

Es kommt nicht oft vor, dass Passagiere nach einem Selfie mit dem UBER-Fahrer fragen. Meistens ist es umgekehrt. Diesmal aber wünschten sich Dalila und Jacinta ausdrücklich ein Foto mit mir. Dabei waren eindeutig sie die Hingucker und nicht ich.
Dalila und Jacinta, die eine aus Barbados, die andere aus Jamaica, hatten mich für eine Fahrt vom Montrealer Osten in die Innenstadt bestellt. Dort fand am Wochenende die „Carismas Parade“ statt, ein Umzug, in dem sich die MontrealerInnen karibischer Herkunft selbst feiern dürfen.
Mit den beiden Frauen kam die Sonne ins Auto. Schon vor meiner Ankunft ließen sie mich über die UBER-App wissen: „Bitte Kofferraum öffnen. Wir kommen mit Gepäck!“
Und was für ein Gepäck! Kostüme, so schrill und mächtig, dass sie im Fahrgastraum keinen Platz gefunden hätten. Mit bunten Glasperlen bestückte Hüte, die Sonnenschirmen am Sugar Beach auf Santa Lucia glichen. Die Hutfedern sahen aus, als kämen sie direkt aus dem tropischen Regenwald und nicht aus dem Dollar Store. „Alles selbstgemacht!“
„Sängerin“ sei sie, sagt Dalila. „Choreografin“, die andere Frau. Was singst du denn so, will ich wissen? „Alles! Kostprobe gefällig?“ Klar doch. So ein karibisches Trinklied hört sich besonders schräg an, während du im Rushour-Verkehr durch die Innenstadt einer Vier-Millionen-Metropole gondelst.
„Und was choreografierst du so?“, will ich von Jacinta wissen. „Alles!“, sagt auch sie. Hätte ich mir eigentlich denken können. „Vom Kindergeburtstag bis zur Fetisch-Party mit Zwergen“. Sagte sie eben wirklich „Zwerge“? Also „Zwerge“ wie in „Kleinkinder“? „Nein“, sagt Jacinta, „richtige Zwerge, also kleinwüchsige Menschen“.
Alles klar.
Der Verkehr wird dichter, der Umzug kommt näher. Von weitem ist Reggae-Sound zu hören. „Seid ihr etwa zu spät dran?“, will ich von meinen Fahrgästen wissen. „Kommt darauf an, ob du kanadische oder karibische Pünktlichkeit meinst“, sagt Dalila. „Unsere Uhr tickt karibisch“, sagt Jacinta, die noch ein Kind war, als ihre Eltern nach Kanada ausgewandert sind.
Umleitung! Ein Polizist kommt auf uns zu. „Umdrehen! Keine Durchfahrt!“, sagt der dunkelhäutige Officer eine Spur zu streng für einen Uniformierten mit Dreadlocks unter der Mütze.
„Ach komm“, sag Jacinta und lächelt ihm vom Rücksitz aus ein zuckerrohrsüßes „Sei-nicht-so!“ entgegen. Der Officer erkennt die Dringlichkeit der Lage. „Okay“, sagt er, „da vorne ist die Sammelstation für alle Zuspätgekommenen“. Geht doch.
„Kommst du?“, ruft mir Jacinta noch zu, als sie bereits die Kostüme aus dem Kofferraum holt.
„Wohin?“
„Zur Fetisch-Party mit den Zwergen“.
Nein, danke. Aber den karibischen Umzug schaue ich mir noch ein wenig an. Bestimmt werfen Jacinta und Dalila den Zuschauern inzwischen Handküsse zu, vielleicht aber auch Bananen, Zwerge, Kokosnüsse oder Perlenketten.
Hauptsache Karibik.
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Na super – ich hoffe es hat deinen Alltag nachhaltig etwas verschönert !
Früher nannte es sich evtl. Carifiesta ? Ein zusätzlicher Weg für die Stadt,
ihre Vielfältigkeit darzustellen. Ganz besonders, nachdem der tödliche Hurricane
‚Beryl‘ ja auf einigen karibischen Inseln gerade so starke Verwüstungen angerichtet hat !
So konnte bestimmt gegenseitige Unterstützung organisiert werden für die, die es brauchen !
Ganz abgesehen von der Weitergabe der Traditionen und Bräuche an die jüngeren Generationen
sind die Tänze und farbenfrohen Kostüme samt etwas „offbeat rhythms“ Reggae Musik immer
eine Bereicherung❗️ Das hätte ich mir wohl auch gerne angesehen ! ( mit Euch gemeinsam )
Greetings and Cheerio ..R🌴
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Tolle Frauen! So viel Charme! 🤩
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Ein Freudentag nicht nur für Männeraugen. Die beiden Damen waren einfach nette, freundliche Zeitgenossinnen.
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Hallo Herbert,
hoffentlich galten angesichts der beiden Hingucker deine Blicke auch überwiegend der Straße und nicht dem Rückspiegel. Die Versuchung war sicherlich groß, bei so wenig Stoff auf so viel Material.
Ein Freudentag für Männeraugen!
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