
Manche Bauherren feiern Richtfest. Cassian feierte auf seiner Farm jetzt „Barn Quilt Lifting“. „Barn Quilts“ sind dekorative Holztafeln, die mit Motiven von traditionellen Stoffdecken bemalt sind. Diese Tafeln werden in Teilen Kanadas und der USA meist an Holzscheunen angebracht.
Cassians „Barn Quilt“ war eine Koproduktion von Mutter und Sohn. Mutter malt, der Sohn werkelt. Und Vater darf über dieses Familien-Gesamtkunstwerk sogar noch eine Bloghausgeschichte schreiben.
Die bunten geometrischen Designs auf den Quadratmeter-großen Tafeln erinnern an traditionelle Quilt-Muster, wie sie von Amish People vorwiegend in Pennsylvanien, Ohio und Ontario für Decken und Wandbehänge handgefertigt werden.
Barn Quilts haben nicht nur ästhetische, sondern auch kulturelle und spirituelle Bedeutung. Je nach Muster – spitz, rund, quadratisch, länglich oder sogar dreidimensional – liefern die Landwirte den Quilt-Designern bereits bei der Bestellung des Kunstwerks bestimmte Vorgaben: Glück, Fruchtbarkeit, Reichtum, Schutz vor Feuer, Diebstahl, Sturm und Wind.
Die Arbeitsteilung war klar: Cassian hatte sich das Design gewünscht, Lore sollte es auf einen Quadratmeter Holz übertragen. So ist ein Kunstwerk entstanden, das all die oben angeführten Tugenden symbolisieren und den Menschen Glück bringen soll, die in Cassians mehr als 200 Jahre alten Hof aus- und eingehen.
Seit gestern hängt der Quilt zwar nicht an der Scheune, sondern aus architektonisch-ästhetischen Gründen über den hölzernen Garagentoren und strahlt Besuchern schon von weitem entgegen.
Die Bewegung der Barn Quilts begann schon zu Zeiten des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges zwischen 1775 und 1783. Damals wurden die Kunstwerke aufgehängt, um Soldaten zu signalisieren: Hier gibt’s zu essen und zu trinken und wenn nötig auch ein friedliches Nachtlager.
Nach dem „Revolutionary War“ gerieten die bemalten Holztafeln lange Zeit in Vergessenheit. Vereinzelt sah man die Schilder zwar auch in den darauffolgenden Jahrhunderten noch hier und dort. Richtig populär sind sie aber erst wieder in den letzten 25 Jahren geworden, als auch Nicht-Bauern die Schönheit der Kunst-Quadrate zu schätzen wussten und an ihren Häusern befestigten. Cassian fand eines davon in einer Farm in Vermont – und war fasziniert.
So populär sind die Scheunentafeln im Laufe der letzten Jahre geworden, dass in manchen Teilen der USA „Barn Quilt Trails“ ins Leben gerufen wurden. Das sind von Liebhabern organisierte „Kunstpfade“, bei denen Gleichgesinnte die unterschiedlichen Quilts bestaunen können.
Der Gedanke daran, dass Busladungen von Menschen demnächst auf seinem Gehöft einfallen könnten, bereitet unserem Sohn im Moment noch kein Unbehagen.

























