Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com
„Fährst du eigentlich noch Uber?“ Kaum eine Frage höre ich öfter als diese. Die Antwort: Nein, ich fahre keine fremden Menschen mehr durch die Millionenstadt Montreal. Nach gut 1000 Passagieren mit fast ebenso vielen Geschichten war Schluss. Eigentlich sollte daraus ein Buch werden, aber dann kam das richtige Leben dazwischen: ein Krankenhausaufenthalt, in der Folge nachlassende Konzentration. Sicherheitsbedenken. Das war’s dann mit meiner Uber-Karriere. Die Erinnerungen bleiben. Damit auch Sie hin und wieder in meinen Uber-Stories blättern können, habe ich einige von ihnen noch einmal auf einer Seite zusammengefasst.Sie finden Sie oben im Menü, unter dem Bannerfoto.
Dichtender Schiller mit duftenden Äpfeln – eine Auftragsmalerei von ChatGPT
Zehn Stunden kein Wasser, 24 Stunden kein Strom – aber wir leben noch! Wer genau schuld an der Panne ist, bleibt das Geheimnis der Baggerfahrer und Buddler, die uns vermutlich die Chause eingebrockt haben.Rechtzeitig zum Einbruch der Dunkelheit war der Strom wieder da. Eine Bilanz:
Mein Anruf beim Stromversorger heute Morgen um 4:30 Uhr endete unbefriedigend. Gerade als der freundliche Kundenberater beginnen wollte, mir mit der Langmut, die an den Verfasser des „Hundertjährigen Kalenders“ erinnert, den Sachverhalt zu erklären, machte die Handy-Batterie schlapp.
Die konnte übrigens – dank Lores genialem Geistesblitz aus der Ferne – an einer ganz bestimmten Steckdose, die wohl auch bei Stromausfall im Flur funktioniert, geladen werden.
Und da die Goldgrube erst einmal gefunden war, schloss ich gleich noch die Nespresso-Maschine an und lud die Damen auf unserem Stock – ja, es sind ausschließlichh Damen – morgens um sieben zum Kaffeekränzchen ein.
An der Dunkelheit im kalten Apartment änderte das allerdings nichts. Statt das Martyrium in den eigenen vier Wänden auszusitzen, die zusehends kühler wurden, ging es fast den ganzen Tag in die wohl temperierte Montrealer Underground City. In der Stadt unter der Stadt gibt es hunderte Geschäfte, Restaurants, Kinos, Arztpraxen und sogar Zugang zu Kirchen und Fünf-Sterne-Hotels. Und Steckdosen, um den Akku des Handys wieder auf Vordermann zu bringen!
Ganz so pragmatisch denkt mein kluger Freund Peter nicht. Dr. Peter, den mein kaum weniger kluger Freund Frank einmal als „den letzten noch lebenden Universalgelehrten“ bezeichnete, schickte mir akademische „Halte-durch!“-Grüße – nicht ohne dabei in seine üppig gefüllte Schatzkiste literarischer Weisheiten zu greifen.
Die möchte ich hiermit, ohne ausdrückliche freundliche Genehmigung des Verfassers, weitergeben:
„Wo bleibt das Licht in der Finsternis, das uns die Bibel verspricht? Wohl nicht aus dem Osten, wo es traditionellerweise herkommen sollte. Das gibt eine Idee, wie unsere großen Dichter anno dazumal gearbeitet haben: mit einer Funzel, dicker Jacke, denn geheizt wurde sicher nur im Wohnzimmer. Um nicht völlig abzuschlaffen, ließ sich Schiller immer von einer Schale frisch duftender Äpfel inspirieren. Und der Weimarer Meister trabte auf und ab durch sein Arbeitszimmer und diktierte dabei seinem Sekretär, mit und ohne Kerzenlicht. Und wer spitzte die Federn an? Wie kriegte man die Tintenflecke an den Fingern weg? Gab es schon Notizblöcke & Zettelkästen?“
„Wäre doch mal ein Thema für dich“, frotzelt der Universalgelehrte noch in die Dunkelheit hinein, „schließlich wolltest du doch immer mal promovieren.“
Promovieren sicher nicht – aber aufschreiben will ich, was ist und was war. Das sei hiermit geschehen.
Ein bisschen wie bei Spitzweg: Der arme Poet bloggt im Kerzenlicht.
„Man möchte schreien, man möchte toben“, fluchte ein früherer Zeitungskollege manchmal durch die Redaktionsräume. Einmal, so wird erzählt, soll er eine Schreibmaschine gegen die Wand geschmissen haben.
Das wird mir nicht passieren – nicht zuletzt, weil es in diesem Haus keine Schreibmaschine mehr gibt. Und weil mir, auch wenn ich allen Grund dazu hätte, nicht nach Schreien zumute ist, schreibe ich mir einfach den Frust von der Seele.
Einen vollen Tag, von morgens bis abends, ohne fließendes Wasser zu sein, ist lästig. Aber die Stadt war freundlich genug, die wohl dringenden Reparaturen am Wassersystem vor unserem Gebäude anzukündigen. Also blieb genug Zeit, sich vorzubereiten.
Am Vorabend einen Eimer mit Wasser zum Spülen, einen für die Handhygiene und noch einen für die Katzenwäsche füllen. Dazu ein paar Karaffen Wasser für Kaffee und Frühstückseier. Was braucht der Mensch mehr, um durch den Tag zu kommen?
Leider blieb es nicht beim Wassernotstand. Es fiel auch noch der Strom aus – so, als hätten sich Wasserwerke und Stromversorger abgesprochen. Vermutlich war bei den Arbeiten am Trinkwassersystem ein Kabel in Mitleidenschaft gezogen worden. Genaues weiß man nicht.
Strom ist bekanntlich nicht nur zum Kochen da, für den Kühlschrank, den Fernseher und die Beleuchtung. Weil Kanada zum Glück nicht auf Russen-Gas angewiesen ist, wird hier auch meistens mit Strom geheizt. Die Aussentemperatur beträgt im Moment minus 5 Grad Celsius, morgen soll der erste Schnee fallen. Noch Fragen?
Die Nachricht der Hausverwaltung klingt wenig verheißungsvoll: „Es ist damit zu rechnen, dass der Stromausfall bis zum Morgen anhält.“
Immerhin: Irgendwann tröpfelt es wieder aus dem Hahn, gefolgt von einem erst gelb-grünen, dann braunen und schließlich glasklaren Wasserstrahl. Verdursten werden wir nicht, und die längst fällige Dusche ist auch gerettet. Eigentlich. Denn ohne Strom kühlt der Boiler schnell ab. Dann also keine Dusche.
Fällt mir gerade ein: Im heutigen SPIEGEL wird ein Paartherapeut interviewt. Was er denn seinen Ratsuchenden so empfehle, wenn sich Mann und Frau partout nicht mehr näherkommen wollen, will die Reporterin wissen. „Duschen!“, sagt der Psychologe. Körperhygiene werde in der Paartherapie völlig unterschätzt.
Okay, anderes Thema.
Der Strom ist also weg, Kochen fällt flach, ausgehen kommt nicht infrage, denn der Aufzug vom 4. Stock funktioniert auch nicht, der Fernseher bleibt schwarz und das Internet ist tot. WLAN wird bekanntlich von Elektrizität gespeist – es sei denn, man greift auf sein Datenkontingent im Handy zurück. Genau das mache ich in diesem Moment. Wer braucht schon Wasser und Strom, wenn Kerzen und Handydaten im Überfluss vorhanden sind?
Doof nur: Der Saft im Handy nimmt mit jedem getippten Satz ab. Zwölf Prozent Akkuvolumen für eine ganze Nacht sind beunruhigend. Also dann mal tschüss.
Wir schreien nicht, und getobt wird nur ein bisschen still und leise. Versprochen: Der Laptop landet bestimmt nicht an der Wand. Vorerst.
Nein, wir kommen nicht nach Mallorca, aber vermutlich Tausende Kanadier, die vom kommenden Jahr an von den Direktflügen zwischen Montreal und Palma profitieren werden. Und auf wen genau müssen sich die Mallorquiner da einstellen? Das Mallorca Magazin bat mich zu diesem Thema um einen Gastkommentar. (Zum Vergrößern bitte anklicken!)
Falls schlecht leserlich, hier ist die PDF zum Download:
Zusammen mit ihrem Ensemble Montréal wird sie die nächsten vier Jahre die Geschicke Montreals übernehmen. Sie ist erst die zweite Frau im Rathaus und die erste mit lateinamerikanischen Wurzeln.
Soraya Martínez Ferrada wurde vor 53 Jahren in Santiago de Chile geboren. Als Achtjährige entkam sie zusammen mit ihren Eltern den Krallen des Militärregimes unter Augusto Pinochet und ließ sich in Montreal nieder.
Mit einem Master in Business in der Tasche ging sie schon früh in die Politik, zuerst als Stadträtin, zuletzt als Ministerin für Tourismus im Kabinett des liberalen Premierministers Justin Trudeau.
Tourismus-Ministerin dürfte in einer Regierung so ziemlich das Sahnestückchen unter allen Kabinettsposten sein: Reisen um die Welt, roter Teppich, Cocktails und Sternehotels. Wer würde so einen Posten freiwillig aufgeben? Genau: Soraya Martínez Ferrada.
Aber warum nur? Sie wolle frischen Wind nach Montreal bringen. 100 Tage will sie ihrem Ensemble Montréal geben, dann möchte sie die ersten Ergebnisse sehen: Sind wirklich all die in Montreal berüchtigten „Orange Cones“ notwendig – diese Straßenmarkierungen, die oft monatelang irgendwelche Baustellen absichern, an denen längst nicht mehr gebaut wird? Straßenreparaturen müssen sein, schon klar, aber müssen sie wirklich Monate, manchmal sogar Jahre dauern?
Den sozialen Wohnungsbau möchte sie antreiben, aber auch soziale Brennpunkte entschärfen. Vor allem aber will sie so schnell wie möglich das Thema Wohnsitzlose angehen. Inzwischen gibt es Tausende von ihnen. Sie campieren an Bahngleisen, an Autobahnauffahrten und in öffentlichen Parks, in Zelten, in Kartonhütten oder einfach unter freiem Himmel.
Mit ihrer Erfahrung im Bundeskabinett hofft Señora Martínez Ferrada, bei der Beschaffung öffentlicher Mittel zur Bekämpfung von Obdachlosigkeit erfolgreicher zu sein als ihre Vorgängerin Valérie Plante.
Die verfolgte bei ihrer Wahl vor zwölf Jahren übrigens fast ein identisches Wahlprogramm wie Soraya Martínez Ferrada. Anfang des Jahres verkündete sie ihren Rücktritt. Grund: Amtsmüdigkeit und Erschöpfung.