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Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

Zum Wochenende ein paar Fotos

LOS GEHT’S: Bereit zum Ablegen am Bootsverleih.
SOMMERABEND: Lachine-Kanal lädt zum Picknick ein.
GESUNDHEIT: Lilie legt einen Glücksstein vor die Tür.
NACHT: Kurzer Blick vor dem Schlafengehen.
BACKWAREN 1: Frische Brötchen vom Portugiesen.
BACKWAREN 2: Hefezopf aus Lores Küche.
DINNER: Catering Service bereitet ein Picknick vor.
FLITZER: Federleichter Rollator macht das Leben einfacher.

Montreals Stairways to Heaven

Fragt man einen Montrealer, wo er denn wohne, hört man nicht selten: „Eine Treppe über dem Blumengeschäft“. Oder „Three flights of stairs above the coffee shop“. Oder: „2. Stock, die gelbe Treppe hoch“. Eine der häufigsten Fragen, die ich als UBER-Fahrer von Touristen höre: Warum gibt es in Montreal eigentlich so viele Treppen?

Treppen gehören zu Montreal wie Winter, Smoked Meat und der Sprachenstreit. Dabei ist hier nicht von Treppenhäusern die Rede, sondern von Treppen, die an die Außenwände von Mehrfamlienäusern angebaut sind und direkt zum Wohnungseingang führen.

Von schlichten Holztreppen bis zur kunstvoll geschmiedeten Eisenstiege mit kupfernem Handlauf – bei den „Stairways to Heaven“ ließen sich die Bauherren früher nicht lumpen. Vor allem in den sozial schwächeren Vierteln im Osten und Norden der Stadt – Hochelaga-Maisonneuve, St-Michel, Rosemont – haben Außentreppen eine lange Tradition.

Über die Hintergründe der Montrealer Treppenkultur gibt es viele Gerüchte, wenig Beweise und vermutlich auch die eine oder andere wahre Geschichte.

So wird gemunkelt, dass im letzten Jahrhundert, als in der Provinz Quebec die katholische Kirche noch das Sagen hatte, Außentreppen lieber gesehen wurden als dunkle Treppenhäuser. Man weiß ja nie, was sich dort im schummrigen Licht so alles abgespielt haben könnte.

Eine andere Version deutet auf schottische und irische Einwanderer hin, die angeblich ihre eigene Außentreppen-Kultur pflegten. Auch der Südländer, von denen es in Montreal Hunderttausende gibt, sitzt ja im Sommer gerne mal mit seinem Vino tinto auf dem Treppchen.

Und dann ist da noch eine Erklärung, die für mich am meisten Sinn macht:

Dadurch, dass die Treppen außerhalb des Hauses angesiedelt waren, bekamen die ohnehin schon beengten, mehrstöckigen Mehrfamilienhäuser mehr Innen-Wohnraum. Dies wiederum führte dazu, dass man sich unnötige Heizkosten fürs Treppenhaus sparen konnte – in einer Stadt, in der fünf bis sechs Monate im Jahr Winter herrscht, ein schlüssiges Argument.

Ich liebe diese Außentreppen, andere wünschen sie vermutlich zum Teufel. Allen voran Postboten und Lieferanten, die erst 100 Treppenstufen oder mehr hinter sich bringen müssen, ehe sie das Amazon-Paket übergeben. Und natürlich sind diese Treppen für Menschen mit Behinderung ein Albtraum.

Im Sommer könnte das alles ja noch unter dem Stichwort „sportlich“ durchgehen. Im Winter, wenn die Treppen mit Schnee bedeckt oder gar vereist sind, kann so eine schöne Treppe schnell zum Stairway to Hell werden.

Wer übrigens glaubt, die architektonisch interessanten Aufgänge dienen in erster Linie als Notausgang im Brandfall, irrt. Dafür gibt es eigene Feuertreppen auf der Rückseite der Häuser.

Hinterhof mit Feuertreppen
Fotos © Tourisme Montreal und Bopp

So war das damals mit SWF3

RADIOLEGENDEN UNTER SICH: Frank Plasberg, Joerg Kujack und Gregor Gloeckner bei der Aufnahme einer Podcast-Episode auf der Lahn.

Wie kam der Elch ins Studio? Woher stammt der Spruch „Schnauze, Fury“? Und wer zum Teufel steckte eigentlich hinter Else Stratmann, Hein Piepenbrink und Feinkost Zipp? Und warum war Elmar Hörig von heute auf morgen nicht mehr auf Sendung? Wer von Mitte der 70er bis in die 80er- und 90er-Jahre Radio hörte, kam an SWF3 nicht vorbei.

Was im beschaulichen Baden-Baden angefangen hatte, schwappte mit furioser Geschwindigkeit über Stadt- und Ländergrenzen hinaus. Zeitweise hatte SWF3 mehr als 8 Millionen Hörer und Hörerinnen – ein Rekord.

1998 fusionierte der Kultsender aus Baden-Baden mit dem Südwestrundfunk (SWR) in Stuttgart. Dort endete schließlich eine Rundfunk-Ära, wie sie Radiodeutschland weder vorher noch nachher gekannt hatte.

Radio-Junkies, die sich nach der guten, alten Zeit des coolsten Dampfradios der Geschichte zurücksehnen, sollten sich einen Podcast gönnen, den jetzt einer der Radiomacher von damals ins Netz gestellt hat: „SWF3 – das Phänomen heißt der Hörgenuss auf Raten, Gregor Glöckner der Mann hinter dem Podcast – übrigens nicht als Leitender Redakteur beim SWR, sondern in privater Funktion.

Mit SWF3 verbindet mich viel, wenn nicht alles, was mit Radio zu tun hat. SWF3 war von Anfang an mein Haussender. Für ihn machte ich 1980 meinen ersten und Ende der 90er meinen letzten Hörfunkbeitrag.

Während ich für die gesamte ARD arbeitete, setzte ich für kein Funkhaus mehr Themen ab als für SWF3. In Hunderten, wahrscheinlich mehr als tausend Korrespondenten-Beiträgen berichtete ich aus allen Ecken Kanadas und Alaskas für den Sender, der sich den Schwarzwald-Elch als Maskottchen einverleibt hatte.

Da war von dem Indianer von der James Bay die Rede, der vom Kajak ins Cockpit umsteigt und eine eigene Airline gründet. Von dem Ehepaar aus Québec, das ein Altersheim für HIV-infizierte Schimpansen betreibt und auch von einem Familienvater aus Winnipeg, der nach Feierabend eine Unterwasser-Eishockeymannschaft trainiert.

Um Themen geht es in Gregor Glöckners Podcast wenig, dafür um die Menschen hinter den Themen. Um Radiomacher wie den genialen Peter Stockinger, aber auch um meine Freunde Frank Plasberg, Jörg Kujack und den viel zu früh verstorbenen Norbert Diener. Und natürlich findet auch mein gewaltiger Kumpel aus dem Allgäu Erwähnung. Leider lebt auch Bernd Dassel nicht mehr.

„SWF3 – das Phänomen“ können Sie über diesen Link bei Spotify kostenlos abonnieren.

Darf’s ein bisschen mehr sein?

Jojo im Laufe der Jahrzehnte: Ein ständiges Rauf und Runter.

Schlank wie Frank – das wollte ich schon immer sein. Jetzt bin ich es, vielleicht sogar noch schlanker als mein Kölner Freund. Aber so richtig freuen kann ich mich trotzdem nicht darüber. 15 Kilo Gewichtsabnahme seit Weihnachten sind nicht etwa meiner eisernen Disziplin geschuldet, sondern vielmehr einer fiesen Krankheit, die auch nach einer komplizierten OP noch weit davon entfernt ist, unter Kontrolle zu sein.

In meinem Freundeskreis gibt es alles: Dicke, Dünne, Kleine, Große, Schwarze, Indigene, Schwule und alles, was die LGBTQ123XYZ-Liste sonst noch hergibt.

Ein besonders großes Herz hatte ich immer für die, die mit Gewichtsproblemen zu kämpfen hatten. Pfunde und Kilos waren in unserer Familie schon immer ein Thema. Was tut man nicht alles, um (s)einer Frau zu gefallen, die seit fast 40 Jahren ihr Idealgewicht hält?

Man schindet sich mit BRIGITTE-Diäten schlank und stellt fest: 1000 Kalorien am Tag sind viel weniger, als man glaubt. Man fängt an zu joggen und findet es einfach nur doof. Man wechselt die Biersorte, trinkt plötzlich Coors Light und nimmt prompt ein paar Dosen mehr zu sich. Diätwurst? Nein, danke.

Den Jojo-Effekt kennt jeder, der schon mal abgespeckt hat. Meistens kriechen die mühsam abgehungerten Pfunde schon bald wieder aus der nächsten Waage und strecken dir den Mittelzeiger entgegen. Motto: „Hallo, da sind wir wieder. Und haben gleich noch ein paar Freunde mitgebracht.“

Irgendwann erreicht man den „Point of no return“ und man findet sich mit 120 Kilo Schlachtgewicht ab. „Schweinsgröße“, hieß das bei uns immer. Zeit, neue Klamotten zu kaufen. Lästig, unbefriedigend und teuer.

Doch nach einer weiteren von vielen Diäten hieß es plötzlich wieder, den Gürtel enger schnallen. XXL von „Mister Big’n Tall“ war gestern. XL tut’s auch. Von Größe L kannst du weiterhin nur träumen.

Was waren das für bewegte Zeiten!

Besonders groß war der Aha-Effekt nach unserem ersten Camino: 6 Kilo weniger nach 900 Kilometern in 41 Tagen – das schaffte nicht einmal BRIGITTE mit ihrem Folterprogramm. Doch Fress-Orgien in diversen spanischen Lokalen sorgten schon bald wieder für das unnötige Gleichgewicht.

Dann kam der 20. Dezember 2023 mit einer Diagnose, die keiner braucht. Von da an ging’s bergab. Tendenz sinkend.

Im Englischen gibt es den Spruch: „Be careful what you wish for.“ („Sei vorsichtig mit dem, was du dir wünschst.“) Was ich mir wünsche, hätte noch vor einem Jahr abartig komisch geklungen:

Darf’s bitte wieder ein bisschen mehr sein?

Heimat geht durch den Magen

Ochsenmaulsalat à la Martin: Das ist Heimat!

Mit meinem Mallorca-Freund Martin verbindet mich auf den ersten Blick gar nichts, auf den zweiten aber ganz viel. Er war verbeamteter Lehrer mit Pensionsanspruch, ich Freiberufler, der einen Gehaltsscheck nur vom Hörensagen kennt. Er liebt Mozart, ich die Stones. Er schreibt Konzertkritiken, ich bunte Geschichten. Was wir gemeinsam haben? Wir beide haben unseren Lebensmittelpunkt nicht mehr in Deutschland. Und dann natürlich: Wir sind Schwaben.

Martin lebt seit 20 Jahren auf Mallorca, ich seit fast 45 in Kanada. Zurzeit hält sich Martin in Deutschland auf. Was mich wiederum zu der Frage bewegte: „Ist Deutschland noch Heimat oder nur noch ein gelegentlicher Aufenthaltsort?“

Seine Antwort: Heimat sei kein geografischer Ort, sondern ein Lebensgefühl. So gesehen sei seine Heimat längst Palma de Mallorca. Am Anfang seiner Mallorca-Zeit sei er noch zweimal im Jahr für jeweils vier Wochen nach Deutschland gereist. Inzwischen seien es nur noch zehn Tage.

Martin im Interview mit der Pianistin Milda Daunoraite

Heimat definiere er heute vor allem über die schwäbische Küche. Laden ihn Freunde in Deutschland zum Italiener ein, winkt er ab: Pizza könne er in allen Variationen auch auf Mallorca essen. In Deutschland bevorzuge er „gut bürgerlich“. Rinderrouladen mit Spätzle und Blaukraut, Schwäbischen Zwiebelrostbraten oder, eine von Martins Leibspeisen, Ochsenmaulsalat mit Bratkartoffeln.

Und dann natürlich Laugenbrezeln, die auf keinem schwäbischen Frühstücks- oder Vespertisch fehlen dürfen. Brezeln, das kann ich aus meiner Mallorca-Zeit bezeugen, gibt es in Palma zwar auch bei Lidl. „Aber“, sagt Martin mit Recht, „frisch aus dem Ofen einer schwäbischen Dorfbäckerei? Kein Vergleich!“

Was auch nicht so richtig zum Heimatgefühl beitrage, seien die unterschiedlichen Essenszeiten. Während im Schwabenland die meisten Speisegaststätten um 20:30 Uhr schließen, werde in vielen mallorquinischen Lokalen erst ab 20:30 Uhr das Abendessen serviert.

Und ich so?

Auch wenn leckeres Essen aus gesundheitlichen Gründen heute leider nicht mehr die Rolle von einst spielt, hatte ich mit kulinarischen Defiziten dank Lores Kochkunst nie zu kämpfen. Ob Maultaschen, Kässpätzle oder Dampfnudeln – was mein Schwabenherz begehrte, bekam es auch. Auch das mit den späten Essenszeiten war nie ein Thema bei uns. Meistens steht das Abendessen um 18 Uhr auf dem Tisch. Ganz wie daheim.

Als bei uns noch getafelt wurde.

Sagte ich eben daheim? Da denke ich wie Martin. Heimat ist längst nicht mehr etwas, das sich geografisch festmachen lässt. Es ist ein Lebensgefühl, das man, wenn schon nicht im Gepäck, dann wenigstens im Kopf hat.

Wenn mir etwas fehlt, dann ist es die physische Nähe zu meinen Freunden in der „Heimat“.

Freunde habe ich zwar auch hier, wunderbare Freunde, interessante, amüsante und loyale Freunde. Aber, auch das eine Lehre nach fast einem halben Jahrhundert im Ausland, organisch gewachsene Freundschaften können im späteren Leben auch nicht durch noch so gut gepflegte Freundschaften ersetzt werden.

In diesem Sinne: Ein Wohl auf meine Freunde! Ihr wisst, wer ihr seid. Und wo ihr seid. Ob daheim oder in der Heimat.