Mein Vater und der Rest der Welt

Vater und Sohn circa 1959

Mein Vater wäre heute 110 Jahre alt geworden. Was er wohl sagen würde zu dem, was heute in der Welt so passiert? Wir werden es nie erfahren. Aber ein bisschen spekulieren wird man ja wohl noch dürfen.

Anton Bopp war ein Hüne von Mensch. Wenn ich Fotos von Männern seiner Generation sehe, würde ich meinen Vater am ehesten der Kategorie Curd Jürgens zuordnen. Für die Jüngeren unter Euch: Das war der Breitschultrige, der mit seinen stahlblauen Augen von der Kino-Leinwand aus die Damenwelt verzauberte.

Vielleicht übertreibe ich in diesem Punkt ein bisschen. Aber einem stolzen Sohn, der in ein paar Tagen den 75ten feiert, sei schon mal ein Blick durch die rosarote Brille gestattet. Jedenfalls war Vater groß und hatte blaue Augen.

Vater war das, was man einen lebensklugen Mann nennt. Um weise zu sein, braucht es keine zwei Buchstaben vor dem Namen. Eine Universität hat er nie von innen gesehen. Trotzdem war er ein Mann mit Bildung, mit Herzensbildung.

Und er war leidenschaftlicher Politiker. Naja, Stammtisch-Politiker eher. Mehr Stammtisch als Politiker.

Geboren wurde er vier Monate vor Beginn des Ersten Weltkriegs, gestorben ist er 80 Jahre später bei einem Autounfall. Genau wie 27 Jahre zuvor seine Frau, meine Mutter. Dazwischen gab es noch einmal Krieg und ganz viel Frieden.

Und jetzt also wieder Krieg. In der Ukraine, im Nahen Osten und bestimmt auch irgendwo dazwischen und außerhalb – in Ländern, die wir vielleicht nicht einmal mit dem Finger auf der Landkarte deuten könnten.

Vater verabscheute Krieg. Der Name „Hitler“ wurde bei uns so gut wie nie ausgesprochen. Für Vater war er immer nur „dieser Verbrecher“. Und „dem Ivan“ könne man ohnehin nicht über den Weg trauen. Ivan heißt jetzt Vladimir. Mein Vater hatte recht.

Als mittelständischer Klein-Unternehmer wählte er FDP. Und auch Mutter machte ihr Kreuzchen gerne bei Erich Mende. Vielleicht weil Vater ihr dazu riet. Aber auch gut möglich, weil der damalige FDP-Vorsitzende so schöne graue Schläfen hatte.

Heute würden Vater – und folgerichtig auch Mutter – bestimmt nicht mehr FDP wählen. Als „Schnösel“ würde er Lindner bezeichnen. Mit Schnöseln hätte keiner von ihnen etwas am Hut. Graue Schläfen hin oder her.

Adenauer mochte er, aber CDU würde er trotzdem nicht wählen. Ich glaube, an Adenauer, dem ehemaligen Kölner Oberbürgermeister, gefiel meinem Vater vor allem der rheinische Singsang. Für einen Handwerksmeister aus der oberschwäbischen Diaspora hörte sich das nach ein bisschen Peter Stuyvesant-Reklame an. Der Duft der großen, weiten Welt.

Scholz? Der ginge gar nicht bei meinem Vater, da bin ich mir fast sicher. Für Leute, die den Hintern nicht hochkriegen, wenn es um so Kleinigkeiten wie die Rettung der Republik vor den Faschisten geht, hätte mein Vater nur Verachtung übrig.

Der Aufschwung der AfD wäre das Schlimmste, was meinem Vater hätte passieren können. Im Grab würde er sich umdrehen, wenn er wüsste, dass „dieses braune Gesocks“ schon wieder die Reihen fest geschlossen hält.

Was also dann? Der Gedanke daran, dass mein Vater grün wählen würde, gefällt mir. Ob er es tatsächlich tun würde? Ich weiß es nicht.

Wobei: So eine fesche Außenministerin könnte ihm schon gefallen, dem alten Schwerenöter. Und um Robert Habeck, dem Mann aus dem fernen, coolen Norden, weht ja auch so etwas wie der Duft der großen, weiten Welt.

Ob grün, rot oder gelb: Alles Gute zum 110. Geburtstag, Papa Bopp!

Mallorca: Der geplatzte Traum

ABENDSTIMMUNG an der Cala Estància. © Bopp

Der Traum vom vielleicht letzten Besuch meines Sehnsuchtsorts ist geplatzt. Es hätte ein Wiedersehen mit Mallorca geben sollen – dort, wo wir bis zum Beginn der Pandemie viele Winter hintereinander verbracht hatten. Aber ernste gesundheitliche Probleme haben mir einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wieder einmal.

Es hätte so schön sein können:. Ein hübsches Hotel am Meer war seit langem gebucht, als die Welt noch einigermaßen in Ordnung war, diesmal sogar mit Halbpension. Der Flug sollte mit SWISS gehen. Der Rollstuhl-Service in Montreal, Zürich und Palma war reserviert. Er sollte den fußlahmen Passagier geschmeidig von Maschine zu Maschine bringen. Einfach wäre es trotz allem nicht geworden. Aber einfach schön.

Der Gedanke an Sonne, Meer und eBiken am Strand von Can Pastilla hatte mich ermutigt, noch einmal die Zähne zusammen zu beißen und den langen Flug von Kanada ans Mittelmeer auf mich zu nehmen.

Lore hätte wie immer gut auf alles aufgepasst. Und Cassian, der beste aller Söhne, war spontan bereit, Job Job sein zu lassen und die erste von drei Urlaubswochen mit uns zu verbringen. Koffer schleppen, Dinge organisieren, die nur mobile Menschen können – das alles hätte er gerne und von Herzen gemacht.

Aus dem Mietwagen hätten wir die blühenden Mandelbäume bewundern können. Spontane Wiedersehen mit Freunden waren auf der Insel geplant. Und auch ein kleiner Umtrunk zum 75. Geburtstag.

Doch dann zeigte uns wieder einmal der Große Regisseur den Mittelfinger. Oder, wie mein Freund Peter eben schreibt: „Da hat der leitende Straßenkehrer da oben mal wieder seine Mülltonnen an der falschen Stelle geleert“.

Und jetzt? Storniert. Schluss. Aus. Vorbei.

Nur wenige Freunde wussten von unseren Plänen, denn ein Gratulations-Tourismus zum 75. Geburtstag hätte mich überwältigt. Das Ganze sollte auf kleiner Flamme gehalten werden. Jetzt ist die Flamme erloschen.

Statt Cortado und Ensaïmada gibt’s Zwieback mit Tee. Statt Mandelblüten einen Frühlingsstrauß vom Markt.

An Trost und guten Ratschlägen fehlt es nicht:

Bestimmt richtig“ sei unsere Entscheidung, die Reise zu stornieren, schreibt mein Freund Stefan, der mir mit seinen klugen Gedanken schon so manches Mal den richtigen Weg gezeigt hat. „Mallorca soll ein Highlight sein und keine Belastung“.

Vielleicht sei der Reiserücktritt ja auch so etwas wie ein „Befreiungsschlag“, meint der nicht weniger kluge Freund Frank. So ganz traute er dem Braten wohl von Anfang an nicht.

Ob Befreiungsschlag, Highlight oder einfach nur Pech – „manchmal sind verpasste Gelegenheiten auch gut, um Platz für bessere zu schaffen“, tröstet ein weiterer Freund.

Besser als Mallorca? Geht nicht.

>> Hier können Sie sich noch einmal mit uns durch Mallorca träumen<<