Heute bin ich stolzer Kanadier đź‡¨đź‡¦

Nationalstolz ist so gar nicht mein Ding. Wenn aber der Premierminister meines Landes Dinge sagt, die die Welt aufhorchen lassen, schlägt das herzförmige Ahornblatt in meiner Brust ein bisschen heftiger als sonst. Mark Carney hat in seiner Rede vor dem Weltwirtschaftsforum in Davos aufgezeichnet, wie man sich gegen Donald Trump wehren kann.

Zwei Reden, eine Erkenntnis – so lässt sich mein Morgen am Laptop zusammenfassen. Da ist die Rede von Mark Carney, der feinsinnig skizziert, wie wichtig es ist, sich von „der Lüge“ zu verabschieden, „wie wir im Westen lange gelebt haben“. Ohne Trump, ohne die USA ein einziges Mal wörtlich zu erwähnen, zeigt er Wege auf, wie wir aus dieser Sackgasse herausfinden könnten.

Wenige Stunden später dann geriert sich ein Präsidentendarsteller ölig wie ein Gebrauchtwagenhändler – nur plump, bösartig und geradezu unerträglich eitel, wie er die Welt gerade noch rechtzeitig vor dem Chaos gerettet habe, das – natĂĽrlich – seine Vorgänger angerichtet hätten.

Ich schreibe diesen Text in der gemĂĽtlichen Stube eines 250 Jahre alten Farmhauses. Im Holzofen knistert das Feuer, drauĂźen scheint die Sonne. Beim Ă–ffnen der TĂĽr riecht man den frischen Schnee. Winter in Kanada hat etwas Magisches.

Doch die Idylle täuscht. Kaum fünf Minuten südlich von hier verläuft die amerikanisch-kanadische Grenze. New York State und Vermont bilden quasi den Hinterhof zum Bauernhof. Kaum zu glauben, dass die dortigen Bewohner von einem machtbesessenen Egomanen regiert werden, der finstere Häscher in amerikanische Städte schickt, um unschuldige Bewohner aus Autos zu zerren und notfalls kaltblütig hinzurichten – nur weil sie eine andere Hautfarbe haben oder auch nur eine andere Gesinnung.

Angesichts dieser Drohkulisse hört sich die Rede von Mark Carney an wie Balsam auf unsere geschundenen Seelen: ein kluges, respektvolles und weltoffenes Statement. Uneitel und authentisch arbeitet er sich an dem Narren im Weißen Haus mit Wortbildern ab, die in die Geschichte eingehen dürften: „Wenn wir nicht am Tisch sitzen, stehen wir auf der Speisekarte.“ Oder: „Nostalgie ist keine Strategie.“ Oder: „Wir befinden uns nicht in einem Übergang, sondern in einem Bruch der Weltordnung.“

Zwei Pässe in einer Brust: Kanadischer Staatsbürger seit genau 20 Jahren.

Während sich Trump wenig später vor der Weltwirtschaftselite über die Sonnenbrille von Macron lustig macht und seinen scheidenden Notenbankchef einen Dummkopf nennt, arbeitet Carney nicht mit Beleidigungen, sondern mit belegten Fakten, frischen Ideen und zielführenden Appellen.

Von so einem Menschen lasse ich mich gerne regieren, in so einem Land lebe ich gerne.

Manchmal reicht schon eine einzige Rede, um zu wissen, dass ein Pass mehr ist als ein Stück Papier. Er ist auch ein Versprechen. Und die Bestätigung dafür, bei der letzten Wahl auf das richtige Pferd gesetzt zu haben.

Rede von Mark Carney auf Deutsch:

Quelle: Government of Canada – Ăśbersetzung: ChatGPT


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2 Gedanken zu „Heute bin ich stolzer Kanadier đź‡¨đź‡¦

  1. Mein Herz schlägt auch für Kanada. Eigentlich schon seit meiner Jugend, und in letzter Zeit immer stärker.
    Ich ziehe meine gesamte Hutsammlung vor Mark Carney.
    Was Louise Penny in Der schwarze Wolf geschildert hat wird nun zusehends realer und bedrohlicher. In meinem letzten Blogpost habe ich versucht, darĂĽber zu schreiben.
    Ganz herzliche GrĂĽĂźe von MĂĽnchen nach Kanada.

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