Sommerliche Grüße aus Kanada

Warum Eis, wenn’s auch Sorbet gibt: Leckere Schleckereien am „Place du Marché“ bei uns um die Ecke.
Vogeltränke aus einem zementierten Rhabarberblatt.
Grün, grüner am grünsten: Ein Tischlein, das sich deckt.
Arm an Zucker, noch ärmer an Fett. Trotzdem eine Augenweide: „Schwäbischer Zopf“.
Hefe-Backwerk.
Immer öfter mit dem Radl da: Lore liebt Landluft.
Alkohol war gestern: Nullprozentiger Fake-Gin-Tonic mit echter Minze.
Leben auf der Farm: Abendsonne im „weissen Zimmer“.
Total echt: Falscher Flieder, umgarnt von neugierigem Blumen-Publikum.
Sundowner mit Schmackes: Der Tag sagt tschüss.
Blumen zum Reinbeißen: Kopfsalat mit leckeren Borage-Blüten.
Spaghetti-Squash (Kürbis) aus dem eigenen Garten, umschmeichelt von einem Strauß von Oregano, thailändischem Salbei und Schneewittchen-Rosen.
Stillleben mit Blumen.
Manche Kräuter wachsen an der Decke: Oregano, Minze, Thailändischer Salbei.
Ganz schön wild: „Wild Turkeys“ blockieren die Fahrbahn.
Familienausflug: Montrealer Polizisten auf der Rue Notre-Dame.

Von Menschen und Raubtieren

Ich hatte das große Glück, in einer tierliebenden Familie aufwachsen zu dürfen. Bei uns wurde weder gejagt noch geangelt. Dafür hatten wir, solange ich mich erinnern kann, immer Hunde und Katzen, zwischendurch auch Schweine und Hühner.

Hunde und Katzen wurden geliebt, Schweine und Hühner gegessen. Nach dem Krieg musste man als sechsköpfige Familie schauen, wo man bleibt.

In unserem Aquarium schwammen mehr Goldfische als ich zählen konnte. Selbst in dem Teich, den mein Vater im Garten angelegt hatte, tummelten sich noch Fische aller Art.

Als uns in unserem Wald einmal ein Rehkitz zulief, päppelten wir es mit einer Milchflasche auf. Irgendwann war Bambi verschwunden. Es hieß, es sei über den Zaun gesprungen. So ganz glauben kann ich diese Geschichte bis heute nicht. Wie gesagt: Nach dem Krieg waren Lebensmittel rar.

Von einem Nachbarbuben hörte ich, sein Papa habe ihm einen Stallhasen gekauft, den er jeden Tag füttern musste. Auch Hansi war irgendwann weg. Was Nachkriegs-Mütter am Sonntag so alles zusammenbrutzelten, hatte uns Kinder nicht zu interessieren.

Für manche Erwachsene war die Tierliebe der Kinder ein Geschäftsmodell. Am Eingang der „Bärenhöhle“, einem riesigen Tropfsteingewölbe im schwäbischen Bad Urach, wurden Besucher von Menschen in Bärenkostümen empfangen. Als Souvenir konnte man sich gegen Bezahlung fotografieren lassen.

Dass Bären als Fotomotive herhalten mussten und nicht Giraffen oder putzige Mäuse hat einen Grund: In dem unterirdischen Gewölbe sollen sich zu Urzeiten Höhlenbären aufgehalten haben.

Auf dem Foto sind übrigens mein Bruder Eberhard und ich zusammen mit Tante Rosa und Onkel Albert aus Österreich zu sehen.

Ganz schräg ging’s damals in den Schulen zu, zumindest in unserer Schule. Einmal im Jahr kam ein reisender Schulfotograf mit einem oder mehreren Tieren in seinem Lieferwagen. Besonders beliebt waren Raubtiere. Die wurden dann jedem Schüler in den Arm gedrückt, während der Fotograf den Auslöser betätigte.

Die Fotos fanden offenbar reißenden Absatz, denn solange ich mich erinnern kann, tauchte derselbe Fotograf immer wieder in unserer Schule auf, jedes Mal mit verschiedenen Tieren. Affen waren auch mal dabei und auch Meerschweinchen. Die fanden wir allerdings nicht so spannend.

Was für ein armes Tier ich fürs Foto aufgedrückt bekam, weiss ich nicht mehr so genau. Es könnte ein kleiner Löwe sein, oder auch ein Tiger oder ein Luchs. Irgendein Raubtier wird es schon gewesen sein.

Manchmal kam der Fotograf auch mit einer Schlange, die man sich um den Hals drapieren musste. Ich kann mich erinnern, dass ich mich da geweigert habe. Irgendwann war Schluss mit dem Zirkus.

Was LehrerInnen heute wohl sagen würden, wenn ein reisender Fotograf mit einem Privatzoo im Kastenwagen auf dem Pausenhof vorfahren würde? Über den pädagogischen Wert dieser seltsamen Fotosessions ließe sich diskutieren.

Den Handschuh auf dem Raubtier-Foto mussten die Kinder übrigens nicht etwa zum Schutz vor Kratzspuren während der Fotosession anziehen. Ich trug ihn damals, weil meine Hand frisch genäht war.

Am Tag, als uns der Dorf-Elektriker den ersten Schwarzweiß-Fernseher ins Haus brachte, war ich so aufgeregt, dass ich mit einem Affentempo – hier ist es wieder, das Tier in mir – meinem Vater Bescheid sagen wollte, der irgendwo im Dorf unterwegs war.

In einer Kurve raste ich mit einem entgegenkommenden Holzarbeiter zusammen, der ebenfalls mit dem Fahrrad unterwegs war. Der Mann trug eine Holzsäge über der Schulter. Zielsicher landete die scharfe Säge genau in meiner Hand. Eine fette Narbe ist mir bis heute geblieben. Kosmetische Chirurgie kannte man damals noch nicht in Ummendorf.

Aber Raubtiere.

Von Montréal ins Weiße Haus?

Coverfoto aus der New York Times

Joe Biden geht, Kamala Harris kommt. Die US-Vizepräsidentin und mögliche Präsidentschafts-Kandidatin verbrachte ihre Teenager-Jahre in Montréal. Aus aktuellem Anlass hier noch einmal ein Blogpost, der zuerst am 20. Januar 2021 veröffentlicht wurde.

Kamala Harris ist nicht nur eine der mächtigsten Frauen der Welt. Sie ist auch eine der bekanntesten Ex-Montrealerinnen. Die Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten kam als Zwölfjährige aus Kalifornien in die Stadt meines Herzens und blieb dort bis zum Ende ihrer High-School-Zeit.

Im Villenviertel Westmount besuchte die Tochter einer indischen Mutter und eines jamaikanischen Vaters von 1981 an die „Westmount High School“ bis zu ihrer „Graduation“.

„Ich war zwölf und lebte glücklich im sonnigen Kalifornien“, erzählte die gebürtige Amerikanerin einem Journalisten „da beschloss meine Mutter, mit mir und meiner Schwester Maya nach Kanada zu ziehen“.

Kamalas Mutter, Dr. Shyamala Gopalan Harris, war als Wissenschaftlerin nach Montreal gekommen. An der McGill University und dem „Jewish General Hospital“ arbeitete sie als Forscherin auf dem Gebiet der Brustkrebs-Mutationen.

Als sie mitten im Schuljahr in Kanada eintrafen, hatte es in Montreal gerade einen halben Meter geschneit. „Unsere Mutter kaufte uns erst einmal dicke Winterjacken“, erinnert sich Harris. „Ziemlich uncool und nicht gerade das, was man sich als junges Mädchen wünscht“.

Doch der dunkelhäutige Teenager integrierte sich schnell im schon immer multikulturellen Montreal. Schon kurz nach ihrer Ankunft organisierte sie eine Demo mit anderen Kindern. Der Besitzer eines Apartmentgebäudes in ihrer Nachbarschaft hatte den Kindern verboten, vor dem Haus zu spielen.

Die Protestaktion hatte Erfolg. Ab sofort durften sich die Westmount Kids wieder vor besagtem Haus tummeln.

War sie ein wilder Teenager, der keine Party ausließ? Oder doch eher der Bücherwurm, der es später in Kalifornien zur Senatorin brachte? So richtig festlegen wollen sich ihre früheren WeggenossInnen nicht.

Sie habe Michael Jackson geliebt, heißt es immerhin. Ein paar Fotos sind aufgetaucht, auf denen sie in Partystimmung zu sein scheint. Aber von „wild“ keine Spur.

Wild vielleicht nicht, dafür aber freundlich und mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.

Die Kinder-Demo vor dem Apartmentgebäude war wohl nicht die einzige Aktion, in der sie sich für die Rechte von MitschülerInnen einsetzte.

Es gab da auch ein Mädchen in ihrer Klasse, das Kamala anvertraute, wie es vom Stiefvater missbraucht wurde. Kamala Harris erzählte es ihrer Mutter. Die wiederum sorgte dafür, dass das Mädchen zu ihnen ins Haus zog – weg vom Stiefvater.

Bis heute, so heißt es, seien das Montrealer Missbrauchsopfer und die jetzige Vizepräsidentin noch eng befreundet.

Gut möglich, dass sich Kamala Harris auch mit Leonard Cohen angefreundet hätte. Auch der besuchte die besagte „Westmount High School“. Allerdings schon 30 Jahre früher.

„Schütza“-Post aus Ummendorf

In Biberach geht an diesem Wochenende das traditionelle „Schützenfest“ zu Ende. Eine Woche lang wurde gefeiert, getanzt, getrunken und immer wieder gesungen. „Rund um mich her ist alles Freude“, heißt das „Schützalied“, das in meiner oberschwäbischen Heimat schon jedes Kind kennt.

Dass ich es mit meinem kleinen Blogpost von neulich in den Lokalteil der „Schwäbischen Zeitung“ geschafft habe, freut mich – und ehrt mich auch ein bisschen. Schön, wenn sich Menschen nach so vielen Jahren noch an einen erinnern. Immerhin habe ich fast mein ganzes Erwachsenen-Leben im Ausland verbracht.

Die erste, die den Text entdeckt und mich im fernen Kanada informiert hatte, war meine Schulfreundin Irmgard Ströbele. Es folgten meine Brüder Eberhard und Wolfgang, mein Freund Uli und eine Handvoll weiterer WeggefährtInnen aus Ummendorfer und Biberacher Zeiten.

Den Aufmacher habe ich übrigens dem Krimi-Autor Uli Herzog, zu verdanken. Der hatte ohne mein Wissen dem Lokalchef der SZ meinen Blog-Text zugeleitet.

Gerd Mägerle, den ich schon lange als einen Lokalredakteur mit einem Näschen für gute Geschichten schätze, fing den Ball auf und fragte ganz offiziell bei mir um Abdruckgenehmigung. Ob er diesen „herzallerliebsten und anrührenden Text“ veröffentlichen dürfe, wollte er wissen. Die Online-Version in Schwäbische.de finden Sie >> HIER <<

Mit der Schwäbischen Zeitung, deren Redaktionsräume noch immer am historischen Biberacher Marktplatz liegen, verbindet mich übrigens mehr als nur diese eine Geschichte. Ich habe dort eine dreijährige Schriftsetzerlehre absolviert, ehe ich den Schritt in den Journalismus machte.

Schön, wie sich der Kreis wieder schließt. Sag ich doch: „Rund um mich her ist alles Freude“.

Der Traum vom Trommler

IMMER NUR ZAUNGAST: Die „Biberacher Schützentrommler‘ heute früh im Livestream.

Es gibt viele Träume, die ich mir in meinem Leben erfüllen konnte. Einer wird immer nur das bleiben: ein Traum. Ich werde niemals Trommler im Biberacher Schützenumzug sein. Dabei hätte ich als Kind alles stehen und liegen lassen, um einmal, nur ein einziges Mal, am Umzug des Biberacher Schützenfests mitlaufen zu dürfen.

Von meinem Glück trennten mich nur fünf Kilometer. Ich war aus Ummendorf und nicht aus Biberach. Ein Schützentrommler musste Biberacher sein. Der Ummendorfer war Zaungast, dem Biberacher gehörte die Welt. Und sei es nur für zwei Stunden im Jahr, wenn der historische Umzug mal wieder durch die Straßen der Altstadt zog.

Eben habe ich den Livestream vom „Schitza-Omzug“ im Internet gesehen. Es war mir ein Fest.

Aus der Ferne verklären sich manche Erinnerungen und das Alter trägt auch seinen Teil dazu bei. Ob es wirklich so viel Spaß gemacht hätte, schon wochenlang vor dem Umzug unter dem Zepter eines gestrengen Tambourmajors zu den Trommlerproben zu gehen, um dann in der Juli-Hitze in voller Montur kilometerweit im Gleichschritt durch die Gassen der Altstadt zu marschieren? Ich werde es nie erfahren.

Was ich weiß ist, dass ich die Buben – und damals waren es halt mal nur Jungs und keine Mädchen – tierisch darum beneidete, dass sie am größten Festtag des Jahres, am Schützendienstag, mittrommeln, mitlaufen und sich von Tausenden von Zuschauern bejubeln lassen durften, während ich sie vom Straßenrand aus beklatschen musste.

Die Blechtrommel, die mir  Vater dann irgendwann auf dem Jahrmarkt am „Gigelberg“ gekauft hatte, weil ich wohl keine Ruhe ließ, war gut gemeint. Aber sie war nicht mehr als ein trauriger Abklatsch dessen, was der richtige Schützentrommler um den Hals hängen hat: Keine billige Blechtrommel, sondern ein straff gegerbtes Fell, das den schönsten Ton hervorbringt, den ich mir als Kind vorstellen konnte: den satten Klang der Biberacher Schützenmusik.

Vater kannte meine Sehnsüchte. Zum Trost gab es in seinem Malerbetrieb jede Menge Farb-Eimer, die als Trommeln herhalten mussten, wenigstens das.

So bildeten wir, eine Handvoll Ummendorfer Buben aus der Nachbarschaft, unsere eigene Schützenkapelle, mit selbstgebastelten Instrumenten. Was für ein unsagbar trauriges Bild das gewesen sein muss!

Die Trommeln waren, weil damals nichts etwas kosten durfte, aus Blech und nicht aus Fell. Dabei hätte mir auch eine Blechtrommel genügt, um am Original teilnehmen zu dürfen, am Biberacher Schützenumzug.

Der Zaungast in mir wird wohl immer mein großes Schützen-Trauma bleiben. Wie an diesem Dienstagmorgen, da ich die Schützentrommler vom fernen Kanada aus auf dem Bildschirm bewundere.

„A scheene Schütza“ allerseits!