Silvesternacht am Schweizer Zoll

Zum Jahreswechsel eine kleine Geschichte aus meinem Leben, Erster Teil: Vor ungefähr 40 Jahren arbeitete ich als Reporter einer südbadischen Lokalzeitung, unmittelbar an der Schweizer Grenze. Es war nicht die aufregendste Zeit meines Lebens. Trotzdem war es eine wichtige Zeit. Wer als Redakteur „im Lokalen“ gearbeitet hat, weiss, was kreative Themensuche bedeutet.

In einer Kleinstadt liegen die guten Stories nicht auf der Straße. Spannend ist vielleicht ein Kriminalfall oder ein Gerichtsprozess, nicht aber die Jahreshauptversammlung des Kleingärtnervereins oder des lokalen Kaninchenzüchterverbands.

Was also tun, um die Leser zu unterhalten, zu informieren und ihnen gleichzeitig das Gefühl zu geben, man kümmere sich um ihre Belange?

Jeder, der damals in der kleinen Stadt lebte, in der ich arbeitete, wusste, was es heißt, mehrmals am Tag die Landesgrenze zu überqueren.

Um zur Arbeit zu gelangen, musste ich wegen der speziellen geografischen Lage jedesmal eine Schweizer Enklave durchqueren. Ich fuhr am Morgen in meinem deutschen Heimatort los, durchquerte ein kleines Stück Schweiz und kam in der kleinen deutschen Stadt wieder an, in der meine Zeitungsredaktion lag.

So ging das Tag für Tag, Woche für Woche, gut zwei Jahre lang. Und mit jedem Tag wurde die Themenlage dünner.

Irgendwann hast du jeden Tanzclub abgeklappert, der es irgendwann zu einer Trophäe gebracht hat. Jeder Möchtegern-Poet, der in deiner Stadt wohnt, ist schon zigmal porträtiert worden. Und den Politclown, den freilich jeder kennt, hast du auch schon interviewt.

Weihnachten und Silvester waren themenmäßig besonders schwierig. Wie oft wollen deine Leser über die stämmigen Jungs lesen, die beim Aufstellen des „mit Sicherheit höchsten Weihnachtsbaums der Stadtgeschichte“ helfen? Wie oft kannst du deinen Abonnenten zumuten, „das einzigartigste Plätzchenrezept“ vorzustellen, das es je auf ein lokales Backblech geschafft hat?

Wie wär’s, dachte ich, die Silvesternacht mit dem diensthabenden Zöllner eines Grenzüberganges zu verbringen? Nicht mit dem deutschen Zöllner, sondern mit dem Schweizer. Nichts Großartiges, zugegeben. Aber ein Thema allemal.

Also setzte ich mich in der letzten Nacht des Jahres in das kleine Zöllnerhäuschen, plauderte mit dem Beamten stundenlang über Fußball und Familie, über Kochrezepte und Rebsorten und freute mich, dass ich ihn endlich auch von seiner privaten Seite her kennenlernen durfte.

Als Zöllner hatte ich ihn ja seit langer Zeit erlebt. Er und ein anderer Kollege waren es, die sich den Dienst am Schlagbaum teilten. Richtig: Den Schlagbaum zwischen Deutschland und er Schweiz gab es damals wirklich noch.

Es war eine unterhaltsame Nacht, auch eine ruhige. Starker Grenzverkehr herrschte an Silvester ohnehin nicht. Die Reportage, die danach in meiner kleinen Lokalzeitung erschien, war nicht Pulitzerpreis verdächtig. Aber sie gab einen Einblick in die Arbeit eines Menschen, den ganz viele Grenzgänger im Verbreitungsgebiet vom Sehen her kannten.

Mit seiner Fistelstimme, der Vollglatze und dem gemütlichen Bierbauch hatte der Mann vom Schlagbaum einen hohen Wiedererkennungswert.

Er freute sich über den Artikel und war, glaube ich, auch ein wenig stolz darauf, in der Zeitung zu stehen. Jedenfalls entdeckte ich die Seite mit dem Foto des Grenzers beim Passieren der Zollschranke an der Wand seines Pförtnerhäuschen.

Wie schön, dachte ich, dass mich der Beamte jetzt nicht mehr jedes Mal nach meinen Papieren fragen wird, wenn ich die Grenze passiere. Noch schöner, dass ich künftig wohl nie wieder den Kofferraumdeckel öffnen muss, wenn ich die deutsch-schweizerische Grenze überquere!

Weit gefehlt!

Ich hatte zwar in jener Silvesternacht das Vertrauen des eidgenössischen Zöllners gewonnen und mit ihm stundenlang über Schulprobleme, Urlaubsträume und Erziehungsmaßnahmen für seinen Schäferhund geplaudert. Nur eines habe ich nicht geschafft:

Dass er mir künftig gänzlich das Vorzeigen des Personalausweises und das Öffnen des Kofferraumdeckels erspart. Nicht täglich, aber hin und wieder war ich auch nach der gemeinsamen Nacht am Schlagbaum der Gründlichkeit des Zöllners ausgesetzt.

„Gruezi. Personalausweis bitte! Kofferraum öffnen! Uf Wiederluaga“.

Das soll Ihnen mit den BOGHAUSGESCHICHTEN nicht passieren. Sie sollen sich nicht jedes Mal ausweisen müssen, wenn Sie darin stöbern. Auch wenn sie keine Nacht mit mir ihm Bloghaus verbringen, dürfen Sie vollstes Vertrauen haben, dass ich Sie auch künftig mit bunten Geschichten unterhalten werde, ohne dass Sie ständig den Kofferraumdeckel öffnen müssen.

In diesem Sinne: Gruezi und uf Wiederluaga. Vor allem aber:

HAPPY NEW YEAR!