Im Kopf lebt der Camino weiter

HEUTE VOR SIEBEN JAHREN sind wir in Santiago de Compostela angekommen. Die Wanderung auf dem Jakobsweg war das Abenteuer unseres Lebens. In 41 Tagen waren Lore (damals 66) und ich (damals 70) 900 Kilometer durch den Nordwesten Spaniens gepilgert – mit 8 Kilo Gepäck auf dem Rücken und dem Vorsatz, das Leben künftig noch bewusster zu leben als bisher. Spoiler: Es hat ganz gut geklappt.

Wir sind durch Täler gewandert, haben Schluchten durchquert und uns über 1300 Meter hohe Berge geschleppt. Wir haben uns mit vollem Körpereinsatz gegen Stürme gestemmt und sind mit verdreckten Stiefeln durch Schlammlawinen gestapft. Wir waren bei Eisregen, Hitze, Hagel und Schnee unterwegs. Wir haben geschwitzt, als wir durch ausgetrocknete Flussbetten marschiert sind, und gefroren, als uns der Regen im spanischen Hochland stundenlang ins Gesicht peitschte.

Und trotzdem – vielleicht gerade deshalb – war es die schönste, aber auch intensivste Zeit unseres Lebens.

Die gute Nachricht: Wir sind noch immer ein starkes Team – seit mittlerweile 39 Jahren. Aber die Zeit ist nicht spurlos an uns vorbeigegangen. Der Körper hat Schläge abbekommen, und auf der Seele haben sich Kratzspuren gebildet. Heute denke ich wehmütig an die Strapazen zurück, die wir damals mit einem Lächeln im Gesicht durchlebt haben.

Drei Kilometer am Rollator kosten mich 7 Jahre später so viel Kraft wie damals eine Tagestour von 30 Kilometern. Mit Wanderstöcken, zwei Trinkwasser-Flaschen und einem Acht-Kilo-Rucksack stundenlang durch die Berge? Damals kein Problem. Heute wird es schon beim Gang von hier zur Markthalle eng.

So kann’s kommen im Leben: Gerade noch liegt dir die Welt zu Füßen und plötzlich hast du ein Problem, sich nach ihr zu bücken. Das Alter, Alter!

Der Jakobsweg macht etwas mit dir. Es vergeht kein Tag, kein einziger, an dem ich nicht an den Camino denke. Lore erzählt mir dasselbe. Beim Einschlafen wandere ich ganze Etappen im Schnelldurchlauf und beim Autofahren ziehen spanische Dörfer mit spitzen Kirchtürmen und Störchen vor meinem geistigen Auge vorbei. Bestelle ich heute irgendwo ein Sandwich, sehe ich durch meine Camino-Augen ein knuspriges Bocadillo auf meinem Teller – belegt mit Seranoschinken, Tomaten und Ei.

Buen provecho, peregrinos!

Menschen aus aller Welt kommen mir wieder in den Sinn. Zu jedem Land fallen mir Gesichter und Geschichten ein: Australier, Koreaner, Brasilianer, Engländer, Franzosen, Amerikaner, Niederländer – und immer wieder Spanierinnen und Spanier.

Hach, Spanien! Wie ich es vermisse. Und auch an meinen Lieblings-Pilger aus Bayern denke ich jeden Tag. Carlo, der nicht mehr unter uns ist, dessen Herz nicht lange nach seinem eigenen Camino aufgehört hat zu schlagen.

Genug jetzt. Nostalgie sollte man nur in homöopathischen Dosen genießen. Wer zu sehr in der Vergangenheit wühlt, verpasst leicht den Weg, der noch vor einem liegt. Und das wäre doch ein Jammer.

Buen Camino!

Nach 41 Tagen am Ziel (hier am Cape Finisterre): Camino de Santiago de Compostela

Währen des Caminos habe ich jeden Tag gebloggt. Illustriert mit Hunderten von Fotos, ist eine Art Reality Show im Internet daraus geworden. Hier sind die Geschichten noch einmal gebündelt zum Nachblättern.


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6 Gedanken zu „Im Kopf lebt der Camino weiter

  1. Du hast ja so recht. Danke für diese schönen Worte, von denen ich weiß, dass sie aus einem ganz besonders schönen Platz kommen. Zu Mallorca: man soll nie nie sagen.

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  2. „(…) Nostalgie sollte man nur in homöopathischen Dosen genießen. (…)

    Das gilt in vielerlei Hinsicht. Nicht nur mit Blick auf die Zukunft, die man verpassen könnte, sondern auch für die Gegenwart, die man genießen sollte.

    Trotzdem schön, noch einmal an Euren Jakobsweg erinnert zu werden. Natürlich habe auch ich Deinen Etappenerzählungen entgegengefiebert, die mehr waren, als ein geographisches Abschreiten von Kilometern. Kleine Geschichten über Eindrücke, Stimmungen, Stullen… und vor allem über unterschiedliche Menschen.

    Du solltest Spanien nicht „aufgeben“, vor allem nicht die schönste Insel der Welt. Es würde (sicherlich nicht nur) mich freuen. ;)

    Herzlichst,
    Prensal

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  3. Dein Erinnerungsvermögen funktioniert noch perfekt. Alles, was du erwähnst, hat sich genauso zugetragen. Danke für diesen erhellenden Kommentar. Er bestätigt wieder einmal das, was ich ohnehin schon zu wissen glaubte: Der Camino hat sich in jeder Hinsicht gelohnt. Viele Grüße ins Schwabenland!

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  4. Ich hatte ähnliches am 30.4. schon einmal vom Handy geschrieben – aber ehe ich es senden konnte, war es auch schon wieder verschwunden. Das passierte mir am Handy schon öfter (alte Leute und moderne Technik).

    Euer Camino und deine damals tgl. Berichterstattung war nicht nur für euch selbst ein Abenteuer. Wir haben deine Blogs intensiv verfolgt und haben zudem mit euch mitgefiebert, z.B. wann das Wetter endlich wieder besser werden würde. Und uns natürlich an den Schilderungen und wunderbaren Bildern erfreut.
    Dabei erinnere ich mich noch gut daran, dass du Jahre zuvor das Wandern, zu dem andere vom Mallorca-Forum und wir dich animieren wollten, strikt abgelehnt hattest, mit der Bemerkung: „Stadterkundungen sind mein Ding, aber nicht stundenlang durch Natur zu stapfen.“ Das hatte sich ein, zwei Jahre später auf Mallorca dann peu à peu doch geändert und ihr habt an immer anspruchsvolleren Wanderungen Spaß gefunden.
    Und der Camino war dann ja auch das Non-plus-Ultra aller Erfahrungen. Und welch ein glückliches Schicksal, dass ihr den gerade damals gegangen seid – als du, als ihr auf dem Höhepunkt eurer Wander-Leistungsfähigkeit wart. Schon der Versuch einer Fortsetzung im nächsten Jahr fiel nicht so leicht und freudig aus. Und dann kam zeitgleich auch noch Corona dazu. So dass ihr abbrechen musstet und selbst große Schwierigkeiten hattet, überhaupt wieder zurück nach Kanada zu kommen.
    Es folgten viele recht gravierende gesundheitliche Handycaps, die du überwinden musstest – und hast. Schlließlich raubte dir diese eklige Neuropathie dazuhin noch deine Beweglichkeit. – Zum Glück „nur“ die rein körperliche (ist bitter genug). Die geistige Beweglichkeit ist dir zum Glück geblieben.
    Und wir sind froh, dass du nach einiger Zeit der verständlichen Niedergeschlagenheit, auch wieder zu deinem alten Humor zurückgefunden hast. Ebenso wie du dir neue Mittel und Wege zu deiner Fortbewegung erschließen konntest und gerne nutzt.
    Gelegentlich werde ich mir gerne nochmals eure Camino-Erlebnisse durchlesen.

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  5. I appreciate this very much and hope you get a decent translation. My friend Doug once said, “Either you’re a lousy writer or Google Translate sucks.” Take your pick.

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  6. One never knows where a twig dropped in a stream will end up. I started reading your blog because you were writing about the Camino and have enjoyed it ever since.

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