Mit Justin täglich durch die Krise

JustinEs gibt nicht viele gute Nachrichten in diesen düsteren Zeiten. Aber es gibt sie. Eine davon ist das Vorgehen der kanadischen Bundesregierung. Premierminister Justin Trudeau zeigt uns: Er ist nicht nur ein „pretty boy“ mit Tattoos und Boxer-Qualitäten. Er, der bei den meisten Kanadiern immer nur „Justin“ heißt, präsentiert sich in diesen Tagen als Staatsmann, wie wir uns keinen besseren wünschen könnten.

Jeden Tag um elf setzen sich Millionen Kanadier vor ihren Fernseher. Sie warten gespannt, was Justin Trudeau heute zu sagen hat.

Jeden Tag, auch samstags und sonntags, kommt der Regierungschef dann mit Anzug und Mantel durch die Tür seines provisorischen Wohnsitzes „Rideau Cottage“ (sein offizieller Amtssitz wird gerade renoviert) und hebt in den beiden Landessprachen Englisch und Französisch zu seinen Erklärungen an.

Nur am Wochenende legt er die Krawatte ab. Heute trat er sogar in verwaschenen Jeans vor die Kamera. Vielleicht, weil er dem Rest Kanadas so etwas wie Freizeitstimmung vermitteln möchte.

Nach jeder Rede werden ihm telefonisch Fragen von Pressevertretern des Landes zugeschaltet.

Als er neulich während einer seiner Ansprachen im Freien mehrmals hüstelte, wurde er sofort nach seinem Gesundheitszustand befragt. Das waren keine unberechtigten Fragen. Schließlich hatte sich Justins Frau Sophie Grégoire in London das Coronavirus eingefangen und musste sich hinterher für zwei Wochen in Quarantäne begeben.

Nicht nur aus Solidarität mit seiner Frau blieb Ehemann Justin danach auch zuhause, winkte aber ab: „Macht euch keine Sorgen. Mir geht es gut“.

Justin Trudeau macht nicht nur optisch eine gute Figur. Er vermittelt durch seine ruhige, coole Art auch jene Tiefenentspanntheit, die in Zeiten wie diesen wie Balsam auf die vom Virus geschundenen Seelen – und Körper – wirkt.

Auch inhaltlich überzeugt die kanadische Regierung durch ihr Handeln. Unter anderem gibt es bis zu 2000 $ monatlich Soforthilfemaßnahmen für alle, die ihr Einkommen verloren haben.

Manchmal würde ich mir bei Justin allerdings weniger Diplomatie und mehr Spontanität wünschen. Zum Beispiel jetzt, da der Präsidentendarsteller in Washington Kanada eine möglicherweise lebenswichtige Lieferung von Schutzmasken weggeschnappt hat, die Ottawa bei der US-Firma 3M in Auftrag gegeben hatte. Dabei hatte Ottawa sogar den Zellstoff dafür geliefert.

Aber auch angesichts dieser unerhörten Aktion Trumps blieb Justin Trudeau milde: Man werde Washington schon sagen, dass es so nicht gehe. Aber schließlich seien Kanada und die USA bedeutende Handelspartner. Da wolle man dann doch nicht gleich die gutnachbarschaftlichen Beziehungen aufs Spiel setzen.

Dass dieser unsägliche US-Clown diese Beziehungen Tag für Tag aufs Neue mit Füßen tritt, war von Justin leider nicht zu hören.

Übrgens vedient in diesen Tagen und Wochen nicht nur Justin Trudeau großes Lob dafür, wie er uns durch die Corona-Krise führt. Auch François Legault, der Ministerpräsident der Provinz Quebec, macht meiner Ansicht nach einen tollen Job.

Normalerweise bin ich alles andere als ein Anhänger seiner Partei, der konservativ bis nationalistisch ausgerichteten Coalition Avenir Québec. Aber ich gebe zu: Legault trifft in dieser Krise stets den richtigen Ton – und die richtigen Maßnahmen.

Dabei kommt ihm auch die legendäre frankokanadische Lebensart zugute, die auf gutem Essen und Trinken beruht.

„Vergesst nicht, auch in der Krise mit einem Glas Wein anzustoßen. Das tut gut!“, sagte er neulich zum Schluss seiner täglichen Fernsehansprache.

Santé, Monsieur Legault!

Cheers, Justin!

Screen Shot 2020-04-02 at 13.02.47