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Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

„Manchmal ist die Fremde hart“

Ummendorf – so weit und doch so nah. © Gemeindeverwaltung

Stimmt. Manchmal ist es schwer, in der Fremde zu sein. Der Satz in der Überschrift stammt von meinem Freund Frank. Er spielt dabei auf ein Dilemma an, mit dem ich mich jetzt immer häufiger auseinandersetzen muss: Nicht dabei sein zu können, wenn irgendwo gefeiert, gelacht, gegessen und getrunken wird. Oder getrauert. Wie jetzt beim Begräbnis meines Bruders in Ummendorf.

Kontinente, Ozeane, Arbeit, Abenteuer: Oft waren sie mir wichtiger als das, was sich in Ummendorf abspielte. Mein Leben ist in Kanada – und das schon seit fast einem halben Jahrhundert.

Lange Zeit spielten Entfernungen keine große Rolle. Ich war so oft in Deutschland, dass ich meine Geschwister vermutlich nicht weniger häufig gesehen habe, als wenn ich meinen Lebensmittelpunkt in München hätte – und nicht in Montreal.

Doch dann kamen Krankheiten und Alter. Plötzlich war es mit der Mobilität vorbei.

Ich bin meinem Bruder Wolfgang unendlich dankbar, dass er, obwohl auch schon jenseits der 80, die Verbindung zu meiner Familie und mir aufrechterhält.

Oder meine Cousine Margret, die nicht müde wird, mir von „dohoim“ zu berichten. Sie tut das in schönen Worten und wunderbaren Bildern.

Ummendorf ist weit – und manchmal doch so nah. Schön, dass uns das Internet virtuelle Brücken schenkt, über die man kurz mal gehen kann. Noch schöner, dass es Menschen gibt, die diese Brücken in Anspruch nehmen.

So wie Josef, mein früherer Nachbar, der mich über das Geschehen in Ummendorf informiert. Oder Johannes, der sich als Dorfhistoriker in meiner Heimatgemeinde besser auskennt als jeder andere. Oder Irmgard, eine Freundin aus Grundschulzeiten, die das Herz nicht nur am richtigen Fleck hat, sondern auch die Hand am Puls von Ummendorf. Oder Claudia, mit der ich auch die Schulbank gedrückt habe.

Ihnen allen gebührt heute mein Dank. Sie sorgen dafür, dass an Tagen wie diesen die Fremde nicht ganz so weh tut.

Die mysteriöse alte Dame

Kundin (links) und Café (rechts): Das Mysterium lebt.

Ich freue mich, wenn es Menschen gut geht. Wenn es ihnen nicht so gut geht, macht mich das traurig. Seit einigen Monaten beobachte ich einen Menschen, bei dem ich nicht weiß, ob es ihm gut oder schlecht geht. Ich denke, die gute Frau, von der hier die Rede ist, macht das Beste aus einer schlechten Situation.

Ich kenne diese Frau nicht, und ich kenne auch niemanden, der sie kennt. Aber ich sehe sie fast täglich. Sie sitzt in einem Rollator an der Ecke Rue St. Denis und Rue Rachel und bettelt. Hat sie genug gebettelt, stemmt sie ihren Rollator auf die gegenüberliegende Straßenseite. Im Café „Aux Merveilleux de Fred“ lässt sie sich dann wortlos ein Teilchen servieren. Nicht irgendein Teilchen, sondern ein „Merveilleux“.

„Merveilleux“ sind fluffige Kalorienbomben – eine himmlische Mischung aus Meringue, Marshmallows und Granatsplitter, wie sie mich früher schon aus der Vitrine der Bäckerei Zoll in Ummendorf anlachten. „Merveilleux“ gibt es in verschiedenen Geschmacksrichtungen.

Wenn ich mir ganz selten mal so ein Luxusteilchen gönne, dann nehme ich am liebsten eines, das mit Pistazienspänen überzogen ist. Lore meint, beiße man in ein „Merveilleux“, habe man das Gefühl, in eine köstliche Wolke zu beißen.

Viele Bettler, die ich sonst mit ein paar Talern beglücke, leisten sich mit dem erbettelten Geld eine warme Suppe oder setzen es in Schnaps und Drogen um. Die alte Frau, die niemand kennt, leistet sich mit dem erbettelten Geld etwas, das ich mir nur in Ausnahmefällen gönne. Sie kauft sich ein „Merveilleux“ in einer der wohl exklusivsten Pâtisserien der Stadt. Mit Kronleuchter und Konditoren in blütenweißer Kleidung.

Madame Unbekannt kommt täglich in diese Pâtisserie, manchmal auch zweimal, das weiß ich vom Chefkonditor, der alles im Blick hat. Die Backstube geht nahtlos in den Cafébereich über. Man sieht sich also, Café-Gäste und Konditoren.

Ich habe auch erfahren, dass die Frau ohne Namen Tag für Tag das teuerste Teilchen bestellt, das es bei „Aux Merveilleux de Fred“ gibt: eben das „Merveilleux“, von dem das große Stück um die Achtdollarfünfzig kostet.

Mein „Merveilleux“ ist das kleinste im Sortiment, davon esse ich die Hälfte und teile es mit Lore oder einem Freund, mit dem ich manchmal ins Café gehe. Nicht, weil ich mir das große Teilchen nicht leisten möchte, sondern weil ich ein ganzes Stück nicht vertrage. Aber das ist eine andere Geschichte.

Hin und wieder sitzen die unbekannte Frau und ich zur gleichen Zeit im Café. Ich blicke dann auf ihre geschundenen Hände, die aus ihrem voluminösen Körper ragen, und auf das Luxusteilchen, das sie sich gönnt.

Sie interessiert sich mehr für meinen Carbon-Light-Rollator, der im Vergleich zu ihrer schwerfälligen Gehhilfe aus einem anderen Jahrhundert federleicht daherkommt – fast wie ein fluffiges „Merveilleux“.

Als Schwabe denke ich dann schon mal: Würde sie weniger „Merveilleux“ essen, könnte sie sich vielleicht auch einen Carbon-Light-Rollator leisten. Blöd, ich weiß. Aber die Gedanken sind bekanntlich frei.

Ich hoffe, die alte Dame hat noch lange Gelegenheit, sich diese exklusiven Wattewölkchen zu leisten. Und ich wünschte mir, dass sie endlich mal mit mir reden würde. Aber bei meinen bisherigen Kontaktversuchen blieb sie stumm.

Das Mysterium „Merveilleux“.lebt.

Ostergespräche am Kaminfeuer

Noch lässt der Frühling in diesem Teil Kanadas auf sich warten. Das hindert uns aber nicht daran, Ostern so zu feiern, wie wir es mögen: mit Freunden, Kaminfeuer, gutem Essen und Gesprächen über Gott und die Welt – und wenn’s sein muss, auch über den Teufel.

Während der Lac Dufresne noch immer unter einer dicken Schicht aus Eis und Schnee schlummert, wagt sich zweieinhalb Stunden weiter südlich, auf der Farm, zumindest das erste zarte Grün aus dem trotzigen, viel zu kalten Boden.

Für’s Hauptgericht ist der Hausherr verantwortlich. Cassians Ofenschinken mit kandierten Ananasscheiben ist bei uns längst Tradition. Dazu gibt’s Lores kreativen Kartoffelsalat, Matts gefüllte „Deviled Eggs“ und Julias Gemüseensemble aus marktfrischen Zutaten. Als Nachtisch werden handverzierte Cookies und Mohnkuchen aus der Stadt serviert.

Champagner? Fehlanzeige. Dafür gibt’s Säfte, Quellwasser aus eigenem Brunnen und einen Wein von der kanadischen Westküste, der – so hört man – überraschend trinkbar ist.

Was noch fehlt? Ein paar Plusgrade.

Wo bleibt eigentlich El Niño, wenn man ihn mal braucht?

Der Rollator radelt mit

Jeder hat im Leben so seine Meilensteine. Abitur. Auslandsstudium. Jakobsweg. Meine Ziele sind inzwischen bescheidener geworden: Stadtwanderungen und Fahrradfahren. Beides ist aus Gründen meiner eingeschränkten Mobilität schwierig.

Lore hatte wieder einmal die zündende Idee: „Pack doch einfach den Rollator aufs Fahrrad.“ Genau genommen war es gar nicht ihre Idee. Sie hatte ein paar Tage zuvor einen Radfahrer gesehen, der seinen Rollator auf dem hinteren Gepäckträger festgeschnallt hatte. Seither bekam ich das Bild nicht mehr aus dem Kopf.

Gestern dann wagte ich die bisher längste meiner Rollator-Touren: sechs Kilometer, von hier bis zur Altstadt am Hafen. Es war anstrengend, sehr sogar – aber mit vielen kleinen Pausen machbar.

Nur: Wie komme ich zurück? Noch einmal dieselbe Strecke mit dem Rollator – selbst bei bestem Willen unmöglich.

U-Bahn? Zu weit bis zur nächsten Station.

Bus? Weit und breit keine Haltestelle.

Uber? Taxi? Hmmm …

Also dann wohl doch zu Fuß – in der Hoffnung, dass mich unterwegs nicht die Kräfte verlassen. Aber irgendwie geht irgendwo immer alles.

Am Rande der Altstadt führt mich der Weg an einem BIXI-Stand vorbei – so heißen hier in Montréal die Mietfahrräder. Ein Rad sticht sofort ins Auge: hellblau, das einzige E-Bike weit und breit.

Sofort fällt mir Lore mit ihrem Radfahrer ein, der den Rollator mit sich schleppt. Doof: BIXI-Räder haben hinten keinen Gepäckträger. Dafür vorne eine Art Hartplastikschale mit Gummizug – gedacht für Handtaschen oder Einkaufstüten.

Was dem einen seine Einkaufstüte, ist dem anderen sein Rollator.

Spätestens jetzt macht sich die Investition in das angeblich leichteste Rollator-Modell der Welt bezahlt. Mein „Acre Ultralight“ – 4.8 Kilo leicht – lässt sich problemlos in der Schale verstauen. Einmal festgezurrt, sitzt er wie angegossen. Meine erste Fahrradtour dieser Saison kann beginnen.

Mit dem E-Bike sind sechs Kilometer ein Klacks. Man muss mir mein Glück angesehen haben.

„Supercool“, ruft der Teenager, der mir auf dem Fahrradweg entgegenkommt, Victory-Zeichen inklusive. „Two thumbs up“, höre ich den städtischen Arbeiter sagen, der mit dem Leeren der Abfalleimer beschäftigt ist.

„Wie jetzt?“, fragt bei der Ankunft in St. Henri ungläubig der Typ am BIXI-Stand. „Fahrrad oder Rollator?“ Ich: „Beides.“

Mein Meilenstein.

Chiclets: Kleines Fenster zur Welt

Chiclets: Kinder in der tunesischen Wüste filzen unseren Land Rover. © Bopp

Chiclets. Oft habe ich mich gefragt, warum Kinder in ärmeren Ländern häufig nach Kaugummi fragen  – nicht nach irgendeinem Kaugummi, sondern nach Chiclets. „Gimme Chiclets!“, sagt der Junge in der Altstadt von Havana. „Chiclets!“, ruft eine Gruppe Halbwüchsiger an der Fähre, die mich von Buenos  Aires nach Montevideo über den Río  de  la  Plata bringt.

„Dénos Chiclets, señor“, ruft das Mädchen auf der mexikanischen Hochebene, in die ich mich mit meinem Reisekumpel Bernie verirrt hatte. Chiclets, Chiclets, Chiclets.

Dass ich ausgerechnet heute, an diesem verschneiten Spätfrühlingstag in Montreal, an all meine Chiclets‑Erfahrungen denke, hat einen Grund. Beim Digitalisieren einiger Dias ist mir ein Foto unter die Lampe gekommen, das es in sich hat.

Es war Anfang der 70er‑Jahre, als mich mein Chefredakteur in den Norden Afrikas schickte, um in Tunesien über den gerade aufblühenden Fremdenverkehr zu berichten. In Hammamet, dem Geburtsort des nordafrikanischen Massentourismus, hatte ich schnell Anschluss gefunden. Mit einer Gruppe junger Leute mieteten wir einen Land  Rover, um durch die Wüste Richtung libyscher Grenze zu fahren.

Irgendwann legten wir eine Pause ein, um eine Herde Dromedare vor die Linse zu bekommen. Um uns herum nichts als Wüste.  Dachten wir. Und kein Mensch weit und breit.  Dachten wir. Wir dachten falsch.

Die Chiclets-Bande war schon da.

Als wir zu unserem Land  Rover zurückkamen, hatten sich jede Menge Kinder  – fünf, zehn oder fünfzehn, ich weiß es nicht mehr  – ihren Weg ins Innere unseres gemieteten Geländewagens gebahnt. Sie durchwühlten unsere Sachen, machten auch vor dem Handschuhfach nicht halt, ließen Früchte und anderen Reiseproviant links liegen und riefen nur: „Chiclets! Chiclets!“, als sie uns sahen.

Die Kids hatten Glück. Wir hatten Kaugummi dabei. Ob es Chiclets waren, weiß ich nicht mehr. Aber sie zogen selig mit ihrer Beute davon. Die Mutter eines der Kinder kam wenig später zurück und entschuldigte sich für die aufdringlichen Kids. Sie lud uns in ihr Haus ein, gab uns zu essen. Die Tochter des Hauses führte eigens für uns einen Bauchtanz auf. Wir wurden fürstlich entlohnt für unsere Chiclets.

Aber warum gerade Chiclets? Ich habe recherchiert und bekam folgende Antworten:

Chiclets galten zu Beginn des Massentourismus als kleines Fenster in eine größere Welt. Chiclets waren über Jahrzehnte hinweg günstig, einzeln verpackt, leicht zu lagern und gut zu verkaufen.

Manche Kinder verkauften sie, um ein kleines Einkommen für sich oder ihre Familie zu generieren. Sie verkauften also die Chiclets weiter, die sie zuvor erbettelt hatten. Oft waren die Abnehmer Touristen, die um den Handelsvorteil wussten und den Kindern einen Obolus zukommen lassen wollten.

Mikrohandel mit Chiclets.

Tunesien, Anfang der 70er-Jahre: Mit dem Land Rover durch die Wüste. © Bopp (3.v.l.)