Gefangen im Paradies

Neben Familie und Gesundheit gibt es in meinem Leben nur noch ein Gut, das mir lebenswichtig ist: meine Freiheit. Ausgerechnet die soll mir am Montagfrüh genommen werden. Ein Erlass der spanischen Regierung verbietet es uns dann, unser Hotel zu verlassen. Und das für 15 Tage.

Mit dieser Maßnahme wollen die spanischen Behörden die weitere Verbreitung des Coronavirus stoppen. Dagegen sind wir machtlos.

Für uns gibt es vorerst kein Entkommen. Unser Rückflug nach Montréal geht von Málaga aus. Dorthin zu kommen ist im Moment nicht möglich.

Montréal? Wegen Corona hatten wir die Rückreise ohnehin schon um sechs Wochen vorverlegt (und dafür einen Aufpreis von 1200 $ aus der Privatkasse bezahlt).

Sicher ist sicher, dachten wir. Doch jetzt ist gar nichts mehr sicher. Der neuerlich geplante Abflugtag fällt noch voll in die Ausgangssperre.

Also muss möglicherweise erneut umgebucht werden. Vielleicht aber auch nicht. In dem Dekret der spanischen Regierung habe ich den Satz gefunden:

Urlauber und andere Menschen dürfen zu ihrem Hauptwohnsitz zurückkehren.“

Wie genau bis dahin der Hausarrest im Hotel aussehen wird, ist noch ungewiss. Sicher ist nur: Lediglich wer ein paar genau definierte driftige Gründe dafür hat, darf für kurze Zeit den Hotelkomplex verlassen.

Dazu zählen unter anderem Arztbesuche oder die Pflege von Familieangehörigen.

Keiner der Gründe reicht in unserem Fall für den Passierschein aus, der den Polizeibehörden vorzuzeigen ist, wenn man sich außerhalb des Hotelgeländes befindet.

Unser Hotel ist schön. Wir sehen ein bisschen aufs Meer und ein wenig in die Berge. Unter unserem Balkon gibt es einen Swimmingpool und die Hotelbar ist lange geöffnet.

Bei den meisten, die mit uns in diese missliche Lage geraten sind, handelt es sich um Deutsche, Österreicher und Schweizer. Engländer habe ich auch schon gehört und gesehen.

Es könnte also schlimmer sein. Aber es ist eben ein Hotel und nicht unsere eigene Bleibe.

In Notsituationen trennt sich die Spreu vom Weizen. Sie holen das Beste aus Menschen heraus und das Schlechteste.

Das Schlechteste ist schnell erzählt. Das sind die Hamsterer, die bei Lidl oder Mercadona tonnenweise Klopapier und Trinkwasser bunkern, so dass andere in die Röhre schauen.

Das Beste? Das sind unsere Freunde, die uns ihr Auto, ihre Finca, ihren Essensvorrat und jede sonst noch erdenkliche Hilfe in dieser Notsituation anbieten.

Wir haben es uns lange überlegt, ob wir diese herzerwärmenden Angebote annehmen sollen. Aber wir haben uns, zumindest für den Moment, dagegen entschieden.

Die Versorgungslage scheint uns im Hotel gesichert. Dazu gehören auch etwaige Arzt- oder Krankenhausbesuche, sollte der Extremfall eintreten.

Den Freunden, die mit ihrer Großzügigkeit unsere Herzen berührt haben, danke ich an diesem etwas betrüblichen Samstagabend ganz besonders.

Den Gedanken daran, dass wir uns nach unserer Ankunft in Montréal erst einmal für zwei Wochen in „Selbstquarantäne“ begeben müssen, weil wir aus einem als Hochrisiko eingestuften Gebiet kommen, verdrängen wir für den Moment einfach mal. Auch darüber haben nicht wir zu entscheiden sondern andere.