
Wenn es um Restaurants geht, ist Montreal schwer zu toppen. Gut fünftausend von ihnen gibt es in der Stadt meines Herzens. Vom Diner an der Ecke bis zum Sterne-Lokal, vom Griechen-Grill bis zum französischen Gourmet-Tempel – rund 120 Nationen sind in den verschiedenen Stadtteilen vertreten.
Eine Ausstellung im McCord Stewart Museum zeigt die Geschichte der Restaurants in Montreal seit den 1960er-Jahren. Beim Besuch wird schnell klar: Essen und Restaurants haben Kultur und Identität der Stadt maßgeblich geprägt.
Wenn du neu bist in einer Millionenstadt und keine Menschenseele kennst, freust du dich über jede Bekanntschaft. Ein Typ namens Jean war die erste Person, die mich in die Montrealer Restaurant-Szene eingeführt hat. Irgendwann landeten wir morgens um halb zwei bei „Schwartz’s Delicatessen“, einem Smoked-Meat-Diner am Boulevard St. Laurent.
Was aus Jean geworden ist, weiß ich nicht. „Schwartz’s“ gibt es noch immer, in zwei Jahren feiert das Lokal sein 100-jähriges Jubiläum. Frank, der freundliche Kerl im Bannerfoto, geht demnächst in den Ruhestand. Wir kennen uns seit gut 40 Jahren. Bei meinem ersten Besuch war Frank noch „Meat Cutter“. Heute ist er der Boss.
Sonst hat sich seit meinem ersten Besuch nichts verändert. Noch immer warten zu fast jeder Tages- und Nachtzeit Menschenschlangen auf Einlass. Seitdem „Schwartz’s“ in jedem Reiseführer als „das Lokal, das Celine Dion gekauft hat“ steht, ist der Run auf den Diner noch größer geworden.
Essen und Trinken waren für die Millionen von Montrealern schon immer wichtig. Die Taverne an der Ecke, das Bistro in der Altstadt, die Pizzeria in Little Italy und das Steak-Restaurant in so gut wie jedem Stadtteil – sie alle gehörten zu Montreal wie der Sankt-Lorenz-Strom, der Sprachenstreit und die Leidenschaft für Eishockey.
Ein regelrechter Boom an Restaurants, Kneipen und Bars setzte mit „Expo 67“ ein. Die Weltausstellung brachte nicht nur Millionen Besucher in die Stadt, sondern auch viele neue Geschäftsideen. So eröffnete an der Ecke Boulevard René-Lévesque/Rue St. Denis ein Deutscher namens Georg Reiss eine Art Hofbräuhaus.

Es nannte sich zunächst „Alt München“. Später, als die frankokanadischen Separatisten das Sagen hatten, wurde „Le Vieux Munich“ daraus. Es bot Platz für 1200 Trink- und Schunkelfreudige. Serviert wurden Schweinshaxen, Knödelsuppe, Bier vom Fass und Bratwürste vom Grill. 1995 war ausgedirndelt.
Hatten sich die besten und teuersten Restaurants zunächst noch in den feinsten Hotels der Stadt niedergelassen, so zogen die Sterneköche nach und nach aus dem Zentrum in die Szenenviertel.
So gelten in unserem Stadtteil St. Henri gleich zwei Lokale um die Ecke zu den angesagtesten in Montreal: „Joe Beef“ gehört zur Topliga, wenn es um Steak & Seafood geht. Ins „Liverpool House“, unmittelbar daneben, lud Justin Trudeau einst Barack Obama zum Mittagessen ein.
Viele Jahre später machte der frühere kanadische Premierminister ein anderes Restaurant zum Szenen-Hotspot. Seitdem Justin an der Seite von Katy Perry im „Le Violon“ gesichtet wurde, kann sich der Besitzer vor Bestellungen nicht mehr retten. Wer sich für das Menü der beiden Turteltauben interessiert: Es gab Thunfisch, Beef Tatar, Hummer und Lamm.
Überhaupt Promis: Einer der Nachtschwärmer, der regelmäßig in Montrealer Diners eher schlichten kulinarischen Genüssen nachging, war Leonard Cohen. Natürlich widmete das McCord Stewart Museum auch ihm eine Video-Sequenz.
Die Ausstellung im McCord Stewart Museum heißt „On the Menu – Montreal: A Restaurant Story“ und ist noch bis Oktober 2026 geöffnet.


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Jetzt ist mein Hunger noch groesser als er ohnehin schon war!
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