Alters-Studien im Café

Wer in meinem Lieblingscafé mal muss, muss zuerst einen Zahlencode eingeben. Erst dann öffnet sich die Tür zum Thronsaal. Der Code steht handgeschrieben auf einer Tafel auf der Theke. Die Jüngeren im Café – und das ist die Mehrzahl – werfen im Vorbeigehen wie zufällig einen Blick darauf, und schwupps öffnet sich ein paar Meter weiter die Tür zum Klo.

Die Älteren? Sie zücken das Handy, notieren sich darin umständlich den Code oder fotografieren ihn ab. Auch Notizen mit dem Kugelschreiber auf die Innenhand habe ich schon beobachtet. Kurze Zeit später stehen sie dann schon wieder vor der Theke. „Klappt nicht“, muss sich der arme Barista dann oft anhören. Geht er dann selbst mit zur WC-Tür, klappt es natürlich. Der Senior hatte die Zahlenkombination wieder einmal durcheinandergebracht.

Wer viel Zeit hat, kann im Café herrliche Sozial-Studien betreiben. Sie erheben keinen wissenschaftlichen Anspruch, sagen aber in ihrer Unvollständigkeit einiges über unsere Gesellschaft aus. Das Fazit für meine Altersgruppe ist ziemlich ernüchternd: Wir blicken nicht mehr alles – und wenn doch, dann dauert es manchmal ziemlich lang. So wie bei der Sache mit dem Zahlencode. Außerdem sind wir trotz unseres Alters nicht etwa besser wissend, sondern schlicht Besserwisser.

Zu jedem Bistro-Tischchen gehören zwei Stühle. Die Jüngeren verstauen meist Mantel, Mütze und Schal auf der Rückenlehne ihres Stuhls und lassen den zweiten Platz für einen weiteren Gast frei. Die meisten Älteren blockieren zwei Sitze: einen für sich, den anderen für ihre Klamotten. Das Signal ist eindeutig: Sprich mich nicht an!

Im Café kann sich jeder ans Klavier setzen, der Lust aufs Klimpern hat. Die Jüngeren spielen meistens zwei, drei Stücke – dann machen sie Platz für den Nächsten. Meine Altersgenossen? Sie machen – unaufgefordert – ein nachmittagfüllendes Unterhaltungs-Programm daraus. Haben sie erst einmal auf dem begehrten Klavierstuhl Platz genommen, bleiben sie wie angeklebt sitzen. Mein Klavier gehört mir!

Nur die wenigsten der jüngeren Kaffeehausbesucher trauen sich angesichts des Sitzfleisches meiner Zeitgenossen, für sich eine Spielzeit anzumahnen. Sie verlassen das Café lieber, ohne ein Stück zum Besten gegeben zu haben. Fast so, als hätten wir Alten ein Recht, das sie nicht haben.

In meinem Café verkehren viele Studierende, es liegt unweit der McGill-Universität. Verwickle ich jüngere Café-Besucher in ein Gespräch, verläuft das meist mit einer geschmeidigen Leichtigkeit, die übers Wetter hinausgeht und oft von einem gewissen Respekt geprägt ist – wovor? Keine Ahnung. Vielleicht vor dem Alter. Spreche ich Gleichaltrige oder – Gott bewahre! – noch ältere Zeitgenossen an als ich, versiegt der Gesprächsfluss oft schon beim ersten Nachhaken.

Es sei denn, es geht um Krankheiten. Dann laufen viele meiner Altersgenossen zur Höchstform auf. Bremst man sie nicht, wird aus dem Dialog schnell eine Solo-Nummer. Wie neulich: Da ließ ich einen Zeitgenossen ungebremst seine Zipperlein herunterrasseln. Das Gespräch wurde schnell zur Einbahnstraße.

Als ich dann selbst eine meiner medizinischen Baustellen erwähnte, war mein neuer Bekannter schneller verschwunden als der Milchschaum auf seinem Cappuccino.


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6 Gedanken zu „Alters-Studien im Café

  1. Lieber Hebo, leider. Beim KRANK SEIN ist sich jeder selbst der nächste und die eigenen Beschwerden sind die Wichtigsten -weil schlimmsten-. Was interessieren mich der Herzinfarkt und der Schlaganfall in meiner Umgebung, was die schlimme Erkrankung meines Gegenübers? Überhaupt nicht, so lange mich meine Knie-Arthrose zwickt und mich an meinem geliebten Spaziergang am Meer hindert und mein neu erworbenes Super E-Bike, welches ich für den Preis eines Kleinwagens erworben habe, unbenutzt in der Garage stehen bleibt. Die Gattung Mensch ist zum Egomanen geriert und Hoffnung auf Genesung gibt es nicht. Man muss angesichts des „modernen“ Kommunikationsverhaltens befürchten, dass alles noch schlimmer wird. So gesehen ist Dein Café ein Hort der Kommunikationsfreude und ruft nach Erhaltung. Wo sind sie geblieben, die Pianisten, die in der Lobby vieler Hotels die Gäste berieselten: Mit Chopin, Beethoven, oder auch mal mit einem schmissigen Boogie-Woogie. Heute kommt die Musik von der Konserve, unauffällig, belanglos und unpersönlich.

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  2. Looking at rallietravel’s comments – I can see him knee-deep in abbreviations!
    In my time, we only had one, and that was “gofer” – ( go for this and go for that)
    No wonder-they call me, Methusalem !
    Health and happiness to everyone!

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  3. Herbert – Stephen Hawkings letzte Botschaft an die Menschheit erinnert uns daran, dass es, egal welchen Herausforderungen wir uns stellen müssen, immer Hoffnung gibt, so lange wir neugierig und entschlossen bleiben.

    “HEBO“ .. keep up the good work and remember – everybody listens to a different drummer!

    ich hoffe natürlich, dass viele interessante Menschen und Gesprächspartner in dein Lieblingscafé kommen! CheerioR🌴

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  4. Genauso beschreibt Hendrik Groen in dem dir von mir kürzlich empfohlenen Buch diverse Situationen im Alter. Dann muss ja wohl was dran sein!

    Ich selbst sitze zu selten im Café o.dgl., kann deshalb nur bedingt mitreden. Aber im übertragenem Sinn kann man das auf so manche Episode anwenden. z.B. grad im Ort unterwegs: es bremsten dreimal hintereinander am Zebrastreifen frühzeitig und für mich gut erkennbar Autos (noch ehe ich überhaupt wirklich am Zebrastreifen ankam) und hielten schließlich erkennbar geduldig an, um mich alte Frau gefahrlos rübergehen zu lassen. Respekt und Rücksichtnahme vor dem Alter merke ich, nicht nur, aber ganz besonders bei unseren jungen Mitbürgern mit Migrationshintergrund.

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  5. When living in Florida, we had a term „OFF“ which meant Old Florida Fogey/Fart. We used it to remind ourselves we did not want to be one. An OFF has only three topics of conversation: the weather, the health of themselves and others, and complaints. I’m not sure the conversation of young people is scintillating, but at least they don’t sound like an OFF.

    One of the joys of our move to Ohio is that I have made friendships with a lot of young people at the gym [anyone under 60]. In Ohio, we call the others OOFs.

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