
Keine Angst: Dies soll keine weitere Beschwerde über das kanadische Gesundheitssystem sein. Bei aller Kritik: Es hat mir vor eineinhalb Jahren das Leben gerettet. Aber vielleicht interessiert es den einen oder die andere, wie das hier abläuft, wenn man mal einen Arzt braucht.
Ich schleppe mich seit einer Woche mit grippeähnlichen Symptomen herum. Starke Kopfschmerzen, Schnupfen, trockener Husten. Normalerweise kein Ding. Ibuprofen aus der Apotheke und gut ist’s.
Bei mir liegt der Fall etwas anders. Nachdem vor eineinhalb Jahren 75 Prozent der Bauchspeicheldrüse und die komplette Milz entfernt werden mussten, fehlt mir das wichtigste Instrument zur Abwehr bestimmter bakterieller Infektionen. Die Milz beschleunigt bekanntlich den Heilungsprozess. Ohne sie kann es lange dauern, bis sich der Körper von einer Infektion erholt. Bei mehr als 38 Grad Fieber wird’s richtig gefährlich. Da hilft nur noch der Notarzt.
Zum Glück habe ich kein Fieber. Ich frage mich nur, warum die Symptome nach einer Woche noch immer nicht verschwunden sind. Eine Frage, die nur ein Arzt oder eine Ärztin beantworten können.
Einen Hausarzt haben hier nur die wenigsten Menschen. Die Wartezeit beträgt Jahre. Ich könnte also zur Notaufnahme ins Krankenhaus. Dort beträgt die Wartezeit, speziell am Wochenende, gut und gerne neun Stunden, manchmal noch viel mehr. Das Risiko, mir unter all den Kranken eine richtige Infektion zu holen, ist hoch. Es gibt noch Plan B und C.
Plan B ist eine Internetseite, die sich gerade im Aufbaustadium befindet und auffallend häufig offline ist. Auch lässt sie inhaltlich (noch) sehr zu wünschen übrig. Also wähle ich Plan C.
Der heißt 811. Diese Nummer wählt man in Québec, um eine Krankenschwester an den Apparat zu bekommen. Eigentlich eine gute Idee. Die Stunde in der Warteschlange ist nicht schlimm. Meldet sich dann die freundliche „nurse“ – anfangs en français, später auf besondere Bitte auch auf Englisch – notiert sie sich Symptome und Vorgeschichte und vergibt einen Dringlichkeits-Code. Der ist bei mir blau. „Mittlere Priorität“ also. Ich muss innerhalb von 48 Stunden einen Arzt sehen.
Termin und Location für den Arztbesuch bekomme ich – Stichwort Warteschleife – in einem separaten Telefonat zugeteilt. Am morgigen Dienstag ist es soweit.
Ich erzähle diese Geschichte, weil ich in letzter Zeit häufig Beschwerden über das Gesundheitssystem in Deutschland höre. Kann es sein, dass es dort doch etwas geschmeidiger zugeht als hier in Kanada – mit dem angeblich „besten Gesundheitssystem der Welt“? Jammern auf hohem Niveau?
In Québec haben die allerwenigsten Menschen einen Hausarzt. Ich auch nicht. Dr. Su hat sich für zwei Jahre (!) in den Mutterschaftsurlaub verabschiedet. Einen Nachfolger gibt’s nicht. So wie alle anderen bin auch ich mit all meinen Vorerkrankungen darauf angewiesen, selbst bei geringen Beschwerden oder auch nur für ein Rezept in die Notaufnahme zu gehen – mit Wartezeiten und Risiken, die viele nicht eingehen wollen. Also wählen sie die „811“.
Nicht schlecht, aber es könnte besser sein. Viel besser! So gut wie in Deutschland? Davon träumen wir hier.











