Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

In der Covid-Kälte-Falle

DIE ETWAS ANDERE MASKE: Kälte und Covid als Herausforderung. Foto © Bopp

Der Kollege von der Montreal Gazette kommt eben aus Florida zurück und vermeldet eine Sensation: Er habe mit eigenen Augen gesehen, wie sich zwei Menschen die Hand geben. Dabei handelte es sich um einen Kellner und einen Gast. Etwa nach dem Motto: “Dürfen’s noch ein paar Viren zum Nachtisch sein?” 

So erzählt es Josh Freed in seiner heutigen Kolumne. Die Bilanz seines einwöchigen Aufenthalts: “Es fühlte sich an, als wäre ich auf einem anderen Planeten gelandet”.

So langsam komme auch ich mir vor wie auf einem anderen Planeten. Vor allem, wenn ich von Freunden aus Deutschland höre, wie sie mit Covid umgehen.

Der eine kommt gerade vom Skifahren in der Schweiz zurück, nachdem er kurz vorher noch auf Mallorca war. Der andere schickt Strandfotos von den Kanaren. Ein Dritter war neulich in Portugal und italien. Nicht zu vergessen der Kumpel, der bei einer Snowmobile-Tour durch Lappland seinen Spaß hatte.

Und wir hier?

Sitzen in unseren vier Wänden und freuen uns, wenn wir durchs Wohnzimmerfenster hin und wieder einen Menschen auf Langlaufskiern erspähen.

Der Lockdown in Quebec geht in die x-te Runde. Wie ein Restaurant von innen aussieht, haben wir inzwischen vergessen. Cafés, Bars, Kino, Theater, Sportveranstaltung? Fehlanzeige. 

Wir warten sehnsüchtig – wenn schon nicht auf ein Ende -, dann wenigstens auf einen neuen Umgang mit der Pandemie. Die könne nach Meinung von immer mehr Experten inzwischen getrost wie eine Endemie behandelt weden. Also etwa wie eine mittelschwere Grippe.

“Fuck Covid!”, textete mir eine Montrealer Freundin neulich. Und meldete wenige Tage später eine Corona-Erkrankung. Keine mit einem “milden Verlauf”, wie es ja inzwischen so schön heißt. Sondern eine richtig fette Infektion mit allem, was dazugehört.

Was also ist der richtige Umgang mit diesem verdammten Virus?

Im Fernsehen hörte ich den Moderator einer ARD-Talkshow neulich etwas sagen, das mir zu denken gab. Sinngemäß stellte er seinem Panel die rhetorische Frage, wer nun eigentlich die Geisterfahrer seien. Diejenigen, die sich an sämtliche Regeln halten? Oder doch die “Fuck Covid”-Fraktion, der unsere Freundin bis vor ihrer Erkrankung noch angehörte.

Wenn es nach der Quebecker Regierung geht, ist der Fall klar: Keine Reisen, keine Restaurantbesuche. Nicht einmal Begegnungen mit Menschen, die nicht zum eigenen Haushalt gehören. 

Wir haben Cassian seit Heiligabend nicht mehr gesehen. Er wohnt gerade mal 150 Meter von hier. 

Meine Freunde Doug und Marjolaine haben wegen Covid eine Reise zu ihrem Sohn nach Texas storniert.

Fuck Covid.

Ganz ehrlich? Ich bin inzwischen nicht mehr so sicher, ob unsere Zurückhaltung Selbstkasteiung der richtige Weg ist, um aus der Krise zu kommen. Neben der körperlichen Unversehrtheit gibt es ja auch noch die mentale Gesundheit. 

Die zu bewahren ist in Zeiten wie diesen eine echte Herausforderung. Zumal wir seit Wochen nicht nur wegen Covid eingesperrt sind, sondern auch wegen einer extremen Kältewelle, wie wir sie hier schon seit Jahren nicht mehr erlebt haben. Wer geht denn schon ohne Not bei minus 30 Grad auf die Straße?

Ein Verrückter vielleicht. Oder einer, der es vor lauter Lockdown nicht mehr in den vier Wänden aushält. 

Also doch ein Verrückter.

Wie versprochen: Winter-Videos


Erst kam er auf leisen Sohlen, dann aber kam er gewaltig: Der erste Blizzard dieses Jahres hielt, was die Metereologen versprochen hatten: Steife Winde, 30 cm Schnee. Verwehungen auf den Straßen, jede Menge Unfälle – und ganz viele fröhliche Kindergesichter.

Die hatten nämlich schnee- und kältefrei. Was als erster Schultag nach einer langen Covid-Pause geplant war, entpuppte sich als zusätzlicher Ferientag. Danke, Winter!

Morgen, ihr Lieben, gibt’s aber keine Gnade. Da geht’s zurück auf die Schulbank. Es gibt ja nur noch ein bisschen Schnee. Und auch die gefühlte Temperatur wird sich mit minus 23 Grad so plusminus im Rahmen halten.

Und weil es an so einem gemütlichen Wintertag sonst ohnehin nichts zu tun gibt, fängt der Blogger Schnee mit der Handykamera ein.

Das erste Video ist morgens um acht entstanden, das letzte am Abend, kurz vor 20 Uhr.

Ein Land, das Winter heißt

„Mein Land, das ist kein Land. Es ist der Winter“ – Auf Französisch („Mon pays, ce n’est pas un pays, c’est l’hiver“) klingt das, was der Quebecer Barde Gilles Vigneault in seinem Chanson meinte, ein bisschen versöhnlicher. Aber man kann es drehen und wenden wie man will: Der Winter in Kanada kann wunderschön sein, manchmal grausam, aber immer fotogen.

Ob am Lac des Deux Montagnes, wo wir heute Eisfischern und Windsurfern zusahen, oder auf dem zugefrorenen St.-Lorenz-Strom, wo Familienväter liebevoll Eisbahnen für die Kinder bauten – optisch hat alles seinen Reiz.

Doch mitten im hundertsten Lockdown, einschließlich nächtlicher Ausgangssperren, fühlt sich der kanadische Winter weniger romantisch an. Manchmal wirkt er wie ein Korsett, das dir die Luft zum Atmen nimmt, dass es fast schon weh tut.

We are winter people„, sagen unsere kanadischen Freunde, wenn sich draußen der Schnee türmt und das Eis unter den Sitefeln knirscht.

We are summer people„, sage ich dann schon mal und wünschte mir, das für uns derzeit unerreichbare Mallorca wäre nicht am anderen Ende der Welt und Corona würde endlich den Weg zur Hölle antreten.

Aber wie immer machen wir das Beste daraus. Ein paar Fotos aus unserem Viertel und von ein bisschen außerhalb – zu mehr hat es an diesem bitterkalten Sonntagnachmittag nicht gereicht. Bei minus 22 Grad lässt du den Finger keine Sekunde zu lang am Auslöser.

Morgen geht’s weiter. Für die Nacht ist ein Schneesturm angekündigt. Um die 30 cm Neuschnee soll es geben. Pittoresk wird’s allemal.

„Mein Land, das ist kein Land …“

Bald müssen Ungeimpfte zahlen

Wer nicht hören will, muss zahlen: Ungeimpfte in der Provinz Quebec werden künftig zur Kasse gebeten. Etwas aufgeregt war er schon, der Ministerpräsident, als er eben vor der Presse die jüngsten Maßnahmen verkündete: Wer sich nicht impfen lässt, muss “eine beträchtliche Summe” an Sonderabgaben entrichten, wenn er seine Steuererklärung abgibt.

Wie diese “beträchtliche Summe” aussehen könnte, wollte François Legault nicht präzisieren, noch nicht. Aber 50 Dollar seien in seinen Augen noch keine beträchtliche Summe, 100 auch nicht.

Ethisch und juristisch könnte es noch einige Hürden geben, bis das Gesetz an den Start gebracht wird. Dass es demnächst inkraft tritt, daran ließ der Quebecer Regierungschef keine Zweifel. „Wir müssen handeln!“

Die Logik hinter der Ankündigung klingt schlüssig. Wenn 10 Prozent der Bevölkerung ungeimpft sind, aber 50 Prozent aller Krankenhausbetten von Ungeimpften bevölkert werden, ist das den Millionen Geimpften gegenüber nicht mehr zuzumuten.

Keiner habe Verständnis dafür, dass lebensnotwendige Operationen verschoben werden müssen, weil Ungeimpfte Personal und Betten überfordern, sagte Gesundheitsminister Christian Dubé am Nachmittag vor der Presse.

Die Situation in der Provinz Quebec spitzt sich mit jedem Tag mehr zu. Zwar sind die Inzidenzen rein zahlenmäßig in den letzten Tagen gesunken, die Zahl der PatientInnen, die wegen Covid-Erkrankungen ins Krankenhaus eingeliefert werden, steigt jedoch rapide.

Wie prekär die Lage ist, zeigt auch ein plötzlicher Personalwechsel an der Spitze des Pandemie-Krisenteams: Der bisherige Gesundheitsdirektor, der die Regierung berät – vergleichbar mit Lothar Wieler vom Robert-Koch-Institut -, hatte gestern überraschend seinen Rücktritt eingereicht. Ein Interimsnachfolger wurde heute der Presse vorgestellt.

Ob Empathie, politisches Kalkül oder gar versuchte Erpressung – als Signal taugt die Drohung mit der Kohle allemal. Ministerpräsident Legault kennt seine Pappenheimer: Nachdem vor einigen Tagen angekündigt worden war, dass nur noch Geimpfte Zugang zu den staatlichen Alkohol- und Cannabis-Läden haben, bildeten sich vor den Impfzentren plötzlich wieder Schlangen.

Im Oktober wird in Quebec neu gewählt. Bislang muss Ministerpräsident Legault mit seiner Coalition Avenir Québec (CAQ) Umfragen zufolge nicht um seine Wiederwahl fürchten. Das könnte sich jedoch ändern, wenn die Regierung ihre manchmal chaotische Pandemiepolitik nicht bald in die Spur zurückbringt.

Mein Freund Doug, stets ganz weit vorne, wenn es um politische Szenarien geht, textet mir eben: „I smell fear!“

>> Reaktionen auf die angekündigten Strafzahlungen (CTV-News) <<

UPDATE – 12. Januar 2022

Nach der gestrigen Ankündigung einer Impf-Steuer findet ein Run auf die Impfzentren statt. Vor allem die Zahl derer, die eine Erst-Impfung suchen, hat in den vergangenen Stunden drastisch zugenommen:

Minus 38 Grad: Die Eiszeit kommt

MEIN KUMPEL FRANK beim Schneeräumen. © Bopp

Minus 38 Grad Celsius – so kalt soll es sich morgen früh in Montreal anfühlen. “We are winter people”, sagen Freunde von uns, wenn man sie auf die Eiszeit in Quebec anspricht. Ihnen machen die Temperaturen – übrgens die kältesten seit vier Jahren – nichts aus. Mir schon. Ich wünschte, ich wäre auf Mallorca.

Dort waren wir um diese Jahreszeit zwölf Jahre hintereinander. Dann kam Covid. Mit Covid kam die Kälte, auch die soziale Kälte. Jetzt haben wir Omikron und es ist noch kälter geworden. 

Der Kalenderspruch “Es gibt kein schlechtes Wetter, nur die falsche Kleidung” ist genau das: ein Kalenderspruch, nicht mehr.

BLICK VOM BALKON: Die bisher kälteste Nacht dieses Winters.

Wer sich einmal auch mit noch so guter Kleidung bei minus 38 Grad vor die Tür gewagt hat, weiss, was ich meine. Innerhalb von fünf bis zehn Minuten können Erfrierungen eintreten. Die Behörden warnen davor, morgen ohne Not auf die Straße zu gehen.

Nachts hat sich das Thema ohnehin erledigt: Hier herrscht zwischen 22 und 5 Uhr noch immer ein Corona bedingtes Ausgehverbot.

Besonders hart trifft die Kältewelle Hunderte von Obdachlosen. Längst nicht alle von ihnen haben ein Bett für die Nacht. Viele von ihnen kauern normalerweise um diese Jahreszeit über Heizungsschächten oder in den Vorhallen der Montrealer Metro-Stationen, soweit diese überhaupt nachts geöffnet sind.

Die Ansteckungsquote unter den Wohnsitzlosen ist extrem hoch: Waren es vorige Woche noch 216 von ihnen, infizieren sich inzwischen jeden Tag 50 Neue.

Die logistischen Voraussetzungen der Sozialbehörden sind enorm: Ein Hotel, das die Stadt Montreal eigens für Covid-kranke Wohnsitzlose angemietet hat, ist bereits überfüllt. Immer neue Behausungen müssen gefunden werden, weil ein Ende der Ansteckungskette nicht abzusehen ist.

Die Kapriolen, die das Wetter uns derzeit bietet, passen in die turbulente Zeit, in der wir leben. Die bevorstehende Mini-Eiszeit soll nur einen Tag und eine Nacht anhalten, dann klettern die Temperaturen wieder auf minus 12 Grad. Aber auch die fühlen sich im Wind ganz schnell an wie minus 20. Nächste Woche soll es dann eine Neuauflage der Eiszeit geben.

Das ist weit entfernt von der Rekord-Tiefsttemperatur, die ich in Kanada einmal erlebt habe. Bis vor kurzem hing in meinem Büro eine gerahmte Urkunde. Sie wurde an Journalisten verteilt, die trotz Schneesturms zur Eröffnung des neuen Winnipeger Kongresszentrums gekommen waren.

An diesem Abend hatte es, mit „wind chill factor“, minus 62 Grad Celsius.