
Dass im Radio nicht immer alles glattgeht, weiß jeder, der schon einmal eine Live-Schalte miterlebt hat. Dabei kann vieles schiefgehen – Versprecher oder schlechte Tonqualität gehören noch zu den kleineren Übeln.
Richtig problematisch wird es allerdings, wenn der Korrespondent seine Live-Reportage ausgerechnet von der Toilette aus senden muss. Genau das passierte mir bei meiner Berichterstattung über den Besuch von Nelson Mandela in Montreal.
Als ich neulich an dem Mural vorbeiging, das Mandela vor der Union United Church im Stadtteil St. Henri zeigt, fiel mir die Geschichte wieder ein. In dieser Kirche trat Mandela im Anschluss an seine Rede im Montrealer Rathaus auf. Es war der 19. Juni 1990 – nur wenige Monate nach seiner Freilassung aus 27 Jahren Haft.
Das Medieninteresse in der City Hall war enorm, schließlich war es einer der ersten großen öffentlichen Auftritte Mandelas nach seiner Entlassung. Ich berichtete damals für deutsche Radiosender.
Eine halbe Stunde nach Mandelas Rede war eine Live-Schalte geplant – eigentlich genügend Zeit, um mich in meinem Mini-Studio im Auto in aller Ruhe auf den Anruf aus Deutschland vorzubereiten. Doch wegen der Zeitverschiebung war das Timing irgendwie durcheinandergeraten.
Als plötzlich mein nagelneues Motorola-Handy klingelte, befand ich mich noch auf der Herrentoilette eines Restaurants am Place Jacques-Cartier, unweit des Rathauses. Und schon kündigte mich der Moderator an: „Live vom Mandela-Besuch in Montreal: unser Korrespondent Herbert Bopp.“
Jetzt bloß keine Wasserspülung! Und bitte keine Kneipenunterhaltung von Restaurantgästen! Und wo waren überhaupt meine handschriftlichen Notizen? In der Hektik blieben sie unauffindbar. Was hatte Mandela genau gesagt? Die prägnantesten Sätze zitierte ich aus dem Gedächtnis, den Rest rettete der – im Gegensatz zu mir bestens vorbereitete – Moderator im Studio.
Die Wahrscheinlichkeit, dass auch nur ein einziger Zuhörer ahnte, dass dieser Beitrag nicht aus dem Ü-Wagen kam, sondern live aus einem Herrenklo in der Montrealer Altstadt gesendet wurde, dürfte bei null gelegen haben. Und wer weiß – vielleicht war genau diese ungewöhnliche „Sendekabine“ der Grund dafür, dass die Schalte besonders authentisch klang.
Jedenfalls ist, soweit ich weiß, mein Beitrag der einzige ARD-Livebericht, der jemals direkt aus einer Herrentoilette gesendet wurde.









