Wann ist ein Mann ein Mann? Wenn er einen Boxkampf gewonnen hat? Ein Menschenleben gerettet oder ein Heer in den Krieg geführt hat? Ist er ein Mann, wenn er einen Schurken, der einmal Präsident war, als Verbrecher überführt, so wie es der mutige New Yorker Richter Juan Merchan gerade mit Donald Trump getan hat?
Ich entscheide mich heute für die biblische Version: Ein Mann ist ein Mann, wenn er einen Sohn gezeugt und einen Baum gepflanzt hat.
Das mit dem Sohn haben wir vor mehr als dreieinhalb Jahrzehnten hinter uns gebracht. Einen Baum habe ich gestern zum ersten Mal gepflanzt. Auf dem Anwesen genau jenes Sohnes, der inzwischen einen 250 Jahre alten Bauernhof südlich von Montreal sein Eigen nennt.
Die Farm wird längst nicht mehr bewirtschaftet. Es gibt keine Kühe und auch keine Pferde, die über eine Koppel galoppieren. Allenfalls zwei Hunde namens Max und Leo haben so etwas wie ein Gastrecht dort.
Aber der Geist der Bauernfamilie, die das Anwesen in St-Bernard-de-Lacolle viele Jahre lang mit Fleiß und Stolz betrieben hat, weht noch immer über der Wiese, die zum Hof gehört.
Dieses herrliche Stück Land zieren seit gestern drei frisch eingepflanzte Bäume: Zweimal Apfel für Lore und Cassian. Und Kirsche für mich.
Kirschen gehören seit meiner Kindheit zu meinen Lieblingsfrüchten – neben Mangos, Passionsfrucht und Melonen, die in Ummendorf weniger gut gedeihen.
Noch ist der Baum ein Bäumle. Wir haben ihn übrigens „Herby“ getauft. Bis Herby je Früchte tragen wird, dürfte der Pflanzer irgendwo über den Wolken seine Stories erzählen.
Die Geschichte, wie er am 30. Mai 2024 als 75-Jähriger seinen ersten Kirschbaum in Kanada gepflanzt hat, gehört bestimmt auch dazu.
EIN SOHN,, ein Baum, ein Mann.FARM-IDYLLE in St-Bernard-de-LacolleSYMBOLIK ODER ZUFALL? Ausgerechnet an dem Tag, an dem drei Bäume gepflanzt wurden, führt uns der Sohn sein allererstes Elektro-Auto vor. Die Zukunft kann beginnen.
Die Kunst, fast ohne Fett zu kochen: Seezunge mit Reis und Gemüse.
Von Françoise Sagan stammt der Satz: „Man weiß selten, was Glück ist. Aber meistens, was Glück war.“ Wie wahr! Noch bis vor kurzem war der Einkauf in der Markthalle ein Fest für die Sinne. Heute ist er ein logistischer Spießrutenlauf.
Eingekauft, gekocht und gegessen wurde bei uns immer das, was schmeckt. Ob Rouladen mit Spätzle, messerscharfes indisches Chicken Vindalho oder thailändische Reisgerichte – man machte sich wenig Gedanken darüber, was heute auf den Tisch kommt. Restaurantbesuche fanden nach Gusto und Geldbeutel statt.
Der Weg vom Genuss zum Verzicht war kurz und brutal. Er begann am 20. Dezember 2023, als ich mitten in der Nacht wegen unerträglicher Schmerzen an der Bauchspeicheldrüse in der Notaufnahme des Krankenhauses landete. Die Pankreas sorgt im menschlichen Körper für die Verdauung. Von einem Tag auf den nächsten wurde aus dem Gourmet der Null-Prozent-Mann.
Fettarm, am besten fettfrei einzukaufen, ist allein schon eine große Herausforderung. Ohne Fett, also Butter und schmackhafte Öle, zu kochen, ist eine hohe Kunst. Lore kümmert sich bei uns, ganz Old School, um die Küche. Sie kauft ein, schreibt den Speisezettel und kocht. Und isst aus Solidarität dasselbe wie der geschundene Mann. Den einen oder anderen Schuss Sahne über die Speisen gönnt sie sich. Muss sie auch, bei ihrer Figur.
Ein Gang durch die Supermarkt-Regale genügt und dir wird klar: Die Welt ist nicht auf Diät programmiert. Die Suche nach einem Null-Prozent-Joghurt wird zur Herausforderung. Wurst ist ohnehin so gut wie tabu, mit Ausnahme von Putenschinken. Selbst beim Fisch ist zu beachten, dass es Arten gibt, die einen überraschend hohen Fettgehalt haben – mein Lieblingsfisch, der Lachs, gehört leider auch dazu.
Seit jenem ominösen Mittwoch kurz vor Weihnachten habe ich 14 Kilo verloren. Hatte ich früher mit BRIGITTE- und anderen Diäten noch jedes Pfund weniger zelebriert, bezahle ich heute eine Ernährungsberaterin dafür, wie ich nicht weiter abnehme – übrigens bisher mit mäßigem Erfolg.
78 Kilo bei 182 cm: Darf’s ein bisschen mehr sein?
Milchprodukte? Alles Käse. Fettarme Sorten gibt es zwar, sie schmecken dann aber oft wie aromatisierter Karton. Butter, Brie, Raclette oder gar Limburger waren gestern. Schinken aus der Markthalle, liebevoll von einer Verkäuferin namens Meranie geschnitten, findet nicht mehr statt. Geräuchertes ist plötzlich Gift für den Körper. Selbst Kalbfleisch muss vor dem Kochen von Fettsträhnchen befreit werden. Eine chronisch entzündete Bauchspeicheldrüse verzeiht nichts.
Weil eines der wichtigsten, aber oft völlig unterschätzten Organe des menschlichen Körpers die Verdauungsarbeit weitgehend eingestellt hat, müssen zu jedem Essen Enzyme in Tablettenform eingenommen werden – je nach Menge und Fettgehalt der Speisen, denn ganz fettfrei zu leben, ist so gut wie unmöglich. So ist, was früher Hochgenuss war, heute hohe Mathematik.
Und was ist mit Desserts? Sorbet statt Eiscreme und viel Obst könnte man meinen. Falsch gemeint. Die Pankreas ist auch für die Insulinzufuhr zuständig, deshalb muss nicht nur auf Fett, sondern auch auf den Zuckergehalt von Speisen geachtet werden, speziell beim Obst. Diabetes ist häufig die Folge einer Pankreatitis.
Bier, Schnaps, Prosecco, Wein? Leider auch vorbei. Trinken wir halt Sprudelwasser, Cola Light oder Tonic. Falsch: Alles, was Kohlensäure enthält, produziert zu viel Magensäure und überlastet das bisschen Bauchspeicheldrüsen-Funktion, das noch geblieben ist.
Aber Tee geht immer. Und stilles Wasser schmeckt ganz vorzüglich.
Nochmal für alle zum Mitschreiben: Man weiß selten, was Glück ist. Aber meistens, was Glück war.
Ganz ohne eBike geht gar nicht. Mein Baby wohnt ja nun auf dem Land. Also musste für die Tage in der Stadt eine Alternative gefunden werden. Der Plan B heißt BIXI – ein Leihrad-System, das vor 15 Jahren in Montreal eingeführt wurde und bis heute als eines der größten Nordamerikas gilt.
Bei BIXI hat die Stadt Montreal nicht gekleckert, es wurde geklotzt. Gut 11.000 Fahrräder warten an fast 1000 Docking-Stationen auf die Radler. Das sind, anders als in Städten wie Palma oder Malaga, meistens Einheimische, die von A nach B kommen wollen – und manchmal auch nach C. Bei rund 1200 KM bestens ausgebauten Fahrradwegen, selbst durch die Innenstadt, ist das meistens kein Problem.
Als BIXI vor genau 15 Jahren mit wenig Tamtam eingeführt wurde, musste man eBikes noch mit der Lupe suchen, weil sich die Technologie noch nicht durchgesetzt hatte. Und heute? Muss man an den meisten Docking-Stationen noch immer auf freie eBikes warten, weil sie zu den absoluten Darlings der Fahrradszene gehören.
Obwohl es inzwischen 2620 Fahrräder mit Elektromotor gibt, sind die blauen Bikes fast überall Mangelware. Das hat zum einen damit zu tun, dass Montreal ganz schön hügelig sein kann und mit herkömmlichen Fahrrädern schwer zu navigieren. Zum andern, dass viele NutzerInnen die Bikes nicht mieten, um sich einen faulen Lenz zu machen. Sie benötigen sie, um zur Arbeit, zur Uni, zur Schule zu kommen.
Voll geladene Batterien sind Glückssache.
Bei meiner ersten Testfahrt seit langem, die mich heute Abend nur 8 Kilometer den Kanal entlang führte, musste ich geschlagene 30 Minuten warten, bis ein eBike frei wurde. Wäre ich allerdings ein paar hundert Meter bis zur nächsten Metro-Station spaziert, sähe die Lage anders aus. Dort sind eBikes eher zu haben als in reinen Wohngebieten.
Und wie war’s so? Ganz gut. Aber auch ganz schön gewöhnungsbedürftig. BIXIS sind Arbeitspferde, etwas schwerfällig und eine Spur zu robust gebaut für meinen Geschmack. Mein eigenes eBike ist zwar auch „kein Fahrrad, sondern ein Moped“, wie Lore gerne spöttelt. Aber es verfügt dennoch über die Eleganz eines Freizeitrads.
BIXIS haben nur drei Gänge und schaffen höchstens 20 Stundenkilometer. Meins hat, wenn man die mechanischen Gänge dazurechnet, mehr als 20. Mit seinem 750-Watt-Motor schafft es bis zu 42 Km/h, was in der Stadt allerdings verboten ist.
Ein Problem bei BIXI ist die Handhygiene. Notiz an mich: Beim nächsten Trip unbedingt Desinfektionsmittel mitnehmen. Außerdem sind voll geladene eBikes an den Stationen selten. Wer also eine längere Strecke zurücklegen möchte, muss damit rechnen, sein Rad unterwegs mehrfach gegen besser geladene Bikes einzutauschen. Diese mangelnde Planungssicherheit kann zur Spaßbremse werden.
Docking-Station „Atwater Park“
Ein bisschen anachronistisch gedacht ist die in Montreal gesetzlich vorgeschriebene Helmpflicht für eBikes. Für mich kein Problem, ich nehme meinen eigenen Kopfschutz einfach zur Mietstation mit. Was aber machen Touristen, die bestimmt keinen Helm im Reisegepäck haben? Angeboten wird er vom BIXI-Verleih leider nicht.
Sehr nutzerfreundlich ist dagegen die Art und Weise, wie so ein BIXI gemietet werden kann. Einfach mit dem Smartphone den QR-Code abscannen – und schon bist du drin.
Und was kostet so ein BIXI-Leihrad? Schwer zu sagen, denn die Tarifstruktur ist nicht einfach zu durchschauen. Es gibt Jahres-Grundabos, auch monatliche Abos, man kann aber auch nur stunden- oder gar minutenweise mieten. Ich habe mich für das monatliche Basis-Abo für 22 Dollar entschieden. Die Minute auf dem eBike kostet dann allerdings immer noch zusätzlich 17 Cents, aber weit weniger als die Hälfte dessen, was User ohne Abo bezahlen.
Fazit: Als Plan B erfüllt das BIXI-Konzept durchaus seinen Zweck. Nicht mehr, nicht weniger.
Gestern noch mit dem Uber-Taxi wildfremde Menschen durch die Vier-Millionenstadt chauffiert, heute mit dem eBike vorbei an Kuhweiden und frisch geackerten Feldern, auf denen schon bald Mais, Kartoffeln, Salat oder Bohnen wachsen. Vogelgezwitscher statt Hupkonzert, Feldweg statt Stadtautobahn. Tacho statt Uber-App. Mehr Kontrastprogramm geht nicht.
Wenn der Körper nicht mehr so kann, wie er soll, ist die Seele gefragt. Balsam fürs Gemüt: Eine 50-Kilometer-Radtour durch die Montérégie, so heißt die Gegend, in der Cassians Farm steht.
Mein Baby hat seit gestern ein neues Zuhause. Das eBike, das mir die letzten beiden Sommer als Spaß-Tool für die Montrealer Innenstadt gedient hat, lebt jetzt permanent auf dem Bauernhof.
Nach fünf Tagen pro Woche Taxifahren ist mein Großstadt-Bedarf fürs Erste gedeckt. Hin und wieder Landluft schnuppern soll gesund sein. Genau das ist es, was jetzt zählt.
Sollte ich trotzdem wieder das dringende Bedürfnis verspüren, den St.-Lorenz-Strom auf zwei statt vier Rädern zu überqueren, dann gibt’s immer noch den wunderbaren Leihrad-Service BIXI, mit dem auch die Jacques-Cartier-Brücke zu meistern ist.
Zugegeben: Plötzlich den von Mist und Gülle geschwängerten Sauerstoff einzuatmen, ist nach einer Woche Benzin-Aroma gewöhnungsbedürftig. Aber es fühlt sich gut und richtig an.
„Die Stadt läuft dir ja nicht davon“, sagt die kluge Frau an meiner Seite. Stimmt. Ab morgen hat sie mich wieder.
GEFLOHEN VOR DEM TERROR: Harry mit Frau, Kindern und dem Uber-Fahrer.
Es gibt Geschichten, die sind so unglaublich schön und dabei so unglaublich schrecklich, dass sie schon fast unglaublich sind. So eine Geschichte ist mir gestern beim Uber-Fahren zu Ohren gekommen.
Zwei Dinge sollte ein Taxifahrer tunlichst vermeiden, sonst riskiert er seine Lizenz. Erstens: Anderen Verkehrsteilnehmern in Anwesenheit eines Fahrgasts den Vogel zeigen. Zweitens: Mehr Passagiere im Auto transportieren, als Sicherheitsgurte zur Verfügung stehen. Das mit dem Vogel hat bisher ganz gut geklappt, schließlich gibt es für den äußersten Notfall noch den Mittelfinger. Bei den Sicherheitsgurten hört der Spaß allerdings auf. Da kennt der Uber-Fahrer keine Kompromisse. Bis gestern.
Wenn sich am Muttertag eine Zahnarztpraxis auf der Uber-App meldet und eine fünfköpfige afrikanische Familie erwartungsvoll mit Rollstuhl vor der Tür steht, ist Umdenken angesagt. Celine, so heißt die junge Zahnärztin, die den Taxi-Service bestellt hatte, bittet mich, bei den Sicherheitsgurten ein Auge zuzudrücken. „Die haben schon genug mitgemacht“, sagt sie, während wir jetzt zu dritt versuchen, den altersschwachen Rollstuhl im Kofferraum meines Kleinwagens zu verstauen.
Celine bestellte den Fahrservice, nachdem sie die nigerianische Mama nach einer Nacht voller Zahnschmerzen behandelt hatte.
Celine ist eine Zahnärztin mit Herz. Sie bezahlte nicht nur den Uber-Service sondern auch Essen für die komplette Familie in einem afrikanischen Restaurant am anderen Ende der Stadt. „Und Sie essen auch mit!“, befahl sie mir. Den Vorschlag muss ich leider ablehnen.
Die Fahrt vom sozial schwachen Montrealer Norden bis zum Stadtteil Lasalle, wo die Mieten auch noch erschwinglich sind, dauert 40 Minuten. Genauso lange dauerte die Fahrt, die im Februar das Leben einer Familie verändert hatte, die jetzt in meinem Wagen sitzt.
Harry, seine Frau und die drei Kinder brachen schon am frühen Morgen von ihrem kleinen Dorf in die nigerianische Hauptstadt Abuja auf. Sie waren auf der Flucht. Mehr als das, was sie am Leib trugen, hatten sie nicht mehr.
Banditen hatten in der Nacht ihre kleine Farm abgefackelt, nachdem sie Tage zuvor schon die Entführung der zehnjährigen Tochter angedroht hatten. Als die Verbrecher erkannten, dass bei Harry kein Lösegeld zu holen ist, haben sie eben Feuer gelegt. Wieviel Geld ist schon von jemandem zu erwarten, der sich mit ein paar Hühnern, einem halben Dutzend Schweinen und einer kleinen Ziegenherde über Wasser hält?
Also schnappt man sich Mädchen und junge Frauen und verkauft sie an irgendwelche Schergen, die dafür ein paar Nairas bezahlen. Am Abend lese ich: Entführungen mit anschließenden Gruppen-Vergewaltigungen passieren in Nigeria so häufig, dass die eingeschüchterten Medien oft darauf verzichten, überhaupt noch darüber zu berichten.
Als Harry an jenem Februarmorgen mit seiner Familie in Richtung Hauptstadt fährt während der Bauernhof noch in Flammen steht, hat er ein Ziel: Die kanadische Botschaft in Abuja. Dort, so hatte Harry von Landsleuten gehört, seien die Chancen am größten, ein Ausreisevisum zu bekommen.
Doch bis zur Botschaft schafft es die Familie nicht. Als sie ihr Dorf gerade verlassen hat, eröffnen Unbekannte das Feuer auf den offenen Pickup-Truck. Akofa, zehn Jahre alt, bricht im Kugelhagel zusammen. Mehrere Schüsse treffen sie im Unterleib und in der Wirbelsäule.
Das Mädchen ist von der Brust abwärts querschnittsgelähmt.
Wortlos hört sie jetzt auf dem Rücksitz meines Wagens zu, wie ihr Vater mir ihre Geschichte erzählt. Der Rollstuhl klappert im Kofferraum, im Rückspiegel blicke ich in Kinderaugen, die nach Antworten suchen. Eine Frau wischt sich Tränen aus den Augen. Es ist Muttertag und wir stehen im Stau. Es sind bedrückende Momente.
Drei Wochen lang wird Akofa nach dem Attentat in Nigeria notversorgt. Als die Banditen sich auch noch Zugang zu der Klinik verschaffen, die der Familie vorübergehend Unterkunft gewährt hatte, packt Harry seine Tochter in jenen Rollstuhl, der jetzt in meinem Kofferraum klappert, und wird bei der kanadischen Botschaft vorstellig. Eine Ausreise sei bei dem Gesundheitszustand des Mädchens momentan leider nicht möglich, heißt es dort. Sie sollten auf ihre Farm zurück und auf weitere Nachrichten warten.
Doch die Farm gibt es nicht mehr, also wird auch nicht gewartet. Harry ruft einen Nachbarbauern aus dem Dorf an. Der kauft ihm das ab, was noch übrig ist von seinem Bauernhof. Ein paar Äcker, auf denen Mais gedeiht, eine Wiese für die Tiere. Mehr ist es nicht.
Mit dem Geld und ein paar Dokumenten der kanadischen Botschaft macht sich Harrys Familie auf den Weg zum Flughafen und bucht eine Reise nach Montreal, via Frankfurt.
„Warum ausgerechnet Montreal?“, will ich wissen. „Von allen Flügen nach Kanada war Montreal am billigsten“.
Bei der Ankunft dann das übliche Prozedere. Asylantrag, Notunterkunft, Versprechen auf ärztliche Behandlung der gelähmten Tochter. Morgen hat sie wieder einen Krankenhaustermin. Nach drei Monaten hat sich ihr Zustand leicht stabilisiert, aber der Rollstuhl wird ihr bleiben.
Jetzt sitzt diese Familie also bei mir im Uber. Während sich draußen der Stau langsam auflöst und wir uns einem afrikanischen Restaurant mit unaussprechlichem Namen nähern, gehen mir tausend Dinge durch den Kopf. Wie nahe sich gut und böse doch sind. Und wie eng reich und arm nebeneinander liegen.
Weniger als zwei Stunden vor der Begegnung mit Harrys Familie, die mitten im gnadenlos kalten kanadischen Winter eine Flugreise ins unbekannte Montreal gebucht hatte, um Gewalt und Schrecken zu entkommen, sitzt eine junge Asiatin mit Schminkkoffer auf meinem Rücksitz. Sie fragt mich, ob ich sie für 600 Dollar nach Toronto fahre. Ich lehne ab.
Warum sie nicht den Flieger nehme, will ich wissen. Für 600 Dollar kann sie in einer Stunde per Business Class von Montreal nach Toronto fliegen. Sie habe Flugangst, sagt sie.
Ich wette, darüber hatte sich Harry keine Gedanken gemacht, als er im Februar zum erstenmal in seinem Leben in Abuja in ein Flugzeug gestiegen ist.