Nachruf auf Lebende

Mein Freund Oskar gehört zu den Großen des deutschen Sportjournalismus. Seine Kolumnen erscheinen seit Jahrzehnten in den auflagenstärksten Zeitungen im deutschsprachigen Raum. Seine Kommentare werden gehört, gelesen und manchmal auch befolgt. Seine Bücher gelten als Klassiker. Oskar Beck ist das, was man in unserem Gewerbe eine „Edelfeder“ nennt.

„Ocke“, wie er für mich seit 50 Jahren heißt, berichtete über Olympische Spiele und Weltmeisterschaften, über Skandale, Promis, Pech und Pannen. Er schreibt über das Leben und Sterben von Sportlern. Und manchmal schreibt Oskar auch Nachrufe auf Lebende.

So wie jetzt über Franz Beckenbauer in der „WELT“. Schon vor Jahren, als der Kaiser noch sein Zepter schwang, hatte Oskar den Nachruf auf den Franzl geschrieben. Seither ruhten die Zeilen in den digitalen Schubladen einiger Redaktionsstuben. So lange, bis am 7. Januar der Ernstfall eintrat.

OSKAR BECK: Edelfeder und Nekrologe.

Als Franz Beckenbauer jetzt die Augen schloss, war der Nachruf auf ihn nur einen Mausklick entfernt.

Das ist nichts Ehrenrühriges in unserem Beruf. Im Gegenteil: Es ist sogar richtig gutes Handwerk. In unserer schnelllebigen Welt ist Journalismus im Sekundentakt gefragt.

Mors certa, hora incerta, ist einer der wenigen Sätze, die diesem Ummendorfer vom Lateinunterricht noch in Erinnerung geblieben sind. Der Tod ist gewiß, doch ungewiß die Stunde.

Franz Beckenbauer ist nicht der Einzige, dessen ungewisse Stunde noch lange nicht geschlagen hatte, als der Nachruf längst geschrieben war.

Wen er sonst noch alles zu Lebzeiten sterben ließ, wollte ich von Ocke wissen. Er hat es mir verraten, aber manche Dinge gehören nicht in die Öffentlichkeit.

Etwas morbide klingt es schon, wenn man sich vorstellt, dass da irgendwo ein Text schlummert, in dem es heißt: „Herr Maier ist am … in … völlig unerwartet … an …gestorben“, wohlwissend, dass Herr Maier am Tag, als der Autor in die Tasten griff, möglicherweise noch mit seinem Ferrari über die Autobahn donnerte oder sein Handicap gerade auf dem Golfplatz verbesserte.

So verbreitet ist der Nachruf zu Lebzeiten, dass sich vor allem in den USA Radio- und Fernsehsender sowie einige bedeutende Zeitungen eigene „Nekrolog“-Redakteure leisten.

Mein Freund Michael, ein Münchner Urgestein und selbst Journalist, meinte einmal in bierseliger Runde: „Wenn I scho sterbn muss, dann soll wenigstens dä Herbert drüber schreibn“.

Danke für die Ehre, lieber Michi. Aber das hat noch Zeit.

Während der Tod als solcher unumstößlich ist, bleibt die Ursache des Sterbens bis zum letzten Atemzug ein Geheimnis. Schließlich kann es sich auch der dem Tod geweihte Krebspatient noch in letzter Sekunde anders überlegen und sich an einem Pfirsichkern verschlucken.

Mit solchen Unsicherheiten muss der Nekrologe leben – genauso wie mit der Möglichkeit, dass der Autor stirbt, während der Nachgerufene noch quicklebendig ist.

Das wäre nicht nur für meinen Freund Oskar ein Problem. Das Honorar gibt’s nämlich erst, wenn der Beitrag schon veröffentlicht wurde.

Ganz besonders bitter, wenn man Schwabe ist.

Oskar Becks neuestes Buch „TOR IN STUTTGART“ ist rechtzeitig zur Fußball-EM in Deutschland im Buchhandel erhältlich. Es ist ein reich bebilderter Rückblick auf Fußballgeschichte(n) in Stuttgart – Klappentext: „Tore und Triumphe, Tragödien und Tränen, der verrückteste Fallrückzieher der Fußballgeschichte, unfassbare Heldentaten und schamlose Schandtaten“.
Mit seiner Schreibe hat es Oskar Beck weit gebracht. Er ist über den deutschen Sprachraum hinaus als Sportkolumnist bekannt und lebt heute abwechslungsweise in Florida und am Rande der Schwäbischen Alb. Sein Buch Und alles wegen Ali: Geschichten zu 50 Jahren Sport“ wurde zum Klassiker.

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