In der Covid-Kälte-Falle

DIE ETWAS ANDERE MASKE: Kälte und Covid als Herausforderung. Foto © Bopp

Der Kollege von der Montreal Gazette kommt eben aus Florida zurück und vermeldet eine Sensation: Er habe mit eigenen Augen gesehen, wie sich zwei Menschen die Hand geben. Dabei handelte es sich um einen Kellner und einen Gast. Etwa nach dem Motto: “Dürfen’s noch ein paar Viren zum Nachtisch sein?” 

So erzählt es Josh Freed in seiner heutigen Kolumne. Die Bilanz seines einwöchigen Aufenthalts: “Es fühlte sich an, als wäre ich auf einem anderen Planeten gelandet”.

So langsam komme auch ich mir vor wie auf einem anderen Planeten. Vor allem, wenn ich von Freunden aus Deutschland höre, wie sie mit Covid umgehen.

Der eine kommt gerade vom Skifahren in der Schweiz zurück, nachdem er kurz vorher noch auf Mallorca war. Der andere schickt Strandfotos von den Kanaren. Ein Dritter war neulich in Portugal und italien. Nicht zu vergessen der Kumpel, der bei einer Snowmobile-Tour durch Lappland seinen Spaß hatte.

Und wir hier?

Sitzen in unseren vier Wänden und freuen uns, wenn wir durchs Wohnzimmerfenster hin und wieder einen Menschen auf Langlaufskiern erspähen.

Der Lockdown in Quebec geht in die x-te Runde. Wie ein Restaurant von innen aussieht, haben wir inzwischen vergessen. Cafés, Bars, Kino, Theater, Sportveranstaltung? Fehlanzeige. 

Wir warten sehnsüchtig – wenn schon nicht auf ein Ende -, dann wenigstens auf einen neuen Umgang mit der Pandemie. Die könne nach Meinung von immer mehr Experten inzwischen getrost wie eine Endemie behandelt weden. Also etwa wie eine mittelschwere Grippe.

“Fuck Covid!”, textete mir eine Montrealer Freundin neulich. Und meldete wenige Tage später eine Corona-Erkrankung. Keine mit einem “milden Verlauf”, wie es ja inzwischen so schön heißt. Sondern eine richtig fette Infektion mit allem, was dazugehört.

Was also ist der richtige Umgang mit diesem verdammten Virus?

Im Fernsehen hörte ich den Moderator einer ARD-Talkshow neulich etwas sagen, das mir zu denken gab. Sinngemäß stellte er seinem Panel die rhetorische Frage, wer nun eigentlich die Geisterfahrer seien. Diejenigen, die sich an sämtliche Regeln halten? Oder doch die “Fuck Covid”-Fraktion, der unsere Freundin bis vor ihrer Erkrankung noch angehörte.

Wenn es nach der Quebecker Regierung geht, ist der Fall klar: Keine Reisen, keine Restaurantbesuche. Nicht einmal Begegnungen mit Menschen, die nicht zum eigenen Haushalt gehören. 

Wir haben Cassian seit Heiligabend nicht mehr gesehen. Er wohnt gerade mal 150 Meter von hier. 

Meine Freunde Doug und Marjolaine haben wegen Covid eine Reise zu ihrem Sohn nach Texas storniert.

Fuck Covid.

Ganz ehrlich? Ich bin inzwischen nicht mehr so sicher, ob unsere Zurückhaltung Selbstkasteiung der richtige Weg ist, um aus der Krise zu kommen. Neben der körperlichen Unversehrtheit gibt es ja auch noch die mentale Gesundheit. 

Die zu bewahren ist in Zeiten wie diesen eine echte Herausforderung. Zumal wir seit Wochen nicht nur wegen Covid eingesperrt sind, sondern auch wegen einer extremen Kältewelle, wie wir sie hier schon seit Jahren nicht mehr erlebt haben. Wer geht denn schon ohne Not bei minus 30 Grad auf die Straße?

Ein Verrückter vielleicht. Oder einer, der es vor lauter Lockdown nicht mehr in den vier Wänden aushält. 

Also doch ein Verrückter.

11 Gedanken zu „In der Covid-Kälte-Falle

  1. Tja, niemand weiß, welche Corona-Bekämpfungsmethode die richtige ist. Was mich aber richtig wütend macht sind die von dir beschriebenen Urlaubsreisen. Die hätte man in Deutschland verbieten sollen. Denn nach den Ferien ist die Anzahl der Infizierten stets rasant gestiegen.
    In „meiner“ (Jahrgangsstufe 7) fehlten heute 10 Personen. Weil es nicht genügend Kapazitäten für die PCR-Testung gibt und die Gesundheitsämter mit der Verfolgung von Kontaktperson nicht mehr hinterher kommen, müssen die positiv Getesteten jetzt alles selber regeln und verantworten. Omikron rauscht also de facto durch und das ist meiner Meinung nach auch richtig. Etwas verzögert wird das Ganze durch Kontaktgebote. Und hier wird wieder einmal der Unsinn des sowohl-als-auch-Handelns in Deutschland sichtbar : Morgens sitzen die Schülerinnen und Schüler mit Maske in der Klasse und am Nachmittag treffen sie sich mit mehreren ohne Maske.
    Das finde ich noch bescheuerte als den Lockdown in Kanada.
    Liebe Grüße
    Silke Morlang

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  2. Volle Zustimmung zu allem, was Du angemerkt hast, wirklich allem. Nicht nur Eure Gesellschaft zerteilt sich, bei uns das Gleiche. Gebetsmühlenhaft verteilen wir unter Freunden immer das Gleiche, was die Virologen immer öfter laut sagen: erst wenn jede/r die Infektion durchgemacht hat, können wir von Herdenimmunität reden. Auch geimpft, geboostert und getestet stecken wir andere Menschen an und werden sie in ein oder drei Jahren anstecken. Es ging und geht in einigen Regionen lediglich darum, durch die Impfungen das Voll-Laufen der Intensivstationen zu verhindern. Wer sich richtig, also komplett in den Arm nimmt und jeweils auf der Rückseite des Umarmten atmet, kann nicht anstecken. Im Freundeskreis hat das durchgehend problemfrei geklappt.
    Aber: es gibt die Ängstlichen, Virologen, Lehrer, Ärzte, Einzelhändler, Mütter, Kinder. Sie sehen die Widersprüche nicht: Offene Klassenräume mit Kindern, gemeinsam unter Decken nahe beisammen kuschelnd, Schleier mit einer nassen Maske fünf Stunden in der Schule und danach ohne Maske in der erlaubten 10-er Gruppe zusammengluckend ohne Masken. Kranke Kinder, die wie wir keine Masken tragen dürfen, gemobbt von Klassenkameraden. Und den zusammengedrückten ÖPNV. Wer darüber laut nachdenkt, gilt auch als Geboosterter als Corona-Verleugner. Also schweigt die Mehrheit, die Demonstrationen nehmen zu. Es ist fast schon egal, ob im Geist der Solidarität oder nur in der Corona-Diskussion.
    Wir habe die Gesamtkrise noch durch sich ständig wandelnde Regeln im Griff. Wie lang weiß niemand.

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  3. Ja, es hat uns sehr gut gefallen! Ist, wie schon bei Van Gogh, gut organisiert – Bilder und Musik passen sehr gut zueinander. Ich hoffe, dass ihr die Gelegenheit haben werdet, es euch anzuschauen und somit für kurze Zeit Covid vergessen könnt!
    VG
    Christa

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  4. Da habe ich mich missverstaendlich ausgedrueckt, lieber Herbert. Ich bezog mich auf die Beschreibung der Situation in Deutschland, die Du beschreibst, nicht auf die In Quebec.

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  5. Hallo Pit. Danke fuer den Einwand. In Quebec noch strenger also in Deutschland? Ich wuesste ehrlich gesagt nicht, wie man die Leine hier noch anziehen koennte. Es sind keine gegenseitigen Besuche gestattet, alles ist dicht, einschliesslich Restaurants etc… strenger als das hier gehandhabt wird, geht ja gar nicht. Es sei denn, man verbietet uns auch noch das Atmen. Immerhin ist die naechtliche Ausgangssperre aufgehoben worden, die noch bis vor einer Woche galt.

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  6. Meines Wissens ist es in Deutschland aber viel strenger als Du es hier beschreibst, wie ich gerade bei einer deutschen Bloggerin gelesen habe. Hier bei uns in Amerika ist es natuerlich ganz locker. Was nun besser ist? Ich weiss es nicht (mehr).
    Liebe Gruesse, und bleib‘ gesund.
    Pit

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  7. Vor einem Jahr noch waren hier bei Inzidenzwerten im zweistelligen Bereich alle hoch beorgt bis panisch. Geschäfte zu, Restaurants zu, gefühlt minütlich neue Sondersendungen…
    Heute zieht bei Werten von 1300 (in Bonn, etwas mehr auf Mallorca) niemand mehr eine Augenbraue hoch.

    Das ist wahrscheinlich mit: „Wir werden mit dem Virus leben müssen.“ gemeint.

    Daher plädiere ich für ein bisserl Richtung mentale Gesundheit. Moderat und immer schön geeimpft!

    Grüßlein,
    Prensal

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  8. The economic and mental pain that goes with strict lockdown is probably not worth the results, but when leaders confront so many people who refuse to be vaccinated, I can only say I am glad I am not responsible for the governmental decisions.

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