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Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

Zum Wochenende ein paar Fotos

Ländlich-sittlich: E-Bike statt Uber
Leo und Max
Kunst am Bauernhof: Zementiertes Rhabarber-Blatt
Hübsch, der kleine Stinker: Nordamerikanisches Stinktier („Skunk“)
Seltener Besucher: „Rose-breasted grosbeak“ („Rosenbrustkernknacker“)
Fettfrei: Hühnerbrust ohne Haut, aber mit leckeren Salaten.

Sonntagsausflug nach Amerika

Wenn die Bopp-Familie auf Reisen geht, ist die Welt klein geworden. Gehörten früher Trips nach New York City, Kuba oder Mallorca zum jährlichen Ritual, ist der Radius, auf dem wir uns inzwischen bewegen, auf Bierdeckelmaß geschrumpft.

Das hat, wenn auch keine guten, aber nachvollziehbare Gründe. Wenn der Körper nicht mehr tut, wie er soll, muss umdisponiert werden.

Das Highlight dieses Jahres war heute eine gemeinsame Autofahrt von Quebec nach Vermont – gerade mal 45 Minuten von Cassians Farm entfernt.

Amerika könnte ja so schön sein, wäre da nicht ein verurteilter Straftäter namens T, der um jeden Preis in die Geschichte eingehen will. Dieser „T“ – mehr an Platz soll ihm in diesem Blog nicht gewidmet werden – will einem einfach nicht aus dem Sinn gehen, sobald man bei Lacolle die Grenze überquert hat.

Gelingt es einem dann aber doch, diesen lügenden Präsidentendarsteller einen Sonntagnachmittag lang auszublenden, wird man mit einem Stück Amerika belohnt, das einfach nur schön ist. Freundliche Menschen, liebliche Landschaften, satte Wiesen und saubere Seen – wunderbare Szenen, die gut in jedem Reiseprospekt aufgehoben wären.

Dass es uns dazuhin noch vergönnt war, diesen hochsommerlichen Sonntag mit einem gelungenen Sohn namens Cassian zu verbringen, ist ein Geschenk, das wir zu schätzen wissen.

Die Fotos sprechen für sich. Sie sind auf dem Weg nach Vermont entstanden, der uns durch Teile des US-Bundesstaats New-York geführt hat. Ziel war das schmucke Universitätsstädtchen Burlington am Ufer des Lake Champlain.

Ein Mann, ein Baum, ein Sohn.

Wann ist ein Mann ein Mann? Wenn er einen Boxkampf gewonnen hat? Ein Menschenleben gerettet oder ein Heer in den Krieg geführt hat? Ist er ein Mann, wenn er einen Schurken, der einmal Präsident war, als Verbrecher überführt, so wie es der mutige New Yorker Richter Juan Merchan gerade mit Donald Trump getan hat?

Ich entscheide mich heute für die biblische Version: Ein Mann ist ein Mann, wenn er einen Sohn gezeugt und einen Baum gepflanzt hat.

Das mit dem Sohn haben wir vor mehr als dreieinhalb Jahrzehnten hinter uns gebracht. Einen Baum habe ich gestern zum ersten Mal gepflanzt. Auf dem Anwesen genau jenes Sohnes, der inzwischen einen 250 Jahre alten Bauernhof südlich von Montreal sein Eigen nennt.

Die Farm wird längst nicht mehr bewirtschaftet. Es gibt keine Kühe und auch keine Pferde, die über eine Koppel galoppieren. Allenfalls zwei Hunde namens Max und Leo haben so etwas wie ein Gastrecht dort.

Aber der Geist der Bauernfamilie, die das Anwesen in St-Bernard-de-Lacolle viele Jahre lang mit Fleiß und Stolz betrieben hat, weht noch immer über der Wiese, die zum Hof gehört.

Dieses herrliche Stück Land zieren seit gestern drei frisch eingepflanzte Bäume: Zweimal Apfel für Lore und Cassian. Und Kirsche für mich.

Kirschen gehören seit meiner Kindheit zu meinen Lieblingsfrüchten – neben Mangos, Passionsfrucht und Melonen, die in Ummendorf weniger gut gedeihen.

Noch ist der Baum ein Bäumle. Wir haben ihn übrigens „Herby“ getauft. Bis Herby je Früchte tragen wird, dürfte der Pflanzer irgendwo über den Wolken seine Stories erzählen.

Die Geschichte, wie er am 30. Mai 2024 als 75-Jähriger seinen ersten Kirschbaum in Kanada gepflanzt hat, gehört bestimmt auch dazu.

EIN SOHN,, ein Baum, ein Mann.
FARM-IDYLLE in St-Bernard-de-Lacolle
SYMBOLIK ODER ZUFALL? Ausgerechnet an dem Tag, an dem drei Bäume gepflanzt wurden, führt uns der Sohn sein allererstes Elektro-Auto vor. Die Zukunft kann beginnen.

Der Null-Prozent-Mann

Die Kunst, fast ohne Fett zu kochen: Seezunge mit Reis und Gemüse.

Von Françoise Sagan stammt der Satz: „Man weiß selten, was Glück ist. Aber meistens, was Glück war.“ Wie wahr! Noch bis vor kurzem war der Einkauf in der Markthalle ein Fest für die Sinne. Heute ist er ein logistischer Spießrutenlauf.

Eingekauft, gekocht und gegessen wurde bei uns immer das, was schmeckt. Ob Rouladen mit Spätzle, messerscharfes indisches Chicken Vindalho oder thailändische Reisgerichte – man machte sich wenig Gedanken darüber, was heute auf den Tisch kommt. Restaurantbesuche fanden nach Gusto und Geldbeutel statt.

Der Weg vom Genuss zum Verzicht war kurz und brutal. Er begann am 20. Dezember 2023, als ich mitten in der Nacht wegen unerträglicher Schmerzen an der Bauchspeicheldrüse in der Notaufnahme des Krankenhauses landete. Die Pankreas sorgt im menschlichen Körper für die Verdauung. Von einem Tag auf den nächsten wurde aus dem Gourmet der Null-Prozent-Mann.

Fettarm, am besten fettfrei einzukaufen, ist allein schon eine große Herausforderung. Ohne Fett, also Butter und schmackhafte Öle, zu kochen, ist eine hohe Kunst. Lore kümmert sich bei uns, ganz Old School, um die Küche. Sie kauft ein, schreibt den Speisezettel und kocht. Und isst aus Solidarität dasselbe wie der geschundene Mann. Den einen oder anderen Schuss Sahne über die Speisen gönnt sie sich. Muss sie auch, bei ihrer Figur.

Ein Gang durch die Supermarkt-Regale genügt und dir wird klar: Die Welt ist nicht auf Diät programmiert. Die Suche nach einem Null-Prozent-Joghurt wird zur Herausforderung. Wurst ist ohnehin so gut wie tabu, mit Ausnahme von Putenschinken. Selbst beim Fisch ist zu beachten, dass es Arten gibt, die einen überraschend hohen Fettgehalt haben – mein Lieblingsfisch, der Lachs, gehört leider auch dazu.

Seit jenem ominösen Mittwoch kurz vor Weihnachten habe ich 14 Kilo verloren. Hatte ich früher mit BRIGITTE- und anderen Diäten noch jedes Pfund weniger zelebriert, bezahle ich heute eine Ernährungsberaterin dafür, wie ich nicht weiter abnehme – übrigens bisher mit mäßigem Erfolg.

78 Kilo bei 182 cm: Darf’s ein bisschen mehr sein?

Milchprodukte? Alles Käse. Fettarme Sorten gibt es zwar, sie schmecken dann aber oft wie aromatisierter Karton. Butter, Brie, Raclette oder gar Limburger waren gestern. Schinken aus der Markthalle, liebevoll von einer Verkäuferin namens Meranie geschnitten, findet nicht mehr statt. Geräuchertes ist plötzlich Gift für den Körper. Selbst Kalbfleisch muss vor dem Kochen von Fettsträhnchen befreit werden. Eine chronisch entzündete Bauchspeicheldrüse verzeiht nichts.

Weil eines der wichtigsten, aber oft völlig unterschätzten Organe des menschlichen Körpers die Verdauungsarbeit weitgehend eingestellt hat, müssen zu jedem Essen Enzyme in Tablettenform eingenommen werden – je nach Menge und Fettgehalt der Speisen, denn ganz fettfrei zu leben, ist so gut wie unmöglich. So ist, was früher Hochgenuss war, heute hohe Mathematik.

Und was ist mit Desserts? Sorbet statt Eiscreme und viel Obst könnte man meinen. Falsch gemeint. Die Pankreas ist auch für die Insulinzufuhr zuständig, deshalb muss nicht nur auf Fett, sondern auch auf den Zuckergehalt von Speisen geachtet werden, speziell beim Obst. Diabetes ist häufig die Folge einer Pankreatitis.

Bier, Schnaps, Prosecco, Wein? Leider auch vorbei. Trinken wir halt Sprudelwasser, Cola Light oder Tonic. Falsch: Alles, was Kohlensäure enthält, produziert zu viel Magensäure und überlastet das bisschen Bauchspeicheldrüsen-Funktion, das noch geblieben ist.

Aber Tee geht immer. Und stilles Wasser schmeckt ganz vorzüglich.

Nochmal für alle zum Mitschreiben: Man weiß selten, was Glück ist. Aber meistens, was Glück war.

BIXI: Das etwas andere eBike

Ganz ohne eBike geht gar nicht. Mein Baby wohnt ja nun auf dem Land. Also musste für die Tage in der Stadt eine Alternative gefunden werden. Der Plan B heißt BIXI – ein Leihrad-System, das vor 15 Jahren in Montreal eingeführt wurde und bis heute als eines der größten Nordamerikas gilt.

Bei BIXI hat die Stadt Montreal nicht gekleckert, es wurde geklotzt. Gut 11.000 Fahrräder warten an fast 1000 Docking-Stationen auf die Radler. Das sind, anders als in Städten wie Palma oder Malaga, meistens Einheimische, die von A nach B kommen wollen – und manchmal auch nach C. Bei rund 1200 KM bestens ausgebauten Fahrradwegen, selbst durch die Innenstadt, ist das meistens kein Problem.

Als BIXI vor genau 15 Jahren mit wenig Tamtam eingeführt wurde, musste man eBikes noch mit der Lupe suchen, weil sich die Technologie noch nicht durchgesetzt hatte. Und heute? Muss man an den meisten Docking-Stationen noch immer auf freie eBikes warten, weil sie zu den absoluten Darlings der Fahrradszene gehören.

Obwohl es inzwischen 2620 Fahrräder mit Elektromotor gibt, sind die blauen Bikes fast überall Mangelware. Das hat zum einen damit zu tun, dass Montreal ganz schön hügelig sein kann und mit herkömmlichen Fahrrädern schwer zu navigieren. Zum andern, dass viele NutzerInnen die Bikes nicht mieten, um sich einen faulen Lenz zu machen. Sie benötigen sie, um zur Arbeit, zur Uni, zur Schule zu kommen.

Voll geladene Batterien sind Glückssache.

Bei meiner ersten Testfahrt seit langem, die mich heute Abend nur 8 Kilometer den Kanal entlang führte, musste ich geschlagene 30 Minuten warten, bis ein eBike frei wurde. Wäre ich allerdings ein paar hundert Meter bis zur nächsten Metro-Station spaziert, sähe die Lage anders aus. Dort sind eBikes eher zu haben als in reinen Wohngebieten.

Und wie war’s so? Ganz gut. Aber auch ganz schön gewöhnungsbedürftig. BIXIS sind Arbeitspferde, etwas schwerfällig und eine Spur zu robust gebaut für meinen Geschmack. Mein eigenes eBike ist zwar auch „kein Fahrrad, sondern ein Moped“, wie Lore gerne spöttelt. Aber es verfügt dennoch über die Eleganz eines Freizeitrads.

BIXIS haben nur drei Gänge und schaffen höchstens 20 Stundenkilometer. Meins hat, wenn man die mechanischen Gänge dazurechnet, mehr als 20. Mit seinem 750-Watt-Motor schafft es bis zu 42 Km/h, was in der Stadt allerdings verboten ist.

Ein Problem bei BIXI ist die Handhygiene. Notiz an mich: Beim nächsten Trip unbedingt Desinfektionsmittel mitnehmen. Außerdem sind voll geladene eBikes an den Stationen selten. Wer also eine längere Strecke zurücklegen möchte, muss damit rechnen, sein Rad unterwegs mehrfach gegen besser geladene Bikes einzutauschen. Diese mangelnde Planungssicherheit kann zur Spaßbremse werden.

Docking-Station „Atwater Park“

Ein bisschen anachronistisch gedacht ist die in Montreal gesetzlich vorgeschriebene Helmpflicht für eBikes. Für mich kein Problem, ich nehme meinen eigenen Kopfschutz einfach zur Mietstation mit. Was aber machen Touristen, die bestimmt keinen Helm im Reisegepäck haben? Angeboten wird er vom BIXI-Verleih leider nicht.

Sehr nutzerfreundlich ist dagegen die Art und Weise, wie so ein BIXI gemietet werden kann. Einfach mit dem Smartphone den QR-Code abscannen – und schon bist du drin.

Und was kostet so ein BIXI-Leihrad? Schwer zu sagen, denn die Tarifstruktur ist nicht einfach zu durchschauen. Es gibt Jahres-Grundabos, auch monatliche Abos, man kann aber auch nur stunden- oder gar minutenweise mieten. Ich habe mich für das monatliche Basis-Abo für 22 Dollar entschieden. Die Minute auf dem eBike kostet dann allerdings immer noch zusätzlich 17 Cents, aber weit weniger als die Hälfte dessen, was User ohne Abo bezahlen.

Fazit: Als Plan B erfüllt das BIXI-Konzept durchaus seinen Zweck. Nicht mehr, nicht weniger.