Old Man Winter ist wieder da!

© The Gazette

Es gibt ihn also doch noch: den guten, alten Winter. Nachdem er die beiden vergangenen Jahre weitgehend durch Abwesenheit geglänzt hatte, ist er vorige Nacht auf lauten Sohlen dahergekommen.

45 cm Neuschnee soll es heute noch geben, 35 cm waren es vor ein paar Tagen. Schlimm? Eigentlich nicht, denn wir leben hier in Kanada und nicht in der Karibik. Und Winter können sie, meine kanadischen Freunde.

So geht Winter: Mein Freund Dr. Marc bei seinem heutigen Spaziergang.

Nehmen wir Marc – „Dr. Marc“, wie ich ihn nenne, um ihn von meinen anderen Marcs und Marks im Freundeskreis zu unterscheiden. Dr. Marc, pensionierter Kinderkardiologe, ist das, was man einen Hardcore-Winterfan nennt. Während wir uns hinterm warmen Ofen verkriechen, ist er auf den Skipisten und Eislauf-Arenen der Umgebung zu finden. Dr. Marc ist übrigens über achtzig. Verwöhnprogramm ist anders.

Auch an einem Tag wie heute, der selbst für kanadische Verhältnisse ungewöhnlich schneereich ist, freut sich mein Freund.

„Aujourd’hui, nous aurons droit à une tempête de neige comme je les aime 😍. J’irai sûrement marcher le long du canal, sinon plus loin.“

Genau so liebt er den Winter, schreibt er mir eben. Er werde gleich einen Spaziergang am Kanal entlang machen – wenn nicht noch weiter. Schließlich stammt Dr. Marc aus Quebec City. Im Vergleich dazu kommt der Montrealer Winter wie ein Lämmchen aus dem Streichelzoo daher.

Und wir so?

Haben den Brennholzvorrat aufgestockt, den Kühlschrank für alle Fälle mit Notrationen gefüllt und neulich sogar bei IKEA noch unseren Kerzenbedarf bis zum Sanktnimmerleinstag gedeckt. Mit Stromausfall ist in diesen Breitengraden immer zu rechnen. Dass die Überlandleitungen den Schnee- und Eismassen nicht standhalten, kommt schon mal vor.

Die Handys haben noch genügend Saft, notfalls können sie im Auto nachgeladen werden. Gekocht wird ohnehin schon häufig auf dem Holzofen – also nichts wie her mit dem Schneesturm.

Schade für diejenigen, deren Flüge storniert und Busfahrten über Land gecancelt werden mussten.

Wir verkriechen uns derweil weiter hinterm Holzofen und tun das, was wir am besten können: Überleben!

Und das ist erst der Anfang …
Markierung für den Schneepflug.
So sah es in Montreal aus. Foto: CBC

Nur noch „Made in Canada“

So weit sind wir also schon: In den Supermärkten des Landes wird fieberhaft nach amerikanischen Produkten gescannt – denn die wollen wir gefälligst vermeiden. Jetzt sind wir es, die „Canada First“ sagen. Dabei helfen zwei Apps, die seit ein paar Tagen auf dem Markt sind.

Spätestens nach dem unsäglichen Auftritt von US-Vizepräsident Vance in München, der Europa mit „The New Sheriff in Town“ drohte, sagen sich viele Kanadier: Was die Amis können, können wir auch.

Traurig, aber wahr – selbst die sonst eher unpolitischen Kanadier zücken im Supermarkt plötzlich Lupen und Handys, um gezielt nach kanadischen Produkten Ausschau zu halten. Wir gehören auch dazu.

Das ist gar nicht so einfach. Manchmal wurde ein Produkt in den USA hergestellt, aber in Kanada abgefüllt. Soll man das Spülmittel, den Weinessig, den Orangensaft nun kaufen – oder lieber doch nicht?

Fest steht: Wenn die Wahl zwischen Orangen aus Mexiko oder Florida besteht, heißt es für uns ganz klar: „Mexico First“ Kalifornische Weine trinken wir ohnehin nicht (mehr), Bourbon aus Kentucky schon gar nicht.

Schon klar, dass ein Boykott amerikanischer Produkte zwar ein Zeichen setzt, aber auch völlig unbeteiligte Amerikaner treffen kann, deren Arbeitsplätze dadurch gefährdet sind. Das tut mir zwar leid, aber eingebrockt hat ihnen das der Orangenmann im Weißen Haus.

Die beiden Apps, mit denen sich kanadische von amerikanischen Produkten unterscheiden lassen, stecken noch in den Kinderschuhen. So wurden eben im Supermarkt Eier von freilaufenden Hühnern fälschlicherweise als „Not made in Canada“ klassifiziert – obwohl sie nachweislich aus der Region stammen.

Die Apps basieren auf KI und lernen – wie man es von künstlicher Intelligenz erwartet – täglich dazu.

Hinter „Check the Label“ steht das junge Team von Punchcard Systems, einem Start-up mit Mitarbeitern in ganz Kanada.
„CanMade“ wurde von einem Studenten namens Hashim Farooq von der University of Brandon (Manitoba) entwickelt. Sie war diese Woche eine der zehn am häufigsten heruntergeladenen Apps in der Lifestyle-Kategorie des AppStores in Kanada.

Kleines Kanada-Quiz gefällig?

Es ist kalt und der Wind treibt den Schnee vor sich her. Also machen wir es uns in der warmen Stube gemütlich. Wie wär’s mit einem kleinen Spiel? Ich habe es auf irgendeiner dieser Marketing-Webseiten gefunden. Also nicht wundern, wenn Sie mit Anzeigen eingedeckt werden.

Es nennt sich „The Ultimate Canada Quiz“ und enthält einige lächerlich einfache, aber auch mehrere verblüffend schwere Fragen. Insgesamt dürfen Sie 60 mal raten.

Zu gewinnen gibt es nichts, das heißt doch: Jede Menge Kanada-Kenntnisse, mit denen Sie bei Ihrer nächsten Stehparty ordentlich auf den Busch hauen können. Ganz nebenbei frischen Sie noch Ihre Englisch-Kenntnisse auf. Win-win also.

Ignorieren Sie einfach die eingeblendeten Anzeigen und klicken Sie drauf los. Viel Spaß!

>> Hier geht’s zum Quiz <<

Mittagessen im Möbelhaus

Es kommt nicht mehr so oft vor, dass wir essen gehen. Und wenn, dann sind es meistens asiatische Restaurants, die uns seit Jahren vertraut sind. Dumplings, Pad Thai, General-Tao-Chicken – solche Sachen. Und jetzt plötzlich Köttbullar bei IKEA.

Es gibt viele Gründe, an einem bitterkalten Wintersonntag ins Möbelhaus zu gehen. Die Auswahl an Tischen, Regalen und Stühlen ist groß. Leute gucken ist eine Option, die mir persönlich am liebsten ist. Und warum eigentlich nicht auch mal Mittagessen bei IKEA?

Der Andrang ist riesig. Vor allem junge Familien mit Kleinkindern tummeln sich um die Vitrinen. Es herrscht ein Schreien und Schubsen, und ja, es gibt charmantere Restaurants als die Cafeteria bei IKEA.

Ich habe den Eindruck, viele der Familien kommen ausschließlich wegen des Essens hierher. Das Menü ist reichhaltig und enthält sogar vegetarische Optionen. Fettarme Gerichte gibt es auch – perfekt für jemanden, der Diätvorschriften beachten muss.

Mit Köttbullar kann man nicht viel verkehrt machen. Köttbullar ist das schwedische Wort für Fleischbällchen. Sie werden traditionell mit Rahmsauce, Kartoffelpüree, Preiselbeermarmelade und Erbsen serviert. Die Rahmsauce sparen wir uns, der Rest geht klar.

Am Nachbartisch schieben sich ein paar Teenager vergnügt Kalorienbomben aus der Kühlvitrine rein – Apfelkuchen, Schokotorte, Käsesahne. Aber es gibt auch gebeizten Gravlax mit Dill, eine wunderbare Vorspeise. Oder Lachsfilet mit Blumenkohlreis und Paprikarelish. Und natürlich wird auch das gute alte Chicken mit Pommes angeboten.

Fazit: IKEA ist okay für Leute, die eine schnelle, günstige Mahlzeit suchen. Frische, hochwertige Küche ohne Massenabfertigung gibt’s woanders – vermutlich nicht zu diesen Preisen.

Nicht mehr beste Freunde

War da was? Wir waren doch immer ziemlich beste Freunde, die Amerikaner und wir. Kaum ist der Bully aus Washington im Amt, macht er alles kaputt. Waren aus Kanada wird er mit 25 Prozent Einfuhrzöllen belegen – „Strafzölle“ nennt er das. Er will mein schönes Land dafür bestrafen, dass wir angeblich massenweise drogensüchtige Verbrecher in die USA schicken.

Natürlich stimmt das nicht, so wie das meiste nicht stimmt, was dieser rachsüchtige Mensch so alles verzapft. Kanada ist gerade mal für 1 Prozent des Fentanyl-Verbrauchs in den USA verantwortlich.

Sollen sie ihre Orangen aus Florida doch behalten und ihren Bourbon aus Kentucky selber trinken. Wir werden jedenfalls versuchen, so weit es geht auf amerikanische Produkte zu verzichten.

Kleiner Tipp: Beeren aus Peru, Mexiko, Nicaragua und Guatemala schmecken ohnehin besser als das Gedöns aus Florida und Kalifornien. Und kanadische Äpfel sind ohnehin nicht zu toppen.

Schon klar: Auf alles Amerikanische, das gut ist und schmeckt, werden wir wohl nicht verzichten können. Aber wir versuchen unser Bestes. Beim Einkauf hilft ein Blick auf das Kleingedruckte. „Made in USA“ kommt bei uns nach Möglichkeit nicht mehr auf den Tisch.

Worum geht es eigentlich? Ein paar Fakten:

Fahrzeuge und Autoteile – Autos, Lastwagen und Komponenten für die kanadische Automobilproduktion.

Maschinen – Industriemaschinen, Motoren und Computer.

Mineralöle und Brennstoffe – Raffinierte Erdölprodukte wie Benzin und Erdgas.

Elektrische Geräte – Computer, Telekommunikationsausrüstung und Elektromaschinen.

Kunststoffe und Kunststoffprodukte – Rohstoffe und verarbeitete Kunststoffwaren.

Pharmazeutika und medizinische Geräte – Medikamente, Impfstoffe und Medizintechnik.

Agrarprodukte – Frische und verarbeitete Lebensmittel, darunter Obst, Gemüse und Fertigprodukte.

Chemikalien – Industriechemikalien, Düngemittel und andere chemische Produkte.

Eisen und Stahl – Rohmaterialien und Metallprodukte.

Konsumgüter – Verschiedene Haushalts- und persönliche Produkte.

Energie (Öl, Gas, Strom) – Rohöl, Erdgas, Strom und raffiniertes Erdöl sind Kanadas wichtigste Exporte in die USA.

Fahrzeuge und Autoteile – Kanadische Autofabriken liefern viele Fahrzeuge und Komponenten an den US-Markt.

Holz und Holzprodukte – Bauholz, Zellstoff und Papierprodukte sind wichtige Exportgüter.

Maschinen und technische Ausrüstung – Industriemaschinen, Spezialausrüstung und elektrische Geräte.

Mineralien und Metalle – Gold, Aluminium, Kupfer, Nickel und andere Rohstoffe für die Industrie.

Agrarprodukte und Lebensmittel – Weizen, Rapsöl, Rindfleisch, Fisch und andere landwirtschaftliche Erzeugnisse.

Kunststoffe und chemische Produkte – Industrielle Kunststoffe, Düngemittel und pharmazeutische Grundstoffe.

Luft- und Raumfahrttechnik – Flugzeugteile, Satellitenkomponenten und technische Dienstleistungen.

Elektrizität – Kanada liefert Strom in mehrere US-Bundesstaaten.

Konsumgüter – Verschiedene hergestellte Waren wie Möbel und Textilien.

Der kanadische Premierminister Justin Trudeau mag nach seinem angekündigten Rücktritt eine „lame duck“ sein, aber in Zeiten wie diesen steht er hinter seinen Landsleuten wie eine Eins. Nicht nur kündigt er 25-prozentige Zölle für kanadische Güter an, er geht noch weiter.

In einer emotionalen Fernsehansprache appellierte er jetzt an seine Landsleute: Achtet beim Einkauf auf lokale Produkte. Macht wieder Urlaub im eigenen Land, anstatt den Winter in Florida, Arizona oder auf Hawaii zu verbringen. Helft euch gegenseitig aus, wenn es auch an etwas fehlt.

Von Rachsucht keine Spur. Aber ganz viel gesunder Menschenverstand.

Ob sich sowas wohl auch exportieren lässt?