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Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

— Heute mal in eigener Sache —


Irgendwie hakt es in letzter Zeit. Immer wieder höre ich von Leuten, die meinen Blog abonniert haben: “Wo bleiben eigentlich meine Bloghausgeschichten?” Sie landen zu spät in ihrer Mailbox, manchmal gar nicht.

Eine mögliche Erklärung könnte sein: WordPress, die Firma, die meinen Blog hostet und die jeden Monat von mir Geld dafür bekommt, ist mit dem Abonnentenverzeichnis zu einer Plattform namens “Jetpack” umgezogen. Das dürfte eigentlich keine Auswirkungen auf Sie, meine Abonnentinnen und Abonnenten, haben. Sollte es trotzdem mal im Getriebe knirschen, bitte ich um Entschuldigung.

Manchmal liegt es auch daran, dass sich Ihre Mailadresse geändert hat. In diesem Fall bitte ich Sie, sich erneut als Abonnent oder Abonnentin anzumelden. Sie dürfen mir aber auch gerne Ihre neue E-Mail-Adresse schicken, dann erledige ich das von hier aus.

Schreiben Sie mir bitte, wenn Sie Probleme mit der Zustellung haben? Ich versuche das dann von hier aus zu korrigieren: bloghausmail@herbertbopp.com

Danke und weiterhin viel Vergnügen mit den BLOGHAUSGESCHICHTEN. Das Abo wird selbstverständlich auch weiterhin kostenlos für Sie bleiben. Versprochen!

Nicht immer Glück im Un-Glück

So schnell kann’s gehen: Du schätzt für den Bruchteil einer Sekunde den Abstand der Holzbalken einer Fußgängerbrücke falsch ein – und schon verfängt sich der Vorderreifen deines E-Bikes zwischen den Latten. Dein Stahlross kippt um, wirft dich aus dem Sattel, und du bist erst mal geschockt. So passiert vor ein paar Tagen. Aber wie so oft ist alles glimpflich ausgegangen. Schürfwunden, sonst nichts.

Unfälle passieren immer dann, wenn man sie am wenigsten erwartet. Un-Fälle zu Un-Zeiten.

Wer beide Elternteile durch zwei verschiedene Verkehrsunfälle verloren hat, weiß, wovon er spricht. Nichts bereitet dich auf einen Unfall vor. Ob Glatteis oder Aquaplaning, Unkonzentriertheit oder das schusselige Verwechseln von Bremse und Gaspedal – es geht schneller, als man denkt. Und es muss nicht immer Michael Schumacher sein.

Auf die Idee, einen Unfall-Blog zu schreiben, hat mich David gebracht, ein freundlicher Mitbewohner unseres Hauses. Er erzählte mir gestern im Fahrstuhl von einem Motorradunfall, der ihn vor 45 Jahren querschnittsgelähmt im Rollstuhl zurückgelassen hat. Für einen Moment nicht aufgepasst – und schon war’s geschehen.

Ein früherer Kollege von mir – durchtrainiert und geistig topfit – war beim Radfahren einen Moment unachtsam. Er verbrachte seine letzten Lebensjahre bewegungslos im Spezialbett. Seine E-Mails textete er mit einem Blasrohr, mit dem er die Computertastatur bediente.

Glück im Unglück hatte im vorigen November dagegen ein Kölner Kollege. Auch er stürzte vom Rad. Klamotten kaputt, Schürfwunden und Prellungen. Hat drei Monate wehgetan. „Und ich weiß bis heute nicht, wie das passiert ist.“

Der Satz könnte von Lore sein. Auch sie weiß bis heute nicht, wie das vor ein paar Wochen passieren konnte: Eine falsche Bewegung mit der (zugegeben viel zu breiten) Lenkstange – und schon landete sie im Straßengraben. Lore blieb unverletzt. Der Lenker wird ausgetsauscht.

Als Kind habe ich einen Klassenkameraden namens Peter durch einen Unfall verloren. Er half manchmal bei einem Bauern im Dorf aus. Der Traktor, auf dem er saß, kippte am Hang um und begrub ihn unter sich. Peter war damals vielleicht neun oder zehn.

Ob beim Radfahren, Autofahren, Schwimmen, Wandern: Unfälle passieren immer und überall. Und sie passieren den Besten von uns, wie jetzt bei Laura Dahlmeier, beim Bergsteigen.

Warum ich so ein düsteres Thema an so einem herrlichen Sommertag in Montreal aufgreife? Weil ich möchte, dass wir alle noch viele solcher herrlichen Sommertage erleben.

Mit Bedacht – und unfallfrei.

Bauernmarkt mit Großstadt-Flair

Ein Sommer-Samstag in Montréal: Mit der Metro in den Norden der Stadt, rein ins Gewühl. Der Jean-Talon-Markt in Little Italy ist ein „Farmer’s Market“, zu dem die Bauern noch vom Land kommen, um ihre Produkte zu verkaufen. Ländlich-sittlich trifft hip: Kleine Bistros servieren Croissants, Natas und andere Leckereien. Daneben warten Austern- und Hummerhändler nicht lange auf Publikum. Mexikanische Restaurants und karibische Kneipen. Käse direkt von der Ziegenfarm und Würste vom Dorfmetzger. Sagte ich schon, dass Montréal die Stadt meines Herzens ist? Und das schon seit 45 Jahren. Schönes Wochenende!

Farmer mit Herz und Boden

Wenn Sie demnächst irgendwo in Europa in einen Tofu-Burger beißen, könnte es gut sein, dass die Sojabohnen dafür von unserem befreundeten Nachbarn Dennis und seiner Frau Kathy stammen. Die beiden betreiben direkt an der amerikanischen Grenze, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Cassians Farm, einen landwirtschaftlichen Familienbetrieb, der zu den größten in der Region zählt.

Die Sojabohnen von Dennis’ Feldern sind wegen ihrer Qualität gefragt – viele Tonnen davon werden Jahr für Jahr über den Hafen von Montréal in alle Welt verschifft.

Auf den ersten Blick wirken Dennis und Kathy Wallace wie viele andere Landwirte in der Montérégie, südlich von Montréal: geerdet, von der Sonne gebräunt, gastfreundlich, fleißig und unermüdlich in ihrer Hilfsbereitschaft.

Wer sich aber – wie ich heute – von Dennis mit dem Pickup über seine Felder, Wiesen und Wälder führen lässt, merkt schnell: Hier sind Menschen am Werk, denen nicht nur der Ertrag, sondern auch Natur und Ernährung am Herzen liegen. Zwar ist der Betrieb nicht offiziell bio-zertifiziert, doch hier wird Landwirtschaft mit Respekt vor dem Boden betrieben. Mit modernster Technik – und einem Verantwortungsgefühl, das inmitten der computerisierten Maschinen fast nostalgisch wirkt.

Dennis und Kathy bewirtschaften 530 Hektar Ackerland und weitere 165 Hektar Wald – auch für kanadische Verhältnisse beeindruckende Zahlen. Für meine oberschwäbischen Leser, wo noch wie früher gerechnet wird: Das sind etwa 2800 Morgen. Zusammen entspricht das ziemlich genau der Fläche von 1000 Fußballfeldern. Neben Sojabohnen gedeihen hier unter anderem Mais, Weizen, Roggen und grüne Bohnen.

Der Wald wird nur genutzt, wenn Holz für den Bau einer neuen Scheune oder Maschinenhalle benötigt wird. Und Maschinen gibt es viele: Dutzende landwirtschaftliche Fahrzeuge gehören zu den „Wallace Farms“, deren Flächen sich über das Gebiet zwischen Hemmingford und Lacolle erstrecken.

Doch nicht nur Größe und Fuhrpark beeindrucken. Es ist vor allem die Hingabe, mit der Dennis und Kathy ihren Betrieb führen. Dass sich aus ein paar Wiesen und Feldern, die einst Dennis’ Großvater gehörten, inzwischen ein kleines Imperium entwickelt hat, erzählt von Weitsicht, Mut und Beharrlichkeit.

Mit Viehzucht – so lukrativ sie auch sein mag – konnte Dennis nie viel anfangen. Sein Herz schlägt für den Ackerbau. Gearbeitet wird mit einem kleinen, handverlesenen Team aus der Region.Und anders als viele seiner Kollegen setzt Dennis so wenig Chemie wie möglich ein. Stattdessen vertraut er auf natürlichen Dünger – am liebsten von Hühnern, aber auch von Schweinen und Schafen.

Der Boden soll leben, nicht ausgelaugt werden, heißt Dennis‘ Credo. Käfer, Würmer, Mikroorganismen – bei den Wallaces sind sie keine Schädlinge, sondern willkommene Mitbewohner unter der Erde.

Und das Ergebnis? Erträge, die sich in Menge und Qualität sehen lassen können. Arbeit, die man schmeckt. Nicht nur im Tofu-Burger.

Montréal: Der Blick von außen

„Das bessere Amerika“: Marcel über Montréal (links) und Toronto.

Wenn man mehr als sein halbes Leben an einem Ort verbringt, braucht es manchmal einen Augenöffner von außen, um diesen Ort wertzuschätzen. Marcel, ein befreundeter Journalist aus Köln, hat mir diesen Eye Opener jetzt frei Haus geliefert. In diesem Gastbeitrag schildert er seine Eindrücke, die er vor einigen Wochen in Kanadas beiden größten Städten Toronto und Montréal gesammelt hat:

Montréal hat auch 20 Jahre nach meinem Studienaufenthalt nichts von seinem Charme eingebüßt – im Gegenteil: Stadt und Bewohner wissen ganz genau, was sie können – und was nicht. Kein Big Business, dafür ein bunter Strauß an Festivals, extrem viele grüne Ecken, Radwege und endlose Terrassen mit hippen Cafés und Restaurants an jeder Ecke. Oft inklusiv gedacht – denn es braucht nicht zwingend viel Kohle, um am Leben teilzunehmen.

Etwas verwundert las ich auf einer lokalen Szene-Seite über das Stadt- und Nachtleben, Montréal sei so etwas wie ein „Little Berlin“ – für mich ist das Bullshit. Nicht nur, weil beide Städte mitsamt ihrer Agglomeration nahezu gleich groß sind, sondern weil Montréal in meinen Augen entspannter, weltoffener und bunter ist als das oft graue, raue und gestresste Berlin.

Montréal kombiniert auf fast perfekte Weise den europäischen Anspruch an Kultur und Lebensart mit nordamerikanischer Gelassenheit und viel Pioniergeist. Mein Gefühl: Die Stadt hat ihren Minderwertigkeitskomplex etwas abgelegt – sie muss wirtschaftlich nicht mit New York, Toronto oder Chicago mithalten, um eine Weltstadt auf Spitzenniveau zu sein.

Montréal braucht keine Fußball-WM, keine 800 Meter hohen Wolkenkratzer und keine künstlichen Shoppingmalls, um großartig zu sein – die Stadt trägt den Stolz ihrer eigenwilligen Schönheit tief in der Seele. Der Vibe saugt dich ein und lässt dich förmlich in seinem Rhythmus mitleben.

Und dann Toronto:

Schon auf dem Weg in die Stadt hat uns der andauernde Boom geflasht. Die 20 Fahrspuren auf dem Highway 401 gab’s vor einigen Jahren noch nicht – und sie sind selbst für deutsche Autobahnfahrer verdammt viele. Toronto ist noch multikultureller – auf den Nebenspuren sind viele mit Turban oder chinesischen Glücksbringern unterwegs.

Es ist dieses kanadische Mosaik, das sich hier noch deutlicher vom US-amerikanischen Melting Pot abhebt. Die Hochhausdichte in Uptown, Midtown und Downtown ist spektakulär – immer wieder versperren neue Ballungszentren die Sicht. Nur der ikonische CN Tower bleibt als verlässlicher Orientierungspunkt.

Toronto produziert Geld – viel Geld. Und das hat die Stadt über die Jahre deutlich attraktiver gemacht. Downtown, King St. West und das Distillery District bieten dutzende coole Bars, Clubs und Restaurants. Das Publikum ist noch diverser als in Montréal. Die Einstiegshürden, auch sprachlich, sind niedriger. Man ist umgeben von englischsprachigen Bankern und IT-Profis aus China, Pakistan oder Bangladesch.

Entsprechend vielfältig ist auch das gastronomische Angebot. Keine Frage: In Toronto lässt es sich hervorragend leben. Die Inseln im Lake Ontario lassen den Großstadtdschungel in wenigen Minuten vergessen.

Schon sehr schön – aber wie in der Liebe: Manchmal springt der Funke trotz vieler rationaler Argumente einfach nicht über. Dann muss man eben weiter – oder doch zurück?

Hier wie dort: Es ist das bessere Amerika.

MONTRÉAL: Entspannt, weltoffen. bunt. Foto: Bopp
TORONTO: Schon schön, aber … Foto: Marcel