
Es geschehen noch Zeichen und Wunder – auch wenn die kleinen Wunder manchmal etwas länger dauern. Wir staunen jeden Tag Bauklötze, wie unbürokratisch und in welchem Tempo hier in Quebec geimpft wird. Bei einer Bevölkerungszahl von 7.5 Millionen haben bisher fast eine Million Menschen Biontech, Moderna oder AstraZeneca erhalten.
Das ist, auf die Einwohnerzahl hochgerechnet, übrigens nur gerngfügig mehr als in Deutschland.
Warum wird dann hier weitaus weniger gejammert als in Deutschland? Vielleicht liegt es daran, dass die Erwartungshaltung in Kanada nicht so hoch ist wie dort, wo mit Biontech einer der wichtigsten Impfstoffe entwickelt wurde.
Außerdem – meine Erfahrung – sind Menschen hier generell leidensfähiger, sprich: weniger am meckern. Dies wiederum könnte mit den strengen Wintern zu tun haben.
Dass in einer Happy-go-lucky-Gesellschaft wie Kanada einiges vielleicht weniger hinterfragt wird als im Land der Dichter und Denker, mag uns hier nicht immer zugute kommen. Im Falle der Bedenken gegen einen bestimmten Impfstoff, glaube ich, war es gut. Wo in Deutschland tagelang über AstraZeneca diskutiert wurde, haben die Kanadier einfach weiter durchgeimpft.
Spätestens, als sich der Gesundheitsminister vor laufenden Kameras AstraZeneca verabreichen ließ, verstummten auch die letzten Zweifler. Frei nach dem Motto von Premierminister Justin Trudeau: „Das beste Impfmittel ist das, welches für Sie zuerst erhältlich ist.“
Noch etwas fällt mir auf: Wenn ich Fotos von deutschen Impfzentren sehe, kommen mir Bilder von Designer-Möbelhäusern in den Kopf. Hier hat das Ganze eher Lagerhaus-Niveau. Aber es funktioniert.
Ein Blick auf die Landkarte genügt, um zu erahnen, mit welchen logistischen Schwierigkeiten die kanadischen Impfverteiler zu kämpfen haben. Oft liegen zwischen Städten und Siedlungen Hunderte, ja Tausende von Kilometern. Ein Wunder, dass bei den Kühlbedingungen für die Impfstoffe bisher meines Wissens nach nichts weggeworfen werden musste.
Noch etwas unterscheidet Deutschland von Kanada in Sachen Impfung: Hier ist man wenig zimperlich, wenn es darum geht, wer impfen darf. Hausärzte, ApothekerInnen, Krankenschwestern, angelerntes Hilfspersonal und demnächst auch Tierärzte spritzen um die Wette.
Auch bei den Locations ist man nicht zimperlich. Erst heute erfolgte ein Appell des Quebecer Gesundheitsministeriums an Firmen, ihre Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen, um 30.000 Menschen zügig zu impfen. Nicht nur werden die Firmen dafür finanziell entlohnt. Die MitarbeiterInnen der Betriebe dürfen sich im Gegenzug dazu vorrangig impfen lassen.
Fair? Vielleicht nicht ganz. Aber immerhin geht es voran. Am 24. Juni, dem Quebecer Nationalfeiertag, soll auch der letzte Quebecer geimpft worden sein.