.

Mir ist niemand bekannt, der Europa besser kennt als Christian Dassel. Auch durch die USA sind er und seine KollegInnen schon gereist. Entlang des Jakobswegs waren sie 2019 wochenlang mal weg.

Zu jedem Land gibt es Geschichten. Von deutschen Abenteurern, die irgendwo draußen in der Welt sesshaft geworden sind, von einem Influencer-Pärchen, das sich vor der WDR-Kamera nackig macht. Und auch von drei betagten Nonnen, die als letzte Überlebende in einem einsamen griechischen Kloster auf ihr göttliches Ende warten.

Die einfühlsame Art, mit der Christian seine Geschichten erzählt, ist skurril, herzerwärmend, manchmal aufwühlend, aber immer unterhaltsam. Mit der oft schrägen Dramaturgie seines Storytellings bringt Ippi frischen Wind in das öffentlich-rechtliche Fernsehen.

Geht es um ausgesetzte Straßenhunde, verdrückt er schon mal ein paar Tränchen. Jagd auf Delfine würde er nie machen – es sei denn mit Kamera und Mikrofon. Trotz seiner TV-Erfolge ist Ippi im richtigen Leben uneitel geblieben, fast scheu.

Ippis grandioses Talent zum Storytelling hat ihm im Laufe der Jahre eine riesige Fan-Gemeinde beschert. Das zeigt sich auch jetzt wieder, nach der eben zu Ende gegangenen “Bustour 2022” durch Griechenland. Auf Facebook überschlagen sich ZuschauerInnen mit Komplimenten für die Arbeit des Teams.

In seinem eigenen Facebook-Post lässt Christian Dassel noch einmal die letzte Bustour Revue passieren. Der Nachschlag im Wortlaut:

Die Bustour 2022 – für uns war das ein fantastisches Erlebnis. Das lag an den Menschen, die wir getroffen haben. Es lag an den Landschaften, durch die wir gereist sind. Es lag aber auch – an uns. Denn die Bustour ist ein Teamevent.

Wir sind als Team wie der Bus: altgedient und unkaputtbar. Und was der Sprit für den Bus ist, ist der Spirit für das Team. Der Spirit bestimmt, ob es läuft oder holpert. Und der Spirit war in diesem Jahr Super plus! 

Wir machen das seit Jahrzehnten. Wir kennen uns ewig. Es gibt nichts, was wir uns unterwegs nicht schon gesagt hätten. 

Wir haben schon viel miteinander erlebt. Wir wissen, was wir aneinander haben. Wir wissen: Auf der Bustour und gemeinsam sind wir jedem Scheiss gewachsen. 

Auch in diesem Jahr sind wir uns wieder auf die Nerven gegangen. Wochenlang, von frühmorgens bis spätabends: Vollkontakt. Wir waren erschöpft, glücklich, traurig, verzweifelt, zufrieden, gestresst, beseelt, krank, verletzt, müde, verschwitzt und fleißig. Und immer waren wir zusammen. Und zusammen waren wir fest entschlossen, bis zum letzten Schlussbild alles zu geben. Ein Zitat aus Film 9 wurde zum Mantra dieser Tour: „There is always hope!“  

Wenn uns jetzt jemand fragt, wie es denn so war, dann müssen wir lügen. Dann sagen wir „Schön“ oder „stressig“. Was diese Bustour 2022 für uns aber wirklich so besonders macht, das kann man nicht erklären. Das wissen nur die, die mit dabei waren: Barbara, Michi, Christel, Mario, Marco und Ralf. Und Nina aus der Ferne. Wir sind das Bustour-Team des Jahres!

Einziger Wermutstropfen für mich: Christians Bruder Markus Dassel, einer der besten Kameramänner, die ich kenne, war diesmal zum erstenmal nicht mehr dabei. Er hat inzwischen seine eigene Firma gegrüendet und ist auch damit weltweit unterwegs.

Übrigens sind die beiden Dassel-Brüder nicht nur im Fernsehen eine Wucht. Sie machen auch, wenn man’s mag, geniale Musik. Mit der Band „Rockwerk Orange“ haben sie jenseits der Kamera eine fast filmreife Karriere hingelegt.

>> Hier gibt’s die gebündelten Filme der „Bustour 2022“ durch Griechenland <<

Als mich Uwe Seeler interviewte

BESCHEIDEN BIS ZUM SCHLUSS: Fußball-Legende Uwe Seeler. © ARD

Uwe Seleer ist tot – und die Fußballnation ist um eine Legende ärmer geworden. Mit 85 Jahren ist “uns Uwe” jetzt dort gestorben, wo er ein Leben lang gewirkt hatte: in Hamburg. Über eine Begegnung mit einem der größten Fußballer seiner Zeit.

“Ja, Seeeeeler?” Ich erinnere mich noch genau an das lang gezogene “e”, das Uwe Seeler durch den Hörer schickte, als ich ihn irgendwann in den siebziger Jahren in Hamburg anrief. Ich arbeitete damals als Reporter bei einer deutschsprachigen Wochenzeitung in Winnipeg/Manitoba. Der Verlag hatte mich nach Stuttgart geschickt, wo ich ein paar Termine wahrnehmen sollte. 

Dem Chefredakteur der Zeitung, meinem späteren Freund, dem viel zu früh verstorbenen Bernd Längin, erstattete ich regelmäßig Bericht über den Verlauf meiner so genannten Verhandlungen in Deutschland. (In der Rückschau glaube ich übrigens, dass mir der Verlag mit der als „business trip“ deklarierten Deutschland-Reise einfach eine Freude machen wollte.)

Als ich gerade auflegen wollte, kam mein Chef auf die glorreiche Idee, ich solle doch von Stuttgart nach Hamburg weiterfahren. Dort lebe bekanntlich Uwe Seeler. Den könnte ich doch mal interviewen. „Und der aktuelle Anlass wäre?“, fragte ich estaunt. Einen besonderen Anlass gebe es zwar nicht. “Ich weiss nur”, sagte Bernd Längin, “dass Uwe Seeler von unseren Lesern verehrt wird”.

Wie bitte? Ich, ein Jungspund, der gerade mal einen Tennisball von einem Hühnerei unterscheiden konnte, sollte einen der bedeutendsten Fussballspieler seiner Zeit interviewen? 

Mein Chefredakteur diktierte mir Seelers Privatnnummer in den Hörer. Das konnte ja heiter werden.

Vor jedem Interview steht die Terminvereinbarung. Die erledigt in großen Verlagshäusern meistens eine Sekretärin. Da ich aber weder für ein großes Verlagshaus arbeitete, noch über eine Sekretärin verfügte, erledigte ich die Terminabsprache selbst. Von einer Telefonzelle im Stuttgarter Hauptbahnhof aus.

Uwe Seeler, der ein paar Jahre zuvor mit der deutschen Nationalmannschaft Dritter bei der WM in Mexiko geworden war, beantwortete das Telefonat persönlich. Mit einem “e” im “Seeeler”, das in seiner Länge an seine Weitschüsse erinnerte, von denen ich ja seinerzeit noch keine Ahnung hatte.

“Herr Seeler”, fing ich das Gespräch an, “ich bin gerade in Stuttgart, komme aus Kanada und möchte Sie gerne für unsere Zeitung interviewen. Wann kann ich Sie besuchen?”

Uwe Seeler, der seine Kopfbälle mit einer Präzision in den Kasten schickte, die damals in der Welt wohl einmalig war, kapierte nicht ganz. 

“Sie kommen aus Kanada, schwäbeln, und wollen mich in Hamburg zum Interview treffen?”

Das mit dem schwäbelnden Deutschkanadier war schnell geklärt. Das mit dem Interviewtermin in Hamburg nicht.

“Was möchten Sie mich denn fragen”, wollte der Mann wissen, der von 1948 bis 1972 Torjäger beim HSV war.

“Naja”, sagte ich blauäugig, “wie Sie so leben, wie es Ihnen so geht und überhaupt”.

“Ich lebe in Hamburg, mir geht es gut. Und überhaupt finde ich es nett, dass Sie meinetwegen extra die lange Reise von Stuttgart nach Hamburg auf sich nehmen wollen, wo sie doch gerade erst aus Kanada angekommen sind”.

Man ahnt schon: Das Gespräch zwischen dem schwabokanadischen Reporter und der norddeutschen Fußball-Legende verlief ziemlich planlos.

Irgendwann stellte ich fest: Uwe Seeler hatte fast unbemerkt den Spiess herumgedreht und war plötzlich derjenige, den mich interviewte.

Wie man denn so lebe in diesem wunderbaren Land Kanada, das ja doch sehr kalt sein solle. Ob ich denn gleich Anschluss gefunden hätte, als ich nach Manitoba gekommen sei. Ob ich denn so richtig ausgewandert sei, oder doch noch irgendwann wieder in die alte Heimat zurückkehren werde. Ob in Winnipeg auch Fußball gespielt werde oder rnur Eishockey. Und so weiter und so fort.

Irgendwann stellte ich fest, dass unser Telefonat bereits eine astronomische Summe verschlungen hatte. Damals wurde man netterweise noch von einer freundlichen Dame bei der Post darauf hingewiesen, wieviel man schon vertelefoniert hatte. Die dicke Rechnung bezahlte man dann zum Schluss am Schalter

Es wurde ein nettes, aber journalistisch wenig ergiebiges Telefonat zwischen dem Reporter und der Fußball-Ikone. Uwe Seeler fragte mich nach unserem gut halbstündigen Gespräch, ob ich ihn nach wie vor in Hamburg besuchen möchte, “wo Sie doch bestimmt wichtigere Dinge zu tun haben, wenn Sie schon mal in Deutschland sind”.

Viel wichtiger als ein Gespräch mit einer Fußball-Legende war zwar keiner meiner Deutschland-Termine. Aber in der Tat sah ich in einem Besuch in Hamburg jetzt keinen richtigen Sinn mehr. Es war ja alles besprochen, was es so zu besprechen gab zwischen einem Fußball-Banausen und einem Weltklasse-Stürmer.

Er sei “bescheiden geblieben bis zum Schluss”, lese ich eben in einem Nachruf auf Uwe Seeler. Bescheiden war er auch damals. Keine Sekunde lang ließ er bei unserem Telefonat den Eindruck aufkommen, ich gehe ihm mit meiner fußballerischen Ahnungslosigkeit auf die Nerven. Im Gegenteil: Anstatt mich vorzuführen, ließ er mich durch seine Fragen zu meinem damals noch bescheidenen Kanada-Wissen glänzen.

Berichtet habe ich übrigens nie über die telefonische Begegnung mit Uwe Seeler. Bis heute. Wie schade, dass mir ein halbes Jahrhundert später ausgerechnet sein Tod die Steilvorlage zu diesem Text geliefert hat.

Feiner Kerl, „uns Uwe“.

Brief an einen „Brother in Pain“

Wir sind uns vor einigen Jahren nach einem Fernsehauftritt in Köln begegnet. Sie waren zu Gast in einer TV-Talkshow , ich saß im Publikum. Es ging damals um das Thema “Forever Young” oder so ähnlich. Im Anschluss an die Sendung haben wir uns noch lange über Gott, die Welt und auch über deutsche Schlagermusik unterhalten.

Dass Sie ausgesprochen charmant und liebenswert sind, hatte ich schon früher über Sie gelesen. Dass Sie aber auch ein sehr kluger, nachdenklicher und empathischer Mann sind, hat mich ehrlich gesagt ein wenig überrascht. Ich kannte Sie ja bis dahin lediglich als Sänger von Schlagern wie “Ein Bett im Kornfeld” oder „Barfuss durch den Sommer“.

Trotz unseres unterschiedlichen Musikgeschmacks gibt es jetzt eine Gemeinsamkeit zwischen Ihnen und mir. Leider. Wir leiden beide an einer Krankheit, die sich >PERIPHERE POLYNEUROPATHIE< nennt. 

Diese Nervenkrankheit ist so kompliziert wie der Name. Und: Es ist eine verteufelte Krankheit. Sie befällt meistens zuerst die Füße und wandert dann über die Unterschenkel nach oben. Bestenfalls wird sie vom Knie ausgebremst.

Es kann aber auch sein, dass sie sich auf andere Gliedmaßen ausbreitet, etwa Hände und Finger. Kommt dann noch, wie bei mir, ein beidseitiges Hüftleiden dazu, ist endgültig Schluss mit lustig.

Eine Heilung gibt es nicht, das muss ich Ihnen nicht sagen. Polyneuropathie verläuft progressiv und ist nicht mehr rückgängig zu machen.

Unsere Mobilität, das wissen Sie, ist stark eingeschränkt. Deshalb, so vermute ich, haben Sie jetzt auch Ihr Karriere-Ende verkündet. Ich möchte mir nicht vorstellen, Sie auf der Bühne vor Tausenden von Menschen performen zu sehen, wenn Sie Schmerzen haben und befürchten müssen, das Gleichgewicht zu verlieren.

Wenn man uns Neuros so daherwatscheln sieht, könnte man glauben, wir hätten einen zu viel getankt. Ich weiss nicht, wie Sie sich fortbewegen. Bei mir helfen zwei Wanderstöcke, das Gleichgewicht zu halten. Ausserdem drosseln sie die schlimmsten Schmerzen. Den Rest besorgen Medikamente.

À propos Wanderstöcke: Noch vor drei Jahren bin ich mit acht Kilo Gepäck auf dem Rücken fast 900 Kilometer den Jakobsweg von Pamplona nach Santiago de Compostela gewandert. Heute brauche ich zwei Stöcke, um von meiner Wohnung zur gegenüberliegenden Markthalle zu gehen.

Was mich wundert: Ich kann mit relativ geringen Schmerzen schwimmen und radfahren. Aber beim Gehen ohne Stöcke machen die Beine nicht mehr mit.

Fahren Sie Rad? Bei mir ist es so, dass ich jetzt immer langsamer werde und schon kleine Steigungen nicht mehr schaffe. 

Ein eBike muss her, so viel ist klar. Im Fahrradladen um die Ecke hatte ich Anfang der Woche eins probegefahren und bei dem astronomischen Preis ganz unverbindlich noch um Bedenkzeit gebeten. Am nächsten Tag war das Elektro-Fahrrad verkauft. Sie komme mit der Lieferung nicht mehr nach, klagte die Geschäftsinhaberin. Plötzlich steigen alle vom Kettenrad aufs Elektro-Bike um.

Ich glaube nicht, dass das mit unserer Krankheit zu tun. Es ist einfach ein Trend. Und der ist – ähnlich wie die Polyneuropathie – nicht mehr aufzuhalten.

Lieber Herr Drews, melden Sie sich doch einfach, wenn Sie mal Gesprächsbedarf haben. Dann gehören wir halt auch zu den Männern über 70, die nur noch über Krankheiten reden. Um ältere Menschen, die nur noch das Thema Krankheiten kennen, ging es übrigens in der Fernsehendung, bei der Sie damals auftraten.

Wenn Sie mit mir lieber über die schöneren Dinge des Lebens plaudern möchten, reden wir eben über Mallorca. So wie Sie liebe auch ich diese Insel und habe dort zwölf Winter hintereinander verbracht. Ein Glück, dass wir damals fast alle Gipfel der Tramuntana erklommen haben – ohne Stöcke und ohne Beschwerden.

Wir sind jetzt also „Brothers in pain”. Und als Brüder im Schmerz müssen wir zusammenhalten!

Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie alles Gute. Bleiben Sie zuversichtlich und – Achtung, Kalauer! – werfen Sie die Flinte nicht gleich ins Kornfeld. 

Herzlichst, Ihr Herbert Bopp