Oft kommt es nicht vor, dass ich mich in eine Kunstgalerie verirre. Gestern konnte ich einfach nicht anders. Die „GALERIE STATION 16“ am Montrealer Boulevard St. Laurent stellt zurzeit Bilder aus, die nicht nur ausgesprochen schräg sind, sondern gleichzeitig so realitätsnah.
„The Orange Cone Festival“, nennt sich die Show eines belgischen Künstlers namens „Jaune“ (Gelb).
„Orange cones“ werden die orange-weiß gestreiften Plastikkegel genannt, die zur Absperrung von Baustellen verwendet werden – und davon gibt es in Montréal jede Menge.
Was sich „Jaune“ alles einfallen ließ, um die Montrealer Baustellenszene künstlerisch zu karikieren, sehen Sie >> HIER <<
Besuch aus der oberschwäbischen Heimat: Liebenswerte, rechtschaffene Häuslebauer, die das Leben noch vor sich haben. Kennengelernt haben wir uns irgendwann einmal auf dem Flug von Memmingen nach Mallorca. Zurzeit sind sie auf Tour durch den Osten Kanadas und der USA.
Man geht zusammen zum Vietnamesen, schickt sie auf einen Stadtspaziergang und auf die Formel-Eins-Strecke und auch zum Casino und in die Markthalle. Und trifft sich abends im tiefsten Osten von Montréal in einer Bar wieder.
Dort tritt „Bobby Dove“ mit ihrer Truppe auf, eine gute Bekannte, die eigentlich Cecile heißt. Sie spielt Country & Western und etwas, das sich Cowpunk nennt – ein Genre, das so gar nicht in die Hipster-Metropole Montréal passt. Mit am Tisch sitzt Bobbys Vater Mark, ein erfolgreicher Geschäftsmann mit einem halben Dutzend Firmen.
Sitzt da einfach und trinkt Bier mit uns und pfeift durch die Zähne, wenn seine Tochter Cecile, die sich jetzt Bobby nennt, wieder einen Song gut zu Ende gebracht hat. Klatscht sich vor Freude die Hände wund, wenn sie beim Gitarrenstimmen kalauert „We tune, because we care“. Das Ganze in einer Bierkneipe, in der die riesigen Wasserflecken an der Decke die Dimension von Marks Swimmingpool haben dürften und das Graffiti im Klo schwindelerregend ist.
Das alles passt irgendwie nicht so richtig zusammen und ist dann doch wieder stimmig. Denn was passt schon in so eine Stadt, in der sich Hunderte von Nationen versammeln, die Dutzende von Sprachen sprechen.
Flüchtlinge? Die gab’s hier schon immer. Und sie waren schon immer willkommen in dieser Stadt, diesem Land, dieser Gesellschaft. Turban? Burka? Kippa? Wo ist das Problem? Montreal ist offen für alles. Und genau deshalb lieben Besucher wie die oberschwäbischen Freunde diese Stadt – meine Stadt – so sehr. Und die Stadt liebt sie.
Nichts ist perfekt, auch Montreal nicht. Montreal ist eine zauberhafte Stadt, aber es ist eine Stadt mit Warzen: Umleitungen, die ins Nirvana führen. Schlaglöcher, in die Fußbälle passen. Müll, verursacht von Menschen, die das Wort „Recycling“ nicht kennen.
Aber es ist eine Stadt mit einer Willkommenskultur, wie ich sie nirgendwo in der Welt erlebt habe. Und meine schwäbischen Freunde mittendrin.
„The Outlaws“ Mitte der 60er-Jahre in unserem Übungskeller am Weberberg in Biberach. Von links nach rechts: Fritz Angele, Werner Krug, Uli Sourisseau, Herbert Bopp und der leider viel zu früh verstorbene Wolfgang Moser.
Wenn man auf die 70 zugeht und sein bisheriges Leben Revue passieren lässt, fragt man sich ja schon mal, ob man eigentlich so etwas wie Spuren hinterlassen hat. Bisher war ich mir, mal abgesehen von meinen veröffentlichten Zeitungsartikeln, nicht so ganz sicher. Seit gestern weiss ich: Ja, das mit den Spuren geht in Ordnung.
Der Krimi-Autor Uli Herzog („Mord am Schützensamstag“, „Frauenduft“), ein loyaler Freund aus Biberacher Zeiten, schickte mir in der vergangenen Nacht ein schwer leserliches, aber trotzdem aussagekräftiges Dokument. Es zeigt die Band „The Outlaws“, in der ich als Teenager Gitarre gespielt und gesungen habe. Und es beschreibt die Stimmung im Biberach der 68-er-Jahre.
Bei dem Dokument handelt es sich um den Katalog zu einer Ausstellung, die seit Freitag im Biberacher Braith-Mali-Museum gezeigt wird. Dass „The Outlaws“ darin vorkommen, finde ich großartig, wenn ich das mal so unbescheiden sagen darf.
Wir und die anderen Biberacher Bands der 60er-Jahre, hätten, so heißt es in dem Prospekt „einem neuen Lebensgefühl und dem Bedürfnis nach Spaß, Freiheit und Ungebundenheit“ Ausdruck verliehen.
Die „andere“ Biberacher Band dieser Zeit waren „The Shouters“. Für mich stand nie infrage, dass die Shouters die bessere Musik machten als wir. Ihre Gigs waren die, die wir gerne gehabt hätten. Sie verdienten richtig Kohle, während wir mit unserer Spaßband eher so dahindümpelten.
Dass wir, wie die Ausstellung jetzt zeigt, trotzdem als eine Band wahrgenommen wurden, die Biberach ein neues Lebensgefühl verliehen hat, macht mich stolz.
Vor ein paar Tagen bekam ich eine Mail von einem Mann namens Emil Morgenthaler. Er sei jetzt achtzig, schrieb er, da wollte er sich mal nach meinem Wohlergehen erkundigen. Ich kenne Emil kaum, habe ihn aber schon immer als genialen Drummer unserer Konkurrenzband, eben jener „Shouters“, verehrt. Dass er sich ausgerechnet jetzt, da unsere Bands in einer veritablen Museumsausstellung gewürdigt werden, bei mir meldet, freut mich ganz besonders.
Vielleicht haben wir ja doch so etwas wie Spuren hinterlassen in unserem beschaulichen Biberach.
Mehr über die Geschichte der „Outlaws“ gibt’s > HIER <
Und hier noch der Museums-Prospekt zur Ausstellung (Screenshot):