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Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

Armut in Montreal und Mallorca

Bettler vor der Kirche San Miguel in Palma de Mallorca. © Bopp

Es gibt Themen, die – leider – nie Staub ansetzen. Dazu gehört auch das Thema Betteln. Als wir noch regelmäßig unsere Winter auf Mallorca verbrachten, postete ich einen Beitrag zu diesem Thema. Das ‚Mallorca Magazin‘ fragte an, ob es den Text aus aktuellem Anlass übernehmen kann. Hier ist er:

Bettelnder Indigener (früher: Indianer) in Winnipeg/Manitoba. © Bopp

Einen Beitrag zum Thema Betteln in Montreal finden Sie >> HIER <<

Das olympische Schuldengrab

© Citynews

Wer wissen will, wie es heute um den olympischen Geist in Kanada steht, braucht nur einen Raucher zu fragen. Der wird ihm sagen, dass von jeder in der Provinz Quebec gekauften Packung Zigaretten noch immer ein Obolus in die Olympiakasse fließt. Mit ihm soll der nacholympische Schuldenberg von Montreal abgetragen werden.

120 Millionen Dollar waren für „Olympia ’76“ veranschlagt worden; weit mehr als eine Milliarde betrug die Endabrechnung.

Der damalige Bürgermeister von Montreal, Jean Drapeau, spottete seinerzeit: „Eher bekommt ein Mann ein Kind, als dass die Olympischen Spiele ein Defizit verursachen.“ Dieser Satz gehört heute zum geflügelten Sprachschatz vieler Montrealer.

In sportlicher Hinsicht waren die Spiele ein Erfolg: Eine perfekte „Zehn“ für die rumänische Kunstturnerin Nadia Comaneci – die Rekorde purzelten nur so. Bis heute werden im Hochleistungssport „Montrealer Maßstäbe“ angelegt.

Journalisten werden das organisatorische Chaos nie vergessen, mit dem sie in Montreal zu kämpfen hatten. Um überhaupt an die Sportstätten zu gelangen, mussten sie 1976 erst über Bauzäune klettern.

Ein bitterer Streik in der Bauindustrie hatte die Arbeiten um Monate verzögert. Es hieß, die Mafia habe ihre Hand im Spiel gehabt und versucht, die Sommerspiele durch erpresserische Arbeitsniederlegungen zu sabotieren – ein Vorwurf, der bis heute nicht ganz entkräftet werden konnte.

Was also ist vom Sommer ’76 geblieben? Die Olympia-Anlagen waren fast immer ausgebucht. Dabei sind es nicht immer Sportveranstaltungen, die im „Big O“, wie die Montrealer ihr Stadion nennen, über die Bühne gehen. Alles, was Rang und Namen hat, ist dort aufgetreten – von Michael Jackson bis zu den Rolling Stones.

Das Dach für das Olympiastadion, das von dem französischen Star-Architekten Roger Taillibert entworfen wurde, sollte ursprünglich ein innovatives Beispiel für moderne Architektur sein. Die aufwendige Kunststoffkonstruktion wurde mit 115 Millionen Dollar zur teuersten Kopfbedeckung der Welt.

Jahrelang löste eine Pannenserie die andere ab. Einmal krachte das Dach ein, als es über Nacht heftig geschneit hatte, was in Kanada häufiger vorkommen soll. Nur knapp wurde eine Katastrophe vermieden. Im Stadion wurde gerrade eine Automobilausstellung aufgebaut.

Jetzt sollen endlich Nägel mit Köpfen gemacht werden. Das Dach wird komplett ersetzt – für 870 Millionen Dollar.

Ein olympischer Rekord.

Nach sieben Tagen daheim

Kunst am Patienten: Thank-you Juliette, Mackenzie and Henry ❤️

Ja, nein, vielleicht – so ging das gestern den ganzen Tag. Der Koffer war gepackt, das „Thank-you“-Kärtchen für das wunderbare Krankenhauspersonal geschrieben. Und plötzlich hieß es: Hiergeblieben! Die Blutwerte waren wieder suboptimal. Am Ende der Achterbahn kam dann aber doch noch die Entlassung aus dem Jewish General Hospital. Der Kampf gegen die Folgen einer schweren Operation hat fürs Erste ein Happy End.

Jetzt kommt das Verwöhnprogramm. Die Umstellung dauert noch. Eben erst bemerkte Lore das Plastikbändchen an meinem Arm. All-inclusive im Krankenhaus war gestern.

Der Morgen danach fühlt sich gut an. Vier Stunden am Stück geschlafen habe ich seit meiner OP vor einer Woche nur während der eigentlichen Narkose. Kein Blutdruckmessen mehr um Mitternacht, keine Schmerztablette morgens um vier und zwischendurch kein Verbandswechsel.

Bändchen am Händchen: All inclusive war gestern.

Mein Freund Dr. Marc erzählte mir in diesem Zusammenhang von einem running gag, der während seiner Ausbildung zum Kinderkardiologen die Runde machte: „Weckt die Krankenschwester den Patienten um 23 Uhr aus dem Tiefschlaf mit den Worten: Hier ist Ihre Schlaftablette!“

So intensiv die unmittelbare Nachversorgung im Krankenhaus war, so sehr ist man nach der Entlassung dann doch auf sich gestellt. Was ist, wenn Komplikationen auftreten? Wie war das nochmal mit der Sonde mit dem Wundsekret? Bei welcher Menge wird es kritisch, bei welcher Färbung ist Vorsicht angesagt?

Jetzt sind gute Nerven gefragt.

Lore ließ sich von „Nurse Cindy“ einen Crashkurs im Verbandwechseln geben. Unaufgeregt und mit der Unbeschwertheit der Jugend wurde die fröhliche Schwesternschülerin nicht müde, „Nurse Lore“ 45 Minuten lang die Tricks eines keimsicheren Wundverbands beizubringen.

Nurse Lore, Nurse Cindy beim Verbandswechsel.

Auch in Kanada gibt es so etwas wie postoperative Betreuung durch kommunale Einrichtungen. Aber die Logistik ist schwierig, und besonders das Personal in der Provinz Quebec ist ohnehin völlig überlastet. Jeder Dritte hier hat keinen Hausarzt. Da kommen die Leitungen zu den bis zur Erschöpfung arbeitenden Pflegediensten leicht ins Glühen. Jede Do-it-yourself-Entlastung ist deshalb willkommen.

Bis zum ersten Arzttermin dauert es eine Woche. Bis dahin hilft nur eins: Daumen drücken!

Danke allen für ihre aufmunternden Mails, Messages, Playlists- und Hörbuch-Empfehlungen. Eine von ihnen brachte mich fast an meine Grenzen.

Ein Freund hatte mir ein Audiobook mit dem Titel „Becks letzter Sommer“ als aufbauende Krankenhauskost ans Herz bzw. ans Ohr gelegt. Kleines Problem: Das Hörbuch löste bei mir so heftige Lacher aus, dass ich mir zeitweilig ernsthaft Sorgen um meine Wunde machte.

Gut gemacht, Frank!

„Fünf Sterne … von hundert“

Krankenhaus-Essen ist legendär schlecht. Wirklich? Sagen wir mal so: Gegen Lores Küche hat es tatsächlich Kantinen-Qualität. Aber wir wollen ja nicht unfair sein. Nach so einer schweren OP sind Rahmschnitzel mit Spätzle und gemischtem Salat jetzt wirklich nicht das, was der Arzt verschreibt, schon gar nicht in einem jüdischen Krankenhaus in Kanada.

Außerdem musste ich meine Ess- und Trinkgewohnheiten seit meiner Pankreas-Diagnose im Dezember ohnehin radikal umstellen. Fast fettfrei und „tender“, also zart und damit keine Herausforderung für die Verdauung. So gesehen: alles gut.

In den sechs Tagen, die ich jetzt schon in diesem Etablissement verbringe, gab es mit einer Ausnahme nichts, das man als „nicht essbar“ bezeichnen könnte. Die Ausnahme war eine Hühnerkeule, die aussah, als sei sie aus Plastik und mit einem Schokoguss überzogen. Also weg damit. Dafür gab es als Vorspeise eine Minestrone, wie ich sie auch nicht schlechter schon in mittelpreisigen Familienrestaurants gegessen habe.

Überhaupt, diese Suppen. Kein Menü ohne irgendeine Linsen-, Bohnen-, Erbsen-, Karotten- oder sonstige Suppe. Gut, sie sind fettarm und „tender“ – nichts verkehrt damit. Aber vielleicht mal Salat statt Suppe?

Zweimal gab es Lachs. Einmal pochiert, das andere Mal vermutlich aus dem Airfryer, also fettarm. Wir leben hier nicht am Salmon River in den Rocky Mountains, wo einem die frisch gefangenen Lachse quasi in den Mund fliegen. So gesehen: durchaus passabel.

Pizza? Warum nicht. Nur: Dass jemand, dem sie vor ein paar Tagen die halbe Bauchspeicheldrüse und die komplette Milz entfernt haben, eine vollfett mit Käse belegte Pizza essen soll, könnte ein Versehen gewesen sein. Die Beweise dafür wollen Sie nicht hören. Nur so viel: Hinterher schnellten die Aktien kanadischer Klopapier-Hersteller in die Höhe.

Jeden Tag kommt eine Menü-Beraterin und fragt dich nach deinen Bedürfnissen. Sowas hatte ich zuletzt im „Club Med“ auf den Bahamas. Nur dass sie dir dort nie richtig zugehört und trotzdem das serviert haben, was ohnehin auf dem Speiseplan stand. Hier, im Jewish General Hospital, wird akribisch Buch geführt. Nichts, das sie ignoriert hätten. Wie gesagt: Das mit der Pizza war ein Versehen.

Zum Nachtisch gibt es erstaunlich wenig frische Sachen: Ananas aus der Dose, Apfelmus im Plastikbecher, Reispudding. Einmal wurde eine Orange serviert, deren Schale so dick war, dass man einen Liebherr-Bagger dazu gebraucht hätte.

Was vergessen? Ach so, die Getränkekarte. Wasser und Tee, bzw. Tee und Wasser. Den Kaffee habe ich stehen lassen. Man kann nicht alles haben.

Mein Freund Marc, selbst ein erfahrener Krankenhaus-Gourmet, fasste meine kulinarischen Erfahrungen der letzten Woche so zusammen: „Fünf Sterne … von hundert“

Notizen aus der Intensivstation

So vieles relativiert sich, wenn man es aus der Krankenhausperspektive betrachtet. Schmerzen, die vor ein paar Tagen in deiner Wahrnehmung unfassbar brutal und kaum auszuhalten waren, sind plötzlich nur noch das, was sie sind: sehr starke Schmerzen. Essen, um das man im Alltag einen großen Bogen machen würde, weil es nicht nur unappetitlich aussieht, sondern auch schrecklich schmeckt, wird plötzlich zum Energiespender, weil man ja irgendwas zu sich nehmen muss, um zu überleben.

Die hygienischen Bedingungen in einem Krankenhaus sind sehr speziell. Selbst wenn dein Zimmer ein eigenes Bad hat, ist es eben nicht dein Bad, sondern ein Ort, den schon viele kranke Menschen vor dir benutzt haben und viele nach dir aufsuchen werden. Da musst du durch.

Es gibt Momente, da fühlt man sich in so einem Krankenhaus wie in einem All-inclusive-Hotel. Da ist dieser Wahnsinnsblick über die Stadt, da sind die geregelten Essenszeiten. Da ist sogar der rote Klingelknopf, der dir den besten Room Service bietet, den du dir wünschen kannst.

Aber die Momente, die dich in die Realität zurückholen, sind nie weit. Wenn du bei deinen vorsichtigen Gehversuchen über den Krankenhausflur gerade mal wieder einen dieser „Keinem-geht-es-schlechter-als-mir-Momente“ hast, hilft ein verstohlener Blick in das eine oder andere Zimmer. Es gibt viele, denen es schlechter geht als dir.

Menschen, denen Gliedmaßen amputiert werden mussten, Männer und Frauen, die mutterseelenallein in ihren Betten liegen und Löcher in die Luft starren. Die aussehen, als seien sie mehr tot als lebendig. Die keine Lore haben, die sie besucht, und keinen Cassian, der sich regelmäßig bei dir meldet.

Und dann ist da dieses 5-Sterne-Personal deiner All-inclusive-Intensivstation. Männer und Frauen, die zu jeder Tages- und Nachtzeit auf Knopfdruck an deinem Bett stehen, morgens um drei den Notarzt holen, wenn sie ihrer eigenen Diagnose nicht trauen. Die einfach für dich da sind.

Da ist Aischa, diese junge Haitianerin, die dir schon morgens um fünf einen guten Tag wünscht, mit einem Lächeln im Gesicht, das man am liebsten einfrieren und mit nach Hause nehmen möchte.

Wenn du sie dann in so einer Nacht fragst, woher sie eigentlich ihre Fröhlichkeit bei all dem Leid hernehme, mit dem sie umgeben ist, antwortet sie so verblüffend direkt mit einem Satz, den man bei Menschen ihres Alters nur selten hört: Von der Bibel. Jeden Tag vor dem Aufstehen lese sie eine Seite daraus. „Aber erst, nachdem ich alle meine Social-Media-Accounts gecheckt habe.“ Deine heidnische Häme, die du in Situationen wie diesen schon mal gerne an den Tag legst, ist plötzlich ganz weit weg.

Da ist Alida von der Karibikinsel Aruba, die sich geschworen hat, eine bessere Krankenschwester zu werden als das schroffe Personal, dem sie vor Jahren während ihres eigenen Patientenaufenthalts in einem Krankenhaus in einem anderen Teil der Stadt begegnet war. Lass es dir sagen, Alida: Es ist dir gelungen. You are the best!

Auch der Blick aus dem Fenster relativiert sich, wenn du ihn aus der Krankenhausperspektive tust. Das Uber-Taxi, das gerade an der Ampel hält, weckt Erinnerungen an deine eigene Zeit als Fahrer. Werde ich je wieder Uber-Storys bei wildfremden Menschen sammeln können, die ich durch den Dschungel der Millionenstadt fahre?

Der Mann auf dem E-Bike dort hinten auf dem McDonald’s-Parkplatz: Werde ich je wieder selbst in die Pedale treten können?

Ich weiß es nicht. Ich hoffe es. Und wenn’s nicht mehr sein soll, dann nehme ich mir vor: Nicht bitter werden! Das bringt niemanden weiter.

Und wenn gar nichts mehr geht, gibt’s immer noch die Bibel. Aber erst noch vorher kurz einen Blogpost schreiben.