Kein Glück mit der Kirche

Kein Zutritt: „Sanctuaire du Saint-Sacrement“ an der Avenue Mont-Royal. – Fotos © Bopp

Dass mir Gasthäuser schon immer mehr behagten als Gotteshäuser, ist kein Geheimnis. Trotzdem üben Kirchen eine Anziehungskraft auf mich aus, die schwer zu erklären ist. An einem Sonntagvormittag einen Gottesdienst zu besuchen, könnte in Zeiten wie diesen also nicht schaden.

Wenn schon Kirche, dann dort, wo das richtige Leben spielt. „Sanctuaire du Saint-Sacrement“ ist eine Klosterkirche gleich neben der Metro-Station Mont-Royal auf meiner gleichnamigen Lieblingsstraße, mitten in Montreal.

Doch der Kirchenbesuch blieb mir verwehrt. Ich schaffte die Stufen nicht. Das Foto oben ist der Beweis.

Als ich neulich am ALT-Hôtel im Stadtteil Griffintown vorbeiging, trat gerade eine dunkelhaarige junge Frau vor die Tür. Latina, schätze ich. Typ Businesswoman.

Sie richtete spontan ihren rechten Zeigefinger gen Himmel, bekreuzigte sich kurz und hatte, als sich unsere Blicke zufällig trafen, ein Lächeln im Gesicht. Sie war kein bisschen verlegen und wünschte mir mit einem fröhlichen „HOLA!“ einen schönen Tag.

Vielleicht war es im Unterbewusstsein diese Begegnung, die mich ein paar Tage später auf die Idee mit dem Kirchenbesuch brachte.

Kirchen haben für mich Geschichte: Die Pfarrkirche St. Johannes Evangelist in Ummendorf liegt an der „Oberschwäbischen Barockstraße“ und gehört in ihrer ganzen Schlichtheit zu den schönsten, die ich kenne. Dort wurde ich getauft, dort haben meine Eltern geheiratet, auf dem dortigen Friedhof liegen sie begraben.

Vor ein paar Jahren war ich zu Besuch in Ummendorf. Leider war die Kirche an diesem Nachmittag geschlossen.

Als vor ein paar Wochen ein Teil meiner Verwandtschaft auf Erinnerungstour ging, um ein Gotteshaus in Dettingen an der Iller zu besuchen, für das mein Opa das gesamte Kirchengestühl geschreinert hatte, blieb mir auch diese Kirche verschlossen. Reisen wie diese sind nicht mehr möglich.

Auf dem Jakobsweg gehörte ein täglicher Kirchenbesuch zum Ritual. Es gibt wenig Kirchen zwischen Pamplona und Santiago de Compostela, die wir nicht gesehen haben, viele sogar von innen. Es müssen Hunderte gewesen sein. Dass mir ausgerechnet der Zutritt zur wichtigsten Kirche für alle Camino-Wanderer verwehrt geblieben ist, könnte ein Zeichen gewesen sein:

Die Catedral de Santiago de Compostela war geschlossen. Damals verwehrten mir Bauarbeiten den Zugang. Gestern waren es die Stufen. Vor ein paar Wochen machte mir die Entfernung einen Strich durch die Rechnung.

Pech, Schicksal oder Fügung? Oder – ganz katholisch – vielleicht doch nur die Strafe für meinen Kirchenaustritt.

Mitten im Leben: Die Kirche „Sanctuaire du Saint-Sacrement“ an der Avenue Mont-Royal.
Schlichte Schönheit: Die Pfarrkirche St. Johannes Evangelist von Ummendorf.
Wegen Bauarbeiten geschlossen: Die Kathedrale von Santiago de Compostela.

Bücher, Blumen, Natas und Poppy

In der Farm reifen die Holunderbeeren, und das Gemüse wartet nur darauf, geerntet zu werden. Die Blumen blühen noch einmal um die Wette und lehnen sich ziemlich weit aus dem Fenster, bevor der kanadische Herbst anklopft.

In der Stadt, am Boulevard St. Laurent, locken portugiesische Natas im Café Coco Rico, während die Menschenschlange vor dem Fenster immer länger wird, denn gleich nebenan lädt der legendäre Diner „Schwartz’s“ zu Smoked Meat und anderen Delikatessen ein.

An der Avenue Mont-Royal warten regalweise Bücher auf neue Besitzer. Am südlichen Ende der Stadt liegen auf dem Lachine-Kanal die Kajaks in der Abendsonne bereit für die nächste Runde. Und der Hibiskus auf unserem Balkon in St. Henri? Er blüht sich mit seiner Farbenpracht auch diesen Sommer wieder direkt in unsere Herzen.

Das Licht- und Farbenspiel auf der Rolltreppe der Metro-Station Charlevoix zieht selbst eilige Passanten immer wieder in seinen Bann: „Macht halblang, Freunde. Schaut euch ruhig noch einmal um, bevor euch der Schlund der U-Bahn verschluckt.“

Und natürlich darf Poppy auch diese Woche nicht fehlen. Was auf den ersten Blick wie ein zähnefletschendes Monster aussieht, bedeutet nichts anderes als: „Ich will doch nur spielen.

Happy Place # 3

Es gibt sie noch: die guten Nachrichten. Manchmal muss man sie suchen wie die berühmte Stecknadel im Heuhaufen, oft aber kommen sie ganz unverhofft. Gerade in Zeiten wie diesen ist es wichtig, den Glauben an das Schöne nicht zu verlieren. Wer die BLOGHAUSGESCHICHTEN kennt, weiß: Hier darf gefeiert werden! Also feiern wir in unregelmäßigen Abständen ausschließlich gute Nachrichten.

☀️ Einem lieben Freund geht es besser. Noch vor einer Woche sah es so aus, als müssten wir uns von ihm verabschieden. Jetzt kam Entwarnung aus dem Kardiologischen Institut. Sobald sich sein Zustand stabilisiert hat, kann er operiert werden. Eine neue Herzklappe wird diesem ganz besonderen Menschen hoffentlich noch viele gute Jahre bescheren.

☀️ Die Zahl der Verkehrstoten ist seit 2011 weltweit um 21 Prozent gefallen – obwohl gleichzeitig mehr als eine Milliarde Autos und andere Fahrzeuge hinzugekommen sind.

☀️ Québec bleibt hart gegenüber Trump. Selbst wenn der Rest Kanadas den Boykott von US-Produkten wieder aufheben sollte, will die Provinz Québec auch weiterhin keine amerikanischen Alkoholprodukte in den staatlichen Geschäften verkaufen. Die Botschaft ist klar: Man will sich von einem Bully nicht erpressen lassen.

☀️ Montréal hat ein Herz für Tiere: Drei Tage und Nächte saß ein Kater hoch oben in einem Baum und wagte sich nicht mehr herunter. Als Feuerwehr und Tierschutz wegen der schwierigen Situation nicht mehr weiterkamen, nahm ein Nachbar die Sache selbst in die Hand. Er kletterte in einer halsbrecherischen Aktion bis zum Baumgipfel und brachte den kleinen Ausreißer sicher nach unten. Zum Dank gab’s begeisterten Applaus – und eine Notiz in der Lokalzeitung.

☀️ 75.000 zusätzliche Arbeitsplätze wurden im Juli in Kanada geschaffen. Besonders stark vertreten: Einzel- und Großhandel sowie wissenschaftliche und professionelle Dienstleistungen. Die Arbeitslosenquote in Kanada beträgt zurzeit 6,5 Prozent. So niedrig war sie seit zwei Jahren nicht mehr.

☀️ Kanadas Premierminister Mark Carney zeigt Humor. Bei einer Pressekonferenz in Toronto fiel plötzlich sein Teleprompter aus. Carney lächelte die Panne weg: „Im Gegensatz zu einem gewissen anderen Staatschef glaube ich nicht an eine Verschwörung.“ Trump hatte nach einem Teleprompter-Ausfall bei der UNO von möglicher Sabotage gesprochen.

☀️ Montréals Gay Village wird wieder bunt: Hunderttausende knallbunte Kugeln kehren zurück in die Rue Sainte-Catherine. Nach einigen Jahren Pause sollen die beliebten Bälle im Zuge der Neugestaltung des Viertels wieder über der Straße aufgehängt werden. Damit bekommt Montréal ein liebgewonnenes Stück seiner fröhlichen Sommerstimmung zurück.

☀️ Chinatown bekommt seine eigene Putzbrigade: Montréal kümmert sich jetzt besonders intensiv um das vor allem bei Touristen beliebte chinesische Viertel am Rande der Altstadt. Spezielle Reinigungsteams sind dort täglich unterwegs und sammeln Müll und Zigarettenkippen ein, die mit elektrischen Lastenfahrrädern abtransportiert werden.

☀️ Optimismus ist nicht verboten! Weil sich einige meiner Freunde in diesen Tagen in Weltuntergangsstimmung befinden, ist dies vielleicht die beste Nachricht der Woche. Trotz aller düsteren Nachrichten darf gelacht, gefeiert und das Leben genossen werden. Doppelte Punktzahl gibt’s für alle, die bei der Party freiwillig auf Bier und Schnaps aus Trumpland verzichten.

Tagebuch eines Trampers

Immer der Gitarre lang: Circa 1965 auf dem Weg nach Süden.

Trampen. Herrlich! Am Straßenrand stehen, Daumen hoch und raus in die Welt, immer der Nase nach. Nach Marseille oder Madrid, nach Paris und Bologna. Und irgendwann sogar nach Mailand, dort, wo im San-Siro-Stadion gerade die Beatles die Menge rockten. Von der am Hügel gelegenen Jugendherberge aus konnte man sie sehen, hören und, ich wette, wenn man wollte, sogar riechen. Und alles für lau. Wahnsinn.

Warum trampt eigentlich heute keiner mehr? Dieser Frage ging in einem hinreißend schönen Artikel für die Süddeutsche Zeitung ein Kollege namens Alex Rühle (57) nach. Er stellte sich in Bayern an den Straßenrand, mit einem selbst gemalten Schild in der Hand: „Überall“. Und dann – Daumen hoch und quer durch Deutschland.

Nach einer Woche landet er, mit kaum Gepäck und doch voll gepackt mit Erfahrungen, die nur ein Tramper machen kann, ganz hoch im Norden, am Meer.

So wie wir damals, meine Kumpels und ich, manchmal auch ich alleine. Nur landeten wir nie im Norden. Unsere Daumen zeigten immer nach Süden. Immer der Sonne nach oder in Richtung einer verlorenen Liebe, irgendwo im Nirgendwo an der spanisch-portugiesischen Grenze.

Achtung, Opa erzählt aus dem Krieg: Im Gegensatz zu uns damals, ach ja, damals, traf der SZ-Reporter Alex Rühle keinen anderen Hitchhiker, mit dem er sich hätte austauschen können. Echt jetzt? In ganz Deutschland keine zwei Tramper, die sich ihr Daumenlatein teilen?

Tja, warum trampt eigentlich heute keiner mehr? Alex Rühle hat schlüssige Begründungen für das Verschwinden der Tramperkultur: „Interrail, Flixbus, Mitfahrportale. Die Leute haben ab dem 18. Geburtstag eigene Autos und brauchen auch keine Gesprächspartner mehr, seit es in all diesen Autos Freisprechanlagen gibt.“

Stimmt. Gab’s in den Sixties alles nicht. Aber damals wie heute gab es Menschen, die dich am Straßenrand aufklaubten, dir ihre Geschichte erzählten und sich für deine Abenteuer interessierten.

Wie du von einem Mann namens Jesus irgendwo auf der spanischen Hochebene zu seiner Frau Maria gebracht wurdest, die für dich kochte, dir die Wäsche wusch und die Socken stopfte, ehe Jesus persönlich dich 24 Stunden später wieder an einem Pfirsichfeld an der Straße absetzte.

Oder der Zigeuner – sorry, sagt man nicht mehr. Also noch mal: Oder als ein Angehöriger der Sinti und Roma dich kurz vor Marseille in seinen Mercedes einsteigen ließ und, weil es schon dunkel wurde, mit zu sich und anderen Sinti, Romas und Omas in ein Feldlager nahm, auf dem schon ein Spanferkel über dem offenen Feuer brutzelte. Und du deine Gitarre auspacktest, die du ja immer dabei hattest, weil du damit das bisschen Geld eingespielt hast, das so eine Reise kostet. Du hast dann also Oh When the Saints gespielt, während die Sinti, die Romas und die Omas ums Feuer tanzten und dir eine unvergessliche Nacht unter dem Himmel Südfrankreichs bescherten.

Alex Rühle berichtet in seiner Reportage nicht von Lust, Liebe und Spanferkeln über dem offenen Feuer. Dafür erzählt er in einem fantastischen Storytelling, das nicht viele beherrschen, von Begegnungen mit Lehrerinnen und Truckern, von Menschen in Anzügen und hübschen Sommerkleidern und von einem Italiener, der auch nach 30 Jahren im Allgäu noch ein „Va bene“ raushaut, als säße er noch immer auf einer Piazza in Brindisi, um dort wie jeden Tag seinen Espresso zu schlürfen.

SZ-Autor Alex Rühle: „Ein Geschenk“ © Rühle

Seine Reise durch Deutschland habe er als „Geschenk“ empfunden, schreibt mir der Autor Rühle eben, nachdem ich ihn kontaktiert und zu seinem großartigen Artikel beglückwünscht hatte.

„Die ganze Tramp-Woche fühlt sich für mich im Nachhinein an wie ein großes Geschenk, die Landschaften, aber vor allem die Begegnungen, so interessant, großherzig, überraschend und ja, teils auch verstörend, aber auch das war jedes Mal interessant.“

Genau. Ein Geschenk. Das war es auch, dass es mir damals, als Siebzehnjährigem, in Angoulême nichts ausmachte, dreizehn Stunden am Straßenrand zu stehen, ehe mich eine Französin in ihrem Döschwo aufgabelte, mich zu sich nach Hause nahm und in ihrem gemütlichen Heim bekochte.

Dreizehn Stunden auf den nächsten Lift zu warten war ein Klacks. Heute kriege ich die Krise, wenn ich mehr als fünf Minuten in der Warteschlange stehe, um in der Boulangerie auf meine frischen Croissants zu warten. Beim Trampen relativiert sich vieles, auch die Zeit.

Warum trampt eigentlich keiner mehr? Diese Frage stelle auch ich mir an diesem Morgen in Montreal zum ersten Mal seit vielen, vielen Jahren. Einen Teil der Antwort kennen wir jetzt ja – siehe oben.

Wenn Sie es genau wissen wollen, empfehle ich Ihnen den Artikel in der Süddeutschen Zeitung. Ich kann ihn hier nicht verlinken, denn er versteckt sich hinter der Bezahlschranke.

Posterboy für die Rollator-Firma

Irgendwie hatte ich mir das Alter anders vorgestellt. Mal cool mit der Harley-Davidson durch Montreal dröhnen, von mir aus auch nur durch Ummendorf. Aber daraus wird wohl nichts mehr in diesem Leben. Dafür lasse ich mich jetzt von der dänischen Herstellerfirma meines Rollators für eine Werbekampagne einspannen.

Das mache ich ausgesprochen gerne. Denn die Rollatoren von byAcre sind wirklich gut. Und nein: Für diesen Satz gibt’s kein Honorar. Er kommt von Herzen.

Seit einiger Zeit wirbt byAcre aus Kopenhagen auf Instagram und Facebook mit meinem Gesicht und meinen beiden Rollatoren. Für den Sommer benutze ich den federleichten Carbon Ultralight. Für Gelände und Waldwege, vor allem aber für die kanadischen Wintermonate, nehme ich den robusten Overland auf die Piste.

Auf die Idee, mich als Posterboy durchs Internet rollen zu lassen, war die Werbeabteilung von byAcre gekommen, nachdem ich immer wieder – ungefragt – die Vorzüge der beiden Rollatoren erwähnt hatte: auf Facebook, auf Instagram und natürlich – wie hier – auch in den BLOGHAUSGESCHICHTEN.

„Wir erleben nur selten, dass Männer offen über ihre Erfahrungen mit Mobilitätseinschränkungen sprechen“, schrieb mir die PR-Abteilung. „Genau deshalb haben Ihre Beiträge unsere Aufmerksamkeit geweckt. Ich bin sicher, dass sie auch andere Menschen inspirieren.“

Außerdem beobachte man, dass Männer jeden Alters häufig zögern oder sich scheuen, die Mobilitätshilfe zu nutzen, die sie eigentlich benötigen. Das wolle man ändern und mehr Männer dazu ermutigen, „die Unterstützung anzunehmen, die ihnen hilft, aktiv zu bleiben und ihr Leben weiterhin nach ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten.“

Dass mir als Gehbehinderter durch die beiden superleichten Rollatoren eine neue Welt erschlossen wurde, habe ich besonders in den vergangenen Wochen gemerkt. Mein geliebtes E-Bike musste ich schweren Herzens aus Sicherheitsgründen ausrangieren. Die Gefahr, vor allem beim Auf- oder Absteigen zu stürzen, war wegen der Polyneuropathie zu groß geworden.

Natülich ist auch der coolste Rollator kein Ersatz für ein Fahrrad. Aber er eröffnet Horizonte, die sonst außerhalb meiner Reichweite geblieben wären. Deshalb bin ich mit meinen fast 78 Jahren gerne der Posterboy einer dänischen Firma, die Rollatoren herstellt.

Und wenn meine Geschichte dazu beiträgt, anderen Menschen mit eingeschränkter Mobilität Mut zu machen, dann hat sich die Teilnahme an dieser Kampagne schon gelohnt.