Pilgern bis zum Umfallen

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JAKOBSWEG, Tag 2 – 28 Kilometer von Uterga nach Estella

FÜR NORBERT

Von heute an widmen wir jeden Tag unserer Pilgerreise einem Menschen, der uns viel bedeutet hat, aber nicht mehr unter uns weilt.

Es ist spät in Estella und ich könnte einen Roman darüber schreiben, was wir heute alles erlebt, gesehen und ja, auch erlitten haben.

Fangen wir mit dem aktuellen Stand an. Es geht uns wunderbar und wir können auch heute unser Glück kaum fassen. Was für eine grandiose Idee, den Jakobsweg zu wandern! In meinen 70 Jahren habe ich ähnliches noch nicht erlebt. Und wir sind erst am Beginn unseres Abenteuers.

Diesen Blogpost tippe ich im unteren Bett einer zweistöckigen Schlafstätte. Um mich herum haben sich etwa 15 andere Pilgerinnen und Pilger zur Ruhe gelegt. Gleich geht im Schlafsaal das Licht aus. Das war’s dann für heute.

An meine letzte Nacht in einer Jugendherberge kann ich mich nur noch schwach erinnern. Ich glaube, es war vor 55 Jahren.

Möglich, dass es bei diesem einen Mal in einem christlichen Pilgerhostel bleiben wird. Der Mangel an Privatsphäre ist gewöhnungsbedürftig. Aber wir hatten keine andere Wahl, als uns in dieser Herberge nieder zu lassen.

Die Wandersaison hat noch nicht richtig begonnen. Viele Dörfer, durch die wir heute gewandert sind, verfügen entweder über gar keine Gasthöfe. Oder aber die Pensionen und Bed&Breakfasts sind noch geschlossen. Also blieb uns heute nur diese „Albuerga“.

Damit ist nichts verkehrt, sie ist sauber und die Männer und Frauen, die hier absteigen, sind durchweg freundlich, ja geradezu liebevoll im Umgang miteinander. Aber mit 70 an der Dusche Schlange zu stehen – oder erst recht am Klo – muss nicht sein. Als Grenzerfahrung ist so ein Lifestyle auf Zeit jedoch unbezahlbar.

Dass wir fast 28 Kilometer gewandert sind und dabei viele, viele Höhenmeter zurück gelegt haben, lag eben am Mangel an Übernachtungsmöglichkeiten. So kam ein Dorf nach dem andern hinzu, Bis wir kurz vor Einbruch der Dunkelheit keine andere Wahl hatten, als mit einer liebenswerten, aber etwas hilflosen südkoreanischen Comic-Zeichnerin im Schlepptau das freundliche Mitfahrangebot eines einheimischen Autofahrers anzunehmen, der offenbar ein Herz für Pilger hat.

Nach kaum zehn Minuten lieferte uns diese gute Seele vor dieser Herberge in Estella ab und ersparte uns dadurch zusätzliche zehn Kilometer Wandern, das uns an diesem brütend heißen Samstag unter der spanischen Sonne möglicherweise an unsere Grenzen gebracht hätte.

Die Landschaft, durch die wir heute gewandert sind, kann streckenweise nur als grandios bezeichnet werden. Die Menschen, die wir unterwegs getroffen haben, werden sich mir als faszinierende Momentaufnahmen für immer einprägen.

Ein junger Japaner, eine Mexikanerin, zwei Pilger aus Südkorea, eine Irin, ein Junge aus Québec und auch ein Schwabe – sie alle haben ihre eigenen Geschichten. Sie zu erzählen würde nach diesem Gewaltakt von Tag meine Kondition sprengen. Vielleicht ein andermal.

Deshalb soll für heute genug sein. Bleib mir gewogen, liebe Blog-Community. Ich freue mich total, dass ihr uns in so großer Zahl virtuell begleitet.

Gute Nacht aus Estella und Buen Camino!

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