
Mit Trump ist es ein bisschen wie mit einem Verkehrsunfall. Als Zeuge wird man, ob man will oder nicht, zum Gaffer. Zwar ist die Wahl Trumps kein Betriebsunfall der Geschichte, sondern das Ergebnis der eigentlich brillanten Strategie eines Egomanen. Aber das Bild vom fahrenden Zug, der ungebremst gegen die Wand fährt, bleibt. Reaktionen aus meinem Freundeskreis:
Er sei im Moment einfach nicht in der Lage, auch nur eine Silbe über Trump zu hören, schreibt der Neffe aus Wien. Und überhaupt sei „die Welt, wie wir sie kennen“, am Ende.
Der kulturbeflissene Kumpel aus Mallorca flüchtet sich angesichts des Wahlschocks in Szenarien, die Parallelen zwischen Napoleon und Trump enthalten. Nicht wegschauen, heißt seine Devise, sondern das Unheil analysieren.
Und der Freund aus Sherbrooke, einer der Ältesten und Klügsten, fühlt sich „erschlagen, erschossen und so tief enttäuscht wie seit Jahren nicht“.
Dass meine Freunde auf die Wahlen in den USA so empört reagieren, war vorauszusehen. Ich umgebe mich schließlich nicht mit Trumpisten, genauso wenig wie ich ein AfD-Mitglied in meinem Freundeskreis akzeptieren würde.
„Gewiss“, räumt der Herr Doktor aus Sherbrooke ein, „haben sich seit dem Neandertaler die menschlichen Werte zusehends verschlechtert. Dass aber mehr als 70 Millionen Blödköppe und -köppinnen so scheuklappig, so schwerhörig und ohne irgendeine, wenn auch nur bescheidene moralische Urteilskraft an die Urnen treten konnten, das übersteigt völlig mein Fassungsvermögen“, resümiert mein kluger Kumpel, der, wenn es um die USA geht, schon immer zu Abstrichen bereit war.
Die Schulfreundin aus Ummendorf, die heute in Las Vegas lebt, zeigt sich „fassungslos“ und befürchtet noch einmal vier Jahre Chaos: „Weiße, Schwarze, Latinos und asiatische Männer wollten also keine Frau an der Staatsspitze, zurück zum Machismo!“ Auswandern komme für sie nicht in Frage, schreibt die oberschwäbische Exilantin, die mit einem Amerikaner verheiratet ist. „Mir würde einfach die Kraft dazu fehlen.“
Aber was tun gegen die Verzweiflung? Heißt die neue Glücksformel Eskapismus? Bewahrt uns einzig und allein das schreiende Davonlaufen vor Schäden an Geist und Seele?
Jeder hat seine eigene Methode im Umgang mit unabänderlichen Situationen. Ich habe mir vorgenommen, nicht mehr mit der Besessenheit des Politik-Junkies in politische Gedankengänge einzusteigen wie zu Zeiten vor Trump. Selektives Lesen hilft. Ob selektives Denken – sprich: Ausblenden – überhaupt möglich ist, wird sich zeigen.
Mir tut es leid für die Millionen von Amerikanern, die klug, anständig und völlig unschuldig an diesem Wahldesaster sind. Sie werden mit der Bürde leben müssen, die nächsten vier Jahre einen Präsidentendarsteller im Weißen Haus zu haben, den sie nicht gewählt haben.
Kamala Harris war sicher nicht die optimale Besetzung für eine Kandidatin. Aber sie war das Beste, das in so kurzer Zeit für so einen Job zu rekrutieren war. Ihre gestrige Rede hat mich wieder mit ihr versöhnt. Sie ist all das, was Trump nicht ist: klug, empathisch, anständig und zukunftsorientiert. Aber der Zug ist gegen die Wand gerast. Die Schadensbegrenzung ist uns aus der Hand genommen worden.
Vielleicht fällt der Blick auf diesen Schlamassel leichter, wenn man weiß, dass man mit seinem Zorn und seiner Enttäuschung nicht allein ist. Millionen Amerikaner mögen einen korrupten Lügner zum Präsidenten gewählt haben, aber bei Milliarden in aller Welt stimmt der moralische Kompass noch immer.
Sie gehören bestimmt auch dazu. Das ist doch schon mal was.
