Radio – das bessere Fernsehen

Ich war erst fünf, aber ich erinnere mich noch, wie sich die Familie in Ummendorf um ein klobiges Radiogerät im Wohnzimmer scharte und Herbert Zimmermann zuerst „Tor! Tor! Tor“ schrie und sich wenige Minuten später seine Stimme überschlug: „Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister!“

Vom 4. Juli 1954, einem Sonntag, spricht die Fußballwelt bis heute. An diesem Tag gelang der deutschen Nationalmannschaft ein spektakuläres 3:2 gegen die hochfavorisierten Ungarn. Deutschland lag zunächst 0:2 zurück, drehte das Spiel um und wurde durch ein Tor von Helmut Rahn in der 84. Minute Weltmeister.

Das „Wunder von Bern“ war geboren.

Das Wunder von Bern passierte vor 72 Jahren. Das Wunder von Paris ereignete sich gestern Abend. Bayern München unterlag zwar knapp Paris Saint-Germain mit 4:5. Aber es war ein Spiel für die Geschichtsbücher. Mundo Deportivo sprachvon einem Fußball-Meisterwerk. Selbst die sonst eher emotionsarme BBC schrieb: „Eines der besten Spiele, das man je gesehen hat“. Vollends auf den Punkt brachte es Der Spiegel: „Sie dachten, Sie hätten schon alles im Fußball gesehen? Ein solches Spiel noch nie!“

Stimmt. Ich kann mich nicht erinnern, bei einer sportlichen Begegnung so mitgefiebert zu haben. Dabei habe ich das Spiel nicht einmal gesehen, ich habe es gehört. Im Radio. Im Handy. Im Internet. Mit zwei Reportern, deren Namen ich nicht einmal kenne.

Sie kommentierten das Hinspiel des Halbfinales der Champions League nicht etwa in der ARD, sondern im Webradio des FC Bayern – einer App, die sich jeder herunterladen kann. Diese beiden fußballverrückten Reporter machten mit ihren Herzblut-Kommentaren einen sensationellen Job.

Ähnlich wie damals beim Wunder von Bern lag Bayern München zunächst um drei Tore zurück. Der Spielstand von 2:5 gegen Paris schien kaum aufholbar. Doch dann passierte das eigentliche Wunder. Die Bayern schossen sich noch bis auf 4:5 heran – unfassbar.

Dass es nicht zu einem Sieg reichte, ist nicht weiter schlimm. Beim Rückspiel in einer Woche können es die Münchner den Parisern zeigen, dann sogar in der heimischem Arena.

Die gestrige Zitterpartie war nicht nur auf dem Platz vom Feinsten. Sie war auch ein Hörgenuss der seltenen Art. Dabei sprachen die beiden Kommentatoren eine Sprache, die nicht fußballbegeisterten Zuhörern manchmal bizarr vorkommen mag.

„Bitte, lieber Fußballgott, bitte, bitte, bitte lass es ein Tor sein! Bitte! Bitte!“, flehte einer der Reporter sein Mikorofon an, während der Video-Schiedsrichter sich die Szene noch einmal ansah.

Der Fußballgott hatte den Reporter erhört. Es war ein Tor.

Oder als es um die Frage ging, ob ein Spieler um Haaresbreite im Abseits stand oder nicht: „Nein! Kein Abseits! Wahnsinn! Er hatte sich zum Glück die Zehennägel geschnitten, sonst wäre er im Abseits gestanden.“

Diese Mischung aus Straßensprache und hochprofessionellem Fußball-Talk machte aus einer ohnehin schon atemberaubenden Begegnung ein akustisches Meisterwerk.

Radio lebt! Gestern Abend wurde mir wieder einmal klar, warum Radio schon immer mein Lieblingsmedium war. Bilder zeigen – das kann jeder, der eine Kamera hat. Wortbilder erzeugen – das ist eine Kunst, die nur wenige beherrschen.

Die beiden Kommentatoren der Webradio-App von Bayern München haben sie drauf, diese Kunst. Sie sind schon jetzt die Champions-League-Gewinner meines Herzens.


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