Meine ganz persönliche Corona-Krise

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Es gibt Geschichten, die erzählt man am besten erst hinterher und nicht solange die Handlung noch läuft. Meine Geschichte geht so: Vor etwas mehr als zwei Wochen, fast zeitgleich mit dem Ende unserer Quarantäne, bin ich mit vollfett geschwollenen Augen aufgewacht – so, als hätte mich Terminator persönlich in die Mangel genommen.

Was zunächst nach einer harmlosen Bindehautentzündung aussah, verschlimmerte sich mit jedem Tag. Als ich schließlich Mühe hatte, die Augen überhaupt noch zu öffnen, rief ich den Arzt an: Verdacht auf Corona.

Nach einer Video-Diagnose schickte mich der Arzt zum  Covid-19-Test. Schließlich waren wir noch vor wenigen Wochen im Corona-Epizentrum in Madrid, wo am Weltfrauentag Hunderttausende auf die Straße  gegangen waren – und wir mittendrin.

Bindehautentzündungen, die einfach nicht abheilen wollen – das hatte ich mir bereits von Dr. Google sagen lassen -, zählen jetzt immer häufiger zu den Symptomen für eine Covid-19-Infektion.

Jetzt ging alles ganz schnell. Wie schnell, das will ich einfach mal protokollieren, damit ich nie wieder über das schleppende kanadische Gesundheitswesen meckere.

Dienstag, 14. April. 10 Uhr: Anruf beim Arzt.

Fünf Minuten später: Email der Sekretärin mit einem Link zu der Telemedicine-App „Reacts“ mit der Bitte, sich dort anzumelden und eventuelle Fotos hochzuladen.

50 Minuten später: Der Arzt meldet sich per Videochat. Die Detailaufnahmen der Augen

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Das Wohnzimmer wird zur Arztpraxis

hatte er sich bereits angesehen. Auch die Medikamentenliste, die ich ihm vorab ins „Reacts“-Programm hochgeladen hatte, war ihm bekannt.

Es folgten viele Fragen und eine Augendiagnose per Video.

Und dann: Corona-Verdacht.

Die Hot Clinic wird sich bei ihnen melden“.

Kaum hatte ich Gelegenheit zu recherchieren, was eine „Hot Clinic“ bedeutet, rief die „Hot Clinic“ auch schon an: Termin in zwei Stunden.

Eine „Cold Clinic“ ist ein Testzentrum mit Krankenschwestern. Eine „Hot Clinic“ ist ein Corona-Testzentrum, in dem nicht nur getestet, sondern notfalls auch behandelt wird. Es sind also auch Ärzte vor Ort.

Die „Hot Clinic“ ist eine Zeltstadt auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums und sieht aus wie ein Beduinendorf.

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Ein Engel namens Anik

Vier Stunden nach dem ersten Anruf beim Hausarzt sitze ich im Auto auf dem Parkplatz dieser „Hot Clinic“. Eine fröhliche Krankenschwester namens Anik kommt an die Wagentür und spult ihren Fragenkatalog ab.

Zwischen Blutdruck- und Fiebermessen bewundert sie noch mein handgemachtes Armband aus getrockneten Bohnen. Als kleines Mädchen, erzählt mir Anik, habe sie diese Armbänder mit ihrer Oma zusammen gebastelt und auf dem Markt verkauft.

„Kuba“, frage ich? Nein, sagt Anik. „Mauritius“.

Gut, dass wir das so schnell klären konnten.

Mit dem Testergebnis werde ich mich wohl einige Tage gedulden müssen, vertröstet mich Anik. Es sei wirklich viel los zurzeit.

Das ist eine Untertreibung: Mit  16000  Infizierten und 630 Toten ist die Provinz Quebec längst das kanadische Epizentrum für Covid-19.

Nachdem Anik mir den Teststab in den Nasen-Rachen-Raum eingeführt hat, geht es zur Ärztin ins Zelt.

In Schutzkleidung, Plexiglaschild, Maske und Handschuhen stellt sie Fragen zur Diagnose.

Allergie? Könnte sein. Hatte ich aber noch nie. Bindehautentzündung? Auch möglich. Dürfte aber nicht so lange anhalten.

Fünf Stunden nach dem morgendlichen Video-Chat mit dem Arzt bin ich wieder zuhause. Jetzt heisst es warten. Und warten. Und warten.

Die Apothekerin, bei der ich für alle Fälle das Rezept für Antihistamine einlöse, macht mir wenig Hoffnung. Vier bis fünf Tage könne es schon dauern, bis das Corona-Testergebnis vorliege.

Von wegen!

Heute Nachmittag, 16 Uhr, genau 48 Stunden nach dem Test: Anruf von der Corona-Zentrale.

Befund: Negativ.

Für einen Moment tränen die Augen noch mehr als vorher. Es sind Freudentränen.