Das Ende meiner UBER-Karriere

1. März 2024: Die allererste UBERFAHRT mit Rosalie und Marco.

„Wenn’s am schönsten ist, soll man aufhören“, heißt es. Ich habe aufgehört – aber besonders schön war es zum Schluss nicht mehr. Meine Tätigkeit als UBER-Fahrer gehört der Vergangenheit an.

Heute vor einem Jahr begann meine Karriere als Chauffeur für den Fahrdienst UBER. Aufgeregt wie ein Schuljunge holte ich zwei junge Leute am Baumarkt ab, die keine Ahnung hatten, dass der Mann am Steuer ein 75jähriges Greenhorn war, das noch nie in seinem Leben als Taxifahrer unterwegs gewesen war.

Ich habe sie geliebt, die Fahrten durch die Stadt meines Herzens. Richter und Künstler, ein Leichensucher aus Texas, ein Gefängniswärter aus dem Yukon, Hochschwangere, Influenzer, eine Drag Queen, eine afrikanische Schönheitskönigin, Familien auf Reisen und jede Menge Montrealer wie du und ich saßen auf dem Rücksitz meines Autos, manchmal auch neben mir.

Sie haben mir Geschichten erzählt, wie ich sie mir nicht besser hätte ausmalen können. Geschichten von Trauer und Leid, von Freude und Frust, von Liebe und Abschied, von exotischen Lämdern umd lamgweiligen Jobs.

Ich hatte geglaubt, die Stadt, in der ich seit mehr als 40 Jahren lebe, in- und auswendig zu kennen. Weit gefehlt! So viele neue Ecken, Cafés, Kneipen, Restaurants und Lost Places habe ich in Montreal entdeckt, dass ich darüber ein Buch schreiben könnte.

Ach ja, das Buch.

Der ursprüngliche Plan war ja, über meine Erfahrungen zu schreiben – das hatte mich überhaupt erst zum UBER-Fahren gebracht. Und jetzt? Nach fast tausend Fahrgästen und unzähligen Stories ist die Luft raus.

Es gibt inzwischen Wichtigeres in meinem Leben, als darüber zu schreiben, warum eine Frau sich 40 Minuten lang für Geld quer durch die Stadt chauffieren lässt, ohne auszusteigen – nur um für einen Moment ihrer Einsamkeit zu entfliehen.

Bis zu meinem Krankenhausaufenthalt im Sommer war der Drive noch da: zu fahren, zu plaudern und später darüber zu schreiben. Doch dann folgten eine schwere OP und Monate der mühsamen Rekonvaleszenz. Ich merkte, dass meine Konzentration nachließ. Taxifahren ist kein Spaziergang im Park – erst recht nicht in einer Fünf-Millionen-Stadt mit Schlaglöchern, Umleitungen, Unfällen, Polizei-Verfolgungsjagden und endlosen Staus.

Sicherheit geht vor Spaß – die Sicherheit der Passagiere, aber auch die eigene. Und irgendwann war sie nicht mehr gewährleistet, diese Sicherheit. Zu viele Dinge wurden plötzlich wichtiger als Fahren und Schreiben: Medikamente, Insulinspritzen, Arzt- und Krankenhaustermine, oft auch seelische und körperliche Befindlichkeiten, die nicht immer mit einem sicheren Fahrgefühl vereinbar waren.

Dazu kommt, dass der UBER-Konzern bei genauer Betrachtung nicht gut mit seinen Fahrern umgeht. Viele Trips, wenig Kohle, hohes Risiko und noch höhere Unkosten. Fast 50 Prozent der Einnahmen bleiben bei UBER. Fair ist anders.

Trotz allem ist es ein Abschied ohne Bitterkeit. Die gute Nachricht: Ich bin bei all den tausenden Kilometern als Taxifahrer unfallfrei geblieben. Ein paar kleine Schrammen, ja – aber nichts Ernstes.

Die nicht so gute Nachricht: Als Unterhaltungsfaktor fehlt mir das Navigieren durch die Straßen der Großstadt.

Die beste Nachricht: Die Geschichten, die ich bei meinen Fahrten gehört habe, kann mir niemand mehr nehmen. Auch wenn es (wahrscheinlich) kein Buch darüber geben wird – die UBER-Chroniken leben in meinem Kopf weiter.

Es gibt sie noch, die guten Amis

Auf Amerika sind wir hier in Kanada zurzeit nicht sonderlich gut zu sprechen. Trumps Strafzölle auf kanadische Importe, seine ausländerfeindliche Politik, das Streben nach Kanada als 51. US-Bundesstaat – all das macht uns den Präsidentendarsteller aus Mar-a-Lago nicht sympathisch. Aber Trump ist nicht Amerika. Denn es gibt sie noch immer, die guten Amis.

Nehmen wir Bill und Sara aus Ann Arbor, Michigan. Sie frühstückten am Wochenende im Familienrestaurant Toast in Windsor, Ontario, einer Industriestadt an der kanadisch-amerikanischen Grenze. Als die beiden das Lokal verließen, bezahlten sie nicht nur ihre eigene Rechnung, sondern auch die des gesamten Restaurants – inklusive Trinkgeld knapp 2000 Dollar.

Sie selbst waren längst gegangen, als die Besitzerin des Restaurants den verblüfften Gästen verkündete, dass sie heute kostenlos gefrühstückt hätten. Ein Paar aus den USA hatte die Rechnung übernommen.

Warum taten sie das? Im Gespräch mit der Besitzerin des Lokals bedauerten sie Trumps Politik und die Zwietracht, die er zwischen den Nachbarstaaten zu säen versuche. „Wir sind und bleiben eure Freunde“, hätten Bill und Sara gesagt, ehe sie das Lokal verließen.

Eine befreundete Nachbarin kam gerade aus ihrem Winterurlaub zurück, den sie seit Jahren in Texas verbringt. Dort hat sie Freunde, dort stimmt das Klima um diese Jahreszeit.

Immer wieder sei es passiert, dass Amerikaner auf sie zugekommen seien und sich für Trump und dessen Politik entschuldigt hätten, erzählt die Nachbarin. Ob sie allerdings auch künftig noch ihren Urlaub in den USA verbringen wird, ist im Moment fraglich.

Kunden, die im Supermarkt mit der Lupe oder neuerdings mit der Handy-App nach dem Herkunftsland der Produkte suchen, gehören inzwischen zum Alltag. Erst gestern bat mich eine alte Dame mit einer offensichtlichen Sehschwäche, ihr das Etikett ihrer Lieblingsschokolade vorzulesen. Als ich ihr sagte, der Schokoriegel sei Made in USA, wurde sie nachdenklich.

Sie werde die Schokolade nicht kaufen, meinte sie. Nicht, weil sie etwas gegen „die Amerikaner“ habe, sondern lediglich, um ein Signal an Trump zu senden. Immerhin habe ihn ja nur jeder zweite Amerikaner gewählt.

Stimmt. Und überhaupt: Kanadische Schokolade ist ja auch ganz lecker.

Spritzen gegen den süßen Tod

“Du lässt echt gar nichts aus”, sagt die Frau an meiner Seite und sitzt geduldig neben mir, während eine Nurse mit dem schönen Namen Laura uns den Gebrauch der Insulinspritze erklärt. Die gehört von jetzt an zum Morgenritual.

Dabei hätte ich mir so sehr gewünscht, dass wenigstens dieser Kelch an mir vorübergeht. Aber der Zuckergott hat anders entschieden.

Dass ich Diabetiker sein würde, war keine Überraschung. Wer nur noch ein Viertel seiner Bauchspeicheldrüse und keine Milz mehr hat, muss seinen Glukosehaushalt irgendwie anders kompensieren. Die verbliebene Pankreas schafft das auf natürliche Weise jedenfalls nicht mehr.

Man will ja mitreden können. Also frage ich die Endokrinologin: “Habe ich nun Diabetes Typ 1, 2, A, B, C, X oder Y?” – “Weder noch”, sagt die Ärztin. Mediziner nennen die Art von Diabetes, die nach einer Pankreas-OP auftritt, “pankreoprive Diabetes” oder auch “sekundäre Diabetes nach Pankreatektomie”.

Dieser Zungenbrecher kann tödlich sein. Dauerhaft erhöhter Blutzucker schädigt Blutgefäße und Nerven und kann zu Herzinfarkt, Schlaganfall, Nierenversagen, Erblindung und schlecht heilenden Wunden führen. Oder, wie im Falle meines Vaters, zur Amputation.

Also wird von jetzt an gespritzt, was das Zeug hält. Das ist lästig, aber wenigstens nicht schmerzhaft. Wichtig ist, dass der Patient die Dosierung im Blick behält. Dabei hilft ihm der Sensor, den er am Arm trägt. Einfacher wird das Leben dadurch nicht.

Spritzen allein reicht allerdings nicht – und auch die zusätzliche Tabletteneinnahme gegen Diabetes ist nur dann wirksam, wenn der Patient selbst mithilft: durch zuckerarme Ernährung und Disziplin beim Trinken. Alkohol ist ohnehin tabu – und das schon seit mehr als einem Jahr.

Also heißt es von jetzt an Piks statt Pils. Man will ja noch ein bisschen leben dürfen.

Eine Stadt versinkt im Schnee

Winter können sie, die Montrealer – das muss man ihnen lassen. Nach den beiden Schneestürmen der letzten Tage müssen mehr als 10.000 Kilometer Straßen und Gehwege geräumt werden – das entspricht der Strecke von München nach Tokio. Das kostet Zeit und Geld: 50 Millionen Dollar hat die Stadtverwaltung allein für diesen Blizzard zur Seite gelegt.

Mehrere Menschen haben die massiven Schneefälle nicht überlebt. Ein 13-jähriges Mädchen wurde in einem Dorf außerhalb von Montreal in einem Schneetunnel verschüttet und konnte erst geborgen werden, als es zu spät war.

In der Montrealer Innenstadt entdeckten Passanten in einem geparkten Auto die Leiche eines Mannes, der vermutlich versucht hatte, sich aus eigener Kraft aus den Schneemassen zu befreien. Dabei müssen ihn – und sein Auto – die Kräfte verlassen haben.

Innerhalb von vier Tagen fielen 75 cm Neuschnee – so viel wie seit fast 127 Jahren nicht mehr. Da es bereits Tage zuvor ordentlich geschneit hatte, liegt noch immer gut ein Viertel der Stadt unter einer meterhohen Schneedecke. Aber die wichtigsten Durchfahrtsstraßen sind inzwischen geräumt, und auch bei uns im Stadtteil St. Henri tut sich etwas.

24 Stunden am Tag rollen die Räumkommandos vorbei. Erst ertönen die Sirenen, um die Autobesitzer aufzufordern, ihre Fahrzeuge in Sicherheit zu bringen. Dann folgen Raupenfahrzeuge und Sattelschlepper, die wie Monstertrucks durch die Nacht rauschen. Die riesigen Lkws bringen die Schneemassen dann zu einer Schneehalde, die inzwischen 30 Meter hoch ist.

Die Stadtverwaltung appelliert an die Bewohner, nach Möglichkeit im Homeoffice zu arbeiten, um zu verhindern, dass parkende Autos die Räumkolonnen behindern.

Die Schneeräumung erfolgt in mehreren Phasen: Zunächst werden enge Straßen und Fahrradwege geräumt, um den Durchgang für Einsatzfahrzeuge zu ermöglichen, gefolgt von Hauptstraßen, Sammelstraßen und schließlich Wohnstraßen.

Die Schneeräumung ist eine der größten logistischen Herausforderungen der Stadt Montreal und kostet jährlich 200 Millionen Dollar – mehr als in jeder anderen Stadt der Welt.

© The Gazette

Die Qual der vielen Wahlen

Sie denken, Ihnen raucht wegen der Bundestagswahl am kommenden Sonntag der Kopf? Dann fragen Sie uns mal: Wahlen in Deutschland. Wahlen in Kanada. Wahlen in Ontario. Sonst noch was? Ach so, ja. Die Montrealer Oberbürgermeisterin hat die Nase voll und steht nicht mehr zur Wiederwahl. Wann? Hoffentlich nicht so schnell. Wir sind wahlmüde, noch ehe wir gewählt haben.

Kaum ist der Präsidenten-Darsteller in Washington im Amt, dreht sich das Kandidatenkarussell weiter. Wo fängt man an als Politik-Junkie?

Kaum eine Fernsehdebatte, die wir nicht in der ARD, dem ZDF und neulich sogar auf RTL gesehen haben, Jauchs Bierdeckel-Unfall inklusive. Dazu kommen neben den Kandidaten-Kurz-Dokus noch all die Talkshows in den kanadischen Sendern.

Wo fängt man an, wo hört man auf? Hilfe, wir brauchen eine Pause!

Dass wir nach einem Erwachsenenleben im Ausland nicht mehr in Deutschland wählen dürfen, finde ich in Ordnung. Nur: Das Interesse am Wahlausgang kann uns kein Gesetz nehmen. Also glühen bei uns die Mediatheken im Internet, um all die Debatten im Livestream zu verfolgen.

Die kanadischen Medien nehmen übrigens kaum Notiz von den German elections. Das hat sicher damit zu tun, dass hier ein gewisser D.T. unser schönes Land kassieren möchte. Man könnte sagen: Es gibt viel zu tun im eigenen Land.

Justin Trudeau wirft das Handtuch. Am 9. März übernimmt sein vorläufiger Nachfolger bei der Liberalen Partei die Amtsgeschäfte. Dass dieser (oder diese?) dann auch Premierminister(in) wird, ist fraglich. Das wird sich spätestens am 20. Oktober entscheiden. Bis dahin müssen Neuwahlen erfolgen. Vorsichtshalber haben schon jetzt mehrere Kandidaten auf Wahlkampfmodus geschaltet. Also ran an den Fernseher.

Klar ist die Sache in Ontario. In der bevölkerungsreichsten Provinz Kanadas wird am 27. Februar gewählt. Die Debatten-Maschinerie läuft auf Hochtouren.

Scholz, Habeck, Merz, Trudeau, Poilievre, Ford, Crombie … die Auswahl an Kandidaten ist atemberaubend. Man nennt es Demokratie.

Machen Sie bitte am Sonntag stellvertretend für mich ein Kreuzchen? Wo, außer bei der AfD, ist mir, naja, egal.

Nur so für den Hinterkopf: Grün ist die Farbe der Hoffnung.