Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

Ein Herz für Inder

Der erste Inder, den ich kannte, war ein Sikh namens Gopal. Ein Hüne von Mann mit einem Turban, der ihn noch größer erschienen ließ. Ich lernte Gopal im Winter 1973 kennen, kurz nach meiner Ankunft in Winnipeg/Manitoba.

Gopal arbeitete an der Uni und war mit einer jungen Künstlerin aus Deutschland verheiratet. Irgendwann luden mich die Beiden zum Essen ein. 

Wenn Liebe durch den Magen geht, dann war es Liebe auf den ersten Blick. 

In der Küche roch es nach Curry und Ingwer, nach Fenchel und Koriander, nach Kreuzkümmel, Kurkuma, Kardamom und all den Gewürzen des Orients, deren Namen ich erst viel später im Laufe meiner überschaubaren Karriere als Gourmet verinnerlichte. In den Töpfen brodelten Butter Chicken, Aloo Gobi Masala und Currygerichte mit unaussprechlichen Namen.

Gemüsepfanne mit Kahari Chicken

Gopal war es auch, der mich dem Besitzer eines indischen Restaurants in Winnipeg vorstellte. “Bombay Palace” hieß es, ein großes Wort für ein kleines Lokal, dessen Betreiber wohl ein Herz für einen stets hungrigen, frischgebackenen Kanada-Einwanderer hatte. Wenn ich als damals 24-Jähriger im “Palace” auftauchte, wurde ich wie ein König behandelt. 

Vom “Gruß aus der Küche” in Form von köstlichen Samosas über die indische Linsensuppe mit dem exotischen Namen Mulligatawny bis hin zum Biryani, Tandoori, Butter-und Curry Chicken. 

Das messerscharfe Beef Vindalho trieb mir das Wasser in die Augen. Die golden gebackenen Gulab Jamuns-Bällchen zum Nachtisch versöhnten meine strapazierten Geschmacksnerven. 

Basmatireis

Schon damals war mir klar: Ich werde indisches Essen immer lieben – und genau so kam es auch. Doch nicht alle Inder, die ich im Laufe meines langen Lebens aufsuchte, können Nan so lecker backen und Tandoori so köstlich braten wie Gopal. 

Manchmal stimmte das Essen, aber nicht das Ambiente. Ab und zu war es der Preis, der einem Tränen in die Augen treiben konnte. Oft lagen die Lokale zu weit außerhalb der Stadt oder boten einen unterirdischen Service. Perfekte indische Restaurants sind auch in einer Millionen-Metropole wie Montreal selten.

Heute wurden wir fündig.

“Swagat”, heißt das Restaurant. “Swagat” ist Punjabi und heißt “Willkommen”. Und willkommen gefühlt haben wir uns sofort in diesem freundlichen Lokal mit einer Metro-Station gleich um die Ecke. 

Das “Swagat” hat eine hübsche Terrasse zur belebten Rue St. Denis hinaus und liegt schräg gegenüber des Carré St. Louis, einem meiner Montrealer Lieblingsparks.

Nan – frisch aus dem Ofen.

Gurmesh heißt der Besitzer, ein freundlicher Sikh aus dem Punjab, der 20 Jahre lang ein indisches Lokal in Paris betrieben hatte. Vor vier Jahren zog es ihn dann mit seiner Familie nach Montreal. Kurz vor der Pandemie kaufte er das Restaurant an der Rue St. Denis. Dann war erst einmal Pause.

Wegen Corona blieb das neu erworbene Restaurant mehr oder weniger die ersten zwei Jahre geschlossen. Das war bitter. Jetzt läuft der Betrieb so langsam wieder an.

Wir haben uns heute mit einem Nach-Covid-Menü verwöhnt. Es gab Karahi-Chicken in einer dicken Gemüsesauce und Saag-Hühnchen in Spinat, mit Basmati-Reis und Nan, frisch aus dem Tandoori-Ofen. Und es war ein Gedicht. 

Fast wie damals bei Gopal.

SWAGAT – 3443 Rue St. Denis – Montréal, PQ -H2X 3L1 (514) 267-2818

Auf Nimmerwiedersehen!

Der fiese Hausgast ist verschwunden. Zwei Wochen Covid sind genug. Jetzt endlich kann ich dem Virus mit einem negativen Testergebnis den Mittelfinger zeigen. Wären da nicht die Nachrichten von immer wieder neuen Corona-Erkrankungen bei Freunden und Bekannten, könnte man glatt zur Tagesordnung übergehen.

Doch genau das wäre fatal. Der Virus lauert noch immer und überall: Im Supermarkt, in der U-Bahn, an der Tankstelle, im Drogeriemarkt. Selbst beim Fahrradfahren grüßt der Fiesling hinterhältig, als hätte er eine Zacke in der giftgrünen Krone.

Die Inzidenzen steigen auch hier wieder. Und natürlich ist schon wieder die Rede davon, dass Krankenhausbetten knapp werden können, wenn wir nicht aufpassen.

Dabei ist das mit dem Aufpassen so eine Sache. 

Ich dachte, mehr Aufpassen geht eigentlich gar nicht. Viermal geimpft, Masken in industriellen Mengen gekauft und benützt. Zwei Jahre auf Flüge verzichtet, auf Parties, Massenevents und Essens-Einladungen. Und trotzdem schlich sich dieser Virus in mein Leben, als wollte er sagen: “Pass auf, Freundchen! So leicht schüttelst du mich nicht ab”.

Eine Covid-Erkrankung ist nicht lustig. Sie steigt dir in den Kopf, in den Hals, in die Bronchien und in den Rachen. Sie zwingt dich in die Knie, macht dich energielos. Und sie macht dich noch vorsichtiger als vorher. Mögen die Behörden die Maskenpflicht jetzt selbst in der U-Bahn abgeschafft haben – ich wird auch künftig keiner unmaskiert in öffentlichen Verkehrsmitteln sehen.

Es gibt Momente, da lässt mich diese Covid-Erkrankung auch zweifeln. Wozu all die Vorsichtsmaßnahmen, wenn es dich trotzdem erwischt?

Die Antwort, mit der ich gut leben kann, geht so: “Weil es mich ohne Vorsichtsmassnahmen und ohne Vierfach-Impfung vermutlich viel schlimmer erwischt hätte”.

Holländer dringend gesucht

Holländer sind ein bisschen wie Kanadier: Man muss lange suchen, bis man einen von ihnen nicht mag. Die Niederländer, die ich kenne, sind gesellig, interessiert, friedfertig und einfach cool. Dass sie Bier, Fußball und Autorennen mögen, hilft bei der gegenseitigen Wertschätzung. Und überhaupt hat Lore ihre Kindheit an der holländischen Grenze bei Venlo verbracht. Mehr Sympathie für ein Volk geht nicht.

Dass einer der zurzeit berühmtesten Holländer ein paar Straßen von hier in einem Montrealer Hotel weilt, während ich diese Zeilen schreibe, ist reiner Zufall.

Vielleicht aber auch nicht. 

Könnte es sein, dass der Formel-Eins-Pilot Max Verstappen vor dem Formel Eins-Rennen am Sonntag einen wahren Boom in den BLOGHAUSGESCHICHTEN ausgelöst hat?

Die Sache ist nämlich die:

In den letzten 24 Stunden haben mehr Holländer diesen Blog abonniert als in den vergangenen zehn Jahren zusammen. Da wimmelt es von van/ter/de – und natürlich freue ich mich über jeden von ihnen.

Nur: Wer seid ihr, liebe Holländer, die ihr gerade einen Massenansturm auf meinen Blog inszeniert, als ginge es um das WM-Finale von 1974? (Habt ihr leider verloren, aber das ist ein anderes Thema).

Vielleicht bin ich aber auch einfach naiv und hinter der digitalen Invasion der Niederländer verbergen sich keine Blogfans sondern Bots, Werbe- oder Virusschleudern.

Kann ich mir aber wirklich nicht vorstellen. Denn, siehe oben, Ihr Holländer seid doch alle total nett.

Also, macht keinen Käse. Sollte einer von euch diesen Text lesen, sei so gut und schreib mir, gerne auch privat.

Bis dahin gehe ich einfach mal vom Guten im Holländer aus und sage:

Vaarwel en blijf gezond!

Ein Fiesling namens SARS-CoV-2

DIE LUFT IST RAUS: Der Virus hat dich im Griff, nicht umgekehrt. © ADFC

Covid ist gemein. Das fängt schon beim Namen an. Heißt es nun Covid, Corona oder gar SARS-CoV-2? Ist es das Virus oder der Virus? Ist Omicron eine Variante oder einer Variation? Omicron oder Omikron?

Covid fühlt sich an wie eine eklige Erkältung, die etwas ganz Besonderes sein möchte: Besonders hartnäckig, besonders fies und irgendwie besonders undefinierbar. 

Immer wieder tauchen neue Beschwerden auf, deren Ursachen irgendwo ganz anders liegen mögen. Man schiebt sie aber, weil man Covid hassen möchte, ungefragt auf den Virus.

Oder wäre die Schwerhörigkeit im rechten Ohr auch ohne Covid schlimmer geworden?

Und dann diese Ungewissheit. Ist Covid vorbei, wenn beim Schnelltest der doppelte Balken verschwindet? Die Behörden sagen: Nach fünf Tagen kannst du deinen Quarantäne-Knast verlassen, solange du für weitere fünf Tage die Maske aufbehältst, keine Massenveranstaltungen besuchst und dich so verhältst, dass keine Ansteckungsgefahr mehr von dir ausgeht.

Geht’s noch schwammiger?

Covid ist auch zeitlich unberechenbar. Eine normale Erkältung, sagt der Volksmund, halte mit Medikamenten sieben Tage an, ohne sie eine Woche.

Und Covid? Am 7. Tag seit meiner Diagnose sind zwar die Symptome deutlich schwächer geworden, aber irgendwann melden sie sich alle immer mal wieder. Einfach so. Als wollten sie daran erinnern, dass der Virus DICH im Griff hat und nicht umgekehrt. Die Bronchien, der Husten, die tröpfelnde Nase, das Kopfweh, die Erschöpfung.

Die Erschöpfung. Diese Müdigkeit, die sich anfangs noch wohlig, fast heimelig anfühlt, dann aber nahtlos in eine permanente Energielosigkeit übergeht. So, als hätte jemand nichts Besseres zu tun, als ständig die Luft aus dem Reifen zu lassen, den du doch eben erst unter großen Anstrengungen aufgepumpt hattest.

Covid ist auch deshalb eine fiese Krankheit, weil sie keine eindeutige Antwort bei Befindlichkeitsfragen zulässt. 

“Wie geht’s dir denn inzwischen?”, höre ich seit einer Woche ständig.

Tja, wie geht’s einem eigentlich nach einer Woche? 

Keine Ahnung. Covid eben.

Viermal geimpft, einmal Covid

GESTERN MORGEN, kurz vor dem perfekten Sturm: „Red sky in the morning, sailors warning“.

Der gestrige Sonnenaufgang verhieß in all seiner Schönheit nichts Gutes. „Red sky in the morning, sailors warning!“ sagt man hier. Der Seemann sollte also gewarnt werden: “Pass auf, Freundchen, da kommt noch was!” Und gerade als nach dem feuerroten Himmel der strömende Regen einsetzte, war klar, was kommt: Eine positive Covid-Diagnose.

Jetzt hat es also auch mich erwischt. Soll ich zetern, schreien, hadern? Nein. Aber einfach mal nachdenken, was passiert war.

Während viele unserer Freunde durch die halbe Welt geflogen sind, es bei Partys krachen ließen und Familien-Dinners gefeiert hatten, als wäre Corona keine Krankheit sondern ein Hirngespinst Putins, sind wir immer brav daheim geblieben. 

Kein Flug seit mehr als zwei Jahren. Keine Party. Und wenn wir dann mal zwei Leute zum Essen hier hatten, mussten sich alle vorher testen. So war das während der harten Corona-Phase. 

Und selbst jetzt, da auch hier die Maskenpflicht weitestgehend gefallen ist, sind wir es, die immer noch Maske tragen – auch dort, wo es längst nicht mehr vorgeschrieben ist.

Mir doch egal, wenn mich die masekenlose Mitbewohnerin im Aufzug fast mitleidsvoll ansieht, nach dem Motto: “Hat wohl noch nicht mitbekommen, der Alte, dass die Maskenpflicht aufgehoben ist”.

Als dann Omicron kam und man fast ausschließlich von „milden Verläufen“ hörte, ließ auch ich es schon mal lockerer angehen. Championsleague-Finale in der Kneipe. Besuch mit Freunden im Restaurant, auch mal eine Essens-Einladung. Noch am Tag vor der Diagnose Fish & Chips mit einem Kumpel im British Pub. 

Doch keinen und keine von denen, mit denen ich in den letzten Tagen Kontakt hatte, hat es erwischt.

Das ist eine wunderbare Nachricht. Die beste von allen: Auch Lore, die jetzt einmal mehr zu meiner Pflegerin verpflichtet wurde, blieb bisher negativ. 

Wir sehen uns kaum. Die auf vorläufig fünf Tage angesetzte Quarantäne in meinem Zimmer lässt sich aushalten. Den direkten Zugang von meinem Schlafzimmer in mein privates Bad weiss ich zu schätzen. Die Sicht von hier aus ist großartig.

Und trotzdem ist Covid eine Krankheit, die niemand braucht. Gleich gar nicht im Risiko-Alter von 73.

Angefangen hatte es mit einer plötzlich einsetzenden totalen Erschöpfung. Dann meldete sich ein rauer Hals. Kurz danach die Bronchien, die seither das Atmen erschweren. Der Druck in den Augenhöhlen erinnert mich an die schlimme Zeit nach meinen Netzhaut-Operationen. Dazu Husten, Schnupfen und ein wenig Fieber. Und, ja: Das Bad nebenan ist en Glücksfall. Ich bin häufiger als sonst dort.

Aus der morgendlichen Seemanns-Warnung hatte sich der perfekte Sturm zusammengebraut.

Aufpassen, Freunde! Covid ist noch lange nicht vorbei.