Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com
Mit Trump ist es ein bisschen wie mit einem Verkehrsunfall. Als Zeuge wird man, ob man will oder nicht, zum Gaffer. Zwar ist die Wahl Trumps kein Betriebsunfall der Geschichte, sondern das Ergebnis der eigentlich brillanten Strategie eines Egomanen. Aber das Bild vom fahrenden Zug, der ungebremst gegen die Wand fährt, bleibt.Reaktionen aus meinem Freundeskreis:
Er sei im Moment einfach nicht in der Lage, auch nur eine Silbe über Trump zu hören, schreibt der Neffe aus Wien. Und überhaupt sei „die Welt, wie wir sie kennen“, am Ende.
Der kulturbeflissene Kumpel aus Mallorca flüchtet sich angesichts des Wahlschocks in Szenarien, die Parallelen zwischen Napoleon und Trump enthalten. Nicht wegschauen, heißt seine Devise, sondern das Unheil analysieren.
Und der Freund aus Sherbrooke, einer der Ältesten und Klügsten, fühlt sich „erschlagen, erschossen und so tief enttäuscht wie seit Jahren nicht“.
Dass meine Freunde auf die Wahlen in den USA so empört reagieren, war vorauszusehen. Ich umgebe mich schließlich nicht mit Trumpisten, genauso wenig wie ich ein AfD-Mitglied in meinem Freundeskreis akzeptieren würde.
„Gewiss“, räumt der Herr Doktor aus Sherbrooke ein, „haben sich seit dem Neandertaler die menschlichen Werte zusehends verschlechtert. Dass aber mehr als 70 Millionen Blödköppe und -köppinnen so scheuklappig, so schwerhörig und ohne irgendeine, wenn auch nur bescheidene moralische Urteilskraft an die Urnen treten konnten, das übersteigt völlig mein Fassungsvermögen“, resümiert mein kluger Kumpel, der, wenn es um die USA geht, schon immer zu Abstrichen bereit war.
Die Schulfreundin aus Ummendorf, die heute in Las Vegas lebt, zeigt sich „fassungslos“ und befürchtet noch einmal vier Jahre Chaos: „Weiße, Schwarze, Latinos und asiatische Männer wollten also keine Frau an der Staatsspitze, zurück zum Machismo!“ Auswandern komme für sie nicht in Frage, schreibt die oberschwäbische Exilantin, die mit einem Amerikaner verheiratet ist. „Mir würde einfach die Kraft dazu fehlen.“
Aber was tun gegen die Verzweiflung? Heißt die neue Glücksformel Eskapismus? Bewahrt uns einzig und allein das schreiende Davonlaufen vor Schäden an Geist und Seele?
Jeder hat seine eigene Methode im Umgang mit unabänderlichen Situationen. Ich habe mir vorgenommen, nicht mehr mit der Besessenheit des Politik-Junkies in politische Gedankengänge einzusteigen wie zu Zeiten vor Trump. Selektives Lesen hilft. Ob selektives Denken – sprich: Ausblenden – überhaupt möglich ist, wird sich zeigen.
Mir tut es leid für die Millionen von Amerikanern, die klug, anständig und völlig unschuldig an diesem Wahldesaster sind. Sie werden mit der Bürde leben müssen, die nächsten vier Jahre einen Präsidentendarsteller im Weißen Haus zu haben, den sie nicht gewählt haben.
Kamala Harris war sicher nicht die optimale Besetzung für eine Kandidatin. Aber sie war das Beste, das in so kurzer Zeit für so einen Job zu rekrutieren war. Ihre gestrige Rede hat mich wieder mit ihr versöhnt. Sie ist all das, was Trump nicht ist: klug, empathisch, anständig und zukunftsorientiert. Aber der Zug ist gegen die Wand gerast. Die Schadensbegrenzung ist uns aus der Hand genommen worden.
Vielleicht fällt der Blick auf diesen Schlamassel leichter, wenn man weiß, dass man mit seinem Zorn und seiner Enttäuschung nicht allein ist. Millionen Amerikaner mögen einen korrupten Lügner zum Präsidenten gewählt haben, aber bei Milliarden in aller Welt stimmt der moralische Kompass noch immer.
Sie gehören bestimmt auch dazu. Das ist doch schon mal was.
Kamala Harris, Donald Trump: Dinge: Morgen geht es ums Ganze. – Screenshot Copyright BBC
Sie sagen, es gibt nichts, das Sie nicht schon über die beiden Präsidentschaftskandidaten wissen? Dann fragen Sie mal ChatGPT. Die einfache Frage: „Erzähl mir etwas, das ich noch nicht über Donald Trump und Kamala Harris wusste“ brachte jede Menge Fakten. Einige davon gehören inzwischen zum Allgemeinwissen, andere sind – jedenfalls für mich – neu. Weiß die Künstliche Intelligenz wirklich mehr als Sie? Entscheiden Sie selbst.
KAMALA HARRIS
Kamala Harris liebt das Kochen: Harris ist eine begeisterte Köchin und teilt oft Rezepte und Kochtipps. Besonders gern kocht sie indische und jamaikanische Gerichte, die ihre kulturellen Wurzeln widerspiegeln. Ihre Mutter stammte aus Indien, und ihr Vater aus Jamaika.
Ihr Vorname hat eine besondere Bedeutung: Der Name “Kamala” bedeutet auf Sanskrit „Lotusblume“ und ist ein Symbol der Göttin Lakshmi im Hinduismus, die Wohlstand, Glück und Schönheit repräsentiert. Harris ist stolz auf ihre indische Herkunft und darauf, wie ihre Mutter sie geprägt hat.
Sie war die erste weibliche Generalstaatsanwältin von Kalifornien: Bevor sie Vizepräsidentin wurde, war Kamala Harris Generalstaatsanwältin von Kalifornien und damit die erste Frau und erste Person mit afro- und südasiatischem Hintergrund in dieser Rolle. Sie setzte sich in dieser Position für die Rechte von Minderheiten und die Reform der Strafjustiz ein.
Sie hat eine Leidenschaft für Jazz: Harris ist ein großer Fan von Jazzmusik und nennt Musiker wie John Coltrane und Miles Davis als ihre Favoriten. Ihre Eltern waren Jazz-Liebhaber und brachten ihr diese Musik näher, als sie ein Kind war.
Sie wurde nach Bürgerrechtsikonen inspiriert: Harris wurde von ihren Eltern schon früh zu Bürgerrechtsdemonstrationen mitgenommen. Diese Erfahrungen haben ihr politisches Bewusstsein und Engagement für Gerechtigkeit und Gleichheit geprägt.
Sie ist Stiefmutter von zwei Kindern: Harris ist verheiratet mit Douglas Emhoff, einem Anwalt, und hat zwei Stiefkinder, Ella und Cole. Die beiden nennen sie liebevoll “Momala” – ein Spitzname, den sie gewählt hat, weil er nicht nach “Stiefmutter” klingt.
Kamala Harris hat eine Buchreihe für Kinder geschrieben: 2019 veröffentlichte sie das Buch Superheroes Are Everywhere, das Kindern Mut machen soll und zeigt, dass sie selbst Helden sein können, indem sie in ihrer Gemeinschaft Gutes tun. Es ist ein inspirierendes Buch, das ihre eigene Geschichte und Werte vermittelt.
Sie ist die erste Vizepräsidentin mit südasiatischen Wurzeln: Harris’ Mutter kam als Einwanderin aus Indien in die USA, und Harris ist stolz auf ihr indisches Erbe. Durch ihre historische Wahl als Vizepräsidentin wird sie oft von der indisch-amerikanischen Gemeinschaft gefeiert, die sie als wichtige Repräsentantin sieht.
DONALD TRUMP
Donald Trump hat keine Haustiere im Weißen Haus gehabt: Traditionell haben die meisten US-Präsidenten Haustiere mit ins Weiße Haus gebracht, aber Trump war der erste Präsident seit James K. Polk im 19. Jahrhundert, der kein Haustier hatte.
Er war Ehrenmitglied der Screen Actors Guild (SAG): Durch seine Auftritte in Filmen und Serien, darunter “Home Alone 2” und “The Fresh Prince of Bel-Air”, wurde er Mitglied der Schauspielergewerkschaft. 2021 trat er jedoch aus der SAG-AFTRA aus, bevor die Organisation ihn aufgrund seiner Rolle bei den Ereignissen am 6. Januar 2021 ausschließen konnte.
Trump hat eine eigene Fluggesellschaft betrieben: In den frühen 1990er Jahren kaufte Trump die Fluggesellschaft Eastern Air Shuttle und benannte sie in “Trump Shuttle” um. Die Fluggesellschaft war jedoch nicht rentabel und wurde später verkauft.
Er trinkt keinen Alkohol: Trump ist bekannt dafür, keinen Alkohol zu trinken. Dies liegt hauptsächlich daran, dass sein älterer Bruder Fred Trump Jr. an Alkoholismus litt und früh verstarb, was Trump stark beeinflusste.
Er hat ein Patent für einen Wolkenkratzer erhalten: Trump ließ sich in den 1990er Jahren ein Design für einen Wolkenkratzer patentieren. Die Idee war, die höchsten Wolkenkratzer der Welt mit einem seitlich angebauten Aufzug zu bauen, aber das Design wurde nie verwirklicht.
Er hat eine Verbindung zur World Wrestling Entertainment (WWE): Trump war mehrmals Gast bei WWE-Events und war sogar Teil einer Storyline, bei der er einen „Kampf der Milliardäre“ gegen WWE-CEO Vince McMahon führte. 2013 wurde Trump in die WWE Hall of Fame aufgenommen.
Er wurde für einen Emmy nominiert: Für seine Reality-Show “The Apprentice” erhielt Trump Emmy-Nominierungen, was ihn auch im Showgeschäft bekannter machte und zur Stärkung seiner Marke beitrug.
In meiner Klasse gab es einen Jungen, der hieß „Wintermantel“. Wir nannten ihn alle „Sommermantel“. Fies, ich weiß. Aber was macht man nicht alles auf dem Dorf, wenn einem langweilig ist. Lore kannte eine Familie, die hieß „Klohocker“. Bei so einem Namen fällt einem gar nichts ein.
Gestern fragte mich jemand nach meinem Nachnamen. „Bopp?“, sagte der – „that’s Rock ’n’ Roll, Man!“ Also gut, dann klingt mein Name eben nach Rock ’n’ Roll.
Ich hätte immer schon gerne eine Radiosendung mit dem Titel „Pop mit Bopp“ moderiert. Aber sie ließen mich nie. Eine Kolumne „Bob mit Bopp“ durfte ich mal sprechen, damals, während der olympischen Spiele in Calgary.
Stelle ich mich in kanadischen Kreisen mit „Herbert Bopp“ vor, dann höre ich oft: „Nice to meet you, Bob. What’s your last name?“
Mit Namen ist es wie mit der eigenen Familie: Man sucht sie sich nicht aus. Ich beklage mich nicht über meinen Namen (und schon gar nicht über meine Familie). Aber etwas anderes als „Herbert“ hätten sich meine Eltern schon einfallen lassen können. Herbert ist ein Alt-Männer-Name. Wie Fritz, Werner, Manfred, Josef, Otto oder Rudolf.
Uli gefällt mir gut. Oder Stefan, Frank, Martin oder Mark. Am liebsten hätte ich immer Harry geheißen. Harry mit „Y“, cooler geht nicht. Armin gefällt mir auch gut, am besten Armin Hary. Wie der 100-Meter-Olympiasieger von Rom.
Freddy ist auch so ein Name, den ich mir gewünscht hätte. Freddy, wie der Kommissar im Kölner Tatort. Oder Freddy Quinn. Dass Franks Hund Freddy heißt, hätte mich nicht gestört. Im Gegenteil: Der Hund ist ja total süß und Freddy ein richtig cooler Name.
Cassian finde ich auch toll. Er selbst übrigens auch. Als wir unseren Sohn benannten, musste es ein Name sein, der auf Deutsch, Englisch und Französisch leicht auszusprechen ist. Dass manche seiner Kumpels ihn jetzt „Cass“ nennen oder „Casey“ – dafür können wir nichts. Wir hatten es gut gemeint.
Lore mag ihren Namen nicht sonderlich, ich dagegen schon. Wahrscheinlich, weil ich meine Frau liebe. Vielleicht aber auch, weil es ein Name ist, der nie einfach so im Raum stehen bleibt und immer ein Eisbrecher für eine Konversation ist: „Lore – das ist doch eine Abkürzung für Hannelore oder Ingelore, oder?“ Nein, sagt Lore dann wahrheitsgetreu. Lore ist Lore. Einfach so.
Namen seien Schall und Rauch, sagen Sie? Einspruch, Euer Ehren! Namen prägen uns mehr, als wir denken. Es gibt wissenschaftliche Studien, wonach Namen durchaus Einfluss auf uns haben. Manche Studien belegen, dass der Name sogar unsere berufliche Laufbahn beeinflussen könnte. Diese Tendenz hat sogar einen Namen. Ein passender Beruf aufgrund des Namens – wie etwa ein Herr „Fleischer“, der den Metzgerberuf wählt – wird als „nominativer Determinismus“ bezeichnet.
Auch so ein Name. Nominativer Determinismus. Dann schon lieber Rock ’n’ Roll.
So richtig üppig ist die Foto-Ausbeute diese Woche nicht: Viel Herbstlaub, ein paar Blümchen, Frühstücks-Impressionen bei Bopps und eine Fahrradtour zum Apfelbauern. Nicht zu vergessen: das verspätete Thanksgiving-Dinner bei Doug und Marjolaine – eine Tradition, die wir nun schon seit mehr als 20 Jahren aufrechterhalten. Ein Herbst ohne Turkey mit guten Freunden? Undenkbar. Schönes Wochenende – ob mit oder ohne Cassians Pumpkin Pie.
In Kanada wird dieses Wochenende Thanksgiving gefeiert. Als Ummendorfrer Bub war Erntedank immer etwas ganz Besonderes für mich. Schließlich war ich der „Cowboy vom Umlach-Valley“. Aus besonderem Anlass gibt es heute einen Auszug aus meinem Erzählroman „DAS GIBT SICH BIS 1970“.
Es war die Zeit als “Fury” über Schwarzweiß-Bildschirme galoppierte und “Lassie” Leben rettete. Als Wyatt Earp für Recht und Ordnung sorgte und Joey Cartwright auf der “Bonanza”-Ranch immer breiter wurde, so dass mancher um seinen Fernsehapparat fürchten musste.
Meine Helden hießen Jimmy, Billy und Casey. Und alle durften sie schießen, nur ich nicht. Sie schwangen sich auf ihr Pferd und ritten über die Prärie. Ich schwang mich auf mein Fahrrad und fuhr den Riedweg entlang in Richtung Kiesgrube. Meine Prärie war das Umlach-Tal. An der Biegung des Baches lieferte ich mir wilde Gefechte mit Joey, Jimmy, Bill und Casey. Weit und breit kein Wyatt Earp.
Wenn der Riedweg nur mir gehörte und mich keiner sah, formte ich meine Hand zu einem Revolver und schoss auf alles, was sich bewegte. Mehrfach kaltblütig erschossen habe ich Herrn Fessler von gegenüber. Er hatte es nämlich für notwendig gefunden, meine Eltern darüber in Kenntnis zu setzen, dass er mich auf frischer Tat mit dem Moped meines Bruders ertappt hatte. Dafür musste Herr Fessler jetzt büßen.
Auch Frau Scheible starb im Kugelhagel. Leider, aber ich konnte nicht anders. Sie hatte mich verpetzt, nachdem ich in ihrem Lädele einen Kaugummi eingesackt hatte. Ich vermeide bewusst das Wort stehlen, denn zu einem Diebstahl gehört unrechtes Handeln. Ich habe vielleicht falsch gedacht, aber richtig gehandelt.
Am Tag zuvor hatte mir Frau Scheible nämlich einen zweiten Kaugummi vorenthalten, obwohl auf der Verpackung des Ersten ganz klar stand: “Bei Endziffer 7 gewinnt der Käufer einen Kaugummi.” Die Endziffer war bei mir dummerweise unleserlich. Aber ich bin bis heute davon überzeugt, dass es eine 7 war. So gesehen stand mir auch der zweite Kaufgummi zu. Und weil mir Frau Scheible diesen verweigerte, besorgte ich mir ihn eben anderweitig. Und wurde dabei ertappt. Meine Eltern waren trotz der Scheible-Schelte nicht weiter beunruhigt. Sie wussten, dass sie keinen Dieb großgezogen hatten.
Mit der Zeit wurden die Schießereien auf dem Fahrrad langweilig. Aber der Gedanke, auf dem Rücken eines Pferdes über Wiesen und Felder zu reiten, ließ mich nicht los. Manchmal machte ich nach der Schule einen kleinen Umweg und stattete dem Hufschmied einen Besuch ab. Der Hufschmied hieß zum Nachnamen Schmied und war bei allen nur als der „Schmiedschmied“ bekannt.
Wenn er die glühenden Eisen auf den Huf brannte, zischte es und das Pferd tat mir leid. “Stell dich nicht so an”, sagte der Schmied dann, “der Gaul spürt doch gar nix!” Wenn der Schmiedschmied guter Dinge war, setzte er mich auf den Pferderücken, nahm den Gaul an die Leine und ließ ihn auf dem staubigen Hof eine Runde mit mir drehen.
Ein Pferd, das wär’s gewesen. Aber eine Kuh tut’s auch.
Kühe gab es in meinem Dorf jede Menge. Die kleinen Bauern hielten sich nur zwei oder drei für die eigene Milchproduktion. Große Landwirte, wie der Schanzenbauer, hatten bis zu 40 Kühe. Den ganzen Sommer über mussten die Kühe morgens auf die Weide und abends, rechtzeitig zum Melken, wieder ins Tal getrieben werden. Und weil sich die Bauern die Kosten für die neumodischen Elektrozäune an den Hängen sparen wollten, heuerten sie Schulkinder an, die während der großen Ferien ihre Viehherde bewachten.
Je größer der Bauer, desto höher fiel der Hirtenlohn aus. Wer am Ende eines Sommers 80 Mark bekam, war reich. Manche Jungs aus der Schule wurden im Herbst zum Dank für ihre Dienste von der Bäuerin zum Erntedankessen eingeladen. Es gab selbstgebackenes Brot und Honig aus der eigenen Imkerei, den sie zu „Honigspätzle“ durch ein Teigsieb drückte.
Wer Glück hatte, durfte nach dem Essen ein Stück Käse und einen Laib Bauernbrot mit nach Hause nehmen, manchmal auch eine luftgetrocknete Blutwurst oder ein Stück Schinken aus der Räucherkammer. Oft gab es frische Butter dazu, den die Magd im Fass angerührt hatte.
Ich hatte Glück. Mein Bauer war zwar nicht der größte im Dorf, aber er hatte ein großes Herz. Wenn es kalt wurde und in Strömen regnete, kam er mit dem Traktor auf der Weide angetuckert und brachte eine Milchkanne voll mit heißer Suppe. Die löffelte er dann mit mir zusammen unter einem Sonnenschirm aus, den er gegen den Regen aufgestellt hatte.
Das Leben des Cowboys in der oberschwäbischen Tiefebene kann einsam sein. Die Kühe waren in der Regel so faul oder einfach auch nur diszipliniert, so dass ein Eingreifen nur selten nötig wurde. Meist kamen sie nach einem kurzen Ausreißversuch von ganz alleine wieder zu ihrer Herde zurück. Der Auf- und Abtrieb morgens und abends war Routine. Ganz so aufregend wie das Leben auf der “Bonanza”-Ranch war mein Leben beim Fesslinger-Bauer nicht.
Zum Glück gab es in der Nähe meiner Weide das Jordanbad, ein Sanatorium, in dem knochenlahme Städter ihre Glieder nach dem Vorbild des bayerischen Priesters Sebastian Kneipp so lange in Wassertröge eintauchen, bis Wochen später der Schmerz nachlässt oder der Kurgast gar als geheilt entlassen werden kann.
Die Sanatoriums-Besucher aus allen Teilen Deutschlands waren bei den Ummendorfern gerne gesehen. Sie kehrten in den lokalen Wirtschaften ein, ließen üppig Trinkgeld liegen und waren meist guter Dinge. Schließlich waren sie ja im Urlaub. Hin und wieder war von einem “Kurschatten” die Rede, den sich vor allem männliche Kneippjünger zulegten. Darüber schwieg man aber in Ummendorf oder erzählte sich davon höchstens hinter der vorgehaltenen Hand.
Die meisten der knochenlahmen Kurgäste, die ihre Heilung im Jordanbad suchten, kamen aus dem Ruhrgebiet und sprachen nach der Schrift, was auf Ummendorferisch so viel heißt wie: sie können Hochdeutsch. Dies wiederum ist den meisten Dörflern schon deshalb suspekt, weil sie es selber nicht können. Für den gemächlichen Oberschwaben, für den ein “Sodele” oder “Jetzetle” schon als abendfüllendes Unterhaltungsprogramm gilt, klingt ein schneidiges “Wattdenn-wattdenn” nicht nur fremd, sondern geradezu aufschneiderisch. Und aufschneiden – das geht gar nicht im Laugenbrezelland.
Ich liebte die Zugereisten. Ihrem für meine Ohren gepflegten Hochdeutsch zuzuhören, wenn sie an meiner Herde vorbeizogen, war jedes Mal wie ein kleiner Urlaub nach Neukirchen-Vluyn, Duisburg oder Recklinghausen. Und wie schnell die alle reden konnten! Ich fragte mich oft, wie träge sich in deren Ohren wohl unser Spätzlesschwäbisch anhören musste.
“Hey, Kurzer, stell dich mal neben die Kuh!”, rief mir einer der Schnellsprecher zu und zückte auch schon die Kamera. Der Mann trug kurze Hosen, braune Socken und Sandalen. Ich hatte wie immer meine kurze Lederhose an, aber keinen Tirolerhut, wie es der Fotograf gerne gehabt hätte. “Neben die Kuh? Mach ich gern”, sagte ich, “aber nur für ein Zehnerle.”
Das war’s: Zehn Pfennig für ein Foto mit Kuh und Kind – eine Geschäftsidee war geboren. Warum ich darauf nicht schon viel früher gekommen bin, ist mir bis heute ein Rätsel. Schließlich brauchte ich dringend Geld für ein neues Fahrrad.
Das Geschäft florierte. Meistens gab es statt einem Zehnerle 50 Pfennig. Und als ich dann auch noch anbot, mich nicht nur stehend neben einer Kuh, sondern in gewagter Pose sogar auf dem Rücken des Tieres fotografieren zu lassen, rollte der Rubel erst recht. Für eine Mark war jeder dabei, der später dem Kumpel in Grevenbroich oder Mettmann Urlaubsfotos von einem schwäbischen Cowboy vorführen wollte. Elsa war die einzige Kuh, die das mit sich machen ließ. Sie war etwas fußlahm und sehr geduldig.
Die Idee mit dem Hirtenbub, der sich für ein Honorar fotografieren ließ, hatte sich in Ummendorfer Cowboykreisen schnell herumgesprochen. Und wie das so ist mit Geschäftsideen, werden sie schnell kopiert. Ein Hirtenjunge nach dem anderen stellte jetzt ein Schild auf die Wiese: “Roland reitet für eins fünfzig!” oder auch “Otto und Elsa für nur zwei Mark!” Auch ich bot meine Dienste nicht unbescheiden an. “Herby für eine Handvoll Dollars”.
Doch Hochmut kommt vor dem Fall. Es war ein Sonntag und in der Ferne klingelten die Kirchturmglocken. Die Kurgäste vom Jordanbad kamen in Scharen und strahlten heute noch zufriedener als sonst. Elsa ließ sich wie immer geduldig von mir reiten.
Weil ich von Papa wusste, dass man investieren muss, um zu gewinnen, versuchte ich mein Geschäftsmodell ständig zu verbessern. Inzwischen hatte ich mir aus einem Strick und den beiden Holzgriffen der Tragetaschen, die das Modehaus in der Nachbarstadt seinen Kunden mitgab, ein Paar selbstgemachte Steigbügel zugelegt. Alles deutete auf einen perfekten Tag hin. Bis plötzlich meine Eltern vor mir standen.
Auf ihrem Sonntagsspaziergang hatten sie einen kleinen Abstecher zu mir gemacht. Sie waren fassungslos. Von meiner Modelling-Karriere hatten sie bis zu diesem Tag keinen Schimmer gehabt. Es wäre mir peinlich gewesen, ihnen zu erzählen, dass ich mich gegen Geld auf dem Rücken einer fußlahmen Kuh von fußlahmen Ruhrpottlern fotografieren lasse. So etwas macht man nicht in Ummendorf. Erst recht nicht, wenn man der Sohn des Malermeisters ist, der es in der Handwerkerinnung zu etwas gebracht hatte und von seiner Kundschaft sehr genau beobachtet wird.
Papa sprach bei meinem Anblick von “peinlich” und davon, dass die Leute ja denken könnten, wir hätten es nötig, das Kind zum Betteln zu schicken. Mama tat vor allem die Kuh leid. Für mich ging der lukrativste Sommer meiner kurzen Cowboy-Karriere zu Ende.
Immerhin reichte der Hirtenlohn für ein Fahrrad. Kühe waren gestern. Fortan wurde das Rad gesattelt. Abenteuer gab es natürlich auch mit meinem Drahtesel. Aber so schön wie die, die ich als „Cowboy vom Umlach-Valley“ erlebte, war keins.