






















Meine Reise durch die Welt im Uber-Taxi geht weiter: Nachdem ich vor ein paar Tagen eine junge Kongolesin, die in Bordeaux lebt, auf den „Mont Royal“ chauffieren durfte, hatte ich gestern ein Paar der ganz besonderen Art auf dem Rücksitz.
Eine Inuit-Frau mit ihrem Mann. Sie waren von dem Dorf Puvirnituq nach Montreal gereist, um sich hier medizinisch untersuchen zu lassen. Einen entsprechenden Service bietet die Regierung kanadischen Indigenen kostenlos an.
Puvirnituq liegt etwa 2000 Kilometer nördlich von Montreal, in der kanadischen Subarktis. Die Frau ist dort geboren und aufgewachsen. Ihr Mann stammt aus Seattle und kam in den 80er-Jahren vorübergehend als Elektriker in das Dorf.
Er hat sich in diese Inuit-Frau verliebt und lebt bis heute mit ihr dort oben, in der arktischen Kälte. Die Beiden sind weitgehend Selbstversorger und leben von der Jagd und vom Fischfang.
Sie seien seit 47 Jahren verheiratet, erzählen sie mir auf der Uber-Fahrt durch die Vorstädte Montreals. Händchenhaltend sitzen sie auf dem Rücksitz.
Was das Geheimnis einer so langen Ehe sei, will ich von ihnen wissen.
ER: „Die Frau hat immer Recht, auch wenn sie falsch liegt“. SIE: „Ich liege nie falsch!“ Dabei lächeln sie sich wie zwei Frischverliebte an.
Wie kommen zwei, die am Ende der Welt wohnen, überhaupt in ein Uber-Taxi? Im Inuit-Zentrum habe man ihnen nach der Ankunft in Montreal die App aufs Handy geladen. Sie scheinen wunderbar damit zurecht zu kommen.
Ich habe meinem Freund Marc, einem pensionierten Kinder-Kardiologen, die Geschichte meiner Fahrgäste aus Puvirnituq erzählt.
Und jetzt kommt etwas, das mit Zufall kaum mehr zu erklären ist:
Er sagt, er kenne Puvirnituq gut. In den letzten 30 Jahren seiner Karriere sei er zweimal im Jahr von Montreal dorthin geflogen und jeweils zwei bis drei Tage geblieben, um Patienten zu sehen.
In den 80er Jahren konnte die Start- und Landebahn noch keine Düsenjets aufnehmen, also musste er zunächst mit einer B 737 in die Siedlung Kuujjuarapik fliegen und dort in eine kleinere „Air Inuit“ Twin Otter umsteigen.
Im Winter landete das mit Kufen ausgestattete Flugzeug in der zugefrorenen „Hudson Bay“. Dort wurde mein Freund Marc abgeholt und mit einem Motorschlitten zur Pflegestation gebracht. Die ganze Reise dauerte damals sieben bis acht Stunden. Heute ist der Flug von Montreal nach Puvirnituq in weniger als 4 Stunden zu schaffen.
Auf dem Rücksitz meines Uber-Taxis schrumpft die Welt auf ein paar Quadratzentimeter zusammen.
Geschichten wie die obigen bekomme ich fast täglich zu hören. Und natürlich mache ich jeden Abend Notizen über die Gespräche, die ich während des Tages geführt oder manchmal auch nur „versehentlich“ mitgehört habe.
Vielleicht gibt’s doch nochmal ein Buch?



Wenn der Mond am hellen Nachmittag die Sonne küsst und der Himmel dabei verschämt den Vorhang zuzieht, dann ist das ein Grund zum Feiern. Die totale Sonnenfinsternis war ein Naturspektakel, wie man es nicht alle Jahre, nicht einmal alle Jahrzehnte sieht.
Wenn die “Total Solar Eclipse” sich dann auch noch direkt über der Farm abspielt, die zu unserem Home Away from Home geworden ist, dann berührt das deine Sinne auf eine Art und Weise, die nur schwer zu beschreiben ist.
Innerhalb kurzer Zeit verwandelt sich der stahlblaue Frühlingshimmel in ein graues Tuch und spielt dann minutenlang Versteckspiel im Stockdunkeln, nur um wenig später den Vorhang wieder zurückzuziehen und dem sonnigen Nachmittag neuen Schwung zu verleihen.
Dazwischen ein Kaleidoskop von Licht und Schatten, Wind und Stille, Wärme und Kälte. Und irgendwann, als der Mond bereits tschüss gesagt hat, erscheint am Horizont etwas, von dem man nicht weiß, ob es nach Sonnenaufgang oder Abendrot aussieht.
Anders als in der Millionenstadt Montreal, wo sich Hunnderttausende zu Sonnenfinsternis-Partys auf der Île Sainte-Hélène und zahlreichen anderen Parks getroffen haben, ging es auf Cassians Farm beschaulich zu.
Nach einem Mittagessen schnappte sich jeder eine Spezial-Sonnenbrille und blickte, zunächst sehr behutsam, später aber beherzt, in den Himmel.
Vielleicht war dieses Naturspektakel so emotional, weil es lange, sehr lange Zeit dauern wird, bis es sich einem erneut bietet – bei manchen zu lange, um es noch einmal zu erleben.
Wer das Glück hat, so ein Wunder der Natur im Kreise der Familie und mit Freunden zum letzten Mal bestaunen zu können, fühlt dann auch einen Hauch von Demut.
Danke, Natur! Danke, Himmel! Danke, Familie!














Fast 300.000 Haushalte ohne Strom. Schulen, Kitas und Kindergärten geschlossen. Es muss ein Tag wie heute gewesen sein, als der Quebecer Chansonnier Gilles Vigneault vor fast 60 Jahren seine Ode an den kanadischen Winter geschrieben hat: „Mon pays, ce n’est pas un pays, c’est l’hiver“. Mein Land, das ist kein Land, das ist der Winter.
Ist es nur ein letztes Aufbäumen, das uns die Natur in der vergangenen Nacht beschert hat? Oder zeigt Petrus all denen eine lange Nase, die ihm jetzt schon seit Jahren mit dem Klimawechsel auf den Geist gehen?
Fakt ist: Bis zum Abend soll es gut 20 cm Neuschnee geben. Dazu Windböen, die einen selbst im Januar das Fürchten gelehrt hätten.
Ich sehe sie schon in meiner Mailbox, die – natürlich „gut gemeinten“ – Fotos mit den blühenden Tulpen auf Mallorca oder den Osterglocken im Allgäu.
Und dann diese grässlichen Strandfotos aus Mexiko! Ekelhaft.
Geduld, Freunde, Geduld! Am Montag bekommt ihr Fotos von der Sonnenfinsternis, die wir bei frühlingshaften Temperaturen vom Liegestuhl aus genießen werden.
Es sei denn Petrus spinnt mal wieder und überlegt es sich doch noch anders.



Wenn es Frühling wird in Quebec, steigt über den Zuckerhütten der weiße Rauch auf. In den spiegelblanken Becken wird dann der Saft eingekocht, der zuvor von den Ahornbäumen abgezapft wurde. Kalte Nächte, milde Tage – das sind die besten Bedingungen für eine ertragreiche Ernte.
Die Herstellung von „Maple Syrup“ ist ein mühsames, arbeitsintensives Geschäft. Robby Kyle und Alison Brosseau, die in der Nähe des Städtchens Hemmingford eine idyllisch gelegene Zuckerhütte betreiben, produzieren bereits in der fünften Generation hochwertigen Ahornsirup.
Zusammen mit einem jungen Paar aus der Schweiz, das eigens dafür nach Kanada gekommen war, wird nach Jahrhunderte alten Rezepten Ahornsirup gewonnen, der später in kleinen Mengen an Liebhaber dieser klebrigen Versuchung verkauft wird. Ahornsirup ist ein typischer Bestandteil der nordamerikanischen Küche und wird vorwiegend zu Waffeln, Pfannkuchen und Eiscreme serviert.

Anders als die meisten kommerziellen Anbieter, für die das jährliche „Sugaring Off“ ein großes Geschäft geworden ist, betreiben Robby und Alison die Zuckerernte aus Liebe und Leidenschaft – und auch, um die Tradition ihrer Vorfahren aufrecht zu erhalten.
Kanada ist Hauptproduktionsland für Ahornsirup. Etwa 90 % der weltweiten Produktion werden in der Provinz Quebec erwirtschaftet.
Viele Produzenten von Ahornsirup lassen den kalten, noch flüssigen Saft über ein Netzwerk von Plastikschläuchen vom Baum direkt in die Tanks der Zuckerhütten fließen. Nicht so Robby und Alison. Bei ihnen wird der „maple sap“ noch von Hand geerntet und in dafür aufgestellten Metallbehältern eingesammelt.
Für einen Liter Ahornsirup werden etwa 40 Liter Saft benötigt, die ein einzelner Baum in etwa zwei Wochen hervorbringen kann.
Schon bald werden die Tage zu warm sein und der Saft fließt nicht mehr in genügenden Mengen aus den Ahornbäumen. Vielleicht war gestern das letzte Mal in dieser Saison, dass in der Holzhütte in Robbys Wäldern eine Autostunde südlich von Montreal Hochbetrieb herrschte.
Es war Cathy, die Nachbars-Farmerin von Cassians Anwesen, die uns diesen denkwürdigen Oster-Nachmittag bei ihren Freunden ermöglicht hat. Dankeschön!
Die Technik der Ahornsirup-Gewinnung ist kompliziert. Wer sich dafür interessiert, sollte sich am besten bei >> Wikipedia << näher informieren.
