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Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

Kanada im Krisenmodus

Die Post ist da! Erst die Kohle, dann die Korrespondenz.

So richtig rund läuft es dieser Tage nicht in Kanada. Erst reicht der Premierminister seinen Rücktritt ein. Dann bahnt sich erneut ein Ärztemangel an, der zur Folge hat, dass Hunderttausende oft mehr als ein Jahr auf Operationen warten.

Jetzt kündigt auch noch Amazon an, sich vollständig aus der Provinz Quebec zurückzuziehen und nur noch mit Sub-Unternehmern zu arbeiten. Zu allem Übel streikte bis kurz vor Weihnachten auch noch die Post.

Dass ein Präsidenten-Darsteller südlich der Grenze jetzt auch noch unser schönes Land einkassieren möchte, lassen wir jetzt mal außen vor. Verwirrte gab es in der Geschichte schon immer.

Für alles gibt es eine Erklärung:

Justin Trudeau fehlt die Unterstützung der Bevölkerung.

Mediziner wandern in Scharen aus Kanada ab, weil das System sie krank macht: Überlastung, zu viel Bürokratie und vergleichsweise niedrige Bezahlung.

Amazon hat offenbar genug von den renitenten Gewerkschaften, die dem Konzern schon lange die Pistole auf die Brust setzen.

Und was ist mit der Post?

Offiziell haben die 55.000 Mitglieder der Postgewerkschaft eine Woche vor Heiligabend ihre Arbeit wieder aufgenommen. Doch so richtig angekommen ist das Ende des Streiks bei uns noch nicht. Bisher fanden sich im Briefkasten lediglich Rechnungen der Kfz-Behörde, Steuerbescheide und Mitteilungen des Rentenamts. Ein paar Umschläge der Bank waren auch dabei.

Privatpost? Fehlanzeige! Die Prioritäten der staatlichen Post sind klar: Zuerst die Kohle, dann die Korrespondenz. Weihnachtsgrüße können warten.

Schließlich kommt das Christkind auch dieses Jahr wieder. Wobei: In verrückten Zeiten wie diesen gibt es selbst dafür keine Garantie.

Heute beginnt die Eiszeit

Trump-Anhänger im kalten Washington: Zieht euch warm an! – © MalayMail

Reden wir übers Klima. Ausnahmsweise mal nicht über das politische Klima. Was will man an einem Tag wie diesem schon sagen, an dem mit der Vereidigung eines Präsidenten-Darstellers die Weltordnung den Bach runtergeht? Die Eiszeit beginnt. Ein guter Anlass, mal wieder über das Wetter in Kanada zu reden.

Kanada ist ein kaltes Land, das hat sich inzwischen herumgesprochen. Aber wie kalt ist es eigentlich hier?

Schwer zu sagen, denn Kanada ist auch ein großes Land. Zwischen Vancouver an der Pazifikküste und Halifax am Atlantik liegen sechs Zeitzonen und 6200 Kilometer. Entsprechend weit auseinander liegen auch die unterschiedlichen Klimaregionen.

Ich kann mich an einen Winter erinnern, als ich Montreal bei einem halben Meter Neuschnee verlassen und ein paar Flugstunden später in Vancouver blühende Tulpenfelder angetroffen habe.

Besonders extrem waren die Jahreszeiten in Manitoba, wo ich insgesamt fünf Jahre gelebt habe. Die Sommer glühend heiß, mit Schwärmen von Stechmücken. Die Winter gnadenlos kalt.

Wenn selbst das Kühlwasser im Auto gefriert und das Öl so zäh ist, dass der Motor beim Startversuch nur noch „plopp“ macht, hilft nur noch Stehenlassen und den Weg zu Fuß fortsetzen. An einen Abschleppwagen ist an Tagen wie diesen nicht zu denken. Den haben zehntausend andere vor dir auch schon bestellt.

Mehr als einmal habe ich in Winnipeg erlebt, dass selbst der öffentliche Nahverkehr teilweise zum Erliegen kam, weil selbst Busse im Tiefschnee stecken blieben. Und natürlich mussten an Tagen wie diesen auch viele Taxis den Betrieb einstellen. Bei arktischen Temperaturen unter minus 40 Grad Celsius ist ein Weiterkommen selbst für die kälteerprobten Kanadier schwer.

Mein erstes eigenes Auto nach meiner Ankunft in Winnipeg im Dezember 1973 war ein lindgrüner Achtzyinder der Marke „Pontiac“. Ich hatte ihn einer alten Dame für 250 Dollar abgekauft. Er sah aus wie neu. Die Besitzerin hatte sich von dem Wagen getrennt, weil ihr Mann gerade gestorben war und sie selbst keinen Führerschein besaß.

Das Auto fuhr fantastisch, auch im Winter. Aber es gab keine Heizung. Die hatte beim Vorbesitzer irgendwann den Geist aufgegeben. Offenbar war der Mann nicht bereit gewesen, sie zu reparieren. Also blieb der Wagen den Winter über in der Garage, was auch den exzellenten Zustand des Autos erklärte.

Nur: Ich brauchte das Auto nicht nur im Sommer, sondern gerade im Winter. Für eine Reparatur fehlte mir so kurz nach meiner Ankunft in Kanada das Geld. Also bibberte ich mich, in Decken und Pelze eingewickelt, monatelang durch Manitoba.

Irgendwann hörte auch hier der Winter auf. Dann zog fast nahtlos der Sommer ins Land – und man hatte die Eiszeit schon schnell erfolgreich verdrängt.

Warum ich die Geschichte ausgerechnet heute erzähle? Weil ich mir eben den Wetterbericht von Manitoba aus dem Netz geholt habe, einfach so.

Und siehe da: Die in Kanada übliche „feels like“-Temperatur in Winnipeg beträgt heute bis zu minus 45 Grad Celsius. Das sind auf dem Thermometer zwar nur echte minus 34 Grad. Aber glauben Sie mir, das tut weh.

Einem ideologisch verpeilten Trump kommen die arktischen Temperaturen durchaus entgegen, denn er glaubt ja nicht an den Klimawandel. Von „global warming“ kann man bei den heutigen Temperaturen nun wirklich nicht reden.

Aber der Mann aus Florida fröstelt gerne. Vielleicht sollte er es sich doch nochmal überlegen, ob er sich Kanada einverleiben möchte. Damit es ihm nicht zu frisch wird, hat er die heutige Vereidigung noch schnell vom Außenbereich ins warme Kapitol verlegt.

Zieht euch warm an, Freunde! Nicht nur wegen der Temperaturen in Washington und Winnipeg.

Wettervorhersage für Winnipeg/Manitoba am Montag, 20. Januar 2025:

Screenshot

Schlange stehen für den Hausarzt (2. Teil)

Warteschlangen in Walkerton: Tausend warten auf einen Hausarzt.

Falls Ihnen die Überschrift bekannt vorkommt: Ja, genau denselben Titel habe ich bereits in einem Blogpost vom 13. Februar 2012 verwendet – also vor fast genau 13 Jahren. Was hat sich seitdem geändert? Nichts. Im Gegenteil: Die Wartezeiten im kanadischen Gesundheitssystem sind länger geworden, nicht kürzer.

Das Foto oben wurde vor wenigen Tagen in Walkerton (Ontario) aufgenommen, einer Kleinstadt mit 4.000 Einwohnern, etwa drei Autostunden von Toronto entfernt. Nachdem bekannt wurde, dass sich dort ein neuer Hausarzt niederlassen würde, bildete sich im Morgengrauen eine lange Schlange rund um das Medical Centre. Eine ähnliche Szene spielte sich vor 13 Jahren in St. Lazare, Québec, ab – ein ebenso unwürdiges wie symptomatisches Bild.

Der neue Arzt in Walkerton konnte sofort 500 Patienten aufnehmen. Weitere 500 Personen wurden auf eine Warteliste gesetzt, in der Hoffnung, dass ein weiterer Arzt, der sich voraussichtlich noch in diesem Jahr niederlassen wird, die Situation entschärfen kann.

Die Krise in Zahlen

In Ontario haben derzeit rund 2,3 Millionen Menschen keinen Hausarzt. In Québec sind es 2,1 Millionen – das entspricht einem Viertel der Bevölkerung. Besonders dramatisch ist die Lage in den Atlantikprovinzen wie Nova Scotia. Aber auch in anderen Teilen Kanadas sind Hausärzte Mangelware.

Dass über sechs Millionen Kanadier keinen Hausarzt haben, hat viele Ursachen:

Ein veraltetes Gesundheitssystem:

Das kanadische Gesundheitssystem, oft als „das beste der Welt“ gepriesen, ist überlastet und nicht mehr zeitgemäß. Menschen ohne Hausarzt suchen häufig die Notaufnahmen auf – sei es für ein Rezept gegen Erkältung oder zur Blutdruckmessung. Dies führt dazu, dass Patienten mit ernsthaften Erkrankungen oft neun Stunden oder länger warten müssen.

Abwanderung ins private System:

Die Überlastung treibt viele Ärzte dazu, das öffentliche System zu verlassen und in Privatkliniken zu wechseln. Das verschärft den Mangel an Hausärzten zusätzlich.

Schwierige Bedingungen in Québec:

In Québec ist die Zulassung für ausländische Ärzte besonders kompliziert und langwierig. Neben den sprachlichen Anforderungen (fließend Französisch und Englisch) gibt es ein rigides Platzierungssystem. Dieses zwingt Ärzte dazu, ihre Praxis oft an weniger attraktiven Orten zu eröffnen, was Frustration und häufige Standortwechsel auslöst.

Bezahlung:

Die Vergütung für Ärzte in Québec ist deutlich niedriger als in einigen anderen Provinzen Kanadas oder den USA. In den Vereinigten Staaten locken zwar höhere Gehälter, aber der bürokratische Aufwand, etwa durch Verhandlungen mit Versicherungen, ist oft erdrückend. Einige Ärzte kehren nach Kanada zurück, stellen jedoch fest, dass eine zu lange Abwesenheit den Wiedereinstieg erschwert.

Düstere Aussichten

Das Fazit bleibt ernüchternd: Ohne tiefgreifende Reformen wird die Gesundheitsversorgung in Kanada weiterhin unter Druck stehen – und für viele bleibt der Hausarzt ein unerreichbarer Luxus.

Die Perspektiven sind wenig ermutigend. Erst heute verkündete der Gesundheitsminister von Québec, dass 1.000 Stellen im Gesundheitswesen aus Geldmangel gestrichen werden.

Auch auf Bundesebene ist nicht viel Positives zu erwarten. Sollte als Nachfolger des zurückgetretenen Premierministers der Konservative Pierre Poilievre an die Regierung kommen, dürfte auch er erst einmal den Rotstift ansetzen: „Zu teuer, zu ineffizient.“

Zu schade.

Der Schneeball in der Hölle

KI-generierte Karikatur aus der „Times of India“

Panama, Grönland, Kanada – alles seins. So stellt sich Trump seinen ganz persönlichen Globus vor. Putzig, sagen Sie, wie der Mann aus Mar-a-Lago die Weltherrschaft an sich reißen will? Da wäre ich mir nicht so sicher.

Immerhin wäre Trumps Amerika im Falle einer Übernahme Kanadas mit knapp 20 Millionen Quadratkilometern das größte Land der Welt. Russland, das derzeit mit 17 Millionen Quadratkilometern an erster Stelle liegt, hätte plötzlich das Nachsehen. Trump ist ein großer Fan von Superlativen.

Ein Schneeball in der Hölle sei wahrscheinlicher als Kanadas Annexion durch die USA, konterte Premierminister Justin Trudeau. Auch putzig. Nur: Es wäre nicht das erste Mal, dass Trudeau sich getäuscht hätte. Nicht zuletzt deshalb wird er ja auch zurücktreten. Die Grautöne der großen Politik waren nie sein Ding.

Aber wir scheinen hier in Kanada noch einmal mit einem blauen Auge davonzukommen. Im Gegensatz zu Panama und Grönland, das der Säbelrassler Trump notfalls auch mit Militärgewalt an sich reißen möchte, droht er Kanada lediglich mit einem Wirtschaftskrieg.

Den würden wir haushoch verlieren. Schon die 25 Prozent Strafzölle, die Trump uns nach seiner Amtseinführung aufs Auge drücken möchte, lassen sonst eher gelassene kanadische Politiker in ihren Winterstiefeln erzittern.

Die Grenze zwischen Kanada und den USA ist die längste Grenze der Welt. Kanada hätte im Ernstfall weder das Equipment noch das Personal, fast 9000 Kilometer militärisch zu verteidigen. Trump schon.

Warum dieser unsägliche Weltverschlechterer sich Kanada eigentlich einverleiben möchte, bleibt sein Geheimnis. Da er ja an den Klimawandel nicht glaubt, dürften selbst die größten Frischwasservorräte der Welt an Trumps ziemlich breitem Allerwertesten vorbeigehen.

In ideologischer Hinsicht wäre Kanada für den rechten Rowdy eine harte Nuss zu knacken. Hier lebt eines der liberalsten Völker der Welt. Abtreibung, Schwulen-Ehe, Cannabis-Freigabe – alles Schnee von gestern. All das müsste Trump als Kollateralschaden mit in seine künftigen America-First-Pläne einbeziehen.

Vielleicht will der Donald ja aber auch einfach nur spielen und seinen Sandkasten um, sagen wir mal, 9.984.670 Quadratkilometer vergrößern.

Aber zum Spielspaß gehören auch Spielkameraden. Die hier zu finden, wäre das eigentliche Problem. Wer will seinen Sandplatz schon gerne mit einem großmauligen Bully teilen, der lügt, sobald er den Mund aufmacht?

Kinder haben ein Gespür für so etwas.

Mein Aufreger fürs neue Jahr

Aufreger fürs neue Jahr gefällig? Meiner geht so: Warum blockieren nichtbehinderte Ignoranten eigentlich so oft die Behindertenparkplätze?

Wer mit eingeschränkter Mobilität lebt, kennt das: Längere Strecken zu Fuß zurückzulegen, ist für uns oft mit heftigen Schmerzen verbunden – manchmal schlicht und einfach nicht möglich. Deshalb sind Parkplätze, die in Eingangsnähe von Behörden, Supermärkten oder Einkaufszentren „Behinderten“ vorbehalten sind, ein wahrer Segen. Dafür hat der liebe Verkehrsgott das Rollstuhlzeichen erfunden.

Doch wie aus dem Nichts kommen von irgendwo her immer wieder die Blockierer. Man erkennt sie daran, dass sich (meistens) der Ehemann duckmäuserisch mit Sonnenbrille, Schlapphut und eingezogenem Nacken hinterm Lenkrad verkrümelt, während (mutmaßlich) die Ehegattin mit gesenktem Kopf die paar Schritte bis zum Supermarkt tänzelt. Frei nach dem Motto: Frauen an die Front!

Die meisten dieser Parkplatz-Ocupados sind sich ihrer Schuld durchaus bewusst. Warum sie es trotzdem tun, bleibt ihr Geheimnis. Ich tippe mal auf mangelnde Empathie. Man könnte es auch Blödheit nennen.

Dass es strafbar ist, Behindertenparkplätze ohne Berechtigung zu blockieren, müsste jedem klar sein, der seinen Führerschein nicht im Preisausschreiben gewonnen hat. Dass es Körperbehinderten gegenüber, die dringend auf diese Plätze angewiesen sind, unfair ist, gebietet eigentlich der gesunde Menschenverstand. Doch mit dem ist es manchmal so eine Sache

Wie also reagiert man als Betroffener, wenn einem der rechtmäßig zustehende Behinderten-Parkplatz vor der Nase weggeschnappt wird? Erhobener Zeigefinger, wahlweise Mittelfinger?

Sucht man gar die körperliche Konfrontation, lässt also Fäuste sprechen, wo’s die beiden wichtigsten Finger nicht mehr tun?

Macht man sich lächerlich, indem man lautstark nach Recht und Ordnung ruft? Oder löst man mit wilden Gesten Public Shaming auf dem öffentlichen Parkplatz aus?

Noch konnte ich mich bisher zurückhalten, auch wenn manchmal nicht viel bis zum Schreikrampf fehlt.

Mein Wunsch füs neue Jahr:

Leute, stellt euren Wagen doch bitte irgendwo anders ab und überlasst die Plätze mit dem Rollstuhl-Zeichen denen, die wirklich darauf angewiesen sind!

Nur so eine Idee: Wegfahrsperre? Reifenkralle? Nagelteppich?

Aufreger Ende. Danke!