Es lebe das Klischee!

Frage: Welches Land kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an besonders köstliche Schokolade denken? Ganz klar: die Schweiz. Hier in Kanada dürften jedoch neun von zehn Personen dieselbe Frage mit „Belgien“ beantworten. Keine Ahnung warum. Irgendwann müssen die Belgier eine grandiose Marketing-Kampagne gestartet haben, deren Erfolg bis heute nachhallt.

Jetzt sind belgische Chocolatiers bestimmt kreative und tüchtige Menschen, die hochwertige Produkte herstellen. Aber Schokolade als Markenzeichen dieses Landes anzuführen, ist dann doch etwas hochgegriffen.

Doch das Klischee lebt. Und belgische Schokoladen-Hersteller leben vermutlich gut vom Klischee.

Interessant, was Menschen im Ausland mit bestimmten Orten in Verbindung bringen. Kommt man auf Amsterdam zu sprechen, hört man spätestens im zweiten Satz: „Das ist doch die Stadt, wo die Prostituierten hinterm Schaufenster sitzen“.

Dass Amsterdam eine zauberhafte Stadt ist, die von lauschigen Grachten wie dem Jordaan-Viertel geprägt ist, geht in dieser Fehlqualifizierung oft unter. Und auch, dass es Millionen fröhlicher Holländerinnen gibt, die nicht hinter Glas sitzen.

Fragt man einen Kanadier, was ihm zu Deutschland einfällt, kommt neben mehreren politischen Begriffen, an die man nicht so gerne erinnert wird, garantiert das Trio „Bier, Bratwurst und Sauerkraut“ vor, gebündelt in dem Wort „Oktoberfest“.

Auch ganz oben auf der Klischee-Skala ist die Autobahn, wo vermeintlich jeder mit 280 Sachen durch Deutschland düsen darf. Wie einst Michael Schumacher, der hier auch in keinem Smalltalk über den deutschen Geschwindigkeits-Rausch fehlen darf. Überhaupt werden Namen von Sportlern gerne zum Programm.

Achtung Kinder, Opa erzählt kurz aus dem Krieg:

Als ich vor ziemlich genau 50 Jahren zum ersten Mal durch Mexiko gereist bin und mich in einem Bergdorf von einer Gruppe Jugendlicher zu einem Fußballspiel überreden ließ, fragte ich in einer Pause nach, was die Kids denn so von Deutschland wüssten. Wie aus einem Mund schallte es über den Platz: „Beckenbauer! Beckenbauer!“

Viele der Jungs trugen „Beckenbauer“-Trikots. Ein deutscher Tourist hatte einst ein T-Shirt mit „Beckenbauer“ auf dem Rücken zurückgelassen, da druckten die Eltern der anderen gleich ein paar der Promishirts nach. Per Siebdruck. Den gab es tatsächlich schon damals.

Der Kaiser spielte schon damals in der Königsklasse, wenn es um deutsche Klischees ging.

Nicht immer sind es Namen von Städten, Sportlern und Ländern, die sich in den Köpfen von Menschen festgesetzt haben, die diese Städte und Länder nie gesehen und den von ihnen verehrten Sportlern nie begegnet sind.

Irgendwann im Afrika der 60er-Jahre hatte ich den Landrover für kurze Zeit an einer Wüstenstraße geparkt, um wilde Tiere zu fotografieren. Bei meiner Rückkehr hatten sich gefühlt 20 Kinder in meinem Auto zu schaffen gemacht. Was um Himmels Willen sie denn suchten, wollte ich wissen. „Chiclets! Chiclets!“, ertönte es unisono.

Als würde jeder Durchreisende aus einem fremden Land einen Doppelzentner Kaugummi mit sich führen.

Warum ich das alles schreibe? Weil ich heute schon quasi Opfer eines solchen Klischees geworden bin. Ein Kumpel hatte auf Facebook einen leicht verfremdeten Text gepostet, über den sich seine Follower krümmten vor Lachen. Nur ich verstand mal wieder Bahnhof.

Der Verfasser war davon ausgegangen, dass ich selbstverständlich das berühmte Lied aus dem Musical „Sound of Music“ kenne. Schließlich spielt das Stück doch in den österreichischen Alpen.

Schon klar. Als Auslandsdeutscher weiss man sowas.