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Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

Mein Aufreger fürs neue Jahr

Aufreger fürs neue Jahr gefällig? Meiner geht so: Warum blockieren nichtbehinderte Ignoranten eigentlich so oft die Behindertenparkplätze?

Wer mit eingeschränkter Mobilität lebt, kennt das: Längere Strecken zu Fuß zurückzulegen, ist für uns oft mit heftigen Schmerzen verbunden – manchmal schlicht und einfach nicht möglich. Deshalb sind Parkplätze, die in Eingangsnähe von Behörden, Supermärkten oder Einkaufszentren „Behinderten“ vorbehalten sind, ein wahrer Segen. Dafür hat der liebe Verkehrsgott das Rollstuhlzeichen erfunden.

Doch wie aus dem Nichts kommen von irgendwo her immer wieder die Blockierer. Man erkennt sie daran, dass sich (meistens) der Ehemann duckmäuserisch mit Sonnenbrille, Schlapphut und eingezogenem Nacken hinterm Lenkrad verkrümelt, während (mutmaßlich) die Ehegattin mit gesenktem Kopf die paar Schritte bis zum Supermarkt tänzelt. Frei nach dem Motto: Frauen an die Front!

Die meisten dieser Parkplatz-Ocupados sind sich ihrer Schuld durchaus bewusst. Warum sie es trotzdem tun, bleibt ihr Geheimnis. Ich tippe mal auf mangelnde Empathie. Man könnte es auch Blödheit nennen.

Dass es strafbar ist, Behindertenparkplätze ohne Berechtigung zu blockieren, müsste jedem klar sein, der seinen Führerschein nicht im Preisausschreiben gewonnen hat. Dass es Körperbehinderten gegenüber, die dringend auf diese Plätze angewiesen sind, unfair ist, gebietet eigentlich der gesunde Menschenverstand. Doch mit dem ist es manchmal so eine Sache

Wie also reagiert man als Betroffener, wenn einem der rechtmäßig zustehende Behinderten-Parkplatz vor der Nase weggeschnappt wird? Erhobener Zeigefinger, wahlweise Mittelfinger?

Sucht man gar die körperliche Konfrontation, lässt also Fäuste sprechen, wo’s die beiden wichtigsten Finger nicht mehr tun?

Macht man sich lächerlich, indem man lautstark nach Recht und Ordnung ruft? Oder löst man mit wilden Gesten Public Shaming auf dem öffentlichen Parkplatz aus?

Noch konnte ich mich bisher zurückhalten, auch wenn manchmal nicht viel bis zum Schreikrampf fehlt.

Mein Wunsch füs neue Jahr:

Leute, stellt euren Wagen doch bitte irgendwo anders ab und überlasst die Plätze mit dem Rollstuhl-Zeichen denen, die wirklich darauf angewiesen sind!

Nur so eine Idee: Wegfahrsperre? Reifenkralle? Nagelteppich?

Aufreger Ende. Danke!

Das Leben des Korrespondenten

Was macht eigentlich so ein Kanada-Korrespondent den ganzen Tag? Er raucht viel, trinkt eimerweise Kaffee, sitzt oft vor dem Fernseher und reist durchs Land, wenn es das Thema erfordert. Vor allem aber redet er sich hinter dem Mikrofon den Mund fusselig. Schließlich wollen seine deutschsprachigen Hörerinnen und Hörer wissen, was im zweitgrößten Land der Welt so alles passiert.

Es ist schon eine Weile her – etwa 30 Jahre –, da bat mich die Deutsche Botschaft in Ottawa, für die hauseigene Embassy Newspaper über den Alltag eines Kanada-Korrespondenten zu schreiben. Passend zum Jahreswechsel fiel mir dieser Beitrag jetzt wieder in die Hände.

Der Text – ungefiltert und ohne Rücksicht auf politische Korrektheit – stammt aus einer Zeit, in der Indianer noch Indianer hießen, die in Reservaten lebten und nicht in rigendwelchen „indigenous communities“. Weil dieser Beitrag für mich eine Art Dokument der Zeitgeschichte ist, soll er hier erstmals veröffentlicht werden:

Die Stimme Kanadas

Grizzlybären, russische Stripperinnen und die Schande von Ben Johnson. Das – und noch viel mehr – bekommt der deutsche Radiohörer aus Kanada geboten

Die Nacht vom 16. auf den 17. November 1995 war die Nacht, als das Telefon an meinem Bett nicht stillstand. Nun ist es bei einem freien Hörfunk-Korrespondenten, der seit 14 Jahren für die Rundfunkanstalten der ARD aus Kanada und Alaska berichtet, eher die Regel als die Ausnahme, mitten in der Nacht wachgeklingelt zu werden — aber gleich neunmal?

Was die Leitungen in jener Novembernacht fast zum Glühen gebracht hatte, war weder die Entdeckung der Titanic (früher!), noch der Fischereikrieg (später!) — und auch das Referendum in Quebec war schon seit drei Wochen unter Dach und Fach.

Wofür sich die ARD-Sender — und damit gut 15 Millionen Zuhörer — in jener Nacht so brennend interessierten, waren die Schweißfüße eines Holzfällers, genauer: die Erkenntnis eines kanadischen Wissenschaftlers, wonach Grizzlybären vom Geruch menschlicher Schweißfüße angezogen werden. Als Beispiel führte der Wildbiologe einen lumberjack an, der sich gerade noch rechtzeitig in Sicherheit bringen konnte, ehe sich ein ausgewachsener Grizzly auf ihn stürzte.

Nein, glamourös ist das Leben des Auslandskorrespondenten nicht immer. Aber abwechslungsreich: Da interessiert sich der deutsche Radiohörer für russische Stripperinnen, die aus Kanada ausgewiesen werden sollen, weil sie ohne Papiere arbeiten. Da will ein Sender drei Minuten lang über eine Geisterstadt in British Columbia informiert werden, die komplett zu verkaufen ist.

Das Elchsterben auf den Schienen der Alaska Railway interessiert den deutschen Radiohörer mehr als die jüngsten Arbeitslosenzahlen in Kanada — dies glaubt inzwischen nicht nur die Frau an meiner Seite, die sich lange Zeit mit meiner Themenauswahl schwer tat. Auch die Kolleginnen bei den Sendern sind der Meinung, Buntes laufe besser.

Besonders deutlich wurde dies nach dem Mauerfall. Als nach 1989 ein neuer Ost-Sender nach dem anderen auf Antenne ging, wehte in meinem Büro in Hudson bei Montreal der Duft von Freiheit und Abenteuer. „Marlboro-Themen“ waren jetzt wieder gefragt: harte Männer, die ihrer schweren Arbeit nachgingen und dabei unglaublich viel Spaß hatten — das Ganze am besten auf dem Rücken wilder Pferde.

Nach dem tristen Osten war jetzt der wilde Westen angesagt. Entsprechend sah dann auch die Einkaufsliste beim Korrespondenten aus: Cowboys, die den Indianern beim Buffalo-Roundup halfen, oder auch die Geschichte eines Abenteurers, der auf dem Motorrad den Nordpol bezwingen wollte. Als Reiseproviant hatte der Mann die Lenkstange mit getrockneten Rosinen vollgestopft. Am Pol angekommen ist er nie; schon am zweiten Tag ging ihm der Sprit aus.

Aber auch für andere Kanada-Themen interessierten sich „die Neuen“: der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg (ORB), der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) oder auch der Jugendsender „Radio Fritz“ aus dem ehemaligen Ost-Berlin. Ein Mann aus Neufundland, der mit glühenden Seilen Eisberge zerkleinert, ging in einer Nacht neunmal über die Sender; ein Steuerbeamter aus Vancouver, der bei den Schnarch-Weltmeisterschaften Erster geworden ist, immerhin siebenmal.

Doch keiner schaffte den Sprung ins deutsche Hörfunkprogramm häufiger als Ben Johnson: Nach der „Schande von Seoul“ hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, mit genau 113 Korrespondenten-Beiträgen über den gefallenen Dopingsünder auf Sendung zu gehen. Als Ben Johnson dann Jahre später den gesammelten Manuskriptberg anlässlich eines Interview-Termins in meinem Büro zu Gesicht bekam, fiel ihm nur ein Kommentar ein: „Wow!“

Gut fürs Geschäft ist — after all these years… — auch ein anderer: Pierre Elliot Trudeau. Eines von zahlreichen Trudeau-Themen: der Ex-Premier als Ruheständler, der sich gelegentlich als Reiseführer betätigt. Nicht weniger gefragt ist Ex-Gattin Maggie, dem deutschen Publikum noch bestens als die schillerndste aller First Ladies ein Begriff — die Regenbogenpresse lebte seinerzeit gut und lange von den Eskapaden der Premiersgattin. Wie blass musste da doch später beim NDR-Hörer in Uelzen die Dame Mila wirken.

Selbst als bekannt wurde, dass Mrs. Mulroney ungefähr so viele Schuhe im Schrank stehen hat wie Imelda Marcos, waren die Sender nicht für das Thema zu begeistern.

„Wäre von Frau Mulroney irgendwann einmal ein Techtelmechtel mit Mick Jagger bekannt geworden“, gab ein Kollege in der Redaktion ganz unverblümt zu, „ließe sich über einen Korrespondentenbeitrag reden.“

Doch nichts scheint die Seele des deutschen Radiohörers mehr zu beflügeln als der kanadische Indianer — Karl May lässt grüßen! Gut tausendmal schon standen Mohawk, Sioux oder Cree im Mittelpunkt meiner Kanada-Berichterstattung: Ob während der Oka-Krise oder beim Lachsdisput, ob in Zeiten bitterer Indianer-Armut oder auch bei glorreichen Goldfunden im Reservat — der ARD-Hörer war dabei. Dass bei vielen Sendern die brisantesten Ureinwohnerthemen — Drang zur Selbstbestimmung, Drogen- und Alkoholprobleme, Selbstmordserien etc. — oft zu kurz kommen, liegt nicht etwa an der nachlässig gehandhabten Chronistenpflicht des Korrespondenten.

Fast immer ist es ein Prioritätenkonflikt der Sender, wenn es um sogenannte „harte Geschichten“ geht. Motto: Mit Problemthemen werden wir schon aus Mostar versorgt. Aus Kanada bitte leichte Kost! So werden Haushaltsberatung, Kabinettsumbildung und Sparprogramm im deutschen Hörfunk eben häufig in den Nachrichten abgehakt, während die Magazinsendungen Platz machen fürs Bunte.

Die Hörerpost, die regelmäßig bei mir eingeht, bestätigt den Hang zum Schrägen: Ein Unterwasser-Eishockeyteam aus Winnipeg, über das ich mehrfach berichtet hatte, wurde so lange mit Post aus Germany eingedeckt, bis der Mannschaftskapitän um Gnade bat: Er sehe sich außerstande, jeden Brief einzeln zu beantworten. Der Sender drehte den Posthahn schließlich zu.

Gelegentlich sind die Grenzen zwischen bunt und bitter allerdings fließend, da kommt dann Ernstes auch mal ins Unterhaltungsprogramm, etwa in den „Flohmarkt“ von SWF-3. Beispiel: Als nach dem Quebecker Referendum klar war, dass bei der Auszählung geschummelt wurde, bestellte der zuständige Magazin-Redakteur bei mir einen Beitrag zum Thema „Wahlbetrug in Quebec“. Doch gesendet wurde der seriös aufgemachte Bericht nicht etwa im politischen Journal, sondern unter der Rubrik „Wahr oder unwahr?“

Die Hörer konnten während der Live-Sendung per Anruf im Studio darüber rätseln, ob sie das Thema, in diesem Fall also den Wahlbetrug, für realistisch halten oder nicht. Die Rätselsendung ging ähnlich knapp aus wie das Referendum: Die Hälfte der Anrufer hielt einen Wahlbetrug in Kanada für ausgeschlossen.

Im Zweifel ohne Zwieback

Es ist noch gar nicht lange her, da überforderte fast alles Essbare meine geschundene Bauchspeicheldrüse. Nur drei Dinge aus der Küche gingen immer: Haferflocken, Reisbrei und Zwieback.

Inzwischen hängt sich der Pankreas-Patient zwar kulinarisch immer weiter aus dem Fenster und wagt auch mal eine Leberkäs-Semmel oder sogar Linsen mit Spätzle (ohne Speck!). Den lieb gewonnenen drei Scheiben Zwieback morgens zum ersten Kaffee im Bett bin ich trotzdem treu geblieben. Bis jetzt.

Ausgerechnet zu Weihnachten lässt mich die Boulangerie Grissol, von der die kanadische Zwieback-Variante stammt, im Stich. “Rusks”, wie die quadratischen Knusperscheiben hier heißen, gibt es in der Original-Version nicht mehr. Im Sortiment geblieben sind lediglich dünne Blättchen, wie sie die Häppchenfraktion bei Cocktailpartys gerne mit Lachs oder Kaviar kredenzt.

Aber warum nur?

“There is much that is taken into consideration before a product is discontinued”, schreibt ein gewisser “Bernard” von der Abteilung “Consumer Care“. Ihn hatte ich um eine Erklärung gebeten, nachdem ich bei einem Dutzend Supermarkt-Besuchen nur noch leere “Rusk”-Regale entdeckt hatte.

Monsieur Bernard hat sicher Recht: Ehe ein so traditionsreiches Produkt wie Zwieback aus dem Programm genommen wird, muss viel passieren. Vermutlich gab es jede Menge Marktanalysen, Kundenbefragungen und Test-Essen mit verbundenen Augen, ehe der Oberbäcker entschied: Kein Zwieback mehr für Herrn Bopp! Oder so ähnlich.

Zwieback hat meine Kindheit begleitet wie Almdudler, Brausepulver und Mohrenköpfe, die heute freilich anders heißen.

Hatte bei uns im Haus jemand Magenverstimmung, hieß das Hausmittel: Zwieback mit einer Banane und einem Stück Blockschokolade, die so bitter schmeckte, dass ich auf einen Kakao-Anteil von mindestens 175 % tippe. Dieses heilsame Trio tut bei uns auch heute noch gute Dienste.

Aber jetzt ist Schluss damit. Klar, ich könnte den original deutschen “Brandt”-Zwieback mit dem blonden Kinderkopf auf der orangenen Packung bei Amazon bestellen. Aber knackige $ 12.75 für das 225-Gramm-Paket sind mir meine Kindheitserinnerungen dann doch nicht wert.

Dann lieber die dünnen Ersatz-Scheibchen der „Boulangerie Grissol“. Sie heißen übrigens „Melba Canapé“.

Die gute, alte Weihnachtskarte

Was ist nur aus den guten alten Weihnachtskarten geworden? Nicht aus denen, die man mal eben zwischen Tür und Angel am Computer bastelt – siehe oben. Sondern aus den kleinen Kunstwerken aus handgeschöpftem Papier, goldverzierten Buchstaben und gestanzten Mustern.

Es ist eine Woche vor Heiligabend, und im Briefkasten lag bisher genau: keine einzige Karte. Schon klar, die kanadische Post hat vier Wochen lang gestreikt. Jetzt trudeln zwar vereinzelt wieder Umschläge ein, aber meist sind es Werbesendungen oder Rechnungen – etwa vom Rathaus von Sainte-Lucie-des-Laurentides, einem jener Dorf-Ämter, die den digitalen Schuss noch nicht gehört haben.

Weihnachtskarten? Fehlanzeige.

Anfang der 70er-Jahre lebte ich drei Jahre lang im klirrend kalten Winnipeg/Manitoba, ehe ich vor dem vierten Winter ins warmduschige Oberschwaben zurückflüchtete. In Winnipeg – mitten in der kanadischen Prärie – erinnerte wenig an das alte Europa. Aber es gab deutsche Weihnachtskarten! Beim Metzger standen sie zwischen Bratwürsten und Dominosteinen, und in der deutschen Bäckerei wurden Adventskalender neben Stollen und Laugenbrezeln verkauft.

Immer Anfang Dezember kam der Weihnachtskarten-Mann in die Stadt. Ein gut gelaunter Deutschkanadier aus Toronto, der das Land von Küste zu Küste bereiste. In jeder größeren Stadt mietete er für zwei Tage ein Hotelzimmer, breitete seine Karten fächerartig auf dem Bett aus und bot sie dem geneigten Publikum mit dem Blendax-Lächeln des freundlichen Handelsvertreters an. Offenbar reichte das aus, um davon leben zu können.

Werbung machten damals die “German Clubs” und deutschsprachigen Zeitungen für ihn. (Achtung, liebe Kinder, Opa erzählt gerade aus dem Krieg: Marketing gab es schon vor TikTok, Facebook und Instagram.)

Damals wünschte man sich noch “Fröhliche Weihnachten”. Nicht kulturell weichgespült “Frohes Fest” oder “Schöne Feiertage”, aus Rücksicht auf jene, die Weihnachten nicht feiern.

Heute kommen die Weihnachtskarten digital daher. Im Netz gibt es Millionen von Vorlagen. Am wenigsten mag ich die mit: “Herr Schlagmichtot hat Ihnen eine Grußkarte geschickt. Bitte hier klicken.” Die klicke ich erst gar nicht an. Bekanntlich lauern im virtuellen Universum Viren an jeder Ecke.

Papierene Weihnachtsgrüße mit Goldbuchstaben und Christkind aus Glitzerstaub gehören wohl endgültig der Vergangenheit an. Nicht ganz: Die Christl von der Post verschickt sie noch immer. Unsere Freundin heißt wirklich Christa, lebt in Winnipeg und hat in Karlsruhe tatsächlich mal bei der Post igearbeitet.

Inzwischen ist sie 80 und verschickt noch immer die schönsten Karten, die ich kenne. Ob sie diese beim reisenden Kartenhändler kauft? Eher nicht.

Fröhliche Weihnachten allerseits!

Sonntagmorgen mit den Beatles

Advent, Advent, the Beatles kemmt. Dass der neue Beatles-Film ausgerechnet am Morgen des 1. Advent über unseren Bildschirm rockt, entbehrt nicht einer gewissen Symbolik. Wenn ich mich richtig an den Religionsunterricht erinnere, steht der 1. Advent für die Erwartung des Jesuskindleins und die Hoffnung auf seine Wiederkunft. Das Jesuskind ist ja bekanntlich wiedergekommen. Jetzt sind auch die Beatles wieder da – und sei es nur im Film.

„Beatles ’64“ ist seit zwei Tagen zu sehen. Allein dafür hat es sich gelohnt, ein Abo bei Disney+ abzuschließen. Die Doku, produziert von Martin Scorsese, ist eine Zeitreise, die den Zauber der frühen Jahre der Beatlemania auf wunderbare Weise einfängt.

Die Beatles waren für einen Dorfbuben wie mich, der aus der Tiefe Oberschwabens stammt und schon als Kind auf der Gitarre herumklimperte, wie eine Offenbarung. „Es war, als hätte plötzlich einer das Licht angemacht“, wird ein Amerikaner im Film zitiert. Besser kann man es nicht sagen.

Nicht, dass vorher nur Dunkelheit geherrscht hätte, als die Beatles 1963 mit „I Want to Hold Your Hand“ auf den deutschen Markt kamen. Aber ein Licht ging mir damals tatsächlich auf.

Plötzlich war alles möglich: Lange Haare, lockere Sprüche und hohe Absätze an Stiefeln, die keinen Soldaten gehörten, sondern ausgewachsenen Jungs mit einem britischen Akzent, der nach Peter-Stuyvesant-Werbung und großer, weiter Welt klang. Wen störte da schon, dass George, John, Paul und Ringo aus einem englischen Industriekaff stammten, in dem die frisch aufgehängte Wäsche schon nach wenigen Minuten schwarze Rußflecken hatte?

Mit den Beatles fing mein Leben, 2. Teil, an. Ich war 15, und meine Kindheit war jetzt endgültig vorbei. Sollten die anderen Jungs in der großen Pause doch an ihren Kakaoflaschen nuckeln, ich zwang mich im nahegelegene Riss-Kaufhaus in eine Kabine, um die neuesten 45er-Platten der Boys aus Liverpool zu hören.

Dass ich wenig später in der Rockband „The Outlaws“ selbst Beatles-Songs spielen konnte, war das Beste, das mir zu jener Zeit passieren konnte. Wenn ich „Yesterday“ oder „Norwegian Wood“ sang, schmiegten sich die Körper auf der Tanzfläche enger zusammen, und die Herzen öffneten sich. Besonders bitter war es allerdings, der eigenen Freundin zusehen zu müssen, wie sie ausgelassen tanzte, während wir hinter den Mikrofonen standen.

Tanzcafés gab es damals in Biberach nicht. Wozu auch? Wer wollte schon in einem angestaubten Kaffeehaus sitzen, wenn abends in den Kneipen rund um Biberach die wahre Musik spielte: Rockmusik.

Werner „Vinz“ Krug, der Leadsänger der „Outlaws“, hat diese Stimmung treffend in einem Mundart-Song eingefangen, den er „Die alte Zeit“ nannte.

„Beatles ’64“ wird nicht nur die Herzen von Fans der Fab Four in Wallung bringen, sondern auch alle, die den Zeitgeist einer phänomenalen Ära wieder aufleben lassen möchten.

„The Outlaws“ – Von links nach rechts: Fritze, Vinz, Souri, Hebo, Goggo (✛).