Bleibt doch endlich zuhause!

Flughafen Montreal, 18. Dezember 2020 Copyright: Montreal Gazette (Screenshot)

Die Krankenhausbetten in Montreal werden knapp, für das erschöpfte Personal gilt während der Feiertage eine Urlaubssperre. Jeden Tag gibt es in der Provinz Quebec (8.5 Millionen Einwohner) um die 2000 neue Covid-Infizierte und knapp 30 Tote. Was, frage ich mich, machen dann die Tausende, die den Montrealer Flughafen bevölkern, um in die Ferne zu reisen?

Für mich sind es Egoisten, deren Reiselust wir, die Daheimgebliebenen, mit immer restriktiveren Maßnahmen wieder ausbaden dürfen.

Hab’ ich da irgendwas falsch verstanden? Ich dachte, wir sollen in Zeiten wie diesen nur im Notfall reisen. Wer von A nach B fliegt, muss also einen triftigen Grund haben, ehe er in den Flieger steigt. Oma liegt im Sterben, Mutter plötzlich pflegebedürftig, Schwester ist Mama geworden – solche Sachen eben.

Bock auf Strand zählt nicht, Bräunungsbedarf wegen Winterblässe auch nicht. Und doch wird gereist auf Teufelkommraus – nicht nur in Kanada sondern auch in Europa. Da mal kurz zum Weihnachtsessen von Nord nach Süd, oder zum Päckle verschenken von einer Stadt in die andere.

Nur den armen Brummifahrern, die eigentlich dringend reisen müssten, weil man in Festland-Europa auf ihre Ware wartet, wird die Reise von England nach Frankreich verwehrt.

In einer Montrealer Lokalzeitung wird von einem Ehepaar berichtet, das, wie jedes Jahr, zum Überwintern nach Florida gereist ist. Dort fühlen sich Monsieur und Madame dieses Jahr ein bisschen einsam, weil wohl doch eine ganze Menge „Snowbirds“ zuhause geblieben sind.

Geht’s noch? Einsam ist, wer am Beatmungsgerät hängt und keinen Besuch empfangen darf, weil er sich bei irgendwelchen Partypeople angesteckt hat.

Wer einen Hotspot wegen Corona-Überdruss verlassen muss, soll von mir aus vom Wohnzimmer in den Keller ziehen. Aber von einem Land ins andere, das finde ich unsozial.

Was wir zurzeit erleben, ist keine Erkältungswelle mit ein bisschen Schnupfen und Husten. Es ist eine Pan-de-mie! Das heißt: Hotspots sind überall. Nur nicht daheim.

Cristal, eine frühere Nachbarin, die auf Facebook einen Kommentar zu meinem heutigen Frustpost hinterlassen hat, bringt es auf den Punkt:

“If there is one thing this pandemic has taught me, is the world is a selfish place. We have lost all sense of community and love thy neighbour. It’s the saddest result of the pandemic for me”.

Wenn es etwas gibt, das sie während dieser Pandemie gelernt habe, schreibt Cristal, dann dies: „Die Welt ist ein egoistischer Platz. Wir haben jeglichen Gemeinschaftssinn verloren. Einfach nur traurig.“

Eine andere Facebook-Freundin: „Die hängen mit Fremden rum, während wir zu Weihnachten nicht einmal unsere unmittelbare Familie empfangen dürfen“.

„Total traurig“ findet es auch mein Camino-Kumpel Carlo: „Und ich dachte, es sei nur ein Problem der egoistischen Ellbogen-Gesellschaft in Deutschland“.

Leider nicht, lieber Carlo. Egoismus ist überall. Genau wie Covid.