Christa und die Indianer

Zuneigung und gegenseitiger Respekt: Christiane Längin und Kanadas Ureinwohner. Foto: RBC Convention Centre

Es passt viel rein, in so ein Leben. Viele Plätze, viele Ereignisse, viele Schicksale, viele Menschen. Einer dieser Menschen ist Christa Längin. Unsere Wege haben sich zum ersten mal am 8. Dezember 1973 gekreuzt – dem Tag, an dem mein erstes Kanada-Abenteuer begann. Unsere Freundschaft dauert bis heute an.

Es war ein gnadenlos kalter Wintertag, an dem ich damals in Winnipeg/Manitoba gelandet bin, um meinen Reporter-Job bei einer deutschsprachigen Wochenzeitung anzutreten. 40 Grad minus zeigte das Thermometer an, ein Nordwind tobte durch die Straßen der 400.000-Einwohner-Stadt mitten in der Prärie. Hier sollte ich also die nächsten drei Jahre leben und arbeiten.

Empfangen wurde ich von Bernd Längin, meinem inzwischen verstorbenen Freund und Chefredakteur, und seiner Frau Christa. Sie stammten beide aus Karlsruhe und hatten trotz ihrer relativen Jugend – Ende 20 – schon eine Menge erlebt. Darunter auch fünf Jahre in Südwestafrika, dem heutigen Namibia. Dort, in Windhoek, hatte auch ihre Tochter Marion das Licht der Welt erblickt.

Sie waren ein Dream-Team: Bernd, der Journalist, der im Laufe seines viel zu kurzen Lebens auch Dutzende von Fachbüchern über religiöse und ethnische Minderheiten geschrieben hat. Christa, die bienenfleißige junge Frau, die später als erfolgreiche Unternehmerin Karriere machen sollte.

Ihre Firma „Springhill Lumber“ spezialisierte sich auf Bau und Vertrieb von Fertighaus-Teilen für kanadische Ureinwohner. Auf Eisstraßen, deutschen Fernsehzuschauern von der Serie „Ice Roads Truckers“ bekannt, wurden die Teile über zugefrorene Flüsse und Seen mit Spezialtransportern von Winnipeg aus ans Ziel gebracht. Springhill Lumber verkaufte und lieferte die Baumaterialien und bildete in speziellen Kursen „supervisors“ aus, die wiederum den Indianern beim eigentlichen Bau der Häuser Anleitungen gaben.

Heute können die Ureinwohner der meisten Reservate ihre Unterkünfte selbst bauen – ein Erfolg, auf den Christa Längin mit Recht stolz sein kann.

Profitiert haben beide von diesem Unterfangen: Die Indianer im Norden Kanadas. Und Christas Firma „Springhill Lumber“.

Die Firma ist inzwischen verkauft. Mit ihrem neuen Partner Günter reist Christa seither durch die Welt. Dass kanadische Indianer zu dem Wohlstand beigetragen haben, den sie heute genießt, hat sie den Ureinwohnern von Manitoba, Saskatchewan und Ontario nie vergessen. Mit dem Buschflugzeug transportierte sie Windeln, Babynahrung und andere „Luxusgüter“ aus der Zivilisation in die abgelegendsten Indianerreservate des Nordens.

Bei einem dieser Buschflüge war ich mit an Bord. Wir drehten damals einen Film für das Deutsche Fernsehen. Es ist keine Übertreibung: Christa Längin wurde von den Ureinwohnern des Indianerreservats wie ein Rockstar empfangen.

Auch jetzt, im Ruhestand, hat Christa Längin ihre Freunde, die Indianer, nicht vergessen. Dem RBC Convention Centre, dem Winnipeger Kongresszentrum, vermachte sie eine umfangreiche Sammlung indianischer Kunst, die sie zuvor einer Reihe von Ureinwohner-Künstlern abgekauft hatte. Im großzûgig angelegten Foyer sind die Gemälde seit kurzem als Dauerausstellung zu bestaunen. Eine Auswahl davon gibt’s in dieser Bildergalerie

Es gibt Tage, an denen man besonders stolz ist auf seine Freunde. Der Tag, an dem sich Christa Längin bei kanadischen Ureinwohnern mit einer prächtigen Geste bedankte, war so ein Tag. Danke, Christa!

Bildrechte: RBC Convention Centre, mit freundlicher Genehmigung durch Karen Ilchena

Bitte hören Sie mir jetzt gut zu!

Bildrechte: Bopp

WARNUNG: Dieser Blogpost geht in die Privatsphäre und ist der persönlichste, den ich je geschrieben habe. Ich wähle diesen Weg nicht, weil ich Mitleid erwarte, sondern weil ich andere vor meinem Schicksal bewahren möchte.

Es ist im Grunde genommen ganz einfach: Fliegen Sie nie mit einer starken Erkältung oder gar einer Mittelohr-Entzündung! Sonst droht ihnen der Verlust des Hörvermögens. Genau das ist mir passiert.

Was riskiert man nicht alles, wenn nach fünf Monaten Mallorca der Rückflug nach Montreal ansteht! Ich hätte es besser wissen müssen. Die Bronchitis noch wenige Tage vor der Abreise, die Zahnwurzel-Behandlung am Tag vor dem Rückflug. Vor allem aber die extrem schmerzhafte Mittelohrentzündung 48 Stunden, ehe der Flieger ging.

Ich habe Hilfe gesucht – und sie auch gefunden. Not-Termin bei einem tollen kubanischen Zahnarzt. Besuch bei einem HNO-Spezialisten in Palma. Antibiotika, Cortison, Schmerzmittel. Und ab ging’s in den Flieger. Von Palma nach Frankfurt. Vier Stunden später weiter von Frankfurt nach Montreal.

Start und Landung waren nicht angenehm, aber auch nicht besonders schlimm. Den Druck auf den Ohren kennt jeder, der schon mal geflogen ist. Auch die Beeinträchtigung des Hörvermögens nach der Landung in Montreal war nicht ungewöhnlich. Alarmierend war allerdings, dass der Hörverlust auch Tage später nicht besser wurde, sondern schlimmer.

Bis heute warte ich vergeblich auf das erlösende PLOPP.

Unter dem Trommelfell beider Ohren hatte sich Flüssigkeit gebildet – deshalb die Schwerhörigkeit. Weil sich das Sekret auch nach weiteren Behandlungen mit Antibiotika nicht auflöste, folgte viereinhalb Wochen nach der Landung in Montreal ein chirurgischer Eingriff.

Es wurden ein „Paukenröhrchen“ eingesetzt und das Trommelfell mehrfach durchstochen. Damit sollte eine bessere „Belüftung“ der Gehörgänge erreicht werden. Doch der erwartete Erfolg blieb aus. Deshalb sah der HNO-Chirurg davon ab, auch ins andere Ohr ein Paukenröhrchen zu implantieren.

Mehr als eineinhalb Monate nach der Landung in Montreal und fast drei Wochen nach dem chirurgischen Eingriff ist mein Hörvermögen noch immer extrem stark eingeschränkt. Ob die Schwerhörigkeit von Dauer sein wird, ist im Moment unklar.

Sicher ist nur eins: Wäre ich an jenem schicksalhaften 29. Mai 2016 nicht ins Flugzeug gestiegen, könnte ich vermutlich auch heute noch das Gras wachsen hören.

Deshalb: Tun Sie’s nicht! Stornieren Sie ihren Flug! Quartieren Sie sich notfalls für ein paar Tage in einem Hotel ein. Irgendwann ist die Erkältung vorbei und Sie können getrost fliegen. Wenn Sie vorgesorgt haben, springt bei einer Umbuchung möglicherweise sogar die Versicherung ein.

Gute Reise! Ein „Halten Sie die Ohren steif“ verkneife ich mir lieber.

Mega-Party in „Little Portugal“

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© Screenshot Montreal Gazette

Wenn in einer Stadt mit vier Millionen Einwohnern eine der Hauptstraßen stundenlang für den Autoverkehr gesperrt bleibt, dann muss das schon einen guten Grund haben. Hat es auch: Portugal ist Fußball-Europameister.

Die Straße, der Boulevard St. Laurent, verläuft geradewegs durch „Little Portugal“. Dort wimmelt es nur so von Hähnchenbratereien und portugiesischen Fisch- und Gemüseläden. Dazwischen bieten Sanitärzubehör-Geschäfte gebrannte Fliesen an, oft mit Heiligen-Motiven aus der Heimat, die an vielen der Wohnhäuser die Eingänge zieren.

Und natürlich fehlen auch nicht die Kneipen, vor denen sich schon in Allerherrgottsfrühe meist ältere Männer treffen, um beim Café über Gott und die Welt zu plaudern, vor allem aber über Fußball.

Ich weiß das so genau, weil ich während der Fußball-EM häufig durch „Little Portugal“ spaziert bin, stets in der Gewissheit, Menschen zu treffen, für die Fußball mehr ist als nur ein Sport. Es ist der Kitt, der diese kleine, aber bunte und herzerfrischend lautstarke ethnische Gruppe zusammenhält.

Besonders deutlich wurde dies gestern Abend nach dem gewonnenen Finale. Kaum waren Ronaldos Tränen getrocknet, rannten Tausende von Menschen auf die Straße. Sie kamen aus den Kneipen gestürmt und aus Privathäusern, aus den Grillstationen und den Straßencafés. Viele von ihnen eingewickelt in portugiesische Flaggen, auf Autodächern und in Cabrios.

Diejenigen, die sich eine Ronaldo-Gummimaske übers Gesicht gezogen hatten, taten das nicht, um sich zu verstecken. Im Gegenteil: Sie feierten einen Helden. Auch wenn dieser nur 25 Minuten im Endspiel dabei war, schaffte er es, nicht nur eine Nation im Südwesten Europas stolz gemacht zu haben. Sechstausend Kilometer weiter westlich, in Montreal, legten fünftausend Kanadier portugiesischer Abstammung den Boulevard St. Laurent lahm.

Fünftausend Menschen in Feierlaune sind im Verhältnis zu vier Millionen Einwohnern nicht viel. Dass die Montrealer Polizei für die portugiesischen Fußballfans noch bis in die späte Nacht hinein den Verkehr regelte, spricht nicht nur für die Sportbegeisterung, die in meiner Stadt herrscht, sondern auch für die Toleranz, die hier gegenüber ethnischen Minderheiten aufgebracht wird.

Davon können sich die von Storchs, Petrys und andere dumpfbackigen Kleingeister gefälligst eine Scheibe abschneiden.

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Bildrechte: Bopp

Liebeserklärung an Underdogs

Copyright: vg.no

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Sollte Island heute Frankreich schlagen, würde ich zwar keinen Sommernachtstanz vollführen, mich aber trotzdem tierisch freuen. Nicht, weil ich etwas gegen Franzosen hätte – ganz im Gegenteil! Ich liebe Land und Leute und bin allein schon durch meine Québecer Wahlheimat enger mit ihnen verbunden als mit den meisten Nationen. Warum dann Island? Weil ich ein Herz für Underdogs habe. Wie viele von Ihnen vermutlich auch.

Genaugenommen ist Kanada ja auch so ein Underdog. Wir leben im Schatten eines Riesen. USA: Mächtig. Dominant. Stolz. Geopolitische Championsliga. Kanada? Groß. Höflich. Bescheiden. In der Weltpolitik spielen wir allenfalls in der Kreisliga.

Schlimm? Gar nicht. Im Gegenteil: Ich finde die Konstellation sehr sympathisch. Es gibt Leute, die behaupten, Kanada sei das bessere Amerika.

Ähnlich verhält es sich mit Uruguay. Dort habe ich während einer Südamerika-Reise einige der liebenswertesten Menschen kennen gelernt. Auch in Montevideo lebt man im Schatten eines Riesen. Der heißt Argentinien, ist wunderschön, aber ein Macho wie er im Buche steht.

Von Island kann man das nicht behaupten. Kleines Land, großartige Leute. Einige davon habe ich in den 80er-Jahren getroffen, als die billigste Flugverbindung von Europa nach Kanada über Reykjavík ging. Ein paar Stoppover-Nächte in dieser sympathischen Stadt haben genügt, um mir die Menschen dieses tollen Inselstaates näher zu bringen.

Und heute also Island gegen Frankreich. Für mich sind die Isländer schon Meister, noch ehe sie den ersten Ball berühren. Die Meister der Herzen.

ÜBRIGENS: Wenn Sie auf Facebook sind, können Sie Ihren isländischen Namen hier selber generieren. – Und wenn Sie Island jetzt auch noch akustisch anfeuern wollen, können Sie das hier tun.

Endstand: Frankreich 5 Island 2 

Okay. Dann eben Zweitorson.