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Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

Dr. Marc: Ein Freund mit Herz

Kardiologe mit Herz und Arktis-Erfahrung: Dr. Marc Paquet

Wenn Freunde gehen, geht auch ein Stück deiner Vergangenheit. Das wurde mir heute Nachmittag klar, als ich mich von meinem Freund Marc verabschiedete. Wir trafen uns ein letztes Mal im „Café Bicyclette“, einem Radler-Treffpunkt, an dem wir uns schon so oft verabredet hatten.

Marc zieht morgen nach Ottawa, „nicht aus der Welt“, wie man so sagt, nur zweieinhalb Autostunden von hier. Und doch wird meine Welt ohne Marc nie mehr das sein, was sie einmal war.

Marc – das ist Dr. Marc Paquet, Kinderkardiologe im Ruhestand. Ein Mann, der das Herz am rechten Fleck hat. Wie vielen Kindern er durch seine Eingriffe das Leben gerettet hat, werden wir nie erfahren. Aber eines weiß ich sicher: Marc muss ein großartiger Kinderarzt gewesen sein. Die Hingabe, mit der er noch heute über seine Arbeit spricht, lässt auf viel Liebe für seinen Beruf schließen.

Für mich war Marc nie der Kardiologe, der Kinderherzen heilt. Er war der Kumpel, der Leidenschaften mit mir teilt: Reisen in ferne Länder. Fahrradfahren. Und Storytelling. Beim Radeln konnte ich bis zum Schluss mithalten. Bei seinen Reise-Erzählungen musste ich passen.

Ich kenne niemanden – außer vielleicht meinen Piloten-Freund Jörg – der mehr gereist ist in seinem Leben als Marc. Er kennt die kältesten Ecken der kanadischen Arktis und die abgelegendsten Plätze im Jemen. Wenn er über Tokio spricht, glaubst du, du sitzt nicht auf irgendeiner Parkbank, sondern im IMAX-Kino. So bunt, so schrill, so exotisch. Plaudert er über Argentinien, möchtest du nur noch Tango tanzen.

Zuerst war es sein Beruf, der Dr. Marc Paquet als gefragten Kinderkardiologen in beratender Funktion in die Welt hinausführte. Später besuchte er viele dieser Orte erneut als Tourist. Und überall gab es Begegnungen mit Menschen – und Menschen mit Geschichten.

In Quebec City wurde Marc vor mehr als 80 Jahren geboren. In Montreal, so hatte ich gehofft, würde er sesshaft bleiben. Nachdem er hier bereits einen Großteil seiner Karriere als Kinderkardiologe verbracht hatte, zog es ihn in die Welt hinaus – und später doch wieder zurück nach Montreal. Für immer, wie ich geglaubt hatte. Ich sehe von meinem Fenster aus auf seinen Balkon auf der anderen Seite des Flusses.

Doch jetzt nehmen er und seine Frau Millie Abschied und ziehen nach Ottawa. Es sind persönliche Gründe, die für den Ortswechsel verantwortlich sind. Und natürlich wünschen Lore, Cassian und ich ihnen nur das Beste in der Bundeshauptstadt.

Unsere gemeinsamen Radtouren werden mir fehlen. Unsere Verschnaufpausen – es waren viel mehr als nötig – auf irgendwelchen Parkbänken, in Kneipen und Cafés sowieso.

Marc liebt es, Deutsch mit mir zu sprechen. Er konnte es noch aus seiner Zeiit, da er an einer Klinik in München praktizierte. Der Feinschliff fehlt, aber das Herz kennt keine Sprach- und Ländergrenzen. Ich musste ihm heute Nachmittag beim Abschied versprechen, auch künftig Textnachrichten auf Deutsch zu schicken. Ein guter Mediziner gibt eben nicht auf.

Ich bin meinem Freund Peter in Sherbrooke unendlich dankbar, dass er mir seinen Freund Marc vor vielen Jahren anlässlich einer Geburtstagsfeier in mein Leben gespült hat. Dass uns drei diese Männerfreundschaft nach so langer Zeit noch immer verbindet, ist ein Glücksfall. Und gibt mir Hoffnung, dass sie noch viele Jahre anhalten wird.

Ich habe keinen Zweifel daran, dass der Kardiologe Dr. Marc immer wieder gern nach Montreal zurückkommt. Schließlich ist es die Stadt meines Herzens.

Freunde fürs Leben: Marc, Peter und ein Blogger namens Herbert.
Abschied nehmen heute Nachmittag im Café Bicyclette.

Orangensaft, der knallt

ORANGE JULEP: Saftiges am Highway 15. © MTLBlog
ROCKWERK ORANGE: Knalliges aus Essen. (Screenshot Homepage)

Es gibt da diesen Diner Orange Julep, der sich in einer Monster-Orange aus Fiberglas befindet. Sie steht auf einem riesigen Parkplatz gleich neben der Stadtautobahn und hat in Montreal Kultstatus. Und dann gibt es noch die Band Rockwerk Orange. Doch darüber später.

Das Orange Julep wurde 1932 von einem Montrealer namens Hermas Gibeau gegründet. Damals war es ein kleiner Imbiss, der seinen Namen von dem gleichnamigen Getränk bekam, das bis heute dort serviert wird: der legendäre Orange Julep, eine Art milchiger Orangensaft, eiskalt und süß – ein Klassiker in Montreal.

Neben dem Orange Julep wird typisches Fastfood serviert: Poutine, Hot Dogs, Burger, Pommes.

Im Sommer gibt’s jeden Donnerstag die Cruise Nights, bei denen sich Auto- und Oldtimer-Fans treffen. Die Stimmung erinnert an James Dean und amerikanische Drive-ins aus den 50er-Jahren, mit lauter Musik und glänzenden Karossen. Nur die Serviererinnen auf Rollschuhen fehlen.

Die Orange-Kugel hat übrigens einen Durchmesser von knapp 12,5 Metern und wurde 1966 als Marketing-Gag gebaut. Groß, knallig, unübersehbar.

Womit wir bei Rockwerk Orange wären.

Rockwerk Orange ist eine Band aus Essen. Meine Freunde Ippi und Markus, die Dassel-Brüder, spielen Schagzeug (Ippi) und Maschine (Markus) – eine Art Sampler aus der digitalen Werkzeugkiste. Dazu kommen noch vier weitere Musikverrückte, die das spielen, was man so Hardcoreheavymetalpunkrocknroll nennt.

Heute ist ein wichtiger Tag für Rockwerk Orange. Es gibt was auf die Ohren, das knallt. Rockwerk Orange launcht ein neues Album. „Echsenmenschen“ heißt es. Es ist – sagen wir mal – laut, schräg und heftig. Und nicht für jedermann. Hardcoreheavymetalpunkrocknroll eben.

Frishgepresstes von Rockwerk Orange gibt’s >> HIER <<

Frischgepresstes von Orange Julep  >> HIER <<

Über Ippi Dassel gab’s mal einen eigenen Blogpost: >> HIER <<

CRUISE NIGHTS unter der Monster-Orange. © CP/Gazette

(M)eine Woche in Montreal

Es gab Regen und Sonne, Surfer und eine kleine Stadtwanderung. Sogar ein Mini-Fahrradausflug war dabei – und natürlich wieder leckeres Essen: chinesische Dumplings und Za’atar vom libanesischen „Café Chez Teta“. Eigentlich die perfekte Woche.

Leonard Cohen, my man, ist immer und überall präsent, wenn es um Literatur oder Kunst geht in Montréal – auch in dieser Mini-Buchhandlung an der Avenue Mont-Royal.

Zu den Tassen: Americano? Nein, danke – nicht mit diesem Wüstling im Weißen Haus. Dann lieber einen gepflegten Canadiano.

Wandbemalungen an der Rue St-Denis und ein bisschen frühsommerliche Stimmung gab’s obendrein – mit einem Hibiskus-Gruß live aus Balkonien.

Drei Sekunden Nervenkitzel

Wenn man so langsam auf die 80 zugeht, fängt man schon mal an, sich Gedanken über seine Bucket List zu machen. Was will ich eigentlich noch erleben, bevor mich der Große Regisseur von dieser Welt in eine andere befördert?

Einen Sonnenaufgang auf einem Vulkan? Einen Sushi-Kochkurs bei einem japanischen Itamae? Mit dem Kajak durch eine smaragdgrüne Bucht paddeln? Oder, wie Leonard Cohen, ins Zen-Kloster gehen?

Eines steht jedenfalls fest: Bungee-Springen gehört nicht dazu. Spätestens seit heute Nachmittag bin ich mir da sicher.

Eher zufällig wurde ich Zeuge eines Bungee-Sprungs im Alten Hafen von Montreal. Der Turm, der im Hollywoodfilm The Day After Tomorrow (2004) in Flammen aufging, dient seit ein paar Tagen als Plattform für Bungee-Sprünge. Genau genommen ist es nicht der Turm selbst, sondern ein Kran, der direkt daneben aufgestellt wurde – 64 Meter hoch, so hoch wie der Ummendorfer Kirchturm.

Eigentlich wollte ich nur ein wenig Luft schnappen, als sich um die Bank, auf der ich saß, kleine Grüppchen bildeten. Wo Handys gezückt werden, passiert meistens was.

Also zückte ich auch meines – und wurde Zeuge, wie eine Frau sich an einem Seil vom Kran-Arm in die Tiefe stürzte. Unter ihr der Sankt-Lorenz-Strom, vor ihr die Skyline von Montreal. Und rundherum ein paar Dutzend Schaulustige, die sich das Spektakel nicht entgehen lassen wollten.

Seltsam. Obwohl ich sonst für ziemlich viele Abenteuer offen bin, hat mich der Bungee-Sprung wenig beeindruckt. Vielleicht, weil ich als Kandidat ohnehin nicht mehr infrage komme.

Vielleicht auch, weil Bungee-Springen gefährlicher aussieht, als es tatsächlich ist. Die Sicherheitsstandards seien extrem hoch, ließ ich mir sagen. Die Ausrüstung wird ständig überprüft, und gut ausgebildete Teams sorgen dafür, dass alles reibungslos abläuft.

Nervenkitzel, ja. Aber echtes Risiko? Eher nicht. Die größte Herausforderung liegt wohl daran, den Sprung zu wagen und sich selbst zu vertrauen.

Vielleicht liegt mein mangelnder Enthusiasmus aber auch an dem ernüchternden Preis: Knapp 200 Dollar für einen Sprung, der kaum drei Sekunden dauert?

Nein, danke.

Dann doch lieber eine Kinokarte für „Mission Impossible“. Da macht Tom Cruise seine Stunts noch selber.

Nestbau? Keine coole Idee …

Spatzen sind nicht blöd. Bei der Wohnungssuche entwickeln sie sich zu echten Immobilienprofis: Lage, Lage, Lage. Am liebsten geschützt. Dachrinnen, Mauerlöcher, unter Ziegeln. Oder – wie in unserem Fall – hinter der Wärmepumpe, die bei uns gleichzeitig als Klimaanlage dient.

Was tun bei der ersten Hitzewelle des Jahres? Gefühlte 33 Grad sind es heute, die Luftfeuchtigkeit bei schätzungsweile zehntausend Prozent. Mir läuft der Schweiß übers Gesicht, während ich diesen Text tippe. Dabei wäre alles so einfach: Klimaanlage an, kalte Luft rein, Sommer kann kommen.

Dummerweise liegt das frisch gebaute Spatzennest direkt hinter besagter Wärme-Kälte-Wunderpumpe auf dem Balkon. Ein Schalterklick – und das Spatzennest wäre geschreddert, zumindest aber wäre es vorbei mit der Schonzeit für die brütende Spatzenmama.

Aber was tun? Ein Spatzenweibchen legt meist 4 bis 6 Eier. Die Brut dauert etwa zwei Wochen. Danach bleiben die Küken nochmal zwei Wochen im Nest, bis sie flügge sind. Vom ersten Strohhalm bis zum Abflug vergehen also locker bis zu 40 Tage. Das bringt uns schnurstracks in den Juli – den Monat, in dem Kanada so richtig den Backofen anschmeißt.

„Wir schaffen uns für die Wohnung einen zusätzlichen Ventilator an“, sagt die Frau an meiner Seite. Lores Herz, muss man wissen, schlägt bei Vogelgezwitscher Purzelbäume. Spatzen liebt sie besonders. Sie kämpfen sich Jahr für Jahr durch den kanadischen Winter, bei dem das Thermometer auch mal auf minus 40 Grad abtaucht. Echte Überlebenskünster seien das, sagt Lore.

Und jetzt sollen wir ihnen den Nestbau versauen, nur weil es uns ein bisschen warm ist? Wobei: „ein bisschen“ ist relativ. 33 Grad sind kein Witz für zwei nicht mehr ganz taufrische Körper.

Während ich das hier schreibe, sitzt die Spatzenmama wieder frech auf dem Balkongeländer. Mal mit Grashalm im Schnabel, mal mit Stroh, dann mit Federn, Papier, Haaren, Schnüren… Ein fliegender Second-Hand-Shop.

So viel Mühe verdient Dankbarkeit. Ich glaube, ich schwitze lieber noch ein paar Tage. Oder Wochen. Oder Monate.