
Zwei Herzen in einer Brust können ganz schön weh tun. Anatomisch betrachtet ist das leicht zu erklären. Schließlich ist der menschliche Brustkorb nur für eines dieser lebenswichtigen Organe vorgesehen. Aber was, wenn plötzlich zwei Herzen gleichzeitig schlagen?
Genau das passiert mir zur Zeit laufend. Als Deutschland heute im Eishockey gegen Kanada mit 1:5 verlor, tat mir das Team um Daria Gleißner leid. Gleichzeitig freute ich mich natürlich für Marie-Philip Poulin und ihre Ahorn-Truppe.
Zwei Pässe, eine Leidenschaft: Sport.
Im Sommer müsen meine beiden Herzen weniger leiden als im Winter. Fußball sorgt hier selten für so viel Herzklopfen wie in Deutschland, auch wenn ein gewisser Thomas Müller in Vancouver die Fangemeinde um die Whitecaps gehörig durcheinanderwirbelt. Umgekehrt sind die in Kanada populärsten Sportarten Baseball und Football in Deutschland jetzt nicht gerade der Brüller.
Brenzlig wird es im Winter. Da tun die beiden Herzen weh. Skispringen, Abfahrt, Slalom, Riesenslalom, Rodeln, Biathlon – überall mischen Kanada und Deutschland erfolgreich mit. Und natürlich Eishockey. Für wen also jubeln?
Aber es kommt noch schlimmer: Auch wenn ich nur zwei Staatsbürgerschaften habe, hege ich große Sympathien für weitere Länder. Polyamorie als olympische Disziplin.
Spanien: Immerhin haben wir dort zusammengerechnet gut drei Jahre gelebt. Die Schweiz als Nachbarn, damit bin ich groß geworden im Südwesten Deutschlands. Österreich, Frankreich, Dänemark … ich liebe sie alle. Und alle haben sie im Wintersport einiges zu melden. Der niederländische Olympiasieger Jens van ’t Wout heute über 1500 Meter Short-Track? Zum Verknuddeln.
Selektives Jubeln will gelernt sein. Aber weil ich es selbst nach geschätzten 40 Olympischen Spielen noch immer nicht beherrsche, feiere ich einfach diejenigen, die mein Herz am meisten berühren – egal, welches.
Meistens sind es die Underdogs. Als der 1500-Meter-Skater Roberts Krūzbergs heute völlig überraschend Bronze für Lettland holte, hätte ich vor Freude schreien können. Und vollends fertig war ich schließlich, als Lucas Pinheiro Braathen Gold im Riesenslalom gewann.
Ein Brasilianer siegt im Schnee? Mehr Olympia geht nicht.
Da gehen mir sämtliche Herzen auf.
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Hebo – zu deinem heutigen Thema „Polyamorie im Medaillenrausch und selektives Jubeln“ fehlt dir für ein Interview genau die eine Person, die dich begeistern würde: Hannelore Paepcke, liebevoll „Olympia Omi“ genannt.
Die bemerkenswerte 89-jährige Deutsche hat 33 Olympische Spiele (Sommer und Winter) besucht. Ihre ersten Spiele erlebte sie 1956 in Cortina d’Ampezzo. Seitdem hat sie es sich zur Lebensaufgabe gemacht, bei den Spielen dabei zu sein.
Auch 2026 ist sie wieder in Mailand/Cortina. Sie wurde vom Deutschen Olympischen Sportbund ins Deutsche Haus in Cortina eingeladen. Dort wird sie für ihre Hingabe an den olympischen Geist und ihre Fähigkeit, Menschen aus aller Welt miteinander zu verbinden, gefeiert.
Ich bin sicher, sie würde dein Interview – und deinen Tag – bereichern. Was für eine Frau. Gott segne sie.
Herzliche Grüße
Ciao for now
R 🌴
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Ich habe grade die Geschichte des haitianischen Langläufers gelesen – und die ging mir ans Herz. Und ich bedaure nun, den Langlauf-Marathon nicht angesehen zu haben, denn Stevenson Savart hätte ich mit Freuden sämtliche Daumen gedrückt.
(SZ-Link musste leider entfernet werden)
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