Alle reden über Covid. Wir reden übers Wetter. Falsches Thema? Vielleicht. Aber das Wetter dominiert hier in Montreal schon seit Tagen die Schlagzeilen. Fast könnte man meinen, Celsius-Grade hätten Corona-Tote abgelöst. 39 Grad Ende Mai, mit Luftfeuchtigkeit sogar weit über 40 – das ist selbst für viele Kanadier too much. Dabei sind wir hier durchaus an extreme Wetterverhältnisse gewöhnt.
Fast sind da die ersten Tage dieses Monats vergessen, als das Thermometer noch um den Gefrierpunkt herumlungerte und uns sogar Schnee bescherte. Die Durchschnittstemperatur für einen 27. Mai liegt übrigens bei 21 Grad, nachts sinkt das Thermometer um diese Jahreszeit gewöhnlich auf frische 10 Grad. Noch eine Statistik gefällig? Heute vor 51 Jahren hatte es gerade mal null Grad in Montreal.
Und wie fühlt es sich an, bei 40 Grad den Boulevard St. Laurent hoch zu laufen? Schwer zu sagen. Schon nach ein paar Metern habe ich mich vorhin wieder ins kühle Auto gesetzt. Mit Spotify und Klimaanlage lässt sich so ein Hitzetag wunderbar genießen. Erst recht ohne Gesichtsmaske.
Wenn es um Gesprächsthemen geht, waren Kanada und das Wetter schon immer ein Dreamteam.
Ich verschlinge zurzeit „The Journey“, ein (Hör)Buch von James A. Michener. Es spielt Ende des 18. Jahrhunderts im Norden Kanadas, als der Goldrausch im Klondike einen Teil der Menschheit verrückt machte.
Doch in diesem Buch spielt nicht das Gold die Hauptrolle, sondern das Wetter. Einen der Abenteurer reißt es vom Boot. Er stirbt in den eiskalten Fluten des Mackenzie River.
Zwei weitere Mitglieder der Klondike-Truppe können sich im Hochsommer gerade noch vor einem Schwarm von Millionen Moskitos in Sicherheit bringen. Sie überleben. Aber nur weil wettererprobte Indianer ihnen Survivalt-Tpps geben.
Wenn das Wetter in Kanada Kapriolen schlägt, gibt es immer zwei Arten von Reaktionen.
Da sind diejenigen, die bei minus 40 Grad bibbernd-fröhlich feststellen: „Immerhin keine Moskitos!“ Und die anderen, die sich in ihren Winterschlaf zurückziehen und auf den Sommer warten.
Ist er dann endlich da und rüttelt mit großer Wucht am Thermometer, so wie heute, ist es auch nicht recht. „ Dieses Klima macht mich fertig“, höre ich eben einen Montrealer im Radio toben, „Dieser Sommer weiß einfach nicht, was er will!“ Ausgerechnet jetzt, da die Schwimmbäder wegen Corona geschlossen bleiben, müsse uns diese Hitzewelle heimsuchen!
Ganz bizarr: Für die Gewässer im Umkreis von Montreal wurde eine Badewarnung herausgegeben. Bei den immer noch extrem niedrigen Wassertemperaturen kann ein beherzter Sprung in den See tödlich sein.
Ganz ehrlich? Ich freue mich über diese gelegentlichen Hitze-Intermezzi. Es sind genau jene Tage, die man sich dann bei minus 40 Grad gerne in seinem Kopfkino zurückwünscht.
Schließlich kommt nicht nur der nächste Winter bestimmt, sondern auch der nächste Montag. Dann soll die Höchsttemperatur 14 Grad betragen.