Es ist Oktober und wir haben noch immer fast hochsommerliche Temperaturen. Schon klar: Klimawandel. Aber auch ein kleines bisschen Glück. Nach einem grimmigen 2020 hat uns 2021 mit einem der schönsten Sommer seit Jahren belohnt.
Höchste Zeit, sich in aller Form bei diesem neverending Sommer’21 zu bedanken, der jetzt schon seit Anfang April anhält und nur ganz langsam zu Ende geht.
Man könnte vor Demut in die Knie gehen, wenn man, wie hier am Lac Dufresne, dem Indian Summer beim (Ver-)Blühen zuschaut.
Und weil keine Worte dem gerecht werden, was uns hier zurzeit geboten wird, lasse ich einfach mal wieder Bilder sprechen – und als Bonus (oben) ein kurzes Video. Es ist heute Mittag auf dem Weg hierher entstanden.
Manchmal schlägt das Schicksal schon grausam zu. Als jetzt ein gut meinender Montrealer seiner Chantal einen Heiratsantrag machte, musste ein Mensch sterben, ein anderer wurde schwer verletzt. Und “Chantal Will You Marry Me?“ wurde über Nacht zum Stadtgespräch.
Es war Samstagabend in Montreal. Auf der Île Sainte-Hélène rockten zum ersten Mal seit Beginn der Pandemie wieder Tausende zum Osheaga Festival. Der perfekte Abend, um seiner Angebeteten einen Heiratsantrag zu machen.
Doch dieser Heiratsantrag endete tödlich.
Ein namentlich nicht bekannter Mann hatte eine auf Flugzeug-Bannerwerbung spezialisierte Firma beauftragt, eine „Cessna 172” am Montrealer Abendhimmel kreisen zu lassen. Auf dem Banner, den die Sportmaschine hinter sich her zog stand: “Chantal Will You Marry Me?“
Und dann passiert die Katastrophe. Die Maschine kommt ins Trudeln, wie Augenzeugen berichteten. Dann stürzt sie ab – auf einer kleinen Halbinsel, die weit in den St-Lorenz-Strom hineinragt. Ein paar hundert Meter davon entfernt tanzen zu diesem Zeitpunkt beim Osheaga-Festival Tausende maskierte und zweifach geimpfte, vorwiegend junge Leute zu einer Band.
Der Pilot wird verletzt ins Krankenhaus eingeliefert. Sein Passagier stirbt. Die Maschine geht in Flammen auf.
Wer Chantal ist und wie sie auf den tödlichen Heiratsantrag reagiert hat, ist nicht bekannt.
Von dem “Chantal Will You Marry Me?“-Banner fehlt jede Spur. Vermutlich hat der Schriftzug seinen letzten Ruheplatz im St-Lorenz-Strom gefunden.
Dem schwerverletzten Piloten der Cessna gehört die Firma, die Flugzeug-Schleppbanner-Werbung anbietet. Er muss ein sehr guter Pilot sein.
Vor 15 Jahren war ihm eine Notlandung auf einer der meistbefahrenen Straßen Montreals gelungen. Weil er seine Maschine damals nicht in eines der vielen Hochhäuser crashen ließ, sondern sicher auf der Avenue du Parc zum Stehen brachte, wurde er mit der höchsten Auszeichnung geehrt, die in Quebec an Piloten vergeben wird.
Die verunglückte Cessna ist übrigens 47 Jahre alt.
Seit heute gibt es einen neuen Feiertag in Kanada: National Day for Truth and Reconciliation heisst er. Ein sperriger Begriff für ein nicht weniger kompliziertes Thema: Kanadas Umgang mit seinen indigenen Völkern.
Auch der „Tag des orangefarbenen Hemdes“ wird am 30. September begangen. Dieser kanadische Gedenktag geht auf die Erfahrungen von Phyllis Webstad zurück, einer Secwepemc (Shuswap) aus dem Norden der Stswecem’c Xgat’tem First Nation.
Als sie sechs Jahre alt war, schenkte ihr ihre Großmutter ein neues orangefarbenes Hemd, das sie an ihrem ersten Tag in der Internatsschule der St. Joseph’s Mission in British Columbia tragen sollte. Doch als sie dort ankam, wurde ihr das Hemd weggenommen und nie wieder zurückgegeben.
2018 veröffentlichte sie ihr Kinderbuch „The Orange Shirt Story“ (Die Geschichte vom orangefarbenen Hemd), um ihre Erfahrungen zu teilen.
Die Geschichte von Phyllis und ihrem orangenen Hemd spielt vor einem tragischen Hintergrund:
Allein in diesem Jahr wurden im Westen Kanadas die Überreste von Hunderten von indigenen Kindern gefunden. Sie waren von etwa 1870 bis in die 1990er Jahre ihren Familien entrissen und in sogenannten „residential schools“ untergebracht worden.
Dort mussten sie die Traditionen der europäischen Kolonialisten lernen, um ihre eigenen Sprachen und Kulturen zu vergessen. Gewalt und sexueller Missbrauch gehörten zur Tagesordnung.
Diese Internate waren lange von der katholischen Kirche betrieben worden. Premierminister Justin Trudeau forderte den Papst auf, nach Kanada zu kommen und sich zu entschuldigen. Bisher ohne Erfolg.
An dieses schwarze Kapitel in der kanadischen Ureinwohner-Geschichte soll der heutige Feiertag erinnern. Überall im Land, auch auf dem “Place du Canada” in Montreal, versammelten sich Demonstranten. Vertreter der indigenen Völker forderten Aufklärung und klagten an: die Kirchen, die Behörden, die Regierungen.
Doch die fehlten im Meer der orangefarbenen Hemden. Von Geistlichen keine Spur, auch nicht von maßgeblichen Politikern.
Alles wie gehabt also, nur dass die Schande jetzt einen Namen hat: “Tag der Wahrheit und der Versöhnung”.
Huch – was war das denn? Morgens kurz nach drei schon ein Scheinwerferkegel im Gesicht? Keine Panik: Es ist nur der Mond, der zur Unzeit sein gleißendes Licht über dem Lac Dufresne erstrahlen lässt.
Die Woche im Blockhaus geht heute zu Ende – ein Traum!
Tagsüber hochsommerliche Temperaturen, nachts kühles Schlafwetter bei offenem Fenster. Dem Indian Summer beim Blühen zuzuschauen ist ein Naturerlebnis, das sich nur schwer beschreiben lässt.
„Die Bäume sehen aus, als hättet Ihr sie angemalt“, schreibt mein Kumpel Joerg beim Anblick der Blog-Fotos. Das habe jemand anders für uns gemacht, antworte ich ihm, sie heißt „Madame Nature“. Joerg so: „Die Dame hat ‘nen geilen Pinselstrich!“
Zweimal sind wir während dieser Woche mit dem Boot über den See geschippert. Einmal, um mit dem Auto für Lebensmittel- und Getränkenachschub im 16 Kilometer entfernten Ste. Agathe zu sorgen.
Beim zweiten mal für eine Tagestour durch den wunderschönen Nationalpark „Mont Tremblant“ zum gleichnamigen Städtchen. Entschuldigung, aber die Wurstplatte mit Sauerkraut (und Salat !!!) musste sein. Da lacht sich selbst der Elch auf dem Fahrrad schlapp – siehe Foto.
Der Besuch in der Brauereigaststätte war übrgens nur mit Impfnachweis möglich. Das hat etwas Beruhigendes an sich.
Die Woche in Bildern. Zum Vergrößern einfach anklicken:
Mit Medienschaffenden ist es wie mit Köchen. Sie experimentieren gerne mal mit neuen Formaten, bzw. Rezepten. Da mal ein Blog, dort ein neues Chat-Tool, ein Video-Kanal, ein eBook. Oder auch ein Podcast. Dass ich mein Podcast-Experiment „DEINE STORY – MEINE STIMME“ nach nur sechs Episoden eingestellt habe, hat mehrere Gründe.
Die Idee, fand ich, war nicht schlecht: Anderer Leute Geschichten mundgerecht umtexten, sie dann aufnehmen und schließlich als Podcast-Episoden in die Welt hinaus blasen.
Ein überschaubarer Aufwand, könnte man meinen. War es aber nicht.
An guten Geschichten aus aller Welt fehlte es nicht. Ich habe jede einzelne von ihnen gelesen. Diese aber so umzutexten, dass sie nicht nur den eigenen Ansprüchen genügen, sondern auch denen der AutorInnen – das war der Spagat, den ich nicht mehr stemmen konnte.
Natürlich hat jeder, der eine Geschichte erlebt, konkrete Vorstellungen davon, wie so eine Story erzählt werden soll. Und da gingen die Meinungen manchmal auseinander. War ein Autor detailverliebt und meinte, auch das letzte Komma müsse noch grammatikalisch begründet werden, ging es mir eher um die Story und deren Unterhaltungsfaktor.
Mit guten Geschichten ist es wie mit einem Sandwich: Die untere Scheibe Brot ist die Grundlage, auf der die Story basiert. Dazwischen kommt leckeres Füllmaterial in Form von schmackhaften Fakten, szenischen Schilderungen und markigen Zitaten. Dann Deckel drauf, um die Geschichte zusammen zu halten, damit das Publikum beim Zuhören ja nicht den Appetit verliert.
Doch die Podcast-Praxis sah anders aus. Vor allem am Füllmaterial schieden sich oft die Geister. Ich wollte meine Hörerinnen nicht mit unnötigen Fakten langweilen, sie aber auch nicht mit narrativen Kunstformen überfordern.
Es wurde kompliziert.
Dazu kam: So einen Podcast zu produzieren, erfordert nicht nur ungemein viel Zeit, sondern auch technisches Knowhow und die dazugehörigen Tools.
Von allem habe ich ein bisschen, aber eben nicht mehr genug. Seit meiner aktiven Zeit als analog arbeitender Hörfunk-Reporter gab es eine digitale Revolution. Aufnahme-Software zu testen, sie zu kaufen und dann zu installieren, ist eine Sache. Sie dann aber auch zu verstehen und zielführend anzuwenden, eine andere.
Auch die Bürokratie, die mit so einem Podcast einhergeht, kann ganz schön nerven. Wo finde ich die passende lizenzfreie Musik? Wer macht mir einen griffigen Djingle, für den ich nicht bei jedem Abspielen bezahlen muss? Immerhin war das Logo-Design nicht nur hübsch, sondern auch kostenlos. Es stammt übrigens von Cassian. Danke!
Das Schöne in meiner Lebensphase ist: Man muss sich nichts mehr beweisen. Weder sich selbst, noch anderen. Also wollte ich mir bei allem Interesse für neue Internetformate den Frust nicht mehr antun, mehr Zeit mit Tutorials zu verbringen als mit der eigentlichen Produktion.
Dazu kam mein Augenleiden, das mich immer wieder ausgebremst hat. Dies alles führte schließlich dazu, dass ich irgendwann sagte: Tschüss, Podcast! War schön, dich kennenzulernen. Aber so richtige Freunde sind wir nie geworden.
Den Story-Gebern, die mir die ersten Episoden ermöglicht haben, möchte ich an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön sagen. Auch den unerwartet vielen Hörerinnen und Hörern, die mir auf Spotify, Anchor, Google, Apple und anderen Plattformen gefolgt sind, danke ich.
Ebenso den PodcasterInnen Louisa,Nora und Rüdiger, die mich anfangs unter ihre Fittiche genommen haben. Vor ihrer Arbeit habe ich jetzt noch mehr Respekt als zuvor. Podcaster verdienen unsere Unterstützung.
Die gute Nachricht ist: Während mein Podcast gerade mal sechs Monate überlebt hat, haben die BLOGHAUSGESCHICHTEN soeben ihren zehnten Geburtstag gefeiert.
Und wer weiss: Vielleicht gibt es ja auch künftig wieder „irgendetwas mit Medien“, das ich unbedingt wieder ausprobieren möchte.