Mit Corona kam die Lieferitis

IMG_3545.jpgBestellst Du schon, oder kochst Du etwa noch? Nie seit meiner ganzen Kanada-Zeit – und das sind immerhin schon 40 Jahre – habe ich so viele Menschen so viele Mahlzeiten bestellen sehen. Schon klar: Die Restaurants sind geschlossen und Kochen ist nicht jedermanns Sache.

Wenn jetzt schon dein Stamm-Diner bei dir um die Ecke einen Lieferdienst anbietet, muss die Not groß sein – und zwar auf beiden Seiten: Beim Kneipen-Besitzer und beim Kunden.

Ob frittierte Zwiebelringe, Pommes, Dill-Gurken oder das Quebecker Nationalgericht PoutineThe Green Spot liefert neuerdings aus.

In einer Stadt mit mehr als 5000 Restaurants ist der Appetit groß. Denn müssten alle Restaurants über Nacht komplett zumachen, würde nicht nur ein wirtschaftliches Chaos entstehen, sondern auch ein kulinarisches.

Publikumsverkehr ist nicht gestattet, Take Out und Essen auf Rädern schon. Der Montrealer isst gern. Und wenn „le resto“, wie er seinen Esstempel liebevoll nennt, nicht mehr geöffnet ist, muss eben der Lieferdienst her.

Davon gibt es hier Dutzende. Von Uber-Eats bis Feodora, mit zahlreichen Einzelkämpfern

IMG_2092

Frisch aus der Pfanne: Schnitzel bei Bopps

dazwischen. Und der Liefermarkt läuft wie geschmiert.

Chez Ma Tante bietet Poutine und Hotdogs an. Le Petit Alep hat’s mit der syrischen Küche und La Khaīma brutzelt Mauretanisches und liefert dann frei Haus.

Auch Lebensmittel lassen sich viele Montrealer lieber vor die Haustür stellen anstatt vor der Ladentür Schlange zu stehen. Er erwarte jeden Moment eine neue Lieferung, textet mir gerade mein Kumpel Jean, „schon die dritte Lieferung in acht Tagen“.

Und wir so?

Gehen einmal pro Woche tüchtig einkaufen. Dann wird gekocht – und zwar jeden Tag.

IMG_2091

Hausgemacht: Lores Kartoffelsalat

Dabei darf es schon mal ein bisschen mehr sein. So wie eben, als dampfende Kässpätzle auf dem Tisch standen.

Italiener, habe ich heute gelesen, haben während des Lockdowns im Schnitt zwei Kilo zugelegt. Viel weniger dürften’s auch bei mir nicht sein.

Lebensmittel-Lieferungen hatten wir noch nie und auch den Essensdienst haben wir noch nie bemüht. Und zwar wirklich noch nie, auch vor der Corona-Krise nicht.

Dabei habe ich kein grundsätzliches Problem mit Food to Go. Es schmeckt mir einfach nicht außerhalb des Restaurants, wo es frisch gekocht wird. Ein Chicken Tikka Massala, das beim Stamm-Inder nicht heiß aus der Küche serviert wird, sondern erst auf den Liefertruck gepackt werden muss, verliert nicht nur seinen Geschmack, sondern auch seinen kulinarischen Charme.

All denen, die sich nicht daran stören, dass Pho Bo mit dem Radl kommt, wünsche ich guten Appetit!