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Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

Die Influencer meiner Kindheit

Mutter hat „Klosterfrau Melissengeist“ geschluckt, wenn es ihr mal nicht gut ging. Vater zündete sich gerne Zigarren der Marke „Handelsgold“ an (zum Wohlgefallen der Kinder, die „verheiratet“ spielen und sich den goldenen Papierring über den Finger stülpen konnten). Der große Bruder leistete sich zum Frühstück schon mal eine Tasse „Ovomaltine“ (Achtung, Sportler!), während der mittlere sich hin und wieder einen Eierlikör der Firma Verpoorten gönnte (Achtung, erwachsen!), wenn auch nicht zum Frühstück.

Eitelkeit wurde in meinem Haus nicht besonders großgeschrieben, Hygiene dagegen schon. Also lag öfter mal ein Päckchen Seife „Irischer Frühling“ oder „Fa“ auf dem Waschbecken. Später, als die Nachkriegswehen nur noch als Legende herhielten, stand „Irish Spring“ grasgrün auf schwarzem Grund gedruckt.

Mindestens eine Sprühdose „Taft“ gehörte auch zur Grundausstattung unseres Badezimmers. Ob es Mutter war, die sich damit das Haupthaar festigte, oder die große Schwester – daran erinnere ich mich beim besten Willen nicht mehr.

Aber daran, dass „Kölnisch Wasser 4711“ zu den Luxusgütern meiner Nachkriegs-Kindheit gehörte, erinnere ich mich noch bestens. Als ich dann im bereits sehr erwachsenen Alter erstmals vor dem 4711-Haus in der Kölner Glockengasse 4 stand, war dies ein ergreifender Moment.

„Tabac“ war meine bevorzugte Marke, wenn es um Rasierwasser ging. Der mittlere Bruder machte sich mehr aus „Russisch Leder“. Womit Vater sich verwöhnte, weiß ich nicht mehr, ich glaube, es war „Old Spice“. Manchmal roch er wie eine Parfümfabrik. Ich liebte das, denn sein Geruch verhieß: Feierabend oder Wochenende. Wer in einem Handwerkerhaushalt aufgewachsen ist, weiß, wie wertvoll arbeitsfreie Stunden damals waren – und heute vermutlich immer noch sind.

Bohnenkaffee gab es nur sonntags und zu besonderen Anlässen. Dann duftete es bei Bopps nach „Jacobs Kaffee wunderbar“. Kostproben davon hatte gelegentlich ein anverwandter Cousin frei Haus geliefert. Der war, nachdem er den Handel mit „Rama“-Margarine – vielleicht war es auch “Sanella” – aufgegeben hatte, Kaffeevertreter geworden. Im VW-Bus tingelte er über Land und brachte seine Ware an Mann und Frau.

Für das alltägliche Frühstück brühte Mutter „Günzburger“ auf. Das war ein Kaffee-Ersatz für Menschen, bei denen das Geld nicht auf den Bäumen wuchs. Wir Kinder kamen zwar selten in den Genuss von „Günzburger Kaffeemittel“, wie das Gesöff vornehm umschrieben wurde. Wir liebten den als „Muckefuck“ bekannten Kaffee-Ersatz aber trotzdem, weil sich in dem gemahlenen braunen Puder stets kleine Überraschungen verbargen: eine Kaffeetasse aus Plastik, eine Kanne gar oder auch nur ein lächerliches Löffelchen. Eine wahre Wundertüte!

Die Zigarettenmarken meiner Jugend hießen „Supra“, „Astor“, „Overstolz“, „Reval“, „Rothändle“ oder „Ernte 23“. Vater rauchte, wenn gerade keine Zigarre zur Hand war, „Peter Stuyvesant“. Vielleicht, weil die Filterzigarette als jene Marke angepriesen wurde, die den „Duft der großen, weiten Welt“ versprühte. Wer besonders cool sein wollte, rauchte „Kent“. Einen besonders geistreichen Slogan dazu hatten wir Buben auch: „Wer Kent kennt, kennt Kent“.

Die Jugend von heute sei verrückt nach Marken, Labels und Brands, sagen Sie? Echt jetzt? Ich wette: vermutlich auch nicht mehr als früher. Nur dass der Begriff des Influencers noch nicht geschaffen war. Ein Influencer war jemand, dessen Ware man riechen, trinken, ertasten und erfühlen konnte. Also jeder.

Ganz schön aufregend, so in der Vergangenheit zu stöbern. In den 60er-Jahren würde das Werbemännchen der Zigarettenfirma jetzt zur Beruhigung der Nerven empfehlen: „Nur nicht in die Luft gehen, greife lieber zur HB.“

Darauf einen Dujardin.

Winter mit Wurstsalat und Brezeln

WINTER IN MONTREAL: So früh war er selten da. Die kuscheligen Cafés meines Herzens freuen sich über noch mehr meiner Besuche. BIXI-Räder machen eine Verschnaufpause. In der Altstadt erstrahlen die Lichter. Und endlich, endlich ist es mir gelungen, richtig leckere schwäbische Laugenbrezeln aufzutreiben. Im äußersten Osten der Stadt, wo sich nicht einmal mehr Fuchs und Hase gute Nacht sagen, liegt versteckt eine kleine Bäckerei mit dem Namen „Breztel & Compagnie“. Den Wurstsalat dazu hat Lore gemacht, die gemütlichen Fotos mit Poppy stammen von Cassians Farm.

Lauter Lichter und leiser Schnee

Dafür, dass Weihnachtsmärkte in Kanada eigentlich gar keine Tradition haben, stellen die Montrealer jedes Jahr um diese Zeit einiges auf die Beine. Buden und Bars, Musik und Maronenverkäufer – und Lichter bis zum Abwinken. Wenn dann, wie eben, noch der Neuschnee rieselt, ist die Samstagabend-Stimmung komplett. Der Weihnachtsmarkt rund um die Konzerthalle auf dem Place des Spectacles ist nur einer von mehreren, die es in der Stadt meines Herzens gibt. Für mich ist er der schönste. Scrollen Sie sich durch die Fotos und entscheiden Sie selbst.

Weiße Weihnacht und roter Ritter

Weihnachten in der Montrealer Altstadt. © CTV

Ob in Biberach oder in Montreal – es weihnachtet sehr. In Montreal mit Eis und Schnee, in Biberach mit einem traditonellen Weihnachtsmarkt. Von dort hat meine Schulfreundin Irmgard Ströbele ihre Eindrücke mit mir geteilt.

„Sicher nicht so schön wie in Montreal“, schreibt Irmgard über die Weihnachts-Deko auf dem Biberacher Marktplatz, „aber für dich eine winzige Erinnerung an deine Heimatstadt“.

Danke, Irmgard! Keine „winzige“ Erinnerung ist das, sondern eine richtig schöne, große.

Und dann setzte Gerd Mägerle, der Lokalchef der Schwäbischen Zeitung Biberach, noch den Deckel drauf. Er löste ein Rätsel, das mich schon seit einiger Zeit beschäftigt: „Wer ist eigentlich der Herr im roten Mantel, der über dem Biberacher Marktbrunnen thront?“ Den sehe ich nämlich jedes Mal, wenn ich die Marktplatz-Cam anklicke – und das passiert buchstäblich jeden Tag.

„Der Herr im roten Mantel auf dem Brunnen“, schreibt Herr Mägerle, sei der Ritter, der in Biberach seit einigen Jahren in der Adventszeit als Weihnachtsmann daherkommt. Übrigens: Die Ritterfigur des Marktbrunnens hält in ihrem linken Arm das 1488 entstandene Biberacher Stadtwappen – der goldene Biber auf blauem Grund.

Damit ich den edlen Ritter mal von vorne zu sehen bekomme, was wegen der Position der Webcam sonst nicht möglich ist, musste Herr Mägerle extra über den Marktplatz wandern, um den Mann in rot zu fotografieren. (Die gebrannten Mandeln als Bild-Honorar gehen auf mich, sollte ich es je mal wieder nach Biberach schaffen).

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich in den letzten Tagen etwas fotofaul war. Dabei gäbe es auch in Montreal jede Menge schöne Motive. Ausnahmsweise lasse ich einmal den Kollegen des Fernsehsenders CTV den Vortritt. Die haben heute auf ihrer Website eine tolle Bildergalerie mit vielen weihnachtlichen Motiven. > Hier ist sie <

RITTER IN ROT: Der Mann auf dem Biberacher Marktplatz-Brunnen. Foto: Gerd Mägerle
Der Ritter aus der Perspektive der Marktplatz-Cam

Das Buch zum Song ist da!

Dass „MEIN LEBEN ALS ZITRONENBAUM“ ein wunderbares Buch ist, hatte ich ja bereits in einem früheren Blogpost erwähnt. Dass Peter Freudenthaler, der Lead-Sänger und Schöpfer des Welthits „Lemon Tree“, auch ein fabelhafter Mensch ist, hatte ich diversen Telefonaten entnommen, die wir seit vorigem Sommer geführt haben.

Den Buchtext hatte ich per PDF bereits vor Wochen gelesen. Heute lag nun endlich – mit massiver Verspätung wegen des kanadischen Poststreiks – auch das Buch im Postfach. Fast zwei Monate war es von Pforzheim, wo Peter lebt, bis Montreal unterwegs gewesen. Umso größer war die Freude, es in den Händen zu halten.

Und dann die Widmung:

„Lieber Herbert, so schnell kann es gehen, dass man Bestandteil einer Biografie wird. Vielen Dank für die wundervolle Geschichte, die du beigesteuert hast. Beste Grüße aus der Heimat – Peter“

Die „wundervolle Geschichte“, von der Peter Freudenthaler schreibt, war die:

Ich war Mitte der 90er-Jahre mit dem GHAN-Train von Adelaide durchs australische Outback Richtung Alice Springs unterwegs. 24 Stunden durch die Wüste. Ursprünglich hatte ich wegen der langen Strecke ein First-Class-Ticket gebucht, aber dort war die Stimmung eher überschaubar. Also bin ich in den Speisewagen der dritten Klasse gewechselt – der tatsächlich ‚Waltzing Matilda‘ hieß. Was ich dort gesehen habe, werde ich nie vergessen: Ein Aborigine saß auf dem Boden und spielte ‚Lemon Tree‘ auf dem Didgeridoo, neben ihm ein Kerl mit dem Bongo. Um sie herum tanzten, klatschten und sangen Menschen aus aller Welt – Backpacker, Goldgräber, Abenteurer, Geschäftsleute und auch ein kanadischer Journalist mit deutschen Wurzeln.

Teil einer Biografie zu sein, ist eine tolle Sache. Mit meiner Erinnerung an das erste Mal, dass ich „Lemon Tree“ gehört habe, in den Memoiren des Lead-Sängers von Fools Garden erwähnt zu werden, macht mich stolz.

Und hier noch einmal der Hit, der um die Welt ging: