Schreiben Sie sich frei!

Schreiben als Psycho-Hygiene: Die Gedanken sind frei. © Pexels

Ein befreundeter Blogger aus Bremen hat seinen Blog eingestellt. „Es zieht mich nichts mehr hin zum Schreiben von Blogbeiträgen“, schrieb er mir eben. Ich habe Achims Blog immer gerne gelesen und finde es schade, dass er nicht mehr in meiner Mailbox landet. Aber jeder hat seine Gründe zu schreiben – oder auch nicht.

Passend dazu lese ich zufällig heute in der Süddeutschen Zeitung ein Interview mit einer Schreibtherapeutin. Dass es diesen Beruf gibt, war mir ehrlich gesagt neu. Nach dem Lesen des Beitrags wurde mir klar: Schreiben kann tatsächlich therapeutisch wirken.

Es müssen keine Pulitzerpreis-verdächtigen Texte sein, um sich freizuschreiben. Es genügen kleine Notizen über den Alltag, am besten handgeschrieben. Das dauert länger als der mechanische Vorgang des Tippens. Während des Schreibens hat man Gelegenheit, seine Gedanken noch einmal kurz zu sortieren, ehe man sie zu Papier bringt.

Das „zu Papier bringen“ ist wörtlich gemeint. „Journaling“ heißt das Tagebuchschreiben heutzutage. Vor allem bei jüngeren Menschen liegt es offensichtlich im Trend.

Journaling sei wichtig, sagt die Therapeutin, denn Schreiben schaffe Ordnung. Zitat: „Wenn ich über Probleme nur nachdenke, drehe ich mich meistens im Kreis, ohne es zu merken“, wird Silke Heimes in dem Interview zitiert. „Schreibe ich etwas zum siebten Mal auf, merke ich dagegen: Moment, das kenne ich schon, das ist eine Gedankenschleife. Mit dem Stift in der Hand sortiere ich mich. Gefühle werden greifbar, Gedanken bekommen Struktur und Reihenfolge. Und ich verstehe sehr genau, was mich gerade beschäftigt.“

Bloggen ist wie Journaling. Es hat etwas Befreiendes, Heilendes, ja, Therapeutisches. Mit Freunden und selbst eigenen Familienmitgliedern ständig über seine Befindlichkeiten, auch Krankheiten, zu reden, kann ätzend für alle Beteiligten sein. Seine Gedanken einem Tagebuch, einem Blog anzuvertrauen, ist eine schmerzfreie Herangehensweise an Themen. Oder, wie die Therapeutin Heimes im SZ-Interview sagt: „Papier urteilt nicht – es hört einfach zu“.

Selten habe ich so zufriedene Gesichter gesehen wie in meinen Schreibseminaren, die ich jahrelang für Sender und Medienakademien gegeben habe. Ein geglückter Text ist wie ein Kochrezept, das mit den richtigen Zutaten zu einem leckeren Essen zusammengerührt wird. Und schmeckt’s mal nicht wie erhofft, geht die Welt nicht unter. Papier ist geduldig.

Für mich war Schreiben schon immer eine wunderbare Art, den Kopf freizubekommen. Anfangs in Form von Tagebüchern, später als Journalist, dessen Aufgabe darin besteht, Sachverhalte einzuordnen, damit die Leser sie besser verstehen. Seit fast 15 Jahren ist es dieser Blog, der alles schluckt, was ich ihm anvertraue. Ich lasse ihm keine Wahl, nehme ihn quasi in digitale Zwangshaft.

Zunächst waren die BLOGHAUSGESCHICHTEN als Tagebuch gedacht. Inzwischen teile ich meine Gedanken mit Menschen in aller Welt. Nicht alle in meinem Freundes- und Familienkreis können damit umgehen. Für mich ist das öffentliche „Journaling“ Spaßfaktor, Gedankenmanagement, Erinnerungshilfe und Therapie zugleich.

Nicht jeder, dem nach Schreiben zumute ist, braucht einen Blog. Ein Block tut es auch. Am besten ein Notizblock ohne Goldschnitt, Papierprägung und respekteinflößende Initalien.

Probieren Sie’s doch mal. Einfach so zur Gedanken-Hygiene. Oder auch nur zum Spaß.


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4 Gedanken zu „Schreiben Sie sich frei!

  1. Oh ja – therapeutisches Schreiben kann ganz bestimmt heilsam sein. Es hilft, Gedanken zu ordnen und Gefühle zu klären. Diese Aufgabe kann bisher nicht einmal die viel gepriesene KI übernehmen.
    Grüße an dich und die Deinen von deinem analogen Freund im Cyberspace! Cheerio … R🌴

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  2. Schreiben hilft – oh, ja! Oft wenn mir eine Laus über die Leber gelaufen ist, oder mich etwas quält, dann schreibe ich darüber. Und das ist dann so, als hätte ich damit in meinem Inneren eine Schleuse geöffnet, das, was mir nicht gut tut, kann aus mir heraus. :-)
    Auch wenn ich manchmal so vor mich hinmaule, dass ich keinen Bock mehr aufs Bloggen habe, ich glaube, ich würde es nie aufgeben. Ich liebe es!
    Und ich freue mich sehr, dass ich im Blog-Universum auf dich getroffen bin! :-)

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  3. Hallo Herby,

    dem kann ich nur voll und ganz zustimmern: Schreiben befreit! Wie sagt doch der sehr weise Volksmund schon: „geteiltes Leid ist halbes Leid“ und „geteilte Freude ist doppelte Freude“.

    Klar, die Menschen sind unterschiedlich. Aber mich beschäftigen manche Ereignisse -egal ob positiv oder negativ- auch oft sehr. Dann muss ich sie ganz unbedingt „loswerden“, indem ich sie Jemandem erzähle – oder heutzutage noch besser schreibe. In WhatsApp oder per E-Mail: dabei kann ich Ereignisse und Formulierungen nochmals überdenken, Satzstellungen verbessern, für den (die) Leser und mich selbst verständlicher darstellen.

    Schreiben ist etwas Wunderbares, selbst wenn es nur um Alltäglichkeiten geht. Und selbst dann, wenn ich es nur selbst nochmal oder gar mehrmals durchlesen kann! Mit jedem Mal wird ein bisschen mehr davon verarbeitet!

    Gleichzeitig ist das Aufgeschriebene auch noch eine Erinnerungshilfe, in der man Geschehnisse und Daten nachschlagen kann.

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