
Jetzt ist auch noch der letzte gute Freund in den Ruhestand gegangen. Stephan und ich kennen uns zwar erst seit 25 Jahren – gefühlt wie ein langer Urlaub im Vergleich zu einigen anderen Freundschaften, die ich pflege –, aber 25 Jahre sind ein Vierteljahrhundert. Und das ist viel.
In diesem Blogpost soll es nicht um Stephan gehen und auch nicht um Peter, Christa, Frank, Michael, Chris, Uli, Marc, Doug, Josef und Jörg, die inzwischen alle ihre Rente beziehen. Es geht auch nicht um Freundinnen und Freunde aus der Verwandtschaft wie Margret oder Ralf. Auch nicht um Philipp, der noch gut im Saft steht, aber irgendwann auch in Pension gehen wird.
Es geht um den Umgang mit dem Alter. Und damit um uns alle.
Wann ist man eigentlich alt? Bewusst konfrontiert worden bin ich mit dieser Frage zum ersten Mal, als ich mit unserem damals noch kleinen Sohn in die Klinik musste und die Kinderärztin mit Jeans und Sneakers, Kaugummi kauend, auf dem Fenstersims sitzend ihre Diagnose gab.
„Aha“, sagte Lore hinterher, „jetzt sind wir alt“. Damals waren wir Anfang 40.
Bis dahin waren Ärzte für mich weise, ältere Menschen im weißen Kittel, deren Autorität ich mit der von Astronauten oder Bundeskanzlern gleichsetzte. Naja, nicht mit jedem Bundeskanzler. Aber mit jedem Astronauten.
In meinem Stammcafé setzte sich neulich eine, wie ich dachte, nicht mehr ganz junge Frau neben mich und sagte: „You look like my grandpa“. Sie muss meinen konsternierten Blick gesehen haben, als sie blitzschnell nachschob: ihr Opa sei aber total nett. Nachdem sich die Schockstarre langsam löste, wagte ich, nach ihrem Alter zu fragen: 25 sei sie. Ich rechnete nach: Könnte hinhauen mit dem netten Opa.
Hilfe, ich bin alt.
Im „Stern“ lese ich eben folgende Tipps, richtig mit dem Alter umzugehen: „Liebe und Intimität. Familie und Freunde. Dankbarkeit. Zufriedenheit. Vertrauen. Ein bisschen Demut. Wenig Schmerzen. Humor. Ein Hobby. Genug Geld, um zurechtzukommen. Ein sicherer Ort. Glaube und Spiritualität. Musik. Mitunter auch Frikadellen und ein kaltes Bier am Abend.“
Das mit dem kalten Bier, der Demut, den Schmerzen und dem Glauben lasse ich jetzt mal so stehen. Der Rest? Da ist was dran.
Mit dem Alter kommt der Gedanke an die Vergänglichkeit. Mein Freund Jörg, der noch bis vor ein paar Jahren als Langstrecken-Kapitän richtig große Brummer durch die Luft schipperte, wurde am Wochenende aus der Uniklinik entlassen. Er litt an einer lebensbedrohlichen kurzzeitigen Super-Infektion und ist dankbar, dass er „dem da oben“ noch einmal von der Schippe gesprungen ist.
Jörg und krank? Das passte bisher so wenig in meinen Kopf wie Kriegstreiber und Friedensnobelpreis. Aber beides ist inzwischen denkbar.
Warum kommen in den Medien eigentlich nie alte Leute zu Wort, wenn es um das Alter geht? Menschen, die sagen, wie es ist: Morgens tun die Knochen weh, mittags brauchst du ein Nickerchen, abends hast du Probleme beim Einschlafen. Hast du’s dann endlich geschafft, meldet sich auch schon die Pinkelblase.
Der Kollege vom „Stern“ erwähnt in seiner Kolumne sein Pillenkästchen, in dem sich zwei Tabletten für jeden Tag finden: Cholesterinsenker und Vitamin D. Jetzt fühle er sich alt, schreibt er. Er ist 52. Seine 18jährige Tochter tröstet ihn: Er sei nicht alt, nur morsch.
In meinem Pillenkasten stapeln sich 21 Tabletten. Ich bin 77. Und morsch. Und alt. Aber sonst ganz nett.
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KOMMENTAR VON ROLF:
Opa hin oder her, das Altern ist wirklich schon recht schwer! Ein intelligenter Umgang mit dem menschlichen Verfallsdatum hängt von der Situation ab, in der sich der Betroffene befindet.
Ein guter Leitfaden ist sicher auch das Buch des deutschen Schauspielers Joachim Fuchsberger: „Alt werden ist nichts für Feiglinge“. Also auf in den Kampf, Torero! Cheerio … R🌴
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Lieber Herbert, das hast Du wirklich überzeugend zusammengefaßt! Ja, unser Alter wird von unserem Kopf bestimmt. Wir entscheiden, was wir als Negativ-Gedanken zulassen und ob das Glas halb voll ist oder schon halb leer. Auch Du bist ein gutes Beispiel dafür, daß „alt“ bei dem halb Leeren beginnt, weil der Blick dann nicht mehr über den Glasrand hinweg reicht. Auch bei mir gibt es mit meinen in diesem Jahr erreichten 80 Jahren Tage, an denen ich mich zwingen muß, den Blick vom Glasrand weg zu reißen und hin zu den Sternen sowie der göttlich unendlichen Weite hinter ihnen wandern zu lassen. Ja, seit der Augen-OP kann ich wie als Sechsjährige die Sterne wieder sehen.
So halte ich es nun meist mit Snoopy, meinem Lieblings-Hund: IN MEINEM GEIST BIN ICH NOCH 24, MEINE KNIEE SIND 75, UND MEINE LINKE HÜFTE WIRD NÄCHSTE WOCHE 80 (Zeichnung hierzu nicht übertragbar, daher selbst suchen). In diesem Sinne, lieber Herbert, bleib‘ auch Du bis zu Deiner Feuertaufe so jung, wie Du Dich gerade fühlst.“
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Dein wunderbares Resümee „Morgens…mittags…abends wird bestimmt zum Klassischen Dauerbrenner. Den habe ich gleich in mein Büchlein der erinnerungswürdigen Sentenzen aufgenommen. Trotz fortgeschrittenen Alters und 21 Pillen täglich findest du immer noch das richtige Wort!
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Das Bild oben vom „Hundertjährigen“ finde ich äußerst sympathisch: ein bisschen Opa Herbert, ein bisschen unser 95jähr.Cousin im Chiemgau.
Klar sind wir an Jahren alt. Lt. irgendeiner Definition, die ich mal im Internet las, sogar hochbetagt. Aber bedeutet das gleichzeitig auch „uralt“ zu sein? Das liegt ein Stück weit an uns selbst.
Früher gab es den Ausspruch: „Man ist immer so alt, wie man sich fühlt!“ Und da steckt wie in vielen solchen Sprüchen enorm viel Weisheit drin!
Es gibt Tage, da fühle ich mich wie 30 (nur vielleicht meine Knochen nicht), voller Energie, schaffensfreudig, kreativ und positiv gestimmt. Aber es gibt auch mal die anderen Tage, wo mir alles zu viel ist und ich schon mit wenigen Aufgaben überfordert scheine. Dann bin ich gefühlt uralt.
Zum Glück ist die erste Kategorie noch deutlich in der Überzahl!
Wer positiv gestimmt ist, hat es leichter.
Seht unseren Herby an, ein toller Beweis dafür.
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Wow! Zu viel des Lobs. Aber Dankeschön 🙏
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Du bist klug und weise. Weit gereist. Hast sehr viel gesehen. Bist warmherzig und humorvoll. Hast ein gutes und großes Herz. Und innerlich bist du ganz sicher nicht Siebenundsiebzig, sondern oft genug noch ein Jungspund, da gehe ich jede Wette ein.
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Thanks so much for this encouraging comment! I will try my best 💪
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Having grown to maturity in a school where all the boys had lost at least one parent, the majority of my classmates have passed on. I suppose most had bad genetics. When talking about it with one guy while in my early 70s, I said „Well, Joe, we are getting old.“ Joe replied, „Ray, we are old.“ Joe was. That was the way he thought.
I finally conceded the point when I hit 80, but I still try not to act my age.
Herbert, you have had a lot of physical challenges over the last few years, but don’t let anyone tell you to are old or you might start acting your age.
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