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Über Herbert Bopp

Deutscher Journalist bloggt aus Kanada. Lebt in Montréal, auf Mallorca und im Internet. Mag Kommentare am liebsten per Mail: bloghausmail@herbertbopp.com

Die Welt ist ein Fußballstadion

Donnerwetter in Dortmund: In Montreal gesehen dank VPN. (Screenshot ZDF)

Du sitzt im wolkenverhangenen Montreal und denkst, jetzt reicht’s so langsam mit dem Regen. Dann klickst du den Livestream von der Fußball-EM an und stellst fest: Schlimmer geht immer. Zum Beispiel in Dortmund.

Dort ist der Regen während des Deutschland-Dänemark-Spiels gar „zu Niagarafällen geworden“, wie die ZDF-Moderatorin in Ermangelung weiterer Superlative feststellte.

Doch lassen Sie uns ausnahmsweise mal nicht übers Wetter reden und auch nicht über Fußball, sondern über die Wundertüte Internet.

Das Netz macht es möglich, dass ich bisher alle Spiele, die mich interessierten – und es waren viele – am heimischen Bildschirm sehen konnte – umsonst und in bester Bildqualität.

Dabei haben wir seit vielen Jahren keinen Kabel-Provider mehr. Dafür „streamen“ und „spiegeln“ wir alles: „Tatort“ und „Caren Miosga“, Bundestagsdebatten und Brennpunkte. Wunderbare Komödien wie neulich „Frau Müller muss weg“. Oder eben auch Fußballspiele.

„Streamen“ nennt man das Abspielen von Fernseh-Inhalten, die als Internetsignal auf dem Smartphone, dem Laptop oder dem Tablet empfangen werden. „Gespiegelt“, werden diese Inhalte dann vom Abspielgerät auf den TV-Bildschirm. So wie früher Dias auf eine Leinwand projiziert wurden.

Bei den heute üblichen „Smart-TVs“ können Live-Übertragungen oft auch direkt auf den Bildschirm gespielt werden, ohne den Umweg eines Laptops oder iPads. Voraussetzung ist allerdings, dass der jeweilige Programmanbieter eine taugliche App für das Fernsehgerät im Download-Angebot hat.

ARD und ZDF bieten diesen Service über ihre Mediatheken an, das Schweizer Fernsehen nicht, zumindest nicht auf meinem Samsung-Gerät. Dafür aber gibt’s eine geschmeidige SRF-App fürs iPhone. Deshalb musste ich zum Beispiel das Schweiz-Italien-Match vom Handy auf den Fernseher „spiegeln“. Die „Mirroring“-Option bieten die meisten modernen Endgeräte.

So kommt man als Nutzer weltweit in den Genuss von Fernsehübertragungen, die eigentlich nur für den heinischen Markt bestimmt sind.

Wer dem Fernsehspass via Internet noch ein Sahnehäubchen aufsetzen möchte, greift zum Multitasking und vernetzt sich während des Spiels über den Ozean hinweg mit Gleichgesinnten. So wie heute während der beiden Fußballübertragungen. „Rüdiger ist echt super“, tippt der Freund aus Heidelberg ins Chatfenster, „da geht noch was“.

Der andere Kumpel, eigentlich ein Schwyzer, sitzt ausgerechnet heute beim Sohn in Dortmund vor dem Fernseher und schreibt dem Sportsfreund in Montreal während des Dortmunder Donnermatches per Whatsapp: „Diesen Elfmeter hält keiner!“ und schließlich: „Feines Spiel. Des isch glaufa“.

Immer häufiger verwenden die ausstrahlenden Sender das sogenannte „Geoblocking“. Dadurch sind Fernsehinhalte nur im deutschen Sprachraum zu sehen, denn nur dafür haben die Sender die Übertragungsrechte. Dies trifft vor allem auf Sportveranstaltungen zu.

Aber auch dafür gibt es eine Lösung. Sie heißt VPN (Virtual Private Network) und ist ein Tool, das dem ausstrahlenden Sender vorgaukelt, der Empfänger sitze in Biberach vor dem Fernseher und nicht in Barcelona oder Montreal.

VPNs wie „Tunnelbear“ oder „Express VPN“ gibt es für kleines Geld im Abo. Für uns sind sie seit Jahren das Tor zur Welt.

Technisch zu kompliziert? Dann hilft das gute, alte YouTube. Dort wird alles, aber wirklich alles, erklärt. Dafür brauchen sie weder ein VPN, noch müssen sie es spiegeln.

Ohne Streamen geht es allerdings auch hier nicht.

Faule Äpfel im Apple-Haushalt

Nach dem Uber-Fiasko von neulich hat Apple mein Handy repariert – umsonst, auch ohne die AppleCare-Zusatzversicherung. Das neue Motherboard mit integriertem Akku hätte rund tausend Dollar gekostet.

Schön von Apple, dass sie die Reparatur so schnell und unbürokratisch erledigt haben. Nicht so schön, dass so eine Reparatur bei einem vier Monate alten Highend-Handy wie dem iPhone15 ProMax überhaupt notwendig geworden ist.

Vielleicht sind Apple-Produkte ja doch nicht mehr das, was sie einmal waren? Vielleicht habe ich aber einfach nur Pech gehabt. Faule Äpfel kommen schließlich bei jeder Ernte mal vor.

Andererseits: Bei all meinen Handys, die ich seit 1987 besaß (Unglaublich: Mein allererstes Mobiltelefon habe ich vor 37 Jahren gekauft!), hatte ich kein einziges Mal so viel Ärger wie mit dem jetzigen iPhone15 ProMax, das inkl. Steuer immerhin um die 2000 Dollar kostet.

Einen verkratzten Bildschirm kannte ich bisher nur vom Hörensagen. Mir ist es nach wenigen Wochen passiert. Motherboard erneuern? Ich wusste bis vorgestern gar nicht, dass es so ein Teil im Smartphone gibt.

Der Bildschirm von Lores drei Monate altem iPhone15 Plus hat plötzlich einen Riss. Einfach so, ohne je auf den Boden gefallen zu sein. Reparaturkosten: $ 495.

Dieser Schaden wird übrigens nicht von Apple beglichen, sondern von Lores VISA-Kreditkarte. Die „Infinite“-Version bietet einen Käuferschutz, der uns schon einige Male aus der Patsche geholfen hat.

Werde ich Apple trotzdem treu bleiben? Klar doch. Lädierter Bildschirm oder nicht: Fremdgehen ist für diesen Hardcore-Appleianer keine Option.

Im Blindflug durch Montréal

Es gibt Momente als Uber-Fahrer, da möchtest du deinen Wagen am liebsten mitten im Rush-Hour-Verkehr stehen lassen und nur noch weg hier. So einen Moment hatte ich gestern. Ausgerechnet in einem Teil von Montreal, den ich am wenigsten kenne und mag, streikte das Navi.

Auf dem Rücksitz: Eine Frau mit Zahnschmerzen, die ihren Termin beim Dentisten bereits am Vormittag verpasst hatte, weil die U-Bahn ausgefallen war. Glücklicherweise bekam meine Passagierin gleich einen neuen Termin für den Nachmittag. Und jetzt das.

Laval, eine 430-tausend-Einwohner-Trabantenstadt am nördlichen Zipfel der Vier-Millionen-Metropole Montreal, gehörte noch nie zu meinen Lieblings-Destinationen. Eine Schlafstadt mit ein paar Einkaufszentren und gefühlten tausend Strip-Schuppen, Bars und Fastfood-Ketten. Charmant ist anders.

Dass ausgerechnet auf dem Weg dorthin mein Handy-Bildschirm schwarz wurde und auch noch die Apple-CarPlay-Verbindung zum Auto-Monitor den Geist aufgab, werde ich den Tech-Gurus im Silicon Valley nicht so schnell verzeihen.

„Wie lange noch?“, fragt die Frau auf dem Rücksitz und hält sich die Hand über das schmerzverzerrte Gesicht. „Genau 7 Minuten, Madame. Gleich sind sie erlöst“, sage ich und lüge zum ersten Mal in meiner Uber-Karriere einen Fahrgast schamlos an.

Die Wahrheit ist: Ich habe keine Ahnung, wie lange wir noch unterwegs sein werden. Das Navi sagt es mir nicht und unser momentaner Standort ist mir so fremd wie der Marktplatz von Timbuktu.

Ich weiß nur, dass um mich herum die Hölle tobt.

Es ist Freitagnachmittag vor dem langen Wochenende. Ganz Montreal scheint Richtung Norden zu strömen – dorthin, wo die Wälder, Seen und Cottages sind. Dort, wo auch ich jetzt lieber wäre als auf dieser sechsspurigen, gottverdammten Stadtautobahn, auf der die Sommerhitze flimmert.

„Um sicher zu sein: Wie hieß noch einmal ihre Zieladresse, Madame?“, frage ich meine Passagierin, die sich mittlerweile einen Seidenschal ums Gesicht gebunden hat. Zahnschmerzen können brutal sein.

„Rue Blablabla gleich um die Ecke der Avenue Blingblingbling, dort wo früher die Kirche Sanktsanktsankt stand, die neulich abgebrannt ist.“

Aha! Jetzt weiß ich, wohin die Reise geht – zumindest die grobe Richtung. Wer kennt nicht die Bilder der abgefackelten Kirche, die damals tagelang durch die Medien gingen?  Günter Jauch hätte seine Freude an mir gehabt. Der Kandidat gewinnt zwar keine Million, aber die Erkenntnis, wo sich die gesuchte Zahnarztpraxis befindet.

„Da ist sie!“, ruft Madame plötzlich vom Rücksitz entzückt, „da ist die Praxis!“

„Schon klar“, sage ich mit der Gelassenheit des Routiniers der Landstraße und bastle an meinem Lügenkonstrukt weiter „Kenne die Gegend gut“.

Madame hat übrigens von dem Navi-Ausfall nichts mitbekommen. Warum sie nie den schwarzen Handy-Bildschirm mit dem abgestürzten GPS entdeckt hat, bleibt ihr Geheimnis. Ihr Beinahe-Blackout wegen der Zahnschmerzen wäre eine Erklärung dafür.

Das Handy ruht jetzt im Apple-Laden. Das „Motherboard“, also das Herzstück des Rechenzentrums, hatte den Geist aufgeben. In drei Stunden kann ich es abholen.

Heute lege ich eine Uber-Pause ein. Mehr Nervenkitzel braucht der Mensch nicht an einem langen Wochenende.

Vater und Sohn auf Olympia-Tour

Vatertag ist auch Sohntag. In Kanada wurde er am heutigen 16. Juni gefeiert. Also lud der Sohn seinen Vater zu einer Spritztour über die amerikanische Grenze in den Bundesstaat New-York ein. Das Ziel: Lake Placid. Dort fanden 1932 und 1980 die Olympischen Winterspiele statt.

Es sind nur knapp eineinhalb Stunden Fahrt von Cassians Farm bis nach Lake Placid. Sein neues Elektroauto schnurrt durch saftig-grüne Täler, vorbei an reißenden Flüssen und sanft dahintrödelnden Bächen. Es geht durch Schluchten und über Berge, die eine zauberhafte Kulisse für den idyllisch gelegenen Skiort am Fuße des Whiteface Mountain bilden.

Wer hoch hinaus möchte, muss ziemlich leiden. Auf die olympische Sprungschanze führt zwar eine Gondelbahn. Aber oben angekommen, gibt es immer noch ein paar Treppen zu steigen, um den Panoramablick ins Tal zu genießen. Da muss der Sohn dem schlappen Vater schon mal Hilfestellung leisten.

Die Rundum-Perspektive ist ein Verwöhnprogramm der Spitzenklasse. Von hier oben aus durften die Skispringer damals also von Medaillen träumen. Das Siegertreppchen steht noch. Welcher Hampelmann könnte da einem Fotoshooting widerstehen?

Der Rest der Bilder ist selbsterklärend. Dazu gehört auch das kulinarische Finale auf der Farm. Cassians fettarmes Grillhuhn mit Lores schwäbischem Kartoffelsalat hat bei uns inzwischen schon eine kleine Tradition.

Danke für alles!

Und danke, dass es auch ohne Tanke geht. Mit Batteriebetrieb lässt sich so eine Fahrt ins Blaue, ähm, Grüne, sogar mit gutem Umweltgewissen genießen.

Flusskrebs („Crayfish“) im Chazy River
Springen war gestern. Aber Spass muss sein.
Nicht mein, aber fein und voll elektrisch: Cassians Polestar 2 von Volvo.

UBER-Bilanz nach drei Monaten

Drei Monate ist es her, seitdem ich meine Karriere als Uber-Fahrer begonnen habe. Ich musste an meine ersten Passagiere denken, als ich heute im Baumarkt war. Genau dort hatte ich Rosalie und Marco an einem Samstag im März abgeholt, noch etwas unsicher, ob ich die Beiden wohl an der richtigen Stelle antreffen und am richtigen Ziel abliefern würde. Es hat wunderbar geklappt. Der Rest ist, nein: sind Geschichten.

Wer kann von sich schon behaupten, eine afrikanische Schönheitskönigin, einen Gefängniswärter aus dem Yukon, einen Leichensucher aus Texas, einen Richter und eine Stripperin aus der „Wanda Bar“ auf dem Rücksitz seines Autos gehabt zu haben?

Nicht zu vergessen die 89jährige Dame, die ihren 91 Jahre alten Mann jeden Tag im Krankenhaus besucht. Ob sie jedesmal ein Uber nehme, wollte ich (75) von ihr wissen. Sie: „Ja, da lernt man immer so nette junge Leute wie Sie kennen“.

Gut 700 Fahrten habe ich in den ersten drei Monaten zurückgelegt, macht zusammen um die 1000 Passagiere und – leider – auch einige tausend Kilometer auf dem Tacho unseres verwöhnten Familienautos.

Auch wenn das Uber-Taxi in den letzten Tagen öfter in der Garage stand als am Anfang, macht mir der Job noch immer viel Spaß. Dass ich weniger gefahren bin als sonst, hat hauptsächlich mit dem verrückten Verkehrsaufkommen zu tun, das in der Formel-Eins-Woche in Montreal herrschte. Es gibt Schöneres als nur im Stau zu stehen. Zum Beispiel das gute, alte Fahrrad aus dem Keller zu holen und ein paar Runden zu drehen.

Neulich durfte ich sogar Lehrer spielen. Ein frischgebackener Uber-Fahrer, den ich für einen Trip ins Krankenhaus gebucht hatte, blickte absolut nichts. Also wirklich nichts. Dieser liebenswerte Kerl verstand weder die App, auf der die Fahrten eingehen, die er annehmen oder ablehnen kann (er nahm alle an, was zur Folge hatte, dass er manchen Fahrgast stehen lassen musste), noch wusste er von dem Destination Filter, der jedem Uber-Fahrer zusteht.

Diese App-Einstellung ermöglicht es uns, zweimal am Tag nur Fahrten anzunehmen, die nur in eine Richtung führen – zum Beispiel nach Hause. Damit können Zickzack-Fahrten quer durch die halbe Stadt eliminiert werden.

Der junge Afrikaner, der mich fröhlich singend durch die Montrealer Innenstadt chauffierte, war dankbar für jeden Tipp, den ich ihm geben konnte. Nur eines hat er in seinem Enthusiasmus, Neues zu lernen, noch immer nicht kapiert:

Während ich ihm nach der Ankunft ein paar Tricks verriet, nahm er weiterhin jeden Trip an, der ihm auf die App gespielt wurde. Beim Abschied bedankte er sich mit großer Geste beim lieben Gott, dass sich jemand die Zeit genommen hat, ihn in die Geheimnise des Uber-Fahrens einzuweihen.

Der Spaßfaktor beim Ubern ist nach wie vor hoch. Der Verdienst? Eher so mittel. Da ich wegen meines eingeschränkten Sehvermögens keine Nachtfahrten annehme und mir dadurch die lukrative Party-Klientel abhanden kommt, sammeln sich natürlich keine gigantischen Summen an.

Der versprochene Brillie für Lore muss also weiter warten. (Ironie aus).

Die alte Dame und der Uber-Fahrer: „Da lernt man immer so nette junge Leute wie Sie kennen“