Heute essen wir Opa

In der Süddeutschen Zeitung habe ich heute diesen nicht mehr ganz taufrischen Lehrsatz zur Kommasetzung gelesen: „Ein Komma kann manchmal Leben retten“, heißt es da. „Schließlich macht es einen Unterschied, ob man schreibt „Wir essen, Opa“ oder „Wir essen Opa“.

Wenn es um Rechtschreibung geht, kennt sich mein Freund Peter besser aus als die meisten Menschen, die ich kenne. Ob Deutsch, Französisch, Englisch oder Latein – er weiß, wann, wo und warum ein Komma gesetzt wird und wie man die „consecutio temporum“ im Imperfekt oder Plusquamperfekt verwendet.

Eine Zeit lang konnte ich mit meinem Akademiker-Kumpel mit den zwei Buchstaben vor dem Namen ganz gut mithalten. Heute fällt es mir immer schwerer, Punkt, Semikolon und Komma an der richtigen Stelle unterzubringen. Ein Glück, dass es Korrekturprogramme gibt. Und natürlich KI.

Besonders die Groß- und Kleinschreibung wirft mich schon mal aus der Bahn. Dabei ist es angeblich ganz einfach. Wenn es heißt: Der 32jährige Sohn meiner Freundin, werden Ziffer und „jährige“ in einem Wort geschrieben. Wenn ich aber nur von einem „32-Jährigen“ spreche, kommt ein Bindestrich dazwischen.

Es heißt, vor allem bei Kindern und Jugendlichen habe der Einfluss digitaler Kommunikation verheerende Auswirkungen auf die Rechtschreibung. WhatsApp, Facebook, Instagram oder TikTok mögen es gerne kurz und knapp. Irgendwann beim Überholen auf der Datenautobahn sind Chat- und Standardsprache miteinander kollidiert.

Bis vor einigen Jahren galten deutsche Leitmedien wie Spiegel, Stern und Die Zeit als das Maß aller Dinge, wenn es um Orthografie ging. Rechtschreibfehler waren so selten, dass darüber sogar sprachwissenschaftliche Arbeiten geschrieben wurden. Diese Zeiten sind vorbei. Inzwischen tobt sich der Schreibfehlerteufel auch auf höchstem Niveau aus.

Als in Deutschland Ende der 90er-Jahre die Rechtschreibreform beschlossen wurde, liefen große Zeitungen Sturm. So weigerte sich die Frankfurter Allgemeine Zeitung lange, „dass“ statt „daß“ zu schreiben. Zwar gilt die neue Rechtschreibung weiterhin als komplex und angreifbar, aber ein politisches Streitthema ist sie nicht mehr.

Mein sprachgewaltiger Freund Börnie aus dem Allgäu – der Große Regisseur hab ihn selig – konnte regelrechte Wutausbrüche bekommen, wenn er fehlerhafte Texte von Kollegen auf den Schreibtisch bekam. Aber er konnte auch darüber lachen.

Sein Markenspruch „Man gewöhnt sich an allem, nur nicht am Dativ“ gehört auch Jahre nach Börnies Tod noch zum geflügelten Wort unter seinen Freunden.


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3 Gedanken zu „Heute essen wir Opa

  1. Du sprichst uns aus tiefster Seele!!!
    Zwar dürfte ich eigentlich nicht den ersten Stein werden, da mir selbst auf den modernen Tastaturen -allen voran am Handy- leider sehr viele Tippfehler passieren. Und ich, froh wenn ich meine Nachricht endlich fertiggetippt habe, manchmal vergesse, zum Schluss nochmals Korrektur zu lesen. Aber ich schreibe privat, nicht für die Öffentlichkeit.
    Wir bleiben nach wie vor bei der „wirklichen“, also papierhaften Zeitung. Am Bildschirm lesen wir nicht so gern.
    Wieviele Fehler heutzutage in unserer renommierten Stuttgarter Zeitung enthalten sind, geht auf keine Kuhhaut, wie man so schön sagt. Da bleibt es bei weitem nicht bei einem Fehler pro Zeitung. Es gibt im Grunde eigentlich kein fehlerfreies Exemplar mehr: Manchmal fehlen ganze Satzteile, andermal sind Worte doppelt, oder es werden falsche Artikel benutzt …
    Gibt es keine Lektoren mehr? Und dafür zahlen wir im Jahr rd. € 850,00.

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  2. Ich bin häufig entsetzt darüber, wie wenig Wert mittlerweile auf gute Rechtschreibung gelegt wird – wie du schreibst, sind mangelhafte Orthografiekenntnisse nun sogar bei ausgesprochen seriösen Medien fast schon an der Tagesordnung. Ich lese sehr viel, und immer öfter frage ich mich bei der Lektüre, ob etliche Verlage sogar schon an den Lektoraten sparen bzw. die Lektor:innen durch KI ersetzen.

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  3. Mit den Kommas habe ich ab und zu Probleme. Übrigens, in meinen ersten Schuljahren hieß es noch „Beistrich“. Das „scharfe S“ vernachlässige ich bzw. benutze es nicht, weil es anfangs auf den hiesigen Schreibmaschinen (da kann man sehen, wie lange ich schon in Kanada bin 😉) und später auf den Computertastaturen nicht vorhanden war.
    Was die Rechtschreibung anbelangt, muss ich ab und zu etwas überprüfen und freue mich dann sehr, wenn ich feststelle, dass ich recht habe.
    VG
    Christa

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