Der Mann, der im Radio lebte

Rainer Nitschke – Radiomann, Sänger, Entertainer.

Manchmal kommt die Todesnachricht über Umwege. In einem Buchtext, den ein befreundeter Autor aus Mallorca zurzeit für den Druck vorbereitet, kommt der Name Rainer Nitschke vor – der Mann mit der sonoren Stimme, der Radiohörer in Deutschland über Jahrzehnte hinweg begleitete.

Rainer Nitschke. Warum höre ich eigentlich nichts mehr von dem? dachte ich mir, als ich Martins Buchmanuskript las, das ich redaktionell ein wenig begleite. Rainer und ich, wir waren zwar nicht eng befreundet, kannten uns aber seit fast 60 Jahren. Dass er bereits im Mai dieses Jahres gestorben ist, ergab jetzt erst die Google-Recherche. Rainer Nitschke wurde 79 Jahre alt.

Er war, das kann man so sagen, eine Art Idol für mich. Genau genommen war er auch der Mensch, der in mir Ende der 60er-Jahre den Wunsch hat aufkommen lassen, einmal fürs Radio zu arbeiten. Schon während meiner journalistischen Ausbildung beim Zeitungsverlag Waiblingen hatte mich Rainers Stimme im Radio elektrisiert.

Frühmorgens, wenn die meisten von uns noch schliefen, saß er schon im Studio des Stuttgarter Südwestfunks. Im Plauderton begann er den Tag, legte Musik auf, die meistens nach meinem Geschmack war. Der Tag fing gut an mit Rainer Nitschke im Ohr.

Am Wochenende, wenn er Sendepause hatte, kam er manchmal nach Waiblingen in den „Heustadel“, meine Stamm-Disco – tja, Kinder, so hört sich das an, wenn Opa aus dem Krieg erzählt – und legte Platten auf.

Weil als Lokalredakteur immer „der lokale Bezug“ einer Geschichte da sein musste, hatte ich endlich die Gelegenheit gefunden, Rainer Nitschke für die Waiblinger Kreiszeitung zu interviewen. „Warum kommsch net oifach mol ens Studio?“, schwäbelte der Mann plötzlich, den ich bislang nur als perfekt hochdeutsch sprechenden Meister des Worts gekannt hatte.

Natürlich besuchte ich ihn im Studio, nicht nur einmal. Oft, wenn ich sehr frühmorgens schon – oder noch – unterwegs war, klopfte ich beim SWF in der Neckarstraße an. Ich war überwältigt von seiner Plattensammlung, seiner Stimme, seiner Wortgewalt. Wir blieben uns verbunden.

Viele Jahre lang hörte ich ihn noch im Radio, zunächst beim SWF, dann beim SWR, später auch beim WDR – und zum Schluss ab und zu im „Schwarzwaldradio“. Nach Offenburg, ganz nah an der französischen Grenze, hatte es den frankophilen Rainer Nitschke als Radiorentner verschlagen.

In den vielen Nachrufen, die jetzt über ihn erschienen sind, hat mich einer besonders berührt: Der Mann, der jahrzehntelang Millionen Menschen im Radio glücklich machte, hatte keine Familie. Niemand fand sich, der für sein Begräbnis aufkommen wollte.

Da machten sich ein paar Hörer und Wegbegleiter von früher daran, eine Spendenaktion ins Leben zu rufen. Erst dadurch war es möglich, dem legendären Radiomann einen würdigen Abschied zu bereiten.

An seinem Grab, das in seinem Geburtsort Stuttgart liegt, hängt ein Schild, das jeder Radiomensch kennt: BITTE NICHT STÖREN!

Nein, lieber Rainer, stören wollte ich wirklich nicht. Aber dir sagen, dass du mich damals mit dem Radiovirus infiziert hast.

Danke dafür. Hat geklappt!

Porträt von Rainer Nitschke in „Mensch – Leute“ im Dezember 1998. Quelle: ARD


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