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Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

Kurz mal nach Venedig rüber

Venise-en-Québec – zu Deutsch: Venedig in Québec – hat mit Venedig ungefähr so viel zu tun wie Ummendorf mit Barcelona. Von Gondolieri keine Spur und auch keine Lagunen weit und breit. Dafür Rentnerschaukeln und Harley-Davidsons, die es dort krachen lassen. In diesem pseudo-italienischen Sehnsuchtsort waren wir heute Nachmittag.

Wenn man viel Zeit auf einer Farm an der amerikanischen Grenze verbringt, die USA aus trumpistischen Gründen aber meidet wie der Teufel das Weihwasser, bleibt einem touristisch nicht allzu viel. Zugegeben: Der schönere Teil dieser Gegend liegt jenseits der Grenze, in Vermont oder im Bundesstaat New York. Aber genau dort wollen wir zurzeit nicht hin.

Also auf nach Venise-en-Québec, kaum eine halbe Stunde von Cassians Farm entfernt, wo auch wir viele Wochen im Jahr verbringen.

Der Weg führt von Saint-Bernard-de-Lacolle immer Richtung Osten durch landwirtschaftliches Gebiet. Sattgrüne Wiesen und Maisfelder. Aber keine Industrie, keine Schnellstraße und von McDonald’s keine Spur.

Das ist die gute Nachricht.

Die nicht so gute: In Venise-en-Québec, am Ostufer des Lac Champlain, muss irgendwann irgendjemand beschlossen haben: Charme-Offensiven jedweder Art sind hier strikt verboten!

Es ist nicht etwa so, dass dieser rund 2.000 Einwohner zählende Ort nicht das Potenzial zu einem schnuckeligen Dorf am Wasser hätte – durchaus. Aber die meist gesichtslosen Häuser entlang der Uferstraße signalisieren dem Besucher, der einen Hauch von Italien erwartet, vom ersten Moment an: Bitte fahren Sie weiter. Hier gibt es nichts zu sehen!

Wobei – so ganz ohne ist der Ort dann doch nicht. Immerhin gibt es eine kleine Strandpromenade. Ein Teil davon ist zur Zeit allerdings abgesperrt und wegen Baufälligkeit nicht passierbar.

Etwas verloren an der Hauptstraße von Venise-en-Québec steht sogar ein „Château Blanc“, ein weißes Castello aus dem Jahr 1933. Es heißt, dort habe vor Jahren die organisierte Kriminalität geblüht. Vor allem Bootlegging, also Alkoholschmuggel, soll an der kanadisch-amerikanischen Grenze zur Zeit der Prohibition weit verbreitet gewesen sein.

Auf einen Hauch von Venedig stößt man nach längerem Recherchieren dann doch noch. Im Archiv der Lokalzeitung ist der ehemalige Bürgermeister von Venise-en-Québec stehend in einer wunderschönen Gondel zu sehen.

Ob Monsieur die Kunst der barcarole veneziane beherrscht – jener venezianischen Volkslieder, deren Rhythmus die gleichmäßigen Ruderschläge und das sanfte Schaukeln der Gondel widerspiegelt -, ist nicht bekannt.

Hundeleben im Hochsommer

Stadt und Land. Poppy und Ravioli. Hochsommerliche Impressionen von der Farm und eine Sonne, die so bedrohlich durch den Montrealer Morgen brennt, dass die Waldbrände im Norden plötzlich sehr real werden. Das Feuerholz für den Winter erinnert uns daran: Der Sommer ist endlich. Farbfrische Straßenmarkierungen bringen die Hügel auf dem Land zum Tanzen. Fußball-WM auf dem Laptop – warum nicht? Wen kümmert’s schon, wenn bei dieser Bildschirmgröße manches Abseits ein Rätsel bleibt?

Sie sind einfach verschwunden

Der 15. Juli 1967 war der schwärzeste Tag in meinem Leben. Meine Mutter war 57, als sie ein Verkehrsunfall in den Bayerischen Alpen aus dem Leben riss. Ich war 18. Zurück blieben mein Vater und wir vier Kinder. Dass auch mein Vater Jahre später an den Folgen eines Autounfalls gestorben ist, gehört zu den Schicksalsschlägen, für die es keine Erklärung gibt.

Nein, der Tod ist nicht mein Freund. Und ich sehe ihn auch nicht als die natürliche Abfolge unseres Daseins. Für mich sind Todesfälle noch immer grausame Einschnitte in das Leben: in mein Leben, vor allem aber in das Leben der Menschen, die unmittelbar davon betroffen sind.

Freunde, Bekannte – von zu vielen mussten wir in letzter Zeit Abschied nehmen.

Als mein Bruder Eberhard vor etwas mehr als einem Jahr starb, war mir der Tod so nahe wie seit den beiden tödlichen Verkehrsunfällen meiner Eltern nicht mehr. „Er wurde von seinem Leiden erlöst“, hört man immer dann, wenn einem sonst die Worte fehlen.

„Jetzt verschwinden sie alle“, sagte mein Vater manchmal, wenn im Dorf wieder jemand gestorben war und er sich die schwarze Krawatte für die Beerdigung band.

Als Kind konnte ich diesen kruden Spruch nie richtig einordnen. Wer abhaut, kommt doch irgendwann auch wieder, reimte ich mir zusammen. Wie beim Versteckerles-Spielen. Nein, kommt er nicht. Heute weiß ich, was mein Vater meinte: Sterben, ohne Abschied zu nehmen.

Sie alle haben sich nicht verabschiedet – und ich vermisse sie sehr: meine Mutter, den Vater, den Bruder. Aber auch meine Freunde Börnie und Bernie, den Michi, die Edith, die beiden Günt(h)er, die Gudrun, den Richard, die Gerheide, den Scott, den Phil, den Bob, die Elke, den Norbert, den Hans, die Elsa, den Andreas, die Tante Anna, die Tante Elfriede, die Marga und viele, viele andere.

An Tagen wie diesen freue ich mich ganz besonders, dass ich noch immer von so vielen liebenden Menschen umgeben bin.

Von allen, die noch nicht verschwunden sind.

Drinks mit Mango und Poppy

Essen und Trinken, Sonne und Schatten – und natürlich darf auch diesmal ein Poppy-Foto nicht fehlen. Aber auch “Mango”, die Hundedame von Freunden, lässt sich den Montrealer Wind um die Nase wehen lässt.

Kulinarisch führte die Woche von der Farm zum Inder über die Brezel-Bäckerei in ein syrisches Restaurant, in das Cassian nachträglich zum Vatertag eingeladen hat.

Ein paar asiatische Motive aus dem Wartezimmer gibt’s auch – und natürlich auch wieder ein paar Stadtansichten, inklusive Public Viewing in der Rue Duluth.

Schönen Sonntag aus dem kanadischen Hochsommer!


Mein Ferrari gehört mir

Wenn sich Menschen über ihre Rollatoren unterhalten, dann ist das eine Welt für sich. In einem Rollator-Forum, in dem ich seit kurzem Mitglied bin, wird über „meinen Ferrari“ oder „ich liebe meinen Rolls-Royce“ geplaudert, als seien Rollatoren Statussymbole.

Im Grunde genommen sind sie es ja auch. Es gibt die Modelle, denen man ansieht, dass sie von der Krankenkasse bezuschusst werden, und es gibt luxuriösere Versionen wie den stylischen „Carbon Ultralight“ oder den schick-rustikalen „Overland“, beide sind von einer dänischen Firma und kosten um die tausend Dollar,

Eine Dame aus Texas bittet im Forum um Tipps, welche Farbe ihres neuen Rollators am besten zu ihr passt.

Eine Userin aus England schreibt: „Ich habe den in British Racing Green. Ich habe diese Farbe gewählt, weil ich einen dezenten Look wollte, der nicht so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht.“

Ein anderer schreibt: „Ich benutze den in Forest Green. Wenn Sie also nicht gerade den Look eines distinguierten älteren Herrn anstreben, würde ich Ihnen auf jeden Fall Champagne Beige empfehlen.“

Eine kalifornische Rollatorin mag es gern ein bisschen glamouröser: „Mein Bentley ist braun. Ach was, er ist eigentlich gar nicht braun, sondern hat eine wunderschöne, glitzernde Farbe. Ich liebe ihn.“

Nach dem Motto „Mein Rollator ist von jetzt an mein Freund“ geben viele ihrem neuen Begleiter sogar einen Namen. Da gibt es alles von „Lizzy“ über „Dorothy“ bis hin zu „My Power Machine“. Manche Rollator-Benutzer lassen sich sogar kreative Aufkleber mit dem Namen ihres Gefährts drucken.

Und dann muss so ein Rollator natürlich immer picobello aussehen. Deshalb werden geheimnisvoll wie im Darknet Tipps für die fachgerechte Reinigung der Griffe und des Sitzes ausgetauscht. Als gehe es darum, das Mysterium des Bermuda-Dreiecks zu enthüllen, verrät eine Userin: „Pssst, but I use Baby Wipes“.

Rollatoren können mehr, als Menschen in ihrer Mobilität zu unterstützen. Sie sind auch ein gutes Kommunikationsmittel.

Als ich noch ganz neu mit dem „Carbon Ultralight“ unterwegs war und mich zum ersten Mal eine ältere Dame fragte, ob sie ein Foto machen dürfe, habe ich meinen frisch erworbenen Rollatoren-Charme wohl etwas überschätzt. Ich warf mich in meine beste Pose: „Nur damit Sie Bescheid wissen: Ich bin verheiratet.“ Sie: „Ich auch. Darf ich meinem Mann trotzdem Ihren Rollator zeigen?“

Neulich hielt eine junge Frau in der Metro ihre Handykamera in meine Richtung. Unsere Blicke trafen sich. Beim Aussteigen lächelte sie etwas verlegen: „Sorry. Foto war für meine Oma.“

Vielen Dank auch, dass mich mal wieder jemand in die Wirklichkeit zurückgeholt hat. Hilfe, ich bin alt!